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Bernd Maelicke: Innovation und Management in der Sozialwirtschaft

Cover Bernd Maelicke: Innovation und Management in der Sozialwirtschaft. Luchterhand Verlag (München) 2006. 266 Seiten. 48,00 EUR.

ISSN 1860-7047, Ringbuchformat.


Thema

In den letzten 15 Jahren haben zahlreiche Veränderungen der sozial- und finanzpolitischen Rahmenbedingungen zu einen tief greifenden und umfassenden Wandel in der Sozialwirtschaft geführt. Die zunehmende Einführung marktwirtschaftlicher Elemente stellt Führungskräfte vor große Herausforderungen. In ihrer Verantwortung liegt es, ob soziale Dienste und Einrichtungen unter den erschwerten wirtschaftlichen Bedingungen weiter existieren können und die zahlreichen Arbeitsplätze im Sozial- und Gesundheitsbereich erhalten bleiben. Die aktive "Gestaltung des Wandels" erfordert professionelle Managerinnen und Manager, die Kompetenzen auf drei unterschiedlichen Ebenen besitzen sollten:

  • fachliche Kompetenz (Sozial- und Gesundheitswissenschaften)
  • Managementkompetenz zur Führung von Menschen in Organisationen
  • betriebs- und volkswirtschaftliches Grundlagenwissen.

Führungskräfte in diesem Sinne auszubilden bzw. zu qualifizieren, ist die große und wichtige Aufgabe des "Sozialmanagements". Die Fachdisziplin Sozialmanagement ist entstanden als Reaktion auf die beschriebenen Veränderungen in der Praxis. In enger Kooperation zwischen Theorie und Praxis werden Managementsysteme und betriebswirtschaftliche Instrumente aus dem Wirtschaftsbereich auf die sozialwirtschaftliche Realität angepasst. Diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Das vorliegende Grundlagenwerk dokumentiert den aktuelle Stand dieses "Work in Progress".

Aufbau

Das Buch gliedert sich in 11 Kapitel (plus Anhang) und orientiert sich damit an der gängigen Modulstruktur der Masterstudiengänge im Sozialmanagement.

  • Kapitel 1: Innovation und Management in der Sozialwirtschaft - Den Wandel gestalten (Maelicke)
  • Kapitel 2: Sozialpolitische Rahmenbedingungen (Sell)
  • Kapitel 3: Unternehmensphilosophie, Leitbild, Corporate Design (Tietze)
  • Kapitel 4: Organisationsmodelle (Wetendorf)
  • Kapitel 5: Zukunftsorientiertes Personalmanagement (Fehlau)
  • Kapitel 6: Führung und Zusammenarbeit (Maelicke)
  • Kapitel 7: Finanzierungsmanagement (Horcher)
  • Kapitel 8: Qualitätsmanagement (Wehaus)
  • Kapitel 9: Sozialmarketing (Knüpp)
  • Kapitel 10: Veränderungsmanagement (Strunk)
  • Kapitel 11: Controlling (Maelicke)

Zu den Kapiteln 1 und 2

Kapitel 1 und 2 analysieren die strukturellen Ursachen des tiefgehenden Wandels in der Sozialwirtschaft seit den 1990er Jahren (Veränderung der sozial- und finanzpolitischen Rahmenbedingungen, Einführung von marktwirtschaftlichen Elementen durch New Public Management, Zunahme privater Anbieter, Anforderung der Kostenträger zur Entwicklung fachlicher und betriebswirtschaftlicher Standards als Nachweis der Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Leistungsangebote).

Maelicke betont, dass die bisherige Abgrenzung der sozialen Dienste und Einrichtungen von den gesamtvolkswirtschaftlichen Entwicklungen nicht länger aufrechterhalten werden kann. Es gibt keinen "Sonderweg Sozialmanagement" mehr, dafür haben sich die Anforderungen an das Management von Profit- und Non-Profit-Organisationen zu sehr angeglichen (interessanterweise von beiden Seiten).

Management in der Sozialwirtschaft bedeutet, die Aufgaben des Managements (Ziele setzen, planen, entscheiden, realisieren, kontrollieren) auf die spezifische Situation der Sozialwirtschaft zu übertragen und weiterzuentwickeln. Grundlage für den gelingenden Transfer ist eine konkrete Analyse der Entwicklungen auf dem "Markt der sozialen Dienstleistungen". Auf dieser Basis werden die Instrumente aus Management und Betriebswirtschaft an die jeweilige Aufgabenstellung angepasst.

