Stefan Etzel (Hrsg.): Professionelles Personalmanagement [...]
Stefan Etzel (Hrsg.): Professionelles Personalmanagement im Gesundheits- und Sozialwesen. Verlag Die Werkstatt (Göttingen) 2005. 139 Seiten. ISBN 978-3-89533-511-2. 9,80 EUR.
Fachhochschule im DRK Göttingen.
Entstehungshintergrund und Thema
In der Einleitung skizzieren Stefan Etzel, Jens Bregas und Christine Siemens die Hintergründe und Motive für die Entstehung des Buches: Die Veränderungen im Gesundheitswesen, die nach derzeitigen Prognosen zu einer Schließung von voraussichtlich über 330 Krankenhäusern bis 2010 führen werden und 20% aller Krankenhäuser mit einem Merger-und Akquisition-Prozess konfrontieren werden, erfordern vor allem Wirtschaftlichkeit - "und dies setzt auch ein wirtschaftliches Bewusstsein und Denken aller Beteiligten voraus" (S.5). Der Slogan "Unsere Mitarbeiter sind unser größtes Kapital" werde überall propagiert, aber das "Human Capital" werde nicht konsequent gepflegt und gemehrt. Die Folgen eines vernachlässigten Personalmanagements: schwache Bindung an das Unternehmen, hohe Fehlzeiten, niedrige Produktivität. Die Autoren zitieren Studien, wonach "... 84% aller Arbeitnehmer in Deutschland keine echte Verpflichtung ihrer Arbeit gegenüber verspüren" (S.6). Die Gründe: Mitarbeiter füllen Positionen aus, die ihnen nicht liegen, sie wissen nicht, was von ihnen erwartet wird und Vorgesetzte interessieren sich nicht für die Belange und Kompetenzen ihrer Mitarbeiter. Der Krankenstand, ein klassischer Indikator für Mitarbeiterbindung und -zufriedenheit sei besonders hoch im Gesundheitswesen.
Wirtschaftlichkeit, d.h. Kostensenkung bei Sicherung bzw. Steigerung von Qualität ist das Ziel und der Ausgangspunkt für verschiedene Maßnahmen des Personalmanagements, die in unterschiedlichen Facetten in den zwölf Beiträgen beleuchtet werden. Die einzelnen Beiträge "versuchen, an der einen oder anderen Stelle eines dieser Probleme anzugehen und Lösungen hierfür vorzustellen" (S.7).
Die Ausrichtung des Buches entspricht der Ausbildung der Herausgeber: Alle drei sind Betriebswirtschaftler, wobei Etzel und Hahne zusätzlich Psychologen sind.
Aufbau und Inhalt
- Dirk Seeling und Jutta Geringhoff-Seckler zeigen in ihrem Beitrag Vom Verwalter zum Dienstleister - Möglichkeiten und Grenzen der Veränderung durch Managementaudit, Coaching, Qualifizierung und Teamentwicklung, wie Veränderungsprozesse in Organisationen befördert werden können. Restrukturierungsmaßnahmen und Reformen erfordern Veränderungsmanager, d.h. Mitarbeiter und Führungskräfte, die bereit und motiviert sind, Veränderungsprozesse an verantwortlicher Stelle zu gestalten und zu moderieren. Anhand von zwei Praxisbeispielen erläutern die Autoren, durch welche diagnostischen Möglichkeiten das Potenzial der aktuellen und potenziellen Führungskräfte diesbezüglich ermittelt werden kann und wie im Rahmen von Training und Coaching neue Managementqualitäten für neue Schlüsselpositionen und die Teamentwicklung aufgebaut werden können.
- Einen Überblick über Methoden der Managementdiagnostik gibt auch der Beitrag von Rainer Bäcker mit dem Titel: Managementkompetenz für das Gesundheits- und Sozialwesen.
- Peter Borges und Clemens Platzköster bieten ein Konzept für Professionelle Personaleinsatzplanung in Krankenhäusern an. Die Strategien der Optimierung reichen von der Einarbeitung über die Stellenzuweisung und -anpassung bis zur Arbeitszeitgestaltung, wobei die Ziele und die Erfordernisse der Organisation und Abteilungen mit den Bedürfnissen der Mitarbeitenden und den gesetzlichen Rahmenbedingungen in Einklang gebracht werden müssen. Die Autoren regen an, die tatsächliche Arbeitsbelastung (ambulante Kontakte im Tagesverlauf, stationäre Aufnahmen, Operationsaufkommen) empirisch zu erfassen, um die Personalstärke im Tagesverlauf auf das Belastungsprofil ausrichten zu können. Sie stellen dazu die Ergebnisse ihrer Befragung vor und zeigen, wie die Ziele der Geschäftsführung, der medizinisch Verantwortlichen und der Mitarbeitenden adäquat berücksichtigt werden können.
