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Uwe Flick (Hrsg.): Innovation durch New Public Health

Cover Uwe Flick (Hrsg.): Innovation durch New Public Health. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2002. 331 Seiten. ISBN 978-3-8017-1356-0. 39,95 EUR, CH: 68,00 sFr.

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Einführung in das Thema

Das von Flick herausgegebene Buch zu "New Public Health" nimmt sich eines während der letzten zwanzig Jahre neu entdeckten Themas an. Im englischen Sprachraum wird unter "Public Health" eine Alternative zur traditionellen Medizin verstanden. Dabei sind sowohl Ansatzpunkt als auch Vorgehensweise unterschiedlich: Die traditionelle Medizin versteht sich als eine Beziehung zwischen den beiden Personen Arzt und Patient, die nach der Erkrankung ansetzt. Im Gegensatz dazu ist Public Health ein gesellschaftsbezogener Ansatz, bei dem nicht individuelle Akteure einbezogenen sind, sondern der sich stattdessen mit den übergreifenden Prozessen zur Krankheitsverhütung, Lebensverlängerung und Gesundheitsförderung befasst. Vor diesem Hintergrund wird zugleich deutlich, dass Public Health ein interdisziplinärer Ansatz ist, bei dem die ex post agierende, kurative Medizin lediglich eine von mehreren beteiligten Fachrichtungen ist.

Eine genauere Betrachtung der Materie verdeutlicht, dass der Ansatz nur teilweise wirklich neu ist. Denn gerade in Deutschland finden sich im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vielfältige Traditionen zur Sozialhygiene und zur öffentlichen Volksgesundheitspflege und —vorsorge. Da diese Ansätze aber während der Zeit des Nationalsozialismus in hohem Maße funktionalisiert und pervertiert (Stichwort Euthanasie) worden sind, tat sich Deutschland aufgrund der ideologischen Belastung schwer mit einem Wiederanknüpfen — sowohl hinsichtlich der Ansätze als auch hinsichtlich der Bezeichnung.

New Public Health stellt angesichts dieser Vergangenheit im doppelten Sinne eine Weiterentwicklung dar: Erstens kommt der Begriff aus dem "unbelasteten" englischen Sprachraum, zweitens knüpft man inhaltlich — anders als der ältere Public Health-Ansatz — nicht mehr vorrangig durch öffentliche Hygienemaßnahmen bei den unterversorgten Bevölkerungsgruppen an, sondern ist breiter angelegt. Grundlage hierfür ist eine Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO, nach der Gesundheit nicht mehr als Abwesenheit von Krankheit verstanden wird, sondern "als Vorhandensein völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens" (S. 8). Konsequenterweise werden alle Bevölkerungsgruppen von dieser Definition angesprochen und neben Prävention, Epidemiologie und Sozialhygiene sind auch die Fachrichtungen Umwelthygiene, Gesundheitssystemforschung und Versorgungsforschung mit eingebunden.

Aufbau und Inhalte des Buches

Konzeptionell ist das Buch in fünf Teile untergliedert. Dabei hat der erste Teil unter dem Titel "New Public Health und Innovation" einleitenden Charakter. Das wird insbesondere in dem ersten Beitrag deutlich, der von Uwe Flick stammt und die Entwicklungsgeschichte des Public Health-Gedankens nachzeichnet. Dabei gilt sein besonderes Interesse dem Neuigkeitsgehalt des Ansatzes sowie der Frage, welche Fachrichtungen im einzelnen in die interdisziplinäre Vorgehensweise einzubinden sind. In dem zweiten Beitrag dieses Teils befasst sich Rolf Rosenbrock mit den Differenzen und Konflikten zwischen (individuell ausgerichteter) Medizin und (gesellschaftlich orientiertem) New Public Health-Ansatz. Dabei macht er darauf aufmerksam, dass gerade politische Fragen in diesem Kontext noch ungelöst sind. Unter ökonomischen Gesichtspunkten sind dabei die Fragen nach dem "Wieviel" und dem "Was" der Prävention von großer Bedeutung, während unter dem Stichwort der "Medikalisierung" die Frage nach der Definitionsmacht der Medizin offen ist: Ist es bei einem interdisziplinären Konzept wie New Public Health wirklich vernünftig, der Betreuung durch Ärzte größeres Gewicht beizumessen als einer Betreuung durch Krankenschwestern oder andere Betroffene aus Selbsthilfegruppen?

Der Aspekt der Interdisziplinarität wird im zweiten Teil des Buches unter der Überschrift "Disziplinäre Perspektiven" wieder aufgegriffen. Hier finden sich insgesamt vier Einzelbeiträge. Im ersten geht Lothar R. Schmidt auf die Beziehung zwischen Gesundheitspsychologie und Public Health ein. Der zweite Beitrag von Johannes Siegrist befasst sich mit den medizinsoziologischen Fragestellungen, während André Büssing und Jürgen Glaser in ihrem Artikel die arbeits- und organisationspsychologischen Aspekte bei der Verbindung von Pflege und Public Health erörtern. Den Abschluss dieses Teils bildet ein Aufsatz von Ralph Brennecke, der den Zusammenhang zwischen Public Health und Rehabilitationswissenschaften untersucht.