Zu den Kapiteln 3 bis 11

Die Kapitel 3 bis 11 des Buches behandeln wichtige Aufgabenfelder des Managements. Alle Beiträge zeichnen sich durch ihren hohen Praxisbezug aus. Die Autoren geben komprimiert und fundiert den aktuellen Erkenntnisstand der Praxis wieder. Im Anhang finden sich Fallbeispiele zu Leitbildprozessen, sowie zahlreiche hilfreiche Checklisten und Kalkulationsvorlagen.

Diese Zusammenführung der aktuellen Wissensbestände im Bereich Management in der Sozialwirtschaft ermöglicht interessante Einblicke in den "Entstehungsprozess" dieser speziellen Managementlehre. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich bei den Konzepten unterschiedliche "Reifegrade" des Praxistransfers. In den Themenfelder, in denen die größten Übereinstimmungen zwischen Wirtschaft und Sozialwirtschaft zu finden sind (Organisation, Personalmanagement, Führung und Zusammenarbeit) liegen die "ausgereiftesten" und praxistauglichsten Konzepte vor. Hier kann weitestgehend auf die umfangreiche Fachliteratur der (betriebswirtschaflichen) Managementlehre zurückgegriffen werden. Bei den Kapiteln zu Leitbildentwicklung, Qualitätsmanagement und Sozialmarketing wird deutlich, dass diese Aufgabenbereiche schon seit vielen Jahren zum "Alltagsgeschäft" von sozialen Einrichtungen und Diensten gehören. Hier verfügt die Sozialwirtschaft in der Zwischenzeit über ein umfangreiches und eigenständiges Erfahrungswissen.

In den "harten BWL-Fächern" wie Finanzierung und Controlling fehlt es m.E. noch an der notwendigen Differenzierung zwischen großen und kleinen Anbietern. Das Finanzmanagement für große stationäre Einrichtungen unterscheidet sich sicherlich kaum noch von dem der Wirtschaftsunternehmen. Kleinere Einrichtungen und Projekte benötigen dagegen zu allererst Grundlagenwissen in Kostenrechnung, Rechnungswesen, Steuer- und Vereinsrecht usw. Zu berücksichtigen ist auch, dass in den Wohlfahrtsverbänden gerade die Umstellung von Kameralistik auf "Doppik" läuft. Auch Controlling-Konzepte wie Balanced Scorecard, Benchmarking, Risikomanagement finden sich deutlich häufiger in großen Einrichtungen. Für kleinere Organisationen ist der Implementierungsprozess für diese Instrumente meistens zu aufwändig. Hier besteht m.E. noch ein großer Entwicklungsbedarf an passgenauen und einfachen anwendbaren Modellen.

Im Bereich Innovationsmanagement liegen für die Sozialwirtschaft bisher kaum eigene Erfahrungswerte vor. Auch in dem vorliegenden Buch finden sich darüber leider nur wenige Hinweise, obwohl es als wichtige zukünftige Aufgabenstellung sogar im Buchtitel aufgeführt wird. In der Wirtschaft wird Innovation (Produkt und Prozessinnovation) zunehmend in Zusammenhang mit Organisationsentwicklung gebracht. Die Dynamik der Märkte zwingt Wirtschaftsunternehmen dazu, ihre Produkte ständig zu aktualisieren und an die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Dafür braucht es eine entsprechende Unternehmenskultur (z.B. über Anreizsysteme) und die passenden Organisationsstrukturen. Veränderungsmanagement in der Sozialwirtschaft konzentriert sich dagegen traditionellerweise in erster Linie auf die internen Beziehungs- und Machtstrukturen, Wertschöpfungsprozesse, Marktentwicklungen und strategische Planung bleiben weitestgehend unberücksichtigt. Wesentlich wäre in diesem Kontext auch eine intensive Auseinandersetzung mit den Verbandsstrukturen der freien Wohlfahrtspflege, die insgesamt wohl eher als "strukturkonservativ" und damit wenig innovationsfreundlich einzuschätzen sind.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich in erster Linie an Absolventinnen und Absolventen von Masterstudiengängen in Sozialmanagement und damit an die Führungskräfte in der Sozialwirtschaft. Es eignet sich jedoch auch sehr gut für interessierte Studierenden in den grundständigen Studiengängen, die sich einen fundierten Einblick in die Praxis des Sozialmanagements verschaffen wollen.