- Reiner Weidmann stellt in seinem Beitrag Über die Provokation von Unternehmensinnovationen: Wie man die Komplexität sozioökonomischer Systeme nutzen und kreative Potenziale zur Entfaltung herausfordern kann Überlegungen an, wie bei der Strategieentwicklung und deren Umsetzung durch Partizipation die Wissens- und Wertebasis verbreitert und Innovation ermöglicht werden können. Der Beitrag enthält neben der Forderung nach diskursiver Entwicklung und Umsetzung von Innovationsprozessen eine Vielzahl von allgemeinen Postulaten und z.T. sehr schlicht anmutenden Fundamentalaussagen wie z.B.: "Wachsendes Unbehagen gegen Innovationen entsteht, wenn es zu einem Missverhältnis kommt zwischen den drei System-Komponenten Aggression, Liebe und Angst." (S.47)
Die Möglichkeiten PC-gestützter Diagnostik werden in folgenden Beiträgen vorgestellt:
- Ulrike Toellner-Bauer und Stefan Etzel stellen in ihrem gut strukturierten Beitrag: 360°-Feedback: Entwicklung von Management im Krankenhaus das Vorgehen und die Vorzüge dieser Methode für die Personalentwicklung und das selbstgesteuerte Lernen von Führungskräften dar. Die Focusperson wird von ihrem beruflichen Umfeld (Vorgesetzten, Kollegen, Mitarbeitern) sowie Kunden nach verschiedenen Verhaltens- und Kompetenzdimensionen beurteilt. Die gleichzeitige Erhebung von Soll- und Ist-Werten gibt Auskunft über die Erwartungen des Umfeldes und zeigt an, wie weit die Person die jeweiligen Erwartungen erfüllt. Die Selbstentwicklung wird durch das Anlegen eines persönlichen Log-Buches unterstützt.
- Dirk Linn stellt in seinem Beitrag Mitarbeiterqualifizierung als Wettbewerbsvorteil eine spezifische Software des Bildungscontrollings vor. Im Rahmen eines HR-Portals können damit verschiedene Maßnahmen der Personalentwicklung geplant und Rückmeldeprozesse organisiert werden.
- Karlheinz Schlawis beschreibt Das Hogrefe Testsystem und seine Einsatzmöglichkeiten im klinischen Alltag bzw. bei der Berufseignungsdiagnostik.
- Udo Voelke und Stefan Wagner entwerfen die aktuellen und zukünftigen Nutzungsmöglichkeiten des E-Recruiting im Personalbeschaffungsprozess. Die online-gestützte Kandidatenansprache -pflege und -auswahl bergen enorme Einsparpotenziale und optimierte Auswahlprozesse.
- Stefan Etzel und Jens Bregas beschäftigen sich in zwei interessanten und gut fundierten Beiträgen mit den Möglichkeiten des Assessment-Centers. Ein AC am PC? verdeutlicht die Einsatz- und Einsparmöglichkeiten des Online-Assessments, das v.a. für die Vorauswahl von Bewerbern nutzbringend eingesetzt werden kann. Die Autoren beschreiben die Gütekriterien und Anforderungen an ein Online-AC und stellen beispielhaft ein speziell zugeschnittenes Online- AC "Fit fürs Management im Krankenhaus" vor.
- Auch im zweiten Beitrag zum Thema Professionelle Organisation und Durchführung von Assessment Centern im Krankenhaus wird ein von den Autoren speziell für die Personalbeurteilung und -auswahl in Krankenhäusern zugeschnittenes AC (AC Komplett "Health & Care") ausführlich vorgestellt. Auch dieses Verfahren wird durch computergestützte Planungs-, Verwaltungs- und Auswertungsprozesse verschlankt und qualitativ verbessert. Leider sind die Abbildungen und Beispielsituationen aus dem PC- gestützten AC in beiden Beiträgen nur mit einer Lupe zu lesen. Das Anliegen der Autoren, qualitativ hochwertige Verfahren zu entwickeln, die gleichzeitig zeit- und kostenökonomisch einzusetzen sind, ist angesichts der vielfach beklagten mangelnden Professionalität von Personalentscheidungen sehr zu begrüßen.
