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Stanley H. Ducharme, Kethleen M. Gill: Sexualität bei Querschnittlähmung

Stanley H. Ducharme, Kethleen M. Gill: Sexualität bei Querschnittlähmung. Antworten auf Ihre Fragen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006. 148 Seiten. ISBN 978-3-456-83933-2. 24,95 EUR, CH: 39,90 sFr.

Einführung

Kalten Kaffee bekommen wir hier frisch aus den USA serviert, der heiße Ohren macht und den deutschsprachigen Blick zu Boden sinken lässt. Denn dieses Buch ist bereits 1997 unter dem Originaltitel "Sexuality After Spinal Cord Injury: Answers to Your QuestionsÓ erschienen. Aktuell ist es von Veronika Geng zu einer deutschsprachigen Ausgabe bearbeitet worden und bietet brandneue Texte zu einem offenbar immer noch heißen Eisen hierzulande: Sexualität und Behinderung, speziell Querschnittlähmung.

Kalter Kaffe, an dem sich die deutschsprachigen Experten bisher die Finger zu verbrennen fürchteten. In den fast 10 Jahren seit Erstveröffentlichung ist es der hiesigen Interessenvertretung Querschnittgelähmter nicht gelungen, etwas Vergleichbares zu kreieren.

Schon in den neunziger Jahren haben in den USA nichtbehinderte Fachleute und behinderte Expertinnen und Experten in eigener Sache zusammengearbeitet, um einen Katalog mit den fürchterlichsten, weil Furcht erregenden  Fragen zu beantworten und dann zu veröffentlichen. Antworten, die besonders von frisch verletzten Querschnittgelähmten peinlich vermieden und schmerzhaft gesucht werden.

Finanziell unterstützt wurde diese Arbeit von den "Paralyzed Veterans of America", einem Verband von querschnittgelähmten Kriegsveteranen. Kurz nach dem zweiten Weltkrieg gegründet erhielt dieser Verband mit jedem Kriegszug der USA einen Schub neuer Mitglieder. Aber erst die aus Vietnam querschnittgelähmt zurückgekehrten Veteranen drängten der amerikanischen Öffentlichkeit auch das Thema ihrer angeschossenen Sexualität auf. Unvergessen ist dabei der Kino-Klassiker "Coming home"  von 1977 (3 Oscars). Der Vietnam-Krieg endete 1975. Aktuell (Irak) stellt sich der Verband auf viele neue Mitglieder ein. Möge das vorliegende Frage-und-Antwort-Werk ihnen gute Dienste leisten.

Im deutschsprachigen Raum kommen jedes Jahr über 2000 neue Querschnittgelähmte von den Schlachtfeldern des Straßenverkehrs, aber auch aus den beschaulicheren Kindergärten, Turnhallen, Arbeitsstätten oder von den Ufern der Baggerseen. Sie alle erleben den Identitäts-Super-Gau, der zumeist mit katastrophalen Verlusten im Bereich der körperlichen Mobilität und der sensorischen, sinnlichen Wahrnehmung verbunden ist. Zum Ansturm der vielen neuen Probleme  gehört dann eines, das der Seele das Genick zu brechen droht: Sexualität.

Da liegen sie im Unfallkrankenhaus, krampfhaft ihre Arme verschränkt, dass die Hände nicht den Bereich berühren können, in dem sie nichts mehr spüren. Alle Verdrängungspotentiale werden in Stellung gebracht und leisten Schwerstarbeit. In dieser Situation bringt ihnen, nehmen wir mal an, ein guter Mensch ein kleines Büchlein mit: Das hier besagte. Allein sein leuchtend roter Umschlag ist eine Provokation: Sexualität bei Querschnittlähmung. Mit einem gequälten Dank landet das Buch in der hintersten Ecke des  Krankenschränkchens. Von da, so wünscht es sich der Rezensent, geht seine Anziehungskraft aus. Nach und nach ist der Frischverletzte wieder soweit in seinem Leben gesichert, dass er oder sie Fragen zur Sexualität aushalten kann. Und dann eines stillen Tages, ganz vorsichtig, kommen sie zusammen, die heimlichen Fragen des Rehabilitanden, die sich unter den Fragen des Ratgebers befinden und die passenden Antworten. Dann ist die wichtigste Arbeit des Büchleins getan.

