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Jens Kaluza, Gabriele Töpferwein: Sterben begleiten. Zur Praxis der Begleitung Sterbender [..]

Cover Jens Kaluza, Gabriele Töpferwein: Sterben begleiten. Zur Praxis der Begleitung Sterbender durch Ärzte und Pflegende. - Ergebnisse einessozialwissenschaftlichen, empirisch basierten Forschungsprojektes in Sachsen. Trafo Verlag (Berlin) 2006. 420 Seiten. ISBN 978-3-89626-549-4. 39,80 EUR.

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Einführung

Über Tod und Sterben in der modernen Gesellschaft existieren zahlreiche Klischees, etwa die Vorstellung des einsamen Sterbens, des Abschiebens in Krankenhäuser und Pflegeheime, der Unfähigkeit zu psychologischer Betreuung. Im Gegensatz dazu sind empirische Erhebungen noch selten, die zu einem differenzierteren Bild der Realität beitragen. Jens Kaluza und Gabriele Töpferwein legen hier die Ergebnisse einer umfassenden Befragung zur Praxis der Begleitung Sterbender durch Ärzte und Pflegende in Sachsen vor, die in einem mehrstufigen Verfahren von 2000 bis 2004 durchgeführt wurde. Zu dieser Zeit befand sich die Hospizbewegung in Sachsen noch in der Aufbauphase. Dadurch liegt der Akzent stärker auf der Analyse von Krankenhäusern, Pflegeheimen und dem häuslichen Bereich als Sterbeorten, die auch nach der raschen Ausbreitung der Hospizbewegung nicht an Bedeutung verlieren, sondern eher einen anderen Stellenwert erhalten.

Im Mittelpunkt der von zahlreichen Trägerverbänden unterstützten Studie steht die schriftliche und teilweise auch mündliche Befragung von Ärzten und Pflegekräften, die mit Tod und Sterben konfrontiert werden. Es geht vor allem um die Fragen, welchen Stellenwert die Begleitung Sterbender im beruflichen Selbstverständnis einnimmt, welche Anforderungen gestellt werden, wie diese bewältigt werden, ob die Fachkräfte für diese Aufgabe ausreichend qualifiziert sind. Besonders beachtenswert erscheint die eingehende Untersuchung der Kommunikation und Kooperation zwischen allen im Sterbeprozess beteiligten Parteien. Sterbebegleitung wird nicht nur als Aufgabe in Institutionen angesehen, sondern ihre Qualität hängt ebenso von der Zusammenarbeit zwischen den Institutionen ab. Im Hinblick auf Hospizarbeit wurden Bekanntheitsgrad, Einstellungen und bereits vorliegende Erfahrungen ermittelt.

Aufbau und Inhalt

Dank eines klaren theoretischen Rahmenkonzeptes, das auf dem Hintergrund vorliegender Untersuchungsergebnisse und eigener Vorstudien entwickelt wurde, wird die Datenfülle übersichtlich präsentiert und zu praxisrelevanten Analysen verarbeitet. Im Mittelpunkt stehen die institutionellen Rahmenbedingungen des Sterbens. Krankenhaus, Pflegeheim und der häusliche Bereich werden als die häufigsten Sterbeorte untersucht. Der Sterbeort "eigenes Heim" wird weiter unterteilt in die Aufgabenbereiche von Hausärzten und ambulanter Pflege.

Anhand der Entwicklung des zurückliegenden Jahrzehntes und der  aktuellen Daten wird davon ausgegangen, dass auch in naher Zukunft ca. 60 bis 70 v.H. in Krankenhäusern (ca. 50 %) und Pflegeheimen ( ca. 13 %) sterben, während der Anteil der Privatwohnung (ca. 34 %) als Sterbeort sich nur unwesentlich verändern dürfte. Der Anteil der von Hospiz- und Palliativdiensten versorgten Sterbenden nehme zwar zu, ersetze jedoch die traditionellen Sterbeorte nicht. Es gehe darum, die realen Sterbebedingungen in den einzelnen Institutionen zu erforschen und Möglichkeiten zur Überwindung der Diskrepanzen zum Ziel eines humaneren Sterbens in den jeweiligen Institutionen zu entwickeln, anstelle einem idealen Sterbeort den Vorzug einzuräumen. Die Autoren sind der nicht Meinung, "dass Professionelle die Angehörigen in diesem Prozess generell und ausschließlich ersetzen sollen. Unser Forschungsansatz beruht … nicht auf der Präferenz eines Sterbeortes, der ad hoc, weil sozial auch erwünscht, als der bessere gilt." (S. 29) Es wird jedoch davon ausgegangen, dass unterschiedliche Berufsgruppen an allen Sterbeorten begleitend tätig sind. Als zentrale Berufsgruppen werden Ärzte, Pflegekräfte und Pflegedienstleiter herausgegriffen. Da Sterben als integrative Aufgabe definiert wird, wird auch die kommunikative Vernetzung der Institutionen und Professionen untersucht, insbesondere Probleme der Kooperation zwischen Hausärzten, Klinikärzten und Pflegekräften.