- Der letzte Beitrag von Ulrike Job und Anton Hahne mit dem Titel Kompetenzspektrum der Absolventen der FH im DRK - Informationen für Arbeitgeber beschreibt das angestrebte Kompetenzprofil von Bachelorabsolventen des Studienbereichs "Sozialmanagement" der o.g. FH. Die grundsätzliche Frage, ob die Vorbereitung für eine Leitungstätigkeit im Gesundheits- oder Sozialwesen tatsächlich in einem BA-Studiengang oder doch besser in einem Master-Studiengang geleistet werden kann, wird leider nicht thematisiert. Auch die spannende Frage, wie anspruchsvolle Kompetenzen - z.B. Mitarbeiterführung und -beurteilung, Personal- und Organisationsentwicklung (S. 123)- ohne jegliche Berufserfahrung und Feldkompetenz in einem BA-Studiengang erlernt werden können, wird leider nicht beantwortet.
Diskussion
Die Forderung nach mehr Qualität und Produktivität, nach Kostensenkung und mehr Engagement der Mitarbeitenden sind die Herausforderungen für das Personalmanagement - auch im Gesundheitswesen. Der Anspruch des Buches ist es, "an der einen oder anderen Stelle eines dieser Probleme anzugehen und Lösungen hierfür zu finden" (S.7).
Mit der Zielrichtung der Wirtschaftlichkeit bietet das Buch einige gute Anregungen zum Thema Ökonomisierung und Professionalisierung der Personalarbeit im Gesundheitswesen. Eher wie ein Kaleidoskop, werden verschiedene Facetten der Personalarbeit beleuchtet, eine gründliche und vertiefte Darstellung der einzelnen Aufgabenbereiche wie z.B. Personalentwicklung kann der Leser/die Leserin nicht erwarten. Es ist kein Lehrbuch der Personalarbeit, eher ein Reader, der sehr praxisorientiert ausgerichtet ist und hier und da Ideen liefern kann. Das Buch dient offensichtlich auch Marketing-Zwecken, denn an verschiedenen Stellen wird auf geschützte Methoden oder Software verwiesen und so das mögliche Leistungsangebot der Autoren in ihrer Funktion als Unternehmensberater verdeutlicht.
Das Buch erweckt den Eindruck, dass Zeitökonomie eine wichtige Maxime bei der Herstellung gewesen sein könnte. Die optische Gestaltung lässt zu wünschen übrig, viele Graphiken sind nicht lesbar. Theorie- und Literaturbezüge sind kaum erkennbar. Es gibt zwar einige Verweise auf Autoren in den Fußnoten, allerdings sucht der Leser/die Leserin vergeblich ein Verzeichnis der verwendeten Literatur.
Ökonomie und Qualität sind eben ein immerwährendes Spannungsverhältnis!
Zielgruppe und Fazit
Das Buch eignet sich für Personalverantwortliche im Gesundheitswesen, die bereits über einen breiten Fundus an Wissen und Methoden in der Personalarbeit verfügen. Die meisten Beiträge beziehen sich auf das Personalmanagement in Krankenhäusern, Einrichtungen der Sozialen Arbeit werden nicht fokussiert. Insbesondere zum Thema Diagnostik, d.h. Personal- Potenzialbeurteilung und Eignungsdiagnostik im Rahmen der Personalauswahl und -entwicklung bietet das Buch einige interessante methodische Ideen.
Es handelt sich allerdings nicht um ein Grundlagenlehrbuch, das z.B. im Studienbereich "Sozialmanagement" eingesetzt werden könnte, denn es fehlt eine Systematik der Personalarbeit ebenso wie die Darstellung grundlegender Bezugstheorien sowie die wissenschaftliche Fundierung der Methoden.
Rezensentin
Prof. Dr. Christina Hölzle
Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen,
Lehrgebiete: Beratungspsychologie, Leitung und Personalmanagement
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Zitiervorschlag
Christina Hölzle. Rezension vom 25.06.2007 zu: Stefan Etzel (Hrsg.): Professionelles Personalmanagement [...]. Verlag Die Werkstatt (Göttingen) 2005. 139 Seiten. ISBN 978-3-89533-511-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4235.php, Datum des Zugriffs 04.02.2012.
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