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Wolf R. Wendt, Armin Wöhrle: Sozialwirtschaft und Sozialmanagement [...]

Cover Wolf R. Wendt, Armin Wöhrle: Sozialwirtschaft und Sozialmanagement in der Entwicklung ihrer Theorie. Beiträge zum wissenschaftlichen Diskurs. ZIEL Verlag (Augsburg) 2006. 160 Seiten. ISBN 978-3-937210-87-2. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 35,00 sFr.

Reihe: Sozialwirtschaft Diskurs.
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Thema

Theorieentwicklung wird immer wieder von einer Praxis induziert, die der Theorie vorausgeht Das gilt auch für das Management sozialer Institutionen und Organisationen. Hier haben sich in den letzten 10 Jahren erfolgreich zahlreiche Aufbau-Studiengänge etabliert, die wiederum Reaktion sind auf die gewachsenen praktischen Anforderung an eine effiziente und fachlich effektive Steuerung sozialer Organisationen. Ein regelmäßiger Blick in die Stellenanzeigen von Zeitungen und Fachzeitschriften zeigt, dass mittlerweile für Führungspositionen in sozialen Organisationen neben fachlichen durchgängig auch ausgewiesene Managementqualifikationen Standard sind. Man kann von einem Boom des Sozialmanagements sprechen.

Die rasche Professionalisierung des Managements sozialer Organisationen setzt dabei auf Wissensbeständen unterschiedlicher Fachdisziplinen wie Recht, Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre, Managementlehre und Organisationstheorien auf. Im Rahmen der Qualifikation von SozialmanagerInnen wurden diese Wissensbestände in der Regel pragmatisch auf ihre Brauchbarkeit für das Management von sozialen Organisationen überprüft und entsprechend in der Ausbildung vermittelt. Dieses pragmatische Vorgehen hat gleichzeitig Lernprozesse über Reichweite und Wirksamkeit verschiedener Managementinstrumente und Konzepte induziert und dabei modischen Managementspreu von gesicherten und für das Management von sozialen Organisationen brauchbaren Wissen getrennt. Die wissenschaftliche Rückseite dieses pragmatisch-erfolgreichen Vorgehens war, dass in der Lehre vom Sozialmanagement vielfältige und heterogene Theorie- und Wissensbestände aus unterschiedlichen Fachdisziplinen nebeneinander stehen. Eine theoretischen Absicherung und Überprüfung der Tragfähigkeit der Fundamente des Sozialmanagements ist also angesagt und zur weiteren Entwicklung notwendig.

Vor diesem Hintergrund unternehmen W.R. Wendt und A. Wöhrle eine theoretische Rahmung des Feldes "Sozialmanagement". Beide sind Hochschullehrer und seit Jahren ausgewiesen auf dem Feld der Sozialwirtschaft und des Sozialmanagement , beide gehören hier zu den Pionieren und Vordenkern und beide sind genaue Kenner der Fachdisziplin und des Praxisfeldes "Sozialarbeit".

Aufbau

Beide Autoren stimmen darin überein, dass das Sozialmanagement aus sich selbst heraus keine Orientierung gewinnen kann, sondern einen Bezug zur Sozialwirtschaft braucht. Damit wird eine erste Differenzierung und Präzisierung vorgenommen. Sozialmanagement ist das Management von Institutionen in der Sozialwirtschaft.

Das Buch umfasst zwei Teile.

Teil 1 Stand der Theorieentwicklung

Im ersten Teil des Buches untersucht W.R. Wendt - anknüpfend an seine früheren Schriften - den Stand der Theorieentwicklung in der Sozialwirtschaft. Er definiert die Sozialwirtschaftslehre als "die Wissenschaft von den Unternehmungen in der Gesellschaft zur direkten Beförderung der Wohlfahrt von einzelnen Menschen und des Gemeinwesens" (S. 49).