Auf diesem konzeptionellen Hintergrund werden die flächendeckenden Erhebungen im Bundesland Sachsen durchgeführt. Als zusätzliche Variable werden die Unterschiede nach Großstädten und ländlichen Regionen sowie nach Trägerschaft herangezogen. Im Hinblick auf die einzelnen Institutionen wird die Praxis der Sterbebegleitung ermittelt, insbesondere der Stellenwert der Sterbebegleitung, die Behandlung Sterbender, der Umgang mit Verstorbenen sowie die Schmerzbehandlung. Die Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen, der Einsatz hospizlicher Angebote sowie die Kommunikation mit Angehörigen werden als Elemente der Vernetzung herausgegriffen. Der persönliche Umgang mit dem Sterben, die Belastungssituation sowie Fragen der Aus- und Weiterbildung schließen sich an. Die erhobenen Daten werden in quantifizierter Form als Tabellen und Grafiken übersichtlich präsentiert und durch aussagekräftige Interviewäußerungen ergänzt. Die Ergebnisse werden mit den Rahmenbedingungen der Kranken- und Pflegeversicherung verknüpft, woraus bedeutsame strukturelle Defizite im Umgang mit Tod und Sterben abgeleitet werden, insbesondere wird unterstrichen, dass von Praktikern im Sinn des humanen Sterbens erbrachte Leistungen nach den Leistungskatalogen der Versicherungen nicht angemessen abgerechnet werden können.

Diskussion - Einschätzung

Im Mittelpunkt stehen die umfangreichen, flächendeckenden Befragungen in Sachsen. Der empirische Teil ist jedoch theoretisch und praktisch in viele Richtungen vernetzt. Befragungen an sich unterliegen als Einstellungsmessungen verschiedenen Verzerrungstendenzen, die hier jedoch durch die Vergleiche unterschiedlicher Aussagen, etwa zwischen Ärzten, Pflegeleitungen und Pflegern, aufgewogen werden. So geben etwa die Vergleiche der Diskrepanzen in den Selbst- und Fremdeinschätzungen der erfassten Professionen einen Blick auf Probleme der Kommunikation frei, welche die Sterbebegleitung belasten. Beachtung verdient m.E. vor allem, dass an den Stellen, wo trotz widriger struktureller Bedingungen eine kooperative Vernetzung der Dienste mit Sterbenden und Angehörigen gelingt, das Ziel des menschlichen Sterbens noch am ehesten erreicht wird. Hier verdienen die ermittelten Unterschiede zwischen Großstädten und ländlichen Regionen sowie zwischen verschiedenen Trägerstrukturen Beachtung. Der aus den Ergebnissen abgeleitete Handlungsbedarf für die einzelnen Personen, die Ausrichtung der Professionen und der institutionellen Rahmenbedingungen kann in die Zukunft gerichtete Planungen positiv beeinflussen.

Fazit

Die Studie kann selbst als gelungenes Beispiel einer Vernetzung bereits vorliegender Konzepte und Erfahrungen mit empirischer Erhebung und der Ableitung praxisrelevanter Konsequenzen bezeichnet werden. Sie vermittelt einen tiefen Einblick in die gegenwärtige Realität des Sterbens, der sicher über das Bundesland Sachsen hinaus Gültigkeit besitzen dürfte. Der nicht durch eine Ideologie eingeengte Blick ermöglicht den differenzierten Zugang zu einer Wirklichkeit, in der einerseits gute humanitäre Ansätze und über professionelles Denken hinaus weisendes Engagement deutlich wird. Um diese erfreulichen Beispiele zu unterstützen, scheint es umso bedeutsamer, die praktisch abgeleiteten Forderungen ernsthaft zu diskutieren, in schlüssige professionelle Handlungskonzepte umzusetzen und überfällige gesundheitspolitische Strukturveränderungen zu initiieren. Aus diesem Grund ist der Arbeit zu wünschen, dass sie von den angesprochenen Fachleuten, aber auch von Politikern sorgfältig studiert und bei Veränderungsansätzen beherzigt wird!


Rezensent
Prof. Dr. Hans Goldbrunner


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Zitiervorschlag
Hans Goldbrunner. Rezension vom 11.01.2007 zu: Jens Kaluza, Gabriele Töpferwein: Sterben begleiten. Zur Praxis der Begleitung Sterbender [..]. Trafo Verlag (Berlin) 2006. 420 Seiten. ISBN 978-3-89626-549-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4248.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


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