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Hilarion Petzold, Peter Schay u.a. (Hrsg.): Integrative Suchtarbeit

Cover Hilarion Petzold, Peter Schay, Wolfgang Scheiblich (Hrsg.): Integrative Suchtarbeit. Innovative Modelle, Praxisstrategien und Evaluation. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 765 Seiten. ISBN 978-3-531-14661-4. 39,90 EUR.

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Thema

Auf dem hart umkämpften Psychotherapiemarkt mit seinen unzähligen um Anerkennung und Klienten ringenden Varianten ragen vier Ansätze besonders hervor: Die klassische Psychoanalyse und die entgegengesetzten Spielarten der Verhaltenstherapie, die beide im Psychotherapiegesetz bisher die Kassenfähigkeit erhielten. Hinzukommen einerseits die gestalttherapeutischen Ansätze (Psychodrama, Gestaltpsychotherapie) und andererseits die seit 30 Jahren von Petzold entwickelte "Integrative Therapie" mit ihrer vom Fritz Perls-Institut getragenen "Europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit" (seit 1973). Deren um Petzold gescharte Mitarbeiter füllen den vorliegenden 2. Band, dessen erster Band "Integrative Suchttherapie" im Jahre 2004 erschien.

Die integrative Suchttherapie und Suchtarbeit entwickelte sich aus den frühen Anfängen drogentherapeutischer Arbeit im Umgang mit vielfach in ihren Ressourcen chronisch gestörten Drogen- und Alkoholabhängigen, für die seinerzeit die von Petzold  initiierte therapeutische Wohngemeinschaft "Les quatre pas" den Ausgangspunkt bildete.  Dieser praxisbezogene Therapiezugang ging auch in der Folgezeit nicht verloren. Von hier aus lag es nahe, unterschiedliche therapeutische Ansätze mit einem realitätsbezogenen sozialarbeiterischen Ansatz zu integrieren. Eine Verbindung, die sich fruchtbar u.a. in den folgenden 6 Ausgangspunkten niederschlug:

  1. Anknüpfend an die Grundforderung einer humanistischen Psychologie erhält die Beziehung zwischen Therapeut und Klient deutlich partizipatorische Momente, die den Klienten als ganze Person anerkennt und in der die klassische Übertragung-Gegenübertragung-Situation möglichst früh in eine "affiliale" Beziehung - d.h.  eine "Tendenz, die Gesellschaft anderer zu suchen" (S. 506) umgeformt wird.
  2. Dementsprechend wird in der Therapie nicht nur verbal, "abstinent" gearbeitet, sondern - von beiden Seiten - der "ganze Mensch" mit seiner Leiblichkeit, seiner Kreativität und seiner Emotionalität eingebracht.
  3. Die Therapie ist deutlich vom Hier und Jetzt geprägt; sie ist primär auf die Zukunft ausgerichtet und bearbeitet Vergangenheit, Traumata und eingeschliffene Verhaltensweisen  weniger um ihrer selbst willen, denn als hinderlichen Störfaktor.
  4. Dabei setzt sie weniger auf die "Pathogenese", sondern verstärkt auf die vorhandenen "positiven" (salutogenen) Momente, auf Ressourcen, Resiliencen und protektive Faktoren.
  5. Sie bezieht dafür in erweitert systemischer Weise das soziale Umfeld in ihre Arbeit ein, und zwar sowohl als Hilfe wie aber auch als Aufgabenstellung für die Klienten.
  6. Schließlich betrachtet sie - im Rahmen einer "life span development therapy" die Abhängigkeits-Karriere als "Karriere-Segmente" mit je eigener Charakteristik, die keineswegs immer auf frühkindliche Störungen zurückführt und in die "Rückfälle" eingebaut sind. Dies erfordere eine längere "Karriere-Begleitung" mitsamt dem dafür notwendigen Verbundsystemen.