Aufbau und Inhalt

Zunächst beschreiben die Autoren das Wissen zu den Grundlagen: Allgemeines zur Querschnittlähmung. Das Wichtigste zur männlichen und zur weiblichen Sexualität und zur jeweiligen sexuellen Gesundheit. Basiswissen zu den Phasen sexueller Erregung. Zumeist Wissen aus dem Biologieunterricht zurzeit der Sexualaufklärung oder Unfallprävention. Doch in der Identitätskrise nach dem Querschnittunfall sicher eine hilfreiche Auffrischung. Danach beginnt der 178fache Rhythmus von Frage und Antwort zu den Bereichen:

  • Rehabilitation und Integration, 17 Fragen, Beispiel: Werde ich mit der Zeit wieder die gleiche sexuelle Funktionsfähigkeit wie vor meiner Verletzung erreichen?
  • Emotionale und soziale Ängste, 52 Fragen, Beispiel: Wann soll ich einem neuen Partner von meiner Verletzung erzählen?
  • Körperliche Aspekte, 69 Fragen, Beispiel: Werde ich je wieder einen Orgasmus haben?
  • Fruchtbarkeit, weibliche Hygiene und Elternschaft, 28 Fragen, Beispiel: Kann ich immer noch Kinder bekommen?
  • Sexuell übertragbare Krankheiten und zukünftige Forschung, 12 Fragen, Beispiel: Kann ich durch oralen Sex AIDS bekommen?

Diesem Frage-Antwort-Hauptteil folgt ein Glossar mit den Erklärungen zu den  wichtigsten Fachbegriffen. In einem weiteren Anhang sind Informationen aufgeführt zu Spezialeinrichtungen im deutschsprachigen Bereich, zu Zentren und Kliniken zur Betreuung von Querschnittgelähmten. Es sind einige Internetadressen von Fach- und Selbsthilfeorganisationen für Querschnittgelähmte aufgelistet und danach weiterführende Literatur und Videos. Den Abschluss bildet ein Sachwortverzeichnis.

Diskussion

Seine Sternstunden wird das Buch tatsächlich zusammen mit frisch verletzten querschnittgelähmten Männern und Frauen haben. Es bietet auf eine Fülle von Fragen, erste Antworten, erste Orientierungen, Türöffnungen. Dabei weiß es um die Verletzlichkeit der Kommunikation und wie schnell es wieder in die Verdrängung gejagt werden kann. Ganz vorsichtig! "Jede Verwirrung ist normal", sagt es immer wieder, "Es ist in Ordnung, depressiv zu sein", "Du kannst es schaffen", "Viele haben es schon geschafft". Behutsam ist es. Es sagt nicht die Wahrheiten, die der frisch verletzt Suchende noch nicht glauben kann. Es sagt nicht: "Du hast jetzt die Chance, dein Leben durch diese Krise ganz neu aufzubauen. Du hast jetzt die Chance, deine Sexualität endlich, endlich intensiv zu hinterfragen, weil du es musst. Deine Sexualität, die bisher auch niemals nur perfekt war, wie du es jetzt glaubst. Sie muss anders werden, aber sie kann wirklich göttlich und überirdisch werden. Ganz neu und intensiv. Mit Verlusten ja. Aber auch mit jeder Menge neuer lustvoller Entdeckungen.".

Nun gut, aber es sagt Wahrheiten genug. Das Buch bleibt dabei leider an der Vorherrschaft der Genitalien orientiert. Doch dem Querschnittgelähmten hilft besonders, wenn er hören und glauben kann, dass das wichtigste Sexualorgan die Haut ist, von der ihm viel geblieben ist. Dass Sexualität im Kern nicht der Koitus ist, sondern im Kern viele erotische Geschichten, zu denen der Koitus gehören kann, mehr oder weniger wichtig.

Aber das Buch kann ja nur ein Türöffner sein. Die Antworten haben zumeist eine Drittelseite Raum oder eine halbe Seite, mehr nicht. Ganz oft müssen die Antworten auf medizinische Fachleute weiter verweisen, auf Peer Counselor oder andere Beratende. Die so wichtige Frage etwa, ob denn Masturbation normal sei, wird mit 6 Sätzen beantwortet. Dass sich aber ein querschnittgelähmter Mensch noch masturbieren kann, obwohl er oder sie das eigene Genital nicht mehr spürt wie vor dem Unfall, diese Nachricht beinhaltet die Antwort nicht. Weil die Beschreibung dieser neuen Sichtweise zur Masturbation viel mehr Worte braucht.