Diskussion

Das vorliegende Buch bietet eine fundierte Zusammenfassung der aktuellen Wissensbestände im Bereich Management in der Sozialwirtschaft. Es ist praxisorientiert, übersichtlich strukturiert und gut lesbar.

Wie weiter oben ausgeführt, dokumentiert es auf interessante Weise den Entstehungsprozess einer neuen wissenschaftlichen Fachdisziplin, ohne diesen jedoch zu reflektieren. Die einzelnen Kapiteln behandeln die Teilaspekte des Sozialmanagement, stehen aber weitgehend unvermittelt nebeneinander. Gemeinsamkeiten zwischen den Konzepten werden nur am Rande thematisiert. Vermutlich gehört es zu den ganz normalen "Kinderkrankheiten" einer neuen Fachdisziplin, dass der Schwerpunkt zu Beginn auf der Datensammlung und -sichtung liegt.

Da in der Praxis der Prozess der Spezialisierung und Ausdifferenzierung zügig voranschreitet und damit die Wissensbestände stetig ansteigen werden, scheint es angebracht, über neue Formen der Systematisierung und Strukturierung nachzudenken. M.E. könnte es hilfreich sein, in Anlehnung an Fredmund Malik zwischen Managementwissen (Führungsaufgabe) und betriebswirtschaftlichem Sachwissen zu unterscheiden. In ihrem beruflichen Alltag brauchen Führungskräfte in der Sozialwirtschaft Kompetenzen auf drei unterschiedlichen Ebenen:

  • fachliche Kompetenz (Sozial- und Gesundheitswissenschaften)
  • Managementkompetenz zur Führung von Menschen in Organisationen
  • betriebs- und volkswirtschaftliche Grundlagen- bzw. Sachkenntnisse.

Sozialmanagement hat sich bisher in erster Linie auf das Managementwissen konzentriert. Die Entwicklung von betriebswirtschaftlichem Sachwissen speziell für diesen Bereich liegt noch in den Anfängen. Eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Fach Dienstleistungsmanagement (spezielle Betriebswirtschaftslehre für Dienstleistungen) könnte m.E. in diesem Zusammenhang anregend und zielführend sein. Dieser relativ junge Zweig der Betriebswirtschaftslehre beschäftigt sich mit den Besonderheiten der Entwicklung und Herstellung von Dienstleistungen. Dies kann auch für den Bereich der sozialen Dienstleistungen übertragen werden. Thematische Schwerpunkte wie z.B. Kundenorientierung, Mitarbeiterorientierung, Marketing, Strategische Planung, Herstellungsprozess, Qualitätsmanagement, Innovationsmanagement zeigen, dass es hier viele inhaltliche Schnittmengen gibt, die sinnvoller Weise aufgegriffen und weiterentwickelt werden könnten.

Zukünftig könnte dieses spezifische betriebswirtschaftliche Sachwissen die Basis bilden, auf dem die komplexen Managementsysteme aufbauen. Im Bereich der berufsbegleitenden Masterstudiengänge wäre diese Differenzierung für das Gesamtverständnis der Absolventinnen und Absolventen hilfreich. Eine stärkere inhaltliche Annäherung an die BWL greift die These Maelickes auf, dass die bisherigen Grenzziehungen zwischen Sozialmanagement und Wirtschaft durch den Strukturwandel der Sozialwirtschaft nicht mehr länger aufrecht erhalten werden kann.

Fazit

Allen, die sich für die Praxis des Sozialmanagement interessieren, ist das vorliegende Fachbuch uneingeschränkt zu empfehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Gisela Rudoletzky
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Zitiervorschlag
Gisela Rudoletzky. Rezension vom 26.01.2008 zu: Bernd Maelicke: Innovation und Management in der Sozialwirtschaft. Luchterhand Verlag (München) 2006. ISSN 1860-7047, Ringbuchformat. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4374.php, Datum des Zugriffs 23.03.2017.


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