Inhalt

Der sehr umfangreiche Text geht auf den ersten 100 Seiten auf die zu Grunde liegenden theoretischen Konzepte ein, befasst sich sodann praktischer auf etwa 250 Seiten mit Methoden und Modellen, um sich in der zweiten Hälfte Forschung, Qualitätssicherung und Ausbildung zuzuwenden.

  • Einleitend berichten Petzold/Scheiblich/Thomas über die Entwicklung der Drogentherapie, die dort eingesetzten einzeltherapeutischen Ansätze und die Unterschiede der Integrativen Therapie zur Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und Psychodrama, um sodann die Grundzüge ihrer "philosophy" zu entfalten.
  • Diese Aufgabe wird sodann von Schwennen  in einer schwer lesbaren "metahermeneutischen Mehrebenenreflexion" sehr grundsätzlich unter dem Titel "Philosophische, ideologische und ideologiekritische Positionen in der Suchttherapie" weiter vertieft.
  • Der zweite Hauptteil beginnt mit einem informativen Beispiel gelungener ambulanter familientherapeutischer Arbeit mit jugoslawischen posttraumatischen Opfern (ab S. 131), um sodann ausführlicher (40 Seiten) auf die "Theorie, Praxis und Forschung" der von Petzold entwickelte "Lauftherapie" einzugehen, mit der auch die Bedeutung der somatischen Komponenten in seinem "biopsychosozialen" Ansatz belegt werden kann.
  • Carmen Dargel  berichtet in einer eindrucksvollen Prozess-Dokumentation über ihre ambulant-familiäre Netzwerk-Arbeit mit einer Mutter und deren Tochter im Rahmen einer niederschwelligen Einrichtung (205ff), während Katrin Hochstein die positive Entwicklung eines typischen "Drehtür"-Klienten  in einer stationären Adaptionsphase analysiert, um abschließend dessen - in dieser Arbeit so häufigen, aber leider nur selten berichteten - Scheitern nach mehreren Monaten der Abstinenz festzustellen (235ff). Beide Beiträge bieten einen guten und überzeugenden Einblick in die praktische "Integrative Suchtarbeit".
  • Unter dem Stichwort "Modelle" schildert  Ursula Klumpp (271ff) die Neuorientierung der Langzeittherapie des Schweizer Aebi-Hauses, in dem die bisherige Basis einer "themenzentrierten Interaktion"  nach Ruth Cohn durch den "Integration"-Ansatz abgelöst wird. In dieser Gegenüberstellung und dem guten Herausarbeiten des neuen Ansatzes gelingt es ihr tatsächlich "die komplexe Sprache von Hilarion G. Petzold zu verstehen" (317) und damit auch dem Leser verständlicher nahe zu bringen.
  • Hilarion Petzold läutet den 3. Hauptteil mit einer guten und weithin zutreffenden Kritik am gegenwärtigen Forschungsstand ein (357ff), in der er u.a. zu Recht den Wert eines praxisorientierten "small-scale-research" betont (362), sich aber auch - wie neuerdings in seinem theoretischen Suchen - für neurobiologische Ansätze erwärmt. Ergänzend bietet die folgende Arbeit von Thomas/Petzold/Schay einen Einblick in den Stand der einschlägigen Evaluations-Forschung, wobei  etwa der Hinweis auf die weithin unterlassene Untersuchung von Therapie-induzierten  "Risiken und Schäden" besondere Beachtung verdient (399ff).
  • Zwei kleine Beispiele solch "praxeologischer" Forschung findet man bei Hermann Gerdelmanns Analyse seiner "Motivationsbehandlung für alkoholauffällige/-kranke Straftäter" in einer Strafanstalt (421ff) sowie in einer "fragebogen- und interviewgestützten" Analyse eines interessanten Angehörigen-Treffens in einer Entwöhnungs-Klinik durch Magdalene Ochs (451ff).
  • Interessant und weiterführend sind schließlich die Überlegungen von Scheiblich und Petzold zur Notwendigkeit eines Verbundsystems (477ff), das zunächst theoretisch auf die Notwendigkeit der "Karriere-Begleitung" eingeht, dann den Hilfeverbund der "SKM Köln" schildert und abschließend das Gewicht und die aktuelle Problematik fehlender Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten anspricht: "Lineare Modelle (erst die Drogen-, dann die Berufsproblematik) werden zunehmend abgelöst durch integrierte Modelle, in denen die berufliche Eingliederung zum Bestandteil einer Behandlung wird und immer mehr Raum einnimmt" (521).
  • Die folgenden beiden Beiträge sind der - positiven - Eigen-Evaluation der Ausbildung an der "Europäischen Akademie" (S.533-588) sowie dem vom Verband deutscher Rentenversicherungsträger anerkannten Weiterbildungscurriculum "Sozialtherapie Suchtkrankenhilfe" (589-627) gewidmet.
  • Abschließend fassen Petzold/Orth/Sieper  unter dem Titel "Erkenntniskritische, entwicklungspsychologische, neurobiologische und agogische Positionen der "Integrativen Therapie" als "Entwicklungstherapie"" "die zentralen Konzepte noch einmal vernetzt" zusammen "und zwar in ihrer Offenheit für all das Neue, das der Strom des Heraklit zu uns hintragen wird" (630). Hier überzeugen die Parallelen zwischen der Klienten-Arbeit und der Ausbildungs-Arbeit mit ihrem Schwergewicht auf Selbsterfahrung und wechselseitiger Empathie ebenso wie die Abgrenzung zum "Berner Ansatz psychologischer Therapie", wie sie von Grawe entwickelt wurde (678ff), da sie zusammen noch einmal in recht gut lesbarer Form die Grundprinzipien der "Integrativen Therapie" herausarbeiten können.

