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Konad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung

Cover Konad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. Zsolnay (Wien) 2006. 174 Seiten. ISBN 978-3-552-05382-3. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Autor und Thema

Der Wiener Philosoph Liessmann ist Hochschullehrer. Und aus dieser Situation, aus diesem "gesellschaftlichen Sein" heraus, hat er ein Büchlein verfasst, welches sich als eine lebhafte Streitschrift entpuppt. Geplagt von "Reformen", von "Verschlankung" und "Umbau", von "Effizienz" und "Effektivität", von "Ranking" und "Evaluation" ist ihm etwas ganz Menschliches geschehen: der Kragen ist ihm geplatzt.

Als deutschsprachigem Philosoph kann ihm das "Kragen platzen" nicht ohne entsprechenden Rekurs vonstatten gehen: Der Titel seiner Schrift verweist auf Adornos "Theorie der Halbbildung" aus dem Jahr 1959 und damit legt Liessmann die Meßlatte selbst auf - und legt sie hoch.

Inhalt

Ähnlich dem Räsonieren Adornos über die "Bildungskatastrophe", räsoniert auch Liessmann über die Widersinnigkeiten der deutschen und österreichischen Hochschul- und Bildungspolitik. Und im Gegensatz zu Adorno muss er sich 2006 kritisch mit Begrifflichkeiten und Inhalten auseinandersetzen, die es im Jahr 1959 schlichtweg noch nicht gab. Diese Arbeit leistet er in guter deutscher und europäischer Wissenschaftstradition und so dekonstruiert er die Newspeak Begriffe wie "Wissengesellschaft", "lifelong learning" und "Faktor Bildung" als schlichten Ausdruck eines Prozesses, der Hochschulen in Unternehmen verwandeln will und dies bereits vollzieht. Es vollzieht sich "die Unterwerfung des Wissens unter die Parameter einer kapitalistischen Ökonomie, die nur dort dem Wissen gegenüber freundlich agieren wird, wo dieses entweder unmittelbar verwertet werden kann oder zumindest kostenneutral nicht weiter stört"(48). "Kommodifizierung" heißt dieser Prozess bei Marx und bei Adorno lesen wir dazu, dass nur "die warenhaft verdinglichten Sachgehalte von Bildung auf Kosten ihres Wahrheitsgehaltes überdauern" (Theodor Adorno. Theorie der Halbbildung. Frankfurt 1959. S.103).

Dass unter diesen "Bedingungen das Wissen selbst entmündigt wird"(49), ist dann Liessmann Folgerung aus dieser dekonstruktivistischen und materialistischen Analyse. An dieser Stelle gewinnt die Streitschrift eine substantielle, analytische Einsicht und damit ihre eigentliche Qualität: Wenn wir Wissen und Wissenschaft - hier verstanden als institutionellen Zweifel - ihrer Grundlage berauben; ihnen also im Prozess der "Kommodifizierung" die Möglichkeit ihrer zweckfreien Existenz rauben, dann wird die Produktion von Wissen, dann wird zweckfreie Erkenntnis unmöglich. Wissenschaft als Produktivkraft - um hier einmal den Marxschen Begriff zu verwenden - wird damit radikal verunmöglicht und verliert ihren Charakter als Triebfeder gesellschaftlichen Fortschritts.

Was uns also Konrad Liessmann in seiner streitbaren Analyse offen legt, ist nicht mehr und nicht weniger als die Tatsache, als dass der fortschreitende Kapitalismus, indem er alles (und damit auch die Produktion von Wissen) in die Form der Ware zwingt, sich seiner eigenen Grundlagen beraubt.

Diskussion

Doch was ist die Alternative? Wo ist das neue oder auch alte alternative Bezugssystem. Was kann einem solchen "kommodifizierten" Wissensbegriff entgegen gehalten werden? Obwohl der skizzierte Zustand nicht als "Halbbildung", sondern als "Unbildung" gekennzeichnet wird, wird zum alleinigen Referenzsystem bei Liessmann die Bildung. Im historischen Rückblick idealisiert er - dies aber im Unterschied zu Adorno - einen Bildungsbegriff, der angeblich selbst "ein Moment von Freiheit gegenüber den Diktaten des Zeitgeistes gewährt"(53) und definiert Bildungsreformer als Individuen, die ein "Haß auf die traditionelle Idee von Bildung"(52) eint. Dass dem deutschen Bildungsbürger auf dem Weg von Weimar nach Buchenwald seine "Bildung" abhanden gekommen ist, dass sie ihn keinesfalls vor dem Rückfall in die tiefste Barbarei schützte; diese Einsicht bleibt hier unberücksichtigt. Ebenso bleibt die Definition des bildungshassenden Bildungsreformers merkwürdig unhistorisch. Ist der Reformer Humboldt wirklich durch einen "Haß auf die traditionelle Idee von Bildung" zu beschreiben; ist nicht vielmehr genau das Gegenteil angemessen?