Teil drei des Buches wendet sich den verschiedenen Zielgruppen zu. Zunächst gehen Thomas Abel et al. im Sinne des Präventionsgedankens auf die Bedeutung gesundheitsrelevanter Lebensstile ein. Daran anknüpfend befassen sich Marie-Louise Dierks und Friedrich Wilhelm Schwartz mit der veränderten Rolle von Patienten in einem Gesundheitssystem, dass stärker am Public Health-Gedanken ausgerichtet ist. Der Beitrag von Ulrike Maschewsky-Schneider folgt dem gendertheoretischen Untersuchungsansatz und analysiert die besonderen Bedingungen einer frauenspezifischen Gesundheitsforschung, während sich Ulla Walter und Friedrich Wilhelm Schwartz im abschließenden Beitrag dieses Teils mit den Folgen des demographischen Wandels und der zunehmenden Zahl älterer Mitbürger befassen.

Fragen der Versorgung stehen im Mittelpunkt des vierten Teils dieses Buches. Konkret geht es im ersten Artikel dieser Sektion, der von Thomas Becker et al. verfasst wurde, um die Rahmenbedingungen und Perspektiven der psychiatrischen Versorgung. Stefan Nickel und Alf Trojan gehen danach unter dem Blickwinkel der Patienten- und Mitarbeiterorientierung auf den Problembereich der Qualitätssicherung in der stationären Versorgung ein. Hans-Wolfgang Hoefert untersucht am Beispiel der Rehabilitationsforschung organisatorische Fragen innerhalb des New Public Health-Konzeptes. Den Abschluss dieses Segments bildet ein kurzer Beitrag von Bernhard Badura, der sich die Frage stellt, welche Rahmenbedingungen eigentlich beachtet werden müssen, wenn das Gesundheitswesen unter Qualitäts- und Ressourcengesichtspunkten reorganisiert werden soll.

Einen Ausblick auf die Perspektiven, die New Public Health eröffnet, bietet der abschließende fünfte Teil. Im ersten Beitrag referiert Jürgen von Troschke die Ergebnisse empirischer Studien über die Förderung von New Public Health-Maßnahmen in Deutschland, wobei er zu dem Fazit gelangt, dass Gesundheitswissenschaften der Public Health dienen, aber nach wie vor großer Forschungs- und Nachholbedarf besteht. Das vermutete Innovationspotential von New Public Health steht im Mittelpunkt der Ausführungen von Éva Rásky und Richard H. Noack, die an Hand des österreichischen Beispiels zwar erste Erfolge diagnostizieren, aber zugleich auf erhebliche Behinderungen verweisen. Den Abschluss dieses Parts wie auch des Buches stellt ein Beitrag von Uwe Flick dar, der den Wandel von Gesundheitsvorstellungen aufgrund von New Public Health skizziert sowie die ersten Ergebnisse einschlägiger empirischer Forschung zusammenfasst.

Anmerkungen

Insgesamt liegt mit dem von Uwe Flick herausgegebenen Band zum New Public Health ein Werk mit viel Licht, aber auch einigen Schattenseiten vor. Eindeutig positiv ist die Einführung in die Thematik, die ebenso kompetent wie gut lesbar ausgefallen ist. Dank ihrer Qualität werden auch Nicht-Fachleute gut an das Thema herangeführt. Auch die sich anschließenden Beiträge sind — im Einzelfall ebenso wie in ihrer Gesamtheit — qualitativ hochwertig und sehr informativ. Die Kritik entzündet sich konsequenterweise denn auch nicht an dem, was vorhanden ist, sondern an dem, was fehlt. Beispielhaft hierfür steht der zweite Teil des Buches, in dem die "disziplinären Perspektiven" erörtert werden. Hier wäre es sowohl angesichts des vertretenen interdisziplinären Charakters als auch angesichts der oben angesprochenen WHO-Definition von Gesundheit hilfreich gewesen, nicht nur die "gesundheitsnahen" Disziplinen wie Medizinsoziologie, Psychologie, Pflege- und Rehabilitationswissenschaften einzubinden, sondern auch eher entferntere Disziplinen wie die Arbeitswissenschaft, deren Erkenntnisse gerade im Bereich der Gesundheitsbewahrung wertvoll sind. Entsprechend wäre unter dem Stichwort der Versorgung (Teil 4) ein betriebswirtschaftlich ausgerichteter Beitrag interessant gewesen, der sich mit den finanzwirtschaftlichen Rahmenbedingungen befasst hätte. Wertvoll wäre zudem auch eine kritische Auseinandersetzung mit der WHO-Definition von Gesundheit gewesen. Ergebnis derartiger Ergänzung- und Abrundungsbeiträge wäre eine insgesamt etwas kritischere Beleuchtung der Materie gewesen, durch die das Buch noch stärker den Charakter eines Handbuchs mit Standardwerk-Charakter erhalten hätte.

Fazit

Ungeachtet der Kritik an fehlenden und wünschenswerten Erweiterungen ist das Buch aber ein wichtiger und wertvoller Beitrag in der Diskussion über New Public Health, der nicht nur eine hochwertige Einführung in die Materie zur Verfügung stellt, sondern auch eine große Bandbreite von Detailaspekten anspricht.


Rezensent
Prof. Dr. Jost W. Kramer
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre Hochschule Wismar, Forschungsgruppe für Kooperation, Netzwerke und Unternehmenstheorie Adjunct Professor für Sozialwirtschaft, insbesondere Genossenschaftswesen, Universität Kuopio (Finnland)
Homepage www.wi.hs-wismar.de/fbw/personen/J.Kramer/
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Zitiervorschlag
Jost W. Kramer. Rezension vom 23.12.2002 zu: Uwe Flick (Hrsg.): Innovation durch New Public Health. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2002. 331 Seiten. ISBN 978-3-8017-1356-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/419.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


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