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Thomas Heldt, Barbara Kettnaker u.a. (Hrsg.): Kein Ort der Zuflucht für hilfsbedürftige alte NS-Verfolgte?

Cover Thomas Heldt, Barbara Kettnaker, Jost Rebentisch, Sonja Schlegel, Bernd Sonntag (Hrsg.): Kein Ort der Zuflucht für hilfsbedürftige alte NS-Verfolgte? Durch NS-Verfolgung traumatisierte Menschen in der deutschen Altenhilfe und Altenpflege. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2006. 201 Seiten. ISBN 978-3-935964-71-5. 19,80 EUR.

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Einführung

In diesem Band sind die Beiträge eines Symposiums gleichen Themas und des daran anschließenden Kongresses "60 Jahre danach" im Juni 2004 dokumentiert. Es geht hier um eine Bestandsaufnahme der Altenpflege mit NS-Verfolgten. Es drängt sich dabei der Verdacht auf, dass in letzter Minute noch ein Akt der Wiedergutmachung für die Überlebenden der Konzentrationslager geleistet werden soll bzw. darauf hingewiesen werden soll, dass diese Leistung bislang stillschweigend verweigert oder unzureichend erbracht wird. Der Titel des Buches jedenfalls weckt ambivalente Gefühle im Hinblick auf das besonders in Deutschland emotional hoch besetzte Thema, die bei der Lektüre aufkommen.

Aufbau und Inhalt

Ernüchterung tritt jedoch ein, sobald man die für solche Veranstaltungen obligatorischen wohlklingenden Grußworte überlesen hat und sich die Hauptbeiträge näher ansieht. Margret Hamm breitet Lebensgeschichten zwangssterilisierter und "Euthanasie"-geschädigter Menschen aus, die auch nach 1945 noch mit dem Stigma "lebensunwert" zu kämpfen hatten. Wilfried Schnepp referiert über ein laufendes Forschungsprojekt, in dem Pflegebedürfnisse von NS-Opfern ermittelt werden sollen. In Ermangelung an Ergebnissen werden die Schwierigkeiten plastisch beschrieben, Zugang zu dieser Personengruppe und zu speziellen Altenheimen zu finden. In mehreren Beiträgen wird eingehend über die nicht allzu rühmliche Entwicklung der finanziellen Entschädigungsprogramme und ihrer Folgen in der Bundesrepublik Deutschland informiert. Dazu ein Zitat eines Referenten, der sich mit dem Problem einer stärkeren Einbeziehung der durch offizielle Programme nicht berücksichtigter Opfer befasst: "Segen des Geldes, Fluch des Geldes" Die detailverliebten Referate über die finanziellen Anstrengungen weisen zwar auf die Schwierigkeiten in diesem Bereich hin, machen jedoch auch indirekt deutlich, dass Geld die menschliche Zuwendung nicht ersetzen oder zumindest nicht angemessen ausdrücken kann.

Diese Ebene wird durch die wenigen Beiträge aus der Traumaforschung und -arbeit abgedeckt. Ausgehend von der populären Retraumatisierungshypothese im Alter entwickelt Peter Liebermann einen Katalog von Auslösern (Triggern), die bei ehemaligen Lagerinsassen panische Reaktionen auslösen können, vermutlich eine praktische Hilfe für Altenpflegekräfte, auf derartige Reaktionen verständnisvoll und nicht disziplinierend zu reagieren. Als wichtigsten Beitrag sehe ich das Sammelreferat von Natan Kellermann aus Israel über Langzeiteffekte der Traumatisierung und vorrangig psychotherapeutische Behandlung von Holocaustüberlebenden in Israel, das allerdings in englischer Sprache abgedruckt ist. Es bietet einen Überblick über empirische Forschung, theoretische Diskussion und therapeutische Umsetzung zur Traumaproblematik. Der Autor geht dabei auch auf Probleme familiärer und sozialer Bindungen sowie insbesondere der transgenerationalen Transmission der psychischen Verletzung ein. Damit überschreitet er den Horizont der übrigen Beiträge erheblich, in denen der einzelne Traumatisierte im Mittelpunkt steht. Die folgenden kürzeren Beiträge befassen sich überwiegend mit der pflegerischen Seite der Arbeit mit NS-Opfern. Hier werden die Schwierigkeiten deutlich, im Rahmen der etablierten Altenpflege eine angemessene, auf den einzelnen zugeschnittene Pflege zu gewährleisten. Kurze Ergebnisprotokolle der Arbeitsgruppen runden die Dokumentation ab.

