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Ilse Achilles: "... und um mich kümmert sich keiner!"

Cover Ilse Achilles: "... und um mich kümmert sich keiner!". Die Situation der Geschwister behinderter und chronisch kranker Kinder. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. 5., aktualis. Auflage. 181 Seiten. ISBN 978-3-497-02373-8. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 24,50 sFr.
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Thema

Das Buch befasst sich mit der Situation von Geschwistern behinderter Kinder.

Die Autorin hat das Buch für die Geschwister behinderter Menschen geschrieben. Sie möchte diesen Geschwistern erklären, „woher die Schuld, die Wut, der Ehrgeiz, die Ohnmacht stammen, die sie oft (immer, gelegentlich) fühlen. Wie man damit umgeht, wie man sich davon befreit.

Und natürlich richtet sich dieses Buch auch an die Eltern. Denn von ihnen hängt es ab, wie die Geschwister eines behinderten Kindes die Familiensituation erleben“ (S. 13).

Autorin

Ilse Achilles, Jg. 1949, ist in München Journalistin. Sie ist Mutter eines Sohnes, der über einen Förderschwerpunkt in der geistigen Entwicklung verfügt, und zweier Töchter. Sie hat mehrere Fachbeiträge verfasst und ist Vorsitzende des Angehörigenbeirats der Lebenshilfe München.

Entstehungshintergrund

Die zu besprechende fünfte Auflage nimmt die Veränderungen seit der vierten Auflage in den Blick, d. h.,: „Seit der letzten Auflage 2005 hat sich […] viel getan. Die Geschwister von Kindern mit Behinderung und chronischer Krankheit werden stärker öffentlich wahrgenommen“ (S. 11).

Aufbau

  1. So funktionieren Geschwisterbeziehungen
  2. Was bei Geschwistern behinderter Kinder anders ist
  3. Wovon es abhängt, wie sich die Geschwister behinderter Kinder entwickeln
  4. Wo und wie Familien mit behinderten Kindern Hilfe finden
  5. Was Eltern und Geschwister behinderter Kinder sonst noch wissen sollten

Inhalt

Der erste Beitrag des ersten Teils befasst sich mit den normalen Geschwisterbeziehungen. „Und schon die geben reichlich Zündstoff“ (S. 17). Es werden die drei hauptsächlichen Reibungsbereiche aufgezeigt, als da wären:

  1. Rivalität;
  2. Wunsch nach Anerkennung;
  3. Macht.

Die Geschwisterfolge wird im zweiten Kapitel in den Blick genommen. So werden jüngere Geschwister von älteren stärker beeinflusst, als das umgekehrt der Fall ist. Hier bezieht sich Achilles auf die Studien von Cécile Ernst und Jules Angst. Bedacht werden:

  • mittlere Geschwister, die eine ganz eigene Position in der Familie haben;
  • zuletzt geborene Kinder, deren Position sich innerhalb der Familie nie verändert.

Wie das Geschlecht die Geschwisterbeziehung beeinflusst, behandelt die Autorin in ihrem dritten Beitrag. So sind die Beziehungen gleichgeschlechtlicher Geschwister i. d. R. problematischer als die von verschiedengeschlechtlichen Geschwistern.

Es werden vier Faktoren benannt, welche für einen herzlichen und verständnisvollen Umgang der Geschwister miteinander verantwortlich sind, als da wären:

  1. das positive elterliche Vorbild;
  2. die problematische Familiensituation;
  3. der Altersabstand;
  4. die Gruppierung.

Der zweite Teil bedenkt die Dinge, die bei den Geschwistern behinderter Kinder anders sind.

So befasst sich der erste Beitrag mit den Chancen und Risiken für Geschwister behinderter Kinder. Achilles berichtet von den Erlebnissen ihrer eigenen Tochter Anya, die mit einem geistig behinderten Bruder aufgewachsen ist. 44-jährig erzählt Anya, „dass sie als Kind geglaubt hat, der liebe Gott habe für jede Familie ein bestimmtes Quantum an Intelligenz vergeben. Und weil er ihr und ihrer älteren Schwester Miriam offensichtlich eine besonders große Portion zugeteilt hätte, wäre wohl für ihren Bruder nichts übrig geblieben.

Der zweite Beitrag dieses Teils berichtet von den Erzählungen der Geschwister. „An der Gesprächsrunde nahmen Kinder teil, die eine Schwester oder einen Bruder mit Behinderung haben“ (S. 34).