Seltsam blutleer wird Liessmanns analytisches Instrument auf diesen Seiten, dort wo er der Unbildung die Bildung entgegensetzt. Wenig lesen wir über die Funktion von Bildung im aufstrebenden Kapitalismus, über die Eigenarten des Bildungsbürgers als Träger der Bildung und über die deutschen Besonderheiten. Eine Besonderheit wie jene, bei der aus der Bildung heraus dem europäischen Begriff der Zivilisation eine deutsche Kultur entgegen gesetzt wird. Als hätte es die Mannschen "Betrachtungen einen Unpolitischen" nie gegeben. "Nicht darf an die Wunde gerührt werden, dass Bildung allein die vernünftige Gesellschaft nicht garantiert" (Theodor Adorno. Theorie der Halbbildung. Frankfurt 1959. S.98). Adorno  beschreibt vor fast 50 Jahren präzise diese dialektische Verknüpfung, hinter die Liessmann Analyse zurück fällt.

Dieses "Zurückfallen" des Autors ist seiner Analyse geschuldet, einer Analyse, die bei näherer Betrachtung erschreckend "deutsch" ist. Er verweigert sich der Einsicht in die politischen Zusammenhänge, in denen "die Bildung" in Deutschland immer schon verankert war und entsprechend be- und genutzt wurde. Thomas Mann beschreibt diese Verknüpfung in seiner typisch luziden Art wie folgt: "Der tiefste Widerstand..., dem der republikanische Gedanke in Deutschland begegnet, beruht darauf, dass der deutsche Bürger und Mensch das politische Element niemals in seinen Bildungsbegriff aufgenommen hat" (Thomas Mann. 2005. Briefe XI, 855. Frankfurt). Dieser politischen Einordnung der deutschen Bildung, der wir in der "Theorie der Halbbildung" auf fast jeder Seite begegnen, verweigert sich Liessmann - und aus diesem Grund bleibt sein Bildungsbegriff als alternativer Entwurf zur aktuellen "Kommodifizierung" blutleer und ohne Überzeugungskraft. So kann auch seinen im letzten Teils des Büchleins aufgeführten analytischen Skizzen der "Ranglisten", "Rankings" und fragwürdigen Bewertungen nur zugestimmt werden; aber wie nähern wir uns denn fachlich und sachlich angemessen der Frage der Qualität in Lehre und Forschung? Kann den neuen Bedingungen in der "Fabrikation vor Erkenntnis" nur der Bildungsbegriff des 19ten Jahrhunderts entgegengesetzt werden oder gehört zu einer "Theorie der neuen Bildung" nicht mehr, viel mehr? Ist es wirklich zureichend, den Prozess der Produktion von Wissen als einen Prozess in "Freiheit und Einsamkeit" zu beschreiben, indem Lehrer und Schüler nur für die Wissenschaft da seien, während die Realität der naturwissenschaftlichen Großforschung längst eine andere ist?

So durchzieht ein pessimistisches Räsonnieren den gesamten Text, ein Räsonnieren welches an der einen oder anderen Seite zu einer fragwürdigen Ignoranz gegenüber neuen Techniken in der Produktion von Wissen führt (152 ff.). Jenseits aller erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisse über Vermittlung und Rezeption, über Visualisierung und Textualisierung wird eben jener Visualisierung eine unangemessene und unsachliche, wenn auch emotional nachvollziehbare Abfuhr erteilt. Es fehlt nur noch die Diagnose, dass den so vermittelnden visuellen Dingen und Einsichten die "Aura" fehle; eine "Aura", die dem "Text" quasi per Geburt innewohne.

Fazit

Im Ende der Lektüre bleiben Leserin und Leser mit einem Gefühl der Schalheit zurück. Teilt man noch die Analyse der real existierenden Verhältnisse, so steht man der tiefer greifenden Ursachenforschung und den behaupteten Zusammenhänger eher etwas verlassen und ratlos gegenüber. Und nahe am Zweifel lässt einen zuletzt die Gesamtschau des Textes. Aber diese Fragen zu stellen, Irrwege zu gehen, zu zweifeln und nicht zu verzweifeln - trotz und gerade einer traurigen Bildungs-Wirklichkeit; das macht Liessmanns Buch zu einer wichtigen Lektüre in dieser unserer Zeit.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Münch
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Fach Verwaltung und Organisation
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Zitiervorschlag
Thomas Münch. Rezension vom 12.12.2006 zu: Konad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. Zsolnay (Wien) 2006. ISBN 978-3-552-05382-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4346.php, Datum des Zugriffs 26.06.2016.


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