Diskussion - Einschätzung

Der Sammelband hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Es ist eine verdienstvolle Angelegenheit, auf die Vernachlässigung der Bedürfnisse dieser Personengruppe im Pflegebereich hinzuweisen, die jedoch nicht den Pflegenden anzulasten ist, sondern dem Pflegesystem, in dem der menschliche Faktor immer stärker eingeschränkt wird. Aus diesem Grund würde ich den Band Politikern, Wissenschaftlern und Organisatoren im Pflegebereich nachdrücklich ans Herz legen, um etablierte Positionen kritisch zu hinterfragen. Die angesprochenen Praxisbeispiele zeigen pionierhaft Wege auf, die auf eine andere Weise in die Zukunft weisen. Dabei werden Alternativen sichtbar, denen zu wünschen wäre, dass sie auch in die Arbeit mit anderen erheblich traumatisierten Personengruppen einfließen würden, etwa mit von Kriegserlebnissen, Gewaltanschlägen oder Naturkatastrophen heimgesuchten Gruppen, die sich im fortschreitenden Alter mit früheren seelischen Verletzungen konfrontiert sehen. Dadurch könnten auch Neidgefühle abgebaut werden, die in der Arbeit wiederholt angesprochen werden. Die hohe Gewichtung der finanziellen Ebene innerhalb der Veranstaltung weckt hingegen ein gewisses Unbehagen. Sie ist möglicherweise der Dominanz des Monetären in der Gegenwart geschuldet. Die Fixierung auf das Geld führt jedoch auch im Bereich der Pflege zu unlösbaren Problemen, wenn tiefer gehende Sinndimensionen aus dem Blickfeld geraten. Der Beitrag von Kellermann, der psychotherapeutische Anstrengungen in den Mittelpunkt stellt, stellt implizit eine leise Kritik auch an rein pflegerischen Bemühungen dar, wenn sie ausschließlich auf die körperlichen Bedürfnisse begrenzt werden. Es verwundert hier allerdings, dass therapeutische Erfahrungen aus dem deutschen Raum nicht zu Wort kommen. So mutet es z.B. merkwürdig an, dass die Logotherapie des Holocaustüberlebenden Frankl nur von Kellermann erwähnt wird, nicht hingegen in den deutschen Beiträgen. Hier kann auch gefragt werden, warum in der Tagung keine deutschsprachigen Vertreter der Psychotraumatologie zu Wort kamen.

Fazit

Trotz der angeführten Bedenken handelt es sich um eine sehr verdienstvolle Anstrengung, die Mut beweist, auf ein gravierendes Defizit nicht nur in der schwierigen "Vergangenheitsbewältigung" aufmerksam zu machen, sondern darüber hinaus auf Lücken im Pflegesystem zu verweisen. Der Ansatz ist als wichtiger Schritt zu verstehen, dem weitere folgen sollten. Wenn der Band Anregungen in diese Richtung gibt, hat er sein Ziel voll erreicht.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Goldbrunner


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Zitiervorschlag
Hans Goldbrunner. Rezension vom 01.12.2006 zu: Thomas Heldt, Barbara Kettnaker, Jost Rebentisch u.a. (Hrsg.): Kein Ort der Zuflucht für hilfsbedürftige alte NS-Verfolgte? Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2006. 201 Seiten. ISBN 978-3-935964-71-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4234.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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