Fazit

Inhaltlich stimmt der Rezensent - auch aus eigener einschlägiger Erfahrung - weithin mit den Grundprinzipien der "Integrativen Therapie" für diese schwer in ihren Ressourcen geschädigten Klienten überein. Ich würde vielleicht noch etwas stärker die Notwendigkeit "realer" Erfolgserlebnisse vor allem im "Transfer"-Bereich von Bildung, Arbeit und sozialadäquater Freizeit betonen und im stationären Bereich i.w.S. verstärkt auf die strukturell mit zu gestaltende Bedeutung gruppendynamisch-organisatorischer Alltags-Beziehungen achten, die heute in solchen Settings fast immer übersehen wird.

Problematisch und störend wirken sowohl der den Normalleser überfordernde theoretisierende Jargon (der zumindest ein eigenes Glossar erfordert hätte) wie auch die - angesichts seiner Leistung - unnötige Fixierung auf den "Senior-Partner" Petzold (der im 50-seitigen Literaturverzeichnis allein 14 Seiten beansprucht) mitsamt seinen immer wieder erwähnten Prioritäts-Ansprüchen.  Vielleicht mag dies ja, trotz seiner Ablehnung, eine "Schule" bilden zu wollen (S.74), im heutigen Existenz-Kampf der Schulen notwendig sein. Den neugierigen Leser stößt es dagegen ab.

Wünschenswert wäre es, diesem Leser eine erheblich abgespeckte Version dieser beiden Bände zur Verfügung zu stellen. Bis dahin empfehle ich die oben positiv hervorgehobenen Fall- und Modell-Darstellungen und vielleicht ab Seite 678 die kurze Zusammenfassung der grundlegenden "praxeologischen" Eigenheiten dieser "Integrativen Sucht-Therapie".


Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Ko-Direktor des Bremer Instituts für Drogenforschung (BISDRO), Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 21.01.2007 zu: Hilarion Petzold, Peter Schay, Wolfgang Scheiblich (Hrsg.): Integrative Suchtarbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 765 Seiten. ISBN 978-3-531-14661-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4176.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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