In einem historischen Rückblick unter dem Titel "Ansätze und Importe" zeigt Wendt zunächst Wege auf, wie frühe Projekte und theoretische Entwürfe einer Sozialwirtschaft in England, Frankreich und Deutschland , die "die Grundannahmen der klassischen Nationalökonomie seit Adam Smith nicht teilen" (S. 29)  für den Theoriebildungsprozess der sich entwickelnden sozialwirtschaftlichen Praxis zum Ende des 20 Jahrhunderts nutzbar gemacht werden können. Auf der Grundlage seiner langjährigen Beschäftigung mit sozialen Bewegungen zieht er Verbindungslinien von den englischen und französischen Frühsozialisten über die Gründer genossenschaftlicher Organisationen in Deutschland bis hin zu den Enzykliken der katholischen Soziallehre. Einbezogen werden auch die Entwicklung in der Europäischen Union und die Diskussionen und Beschlüsse der verschiedenen Weltsozialgipfel. Der so rekonstruierte Wissensstoff wird in einem zweiten Schritt einer systematischen Reflexion unterzogen. Dabei geht es um verschiedene Theorielinien, die für eine Sozialwirtschaftslehre bedeutend sind.

In einer wirtschaftswissenschaftlichen Draufsicht lässt sich - so Wendt - der Gegenstandsbereich sowohl in gesamtwirtschaftlicher Funktion als auch sektoral behandeln. Hier sind die älteren Theoriestränge der politische Ökonomie und andrerseits die neueren Studien zum Dritten Sektor und zur Nonprofit-Ökonomie bedeutsam.

Diesen Theorielinien gegenüber stehen im sozialwissenschaftlichen Diskurs ökosozial begründetet und in der feministischen Ökonomie angelegte Konzepte, die den sozialwirtschaftlichen Handlungsbereich in einer Binnensicht aus dem menschlichen Lebenskontext begreifen. Aus diesen Theoriesträngen lassen sich Leitkategorien für die Sozialwirtschaft gewinnen, die das Feld grundlegend bestimmen: 1) Wohlfahrt (im Gemeinwesen), 2) not-for-profit (im sozialwirtschaftlichen Betrieb), 3) haushalten (im Auskommen mit Ressourcen), 4) Sorge (der Menschen für sich und andere).

Diese Theoriegrundlagen werden ergänzt durch institutionentheoretische, soziologische und politikwissenschaftliche Analysen der Funktionen und Institutionen, die der Sozialwirtschaft im System der Gesellschaft zuzurechnen sind. Damit sind die Koordinaten eines komplexen und- wissenschaftstheoretisch betrachtet - pluralen Theoriefeldes der Sozialwirtschaft umschrieben, das Wendt auf Komplementaritäten und Verwebungen hin untersucht.

Aus unterschiedlichen Perspektiven und differenziert wird herausgearbeitet, dass die Sozialwirtschaftslehre ein auf einen sozialen Bedarf gegründetes wohlfahrtsbezogenens Wirtschaftfeld von Unternehmen und Unternehmungen beschreibt, die sich unter dem "Aspekt des Auskommens" der Gesellschaft und der Individuen mit den Problemen der Bewältigung des gelingenden Lebens befasst und sich somit von der Betriebswirtschaftslehre unterscheidet, die unter dem "Aspekt des Einkommens" Unternehmen betrachtet, die für den Markt produzieren und über ihn ihre Existenz sichern. Diese Sachziel der Wohlfahrtsproduktion ändert aber nichts daran, dass es in der Sozialwirtschaft immer um eine Bewirtschaftung des Sozialen geht, also um Produktions- und Wirtschaftsprozesse, die auf knappen Ressourcen beruhen. Die Verteilung von Aufgaben und die effektive und effiziente (auf das Sachziel bezogene) Organisation der Aufgabenerledigung "werden praktisch und für die Theorie der Sozialwirtschaft zunehmend wichtig", so Wendt im vorläufiges Fazit.

Teil 2 Theoretische Selbstversicherung des Sozialmanagements

Damit ist die eine Brücke geschlagen zum zweiten Teil des Buches, in dem A. Wöhrle eine differenzierte theoretische Selbstversicherung des Sozialmanagements versucht. Obwohl das "Phänomen" Sozialmanagement in Ausbildung und Praxis stürmisch wächst und gedeiht, fehlt es - so Wöhrle - an theoretischer Reflexion, kritischer Auseinandersetzung und "Verortung" im Bezugssystem der benachbarten Wissenschaftsdisziplinen. Was unter dem Begriff "Sozialmanagement" gefasst und kontrovers beurteilt wird, hat de facto keine Vorstellung von sich selbst und deshalb keine eindeutige wissenschaftlich-akademische "Heimat".