Mit wenigen Ausnahmen gibt das Buch den neuesten Stand der liberalen Auffassung der Rehabilitations- und Sexualwissenschaft wieder und den Stand liberaler Auffassung zur Sexualität überhaupt. Es gibt keine Tabus. Erlaubt ist, was niemand anderem schadet.

Mit wenigen Ausnahmen: Völlig veraltet ist etwa die Antwort auf die Frage: "Was ist ein Körperkontaktservice?". Das hat aber vermutlich damit zu tun, dass sich die Herausgeberin Veronika Geng bei der deutschsprachigen Bearbeitung wenig Mühe gegeben hat. Sie hat die moderne Entwicklung in Deutschland und in der Schweiz zur Sexualbegleitung nicht recherchiert. Die deutschsprachige Bearbeitung ist der Schwachpunkt des Buches. Obwohl der amerikanische Originaltext etwa das dortige "Independent-Living-Movement" mehrfach lobt, werden seine Schwesterorganisationen in Deutschland, die Zentren für selbstbestimmtes Leben, nicht einmal im Adressenanhang erwähnt.

Kritisierbar ist auch die an manchen Stellen zu starke Betonung ärztlicher Kompetenz. Beispiel: Die Vibratorstimulation, die bei der Zeugung hilfreich ist, kann nach einer ärztlichen Untersuchung im Weiteren auch ganz entspannt zuhause allein durchgeführt werden - ohne "medizinische Kontrolle".

In anderen Aspekten ist das Buch erstaunlich up to date. Etwa wenn beschrieben wird, dass auch nichtbehinderte Männer zu widerlegen beginnen, sie hätten im Gegensatz zu Frauen nur eine Art von Orgasmus. Frauen haben in ihrer sexuellen Emanzipation immer wieder ihre unterschiedlichen Orgasmen beschrieben. Das meint nicht nur den Unterschied zwischen vaginalem und klitoralem  Orgasmus. Frauen werden - und das wird nicht mehr bezweifelt - in ihren Liebeserlebnissen zuweilen mit mehreren Orgasmen beglückt. Männer, so wird stur und blöd behauptet, hätten nur einen Orgasmus, der - sofern es ein richtiger Orgasmus ist - begleitet wird von der Ejakulation. Dann bräuchten sie eine Pause und hätten dann vielleicht noch einen Orgasmus der gleichen Art. Die sexuelle Emanzipation von Männern allgemein beginnt erst jetzt. Männer beschreiben, dass auch sie vor dem ejakulierenden Orgasmus weitere Höhepunkte haben. Das sind die Orgasmen, die auch querschnittgelähmte Männer beschreiben. Momente von hohem Körpergenuss mit wohltuender Entspannung, selbst mit schlaffem Penis und selbstverständlich ohne Ejakulation.

Das Buch reißt diese für querschnittgelähmte Männer wichtige Emanzipationsentwicklung zumindest an. Aber das ist eben sein Charakter. Es soll Türöffner sein zu einem neuen Leben, das nach einer Zeit tiefer Verzweiflung und notwendiger Depression viele ganz wichtige Höhepunkte bereithält. Höhepunkte, die mit Anstrengung zwar, aber immerhin erreicht werden können. Höhepunkte auch ganz unerotischer, nicht sexueller Art\. Für Vertiefungen müssen andere (Bücher) sorgen und Vertiefungen sind gerade in der schwierigen ersten Zeit nach dem Unfall auch noch gar nicht angesagt, noch gar nicht nachfragbar.

Fazit

Das Buch bietet eine überaus wichtige Hilfe für Querschnittgelähmte, für ihr soziales Umfeld und für professionelle HelferInnen, die beginnen nachzufragen. Es gehört zu den wenigen Büchern, die besser ganz ohne große Dankes-Erwartungen, wie nebenbei, verschenkt werden sollten. Ein Buch, das - um gelesen zu werden - seine Zeit abwarten muss. Die Zeit kommt für jeden Querschnittgelähmten, der wieder beginnt, sich dem Leben zuzuwenden und vor allem der Lust.


Rezensent
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Berlin und Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 22.01.2007 zu: Stanley H. Ducharme, Kethleen M. Gill: Sexualität bei Querschnittlähmung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006. 148 Seiten. ISBN 978-3-456-83933-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4330.php, Datum des Zugriffs 06.09.2010.


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