Im dritten Beitrag geht es um die Lebenserschwernisse der Kinder, die eine behinderte Schwester oder einen behinderten Bruder haben, als da wären:

  1. die frühe Konfrontation mit Leid;
  2. die verbotene Rivalität;
  3. die frühe Übernahme von Verantwortung
  4. das Entwickeln von Schuldgefühlen;
  5. der geringe Zugang zu den Eltern;
  6. die eingeschränkten Möglichkeiten zum Schließen von Freundschaften;
  7. das andere Erleben der Geschwisterfolge;
  8. die Angst vor dem eigenen Behindertsein oder dem Erwerb einer Behinderung;
  9. die außergewöhnliche Familie.

Das vierte Kapitel belichtet die wichtigsten Studien von Waltraud Hackenberg zur psycho-sozialen Situation der Geschwister behinderter Kinder in Deutschland.

Abschnitt fünf beinhaltet die Worte der vierzehnjährigen Sabine, deren drei Jahre älterer Bruder eine cerebrale Bewegungsstörung hat.

Es folgt der Bericht des 19-jährigen Werner, dessen zwei Jahre älterer Bruder Torsten mit einem Down-Syndrom lebt.

Die 27-jährige Andrea erzählt von ihrem Zwillingsbruder Richard und der 30-jährigen Schwester Brigitte. Beide haben das Down-Syndrom. Neben den zwei behinderten Geschwistern hat Andrea noch drei weitere Geschwister.

Die 35-jährige Bibliothekarin Karin erinnert sich an ihre Kindheit mit der neun Jahre jüngeren Schwester Monika, die mit einem Down-Syndrom lebt.

Am Ende des zweiten Teils betrachtet die 21-jährige Informatikerin Katja das Zusammenleben mit der gleichaltrigen Schwester Antje, die mit einem schweren Herzklappenfehler geboren wurde und zum Berichtszeitpunkt als Sachbearbeiterin arbeitet.

Der dritte Teil wird eingeführt mit einem Bericht über die Einstellung der Eltern und ihre Beziehung zueinander. Wichtig sind hierbei:

  • die Persönlichkeit der Eltern;
  • die elterliche Akzeptanz der Behinderung des Kindes;
  • das Familienklima;
  • das Verhältnis der Eltern zueinander;
  • die Außenkontakte;
  • die Zeiteinteilung.

Da erzählt beispielsweise die 48-jährige Mutter Jutta von ihrer Lebenszufriedenheit. Drei Kinder hat sie geboren, wovon die 18-jährige Tochter Steffi geistig behindert ist.

Der vierte Teil nimmt die Kraftquellen für die Geschwister in den Blick. Hierbei kommen folgende Aspekte in den Blick:

  • Gespräche – „Man kann gar nicht oft und kräftig genug betonen, wie wichtig es ist, dem nicht behinderten Kind so früh, so ehrlich und so ausführlich wie möglich zu erklären, warum die Schwester oder der Bruder behindert ist“ (S. 120).
  • Mitgliedschaft in einer Behindertenorganisation;
  • Solidarität der Lehrkräfte;
  • Berichte und Filme in den Medien;
  • Religion
  • Experten.

Im fünften Teil berichtet die Autorin über:

  • die Wichtigkeit von Geschwistern bei einem behinderten Kind;
  • die finanziellen Verpflichtungen der erwachsenen Geschwister;
  • die Berufs- und Partnerwahl der Geschwister Behinderter.

Fazit

Die Lektüre der Publikation eignet sich sehr für Studierende sämtlicher Erziehungswissenschaften, weil hier ein zu selten bedachtes Thema betrachtet wird. Ferner ist es lesenswert für Eltern behinderter Kinder, Geschwister von behinderten Kindern und allen Personen, die sich mit diesen Menschen umgeben. Letzteres wird wohl am wenigsten verpflichtend zu verordnen sein, dient aber dem besseren Verständnis für die Freundschaften von Geschwistern Behinderter.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 12.08.2013 zu: Ilse Achilles: "... und um mich kümmert sich keiner!". Die Situation der Geschwister behinderter und chronisch kranker Kinder. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. 5., aktualis. Auflage. ISBN 978-3-497-02373-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/421.php, Datum des Zugriffs 25.09.2016.


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