Bei der Verortung des Sozialmanagements im Wissenschaftsgefüge macht es sich Wöhrle nicht leicht. Im Zentrum seiner Überlegungen steht der Abgleich eines umfangreichen und heterogenen Theoriegebäudes der Organisationstheorie und der Managementlehre mit einer Sozialarbeitswissenschaft, die sich - so Wöhrle -allerdings bis heute nicht ganz sicher ist, ob es sich eine eigenen Disziplin handelt. In einer aufwendigen Suchbewegung geht er plausible Bezüge durch, findet Anknüpfungspunkte, "Andockstellen" und Unvereinbarkeiten.

Bezogen auf die Betriebswirtschaftlehre sieht Wöhrle solche Andockstellen in den Konzepten der Sozialwirtschaft, die davon ausgehen, dass auch soziale Organisationen wirtschaften d.h. mit Knappheit umgehen müssen.

Auf die Managementlehre bezogen identifiziert er als eine mögliche "Andockstelle" solche theoretischen Konzepte, die Managementlehre als die "systematische Erörterung von ungelösten betrieblichen Steuerungsproblemen" verstehen, die über alle Disziplingrenzen hinweg auftreten. Der Anknüpfungspunkt besteht dann darin, dass auch Organisationen der Sozialwirtschaft Steuerungsprobleme systematisch gestalten und institutionalisieren müssen, um ihren Auftrag zu erfüllen.

Trotz dieser Brückenköpfe lässt sich - unter systematischen Gesichtspunkten -eine Theorie des Sozialmanagements nicht aus den klassischen Wirtschaftwissenschaften und ihren Managementkonzepten "ableiten", weil diese die Besonderheiten des Nonprofit-Bereiches weitgehend in ihre Theoriebildung vernachlässigen.

Die anschließende Untersuchung des Verhältnisses zwischen der Disziplin "Soziale Arbeit" und dem Sozialmanagement nimmt eine zentrale Stelle in den Überlegungen ein. In Abwägung der verbindenden und der abgrenzenden Aspekte kommt Wöhrle zu einer offenen Pattsituation , die er in Form einer These und Antithese formuliert.

  • "Die Inhalte, die unter der Überschrift Sozialmanagement diskutiert werden, sind mit dem Wesen der Sozialen Arbeit nicht vereinbar. Sie können nicht im Sinne einer Bereicherung zur Theoriebildung beitragen, sondern bilden eher eine Irritation und Störung, die abhält, um zu einer schlüssigen Theorie der Sozialarbeitswissenschaft zu kommen.
  • Die Inhalte, die durch die neue Diskussion eingeführt werden, stellen eine produktive Herausforderung für die Diskussion um die Sozialarbeitswissenschaft dar. In der Konfrontation mit neuen Blickwinkeln können Aufgabenstellungen der Sozialen Arbeit deutlicher gesehen und Problemstellungen produktiver gelöst werden. Die interdisziplinäre Theoriebildung wird nicht nur bereichert, sondern holt in ihrer kurzen Geschichte bereits verschüttete Inhalte wieder mit herein" (S.134).

Sein Vorschlag zur Lösung der Pattsituation ist einfach. Er hält das Spannungsfeld der weiteren Suchbewegungen aufrecht, indem er - als Ergebnis seiner Überlegungen -Sozialmanagement keiner Disziplin einfach zuschlägt. Er schleift die Spitzen gegenseitiger Vorbehalte und Ausschlüsse ab, die auf der einen Seite um die Auffassung kreisen Soziale Arbeit ließe sich nicht managen und auf der anderen Seite um Argumente, die eine ethische und moralische Verpflichtung von Management ausschließen und es nur einer ökonomischen Logik verpflichtet sehen.

Resümierend plädiert er dafür , das die Sozialarbeit die eigene Distanz zu ihren ökonