Marja Appel, Willem Kleine Schaars: Anleitung zur Selbstständigkeit. Wie Menschen mit geistiger Behinderung Verantwortung für sich übernehmen
Marja Appel, Willem Kleine Schaars: Anleitung zur Selbstständigkeit. Wie Menschen mit geistiger Behinderung Verantwortung für sich übernehmen. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 3. Auflage. 144 Seiten. ISBN 978-3-7799-2001-4. 17,00 EUR.
Übersetzt aus dem Niederländischen und deutsche Bearbeitung von Regina Humbert. Mit einem Vorwort von Michael Tüllmann und Reinhard Koch.
Thema
Von der Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in der Behindertenhilfe ist in den letzten Jahren häufig die Rede gewesen, doch selten ist dieser Anspruch so konsequent in die Praxis umgesetzt wie in dem vorliegenden Buch der beiden niederländischen Autoren Appel und Kleine Schaars. Es geht um die Vision der Gleichberechtigung, Stärke und Eigenverantwortlichkeit von Menschen mit geistiger Behinderung. Im Team einer kleinen Wohneinrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in Zwolle haben die Autoren eine Methode entwickelt, mit deren Hilfe es gelungen ist, dass Menschen mit geistiger Behinderung mehr Verantwortung für sich übernehmen konnten. Es ist eine Anleitung für Anleiter, die detailliert beschrieben und mit Hilfe zahlreicher Praxisbeispiele verdeutlicht wird.
Inhalt
Es gelingt den Autoren, den Leser an dem Prozess der Erfahrung teilhaben zu lassen, der zur Entwicklung der "Selbstverantwortungsmethode" geführt hat. Es war vor allem das Problem der Doppelrolle des Mentors, das ein Umdenken nach sich gezogen hat. Bisher war es üblich, dass der Mentor von einem Bewohner sowohl bei "sachliche Anliegen" als auch bei "persönlichen Problemen" angesprochen werden konnte. Der Mentor/die Mentorin sah sich dann bisweilen genötigt, das Verhalten eines Bewohners zu sanktionieren und gleichzeitig Verständnis dafür aufzubringen. Den Ausweg aus diesem Dilemma bestand darin, jedem Bewohner zwei Mitarbeiter zuzuordnen mit folgender Aufgabenverteilung: "Der Alltagsbegleiter vertritt materielle Belange des Bewohners und hält Rücksprache z.B. mit der Familie und der Arbeitsstelle. Der Prozessbegleiter ist ausschließlich daran interessiert, wie ein Bewohner etwas erlebt und darf ihn nicht kontrollieren." (S.24) In regelmäßigen, etwa einmal pro Woche stattfindenden halbstündigen Gesprächen versucht der Prozessbegleiter ein Vertrauensverhältnis zu dem Bewohner mit geistiger Behinderung aufzubauen. Der Alltagsbegleiter und der Prozessbegleiter geben sich regelmäßig gegenseitig ein feed-back, das wesentliche Veränderungen bewirken kann. Hervorzuheben ist, dass die beschriebene Methode einschließlich der zwei Begleiter auch und gerade für Menschen mit geistiger Behinderung von Bedeutung ist, die sich sprachlich wenig oder gar nicht äußern können.
Die neue Rolle des Prozessbegleiters kommt in den sieben Kapiteln des Buches ausführlich zur Sprache:
- Bereits im 2. Kapitel, in dem die bisherigen Hilfen für Menschen mit Behinderung kritisch betrachtet werden, wird die Bedeutung der zwei Begleiter hervorgehoben. (S.25).
- Im 3. Kapitel "Alltagsbegleiter und Prozessbegleiter" stehen die beiden zentralen Rollen im Mittelpunkt.
- Im 4. Kapitel werden die "Ausgangspunkte der Methode" dargelegt,
- daran anknüpfend geht es im 5. Kapitel um wichtige kommunikative Fähigkeiten, die notwendig sind, um "die Methode" erfolgreich praktizieren zu können, wie z.B. 5.3: "Mit geistig behinderten Menschen sprechen" oder 5.7: "stellvertretend denken".
- Im 6. Kapitel geht es um "Prozessbegleitung in der Praxis". Drei Bewohner werden in diesem Kapitel portraitiert, ihre Vorgeschichte kommt zur Sprache, ihre Probleme und Ressourcen werden geschildert und die Lösungsansätze und Entwicklungen dargestellt, so dass der Leser die Wirksamkeit der Methode nachvollziehen kann.
- Auch das letzte
7.Kapitel "praktische Fähigkeiten"
zeigt noch einmal, dass dieses Buch als Lehrbuch zu gebrauchen ist. (Mit 144
Seiten ein erfreulich dünnes Lehrbuch.) Die methodische Vorgehensweise beim
Selbstständigkeitstraining in den vier Themenbereichen
- Kochen,
- Haushalt/Handwerkliches/Gärtnern,
- Hygiene/Kleidung/erste Hilfe,
- Finanzen/Verkehr
- Ein umfangreicher Anhang (S. 121-144) rundet das Buch ab. Er enthält verschiedene hilfreiche Materialien, u.a. Arbeitsbögen zu einzelnen Themenbereichen (z.B. mit dem Bus fahren), in denen die zentralen Handlungsschritte in kurzen Texten sowie in Zeichnungen (wichtig für Nichtleser) dargestellt sind.
Lesbarkeit
Das Buch zeichnet sich durch eine klare verständliche Sprache aus, nicht zuletzt Dank der guten Übersetzung aus dem Niederländischen ins Deutsche durch Regina Humbert.
Fazit
Es ist zu hoffen und zu wünschen, dass dieses Buch viele Leserinnen und Leser (Einrichtungsleiter, Betreuer, Eltern) findet, die sich von der "Anleitung zur Selbstständigkeit" anleiten lassen und damit dem häufig proklamierten Paradigmenwechsel auch in der deutschen Behindertenhilfe zum Durchbruch verhelfen. Darüber hinaus ist das Buch auch Mitarbeitern außerhalb der Behindertenhilfe (z.B. Jugend- und Altenhilfe) mit Nachdruck zu empfehlen, da von der Anwendung der "niederländischen Methode" in leicht abgewandelter Form wertvolle Impulse zur Entwicklung von Selbstständigkeit und Selbstverantwortung ausgehen können.
Rezensentin
Prof. Dr. Wiebke Ammann
Fachhochschule Hannover
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Zitiervorschlag
Wiebke Ammann. Rezension vom 04.10.2007 zu: Marja Appel, Willem Kleine Schaars: Anleitung zur Selbstständigkeit. Wie Menschen mit geistiger Behinderung Verantwortung für sich übernehmen. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 3. Auflage. 144 Seiten. ISBN 978-3-7799-2001-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4153.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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