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Michael Decher: Redefluss. Keine Angst vorm Stottern

Cover Michael Decher: Redefluss. Keine Angst vorm Stottern. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2006. 195 Seiten. ISBN 978-3-8334-4409-8. 14,80 EUR.
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Hintergrund

Stottern ist ein Phänomen, dessen Ursachen nach wie vor nicht vollständig geklärt wurden. Man geht von einem multifaktoriellen Entstehungsmodell aus, das sowohl organische, soziopsychologische als auch psycholinguistische Faktoren, die in der Interaktion mit der Umwelt wirksam werden, umfasst. Eine effektive Stottertherapie kann sich daher nicht auf eine klare Ätiologie stützen, sondern muss durch kontinuierliche Arbeit an den Symptomen in Kombination mit Maßnahmen, die auf allgemeine Annahmen über günstige Voraussetzungen zu einem flüssigem Sprechen rekurrieren, zu einem verbesserten Störungsbild leiten.

Das Buch von Michael Decher ist ein Praxisbuch, welches konkrete Bausteine der Therapie wie auch allgemeine Leitlinien beschreibt. Im Zentrum wird dabei der Patient gesehen, welcher auch ohne eine vollständige Heilung zu einer besseren Lebensqualität und besseren Akzeptanz seiner Störung geführt werden kann.

Thema und Aufbau

Das Buch beschreibt konkrete Therapiemaßnahmen und leistet so eine Integration von Modifikations- und sprachtechnischen sowie weiteren Ansätzen von Stottertherapien. Eine an pragmatischen Gesichtspunkten orientierte eklektische Sprachtherapie wird vorgestellt, die ein detailliertes Bild einer möglichen logopädischen Behandlungspraxis bei Stottern vermittelt.

Das Buch ist gegliedert in fünf Teile, die dem Vorwort und einer Einleitung folgen und wesentliche Komponenten einer Stottertherapie behandeln. Ergänzend werden schließlich noch einige Bemerkungen zum Therapeutenverhalten gemacht und verschiedene weitere Aspekte behandelt.

Inhalt

  1. Der erste Teil umfasst drei Kapitel und beschäftigt sich mit dem Rahmen einer Stottertherapie. Hier werden Diagnostik, der Umgang mit der individuell differierenden Motivation des Patienten und die Anwendung von Medien - insbesondere der Einsatz von Videoaufzeichnungen in der Therapie - abgehandelt.
  2. Der zweite Teil befasst sich mit Wahrnehmung und Sensibilisierung und untergliedert sich in ebenfalls drei Kapitel. Hier werden insbesondere Informationen zu der bei der Stotterproblematik besonders relevanten Selbstwahrnehmung und der häufig idealisierten Wahrnehmung von anderen durch den Stotterer behandelt. Das Kapitel zeigt auf, wie der Patient für eigene Wahrnehmungsmuster, die seinem Kommunikationsverhalten nicht zuträglich sind, sensibilisiert werden kann.
  3. Der dritte Teil befasst sich mit der Modifikation des Stotterns und besteht aus vier Kapiteln. Im ersten Kapitel werden Übungen zu einem entspannten Muskeltonus, einer verbesserten Haltung und einer optimierten Atmung vorgestellt, die dem flüssigem Sprechen zuträglich sein sollen. Decher stellt hier ein Potpourrie unter anderem von Übungen des Autogenen Trainings und der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson zusammen. Das zweite Kapitel stellt verschiedene Sprechhilfen vor, die dem Patienten die Erfahrung flüssigen Sprechens ermöglichen und durch Training in die alltägliche Kommunikation integriert werden können. . Im dritten Kapitel werden auch Artikulation und nonverbale Kommunikationselemente wie Mimik, Gestik und Blickkontakt als Bestandteile der Stottertherapie erwähnt.
  4. Der vierte Teil, welcher nicht in Kapitel gegliedert ist, beschäftigt sich mit der Desensibilisierung und dem Selbstsicherheitstraining als wichtigen Bestandteilen der Stottertherapie. Non-avoidance wird hier als Alternative dem Anspruch einer vollständigen Heilung gegenübergestellt. Eine erhöhte Toleranz dem eigenen Stottern gegenüber soll erreicht und Ängste gegenüber spezifischen Kommunikationssituationen sollen eingeschätzt und abgebaut werden. Speziell die Desensibilisierung für Telefonate wird exemplarisch dargestellt. Möglichkeiten, ein erhöhtes Selbstbewusstsein beim Patienten im Rahmen der therapeutischen Kompetenz aufzubauen, werden aufgezeigt.
  5. Der fünfte Teil, der sechs Kapitel umfasst, hat die Stabilisierungund Nachsorge zum Inhalt. Im ersten Kapitel wird die in-vivo-Arbeit - die Arbeit außerhalb des Therapieraumes - behandelt. Dargestellt wird, wie der Patient mit der Hilfe des Therapeuten das eingeübte flüssige oder flüssigere Sprechen etwa in Einkaufssituationen für die Alltagssprache stabilisieren kann. Das zweite Kapitel stellt zwei Spiele mit dem Stottern vor. Im dritten Kapitel werden Hinweise zur Angehörigenberatung gegeben. Das vierte Kapitel liefert Informationen zur Nützlichkeit und Beurteilung von Selbsthilfegruppen. Das fünfte Kapitel beschreibt Möglichkeiten der therapeutischen Nachsorge, um Rückfälle zu vermeiden. Das sechste Kapitel erörtert die Möglichkeit selbstbestimmter häuslicher Übungen als Bestandteil der Stottertherapie. Ergänzend werden Hinweise zum Therapeutenverhalten und zu speziellen Themen wie elektronischen Sprechhilfen und stationären Stottertherapien gegeben.

Das Schlusswort betont die Notwendigkeit eines respektvollen Arzt-Patienten-Verhältnisses.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Personen, die im logopädischen Bereich tätig sind, aber auch an Betroffene und deren Angehörige. Aufgrund der durchgängig einfachen Sprache ist es zudem dem interessierten Laien durchaus zugänglich.

Nützlichkeit des Buches

Das Buch gibt für sprachtherapeutisch Tätige praktische Hinweise und liefert konkrete Übungen. Betroffenen und Angehörigen wird mit Hilfe des Buches ermöglicht, die Perspektive des Therapeuten besser nachzuvollziehen und auch ein tiefergreifendes Verständnis für die Konzeption einer Stottertherapie zu erlangen.

Fazit

Das Buch von Michael Decher ermöglicht es, von den Erfahrungen eines langjährig im Bereich der Stottertherapie Tätigen zu profitieren. Der weitgehende Verzicht auf Fachtermini geht zwar damit einher, dass, wer an theoretischen Hintergründen interessiert ist, auf weitere Literatur verwiesen werden muss, ist aber andererseits auch die Stärke des Buches, welches so einen leichten Zugang zur Thematik ermöglicht. Das Buch wurde mit großer Empathie für die Betroffenen geschrieben und zeichnet sich durch hohe Praxisnähe aus. Es lohnt vor allem für noch weniger im Feld Versierte der Anschaffung.


Rezensentin
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 10.12.2006 zu: Michael Decher: Redefluss. Keine Angst vorm Stottern. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2006. ISBN 978-3-8334-4409-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4188.php, Datum des Zugriffs 28.09.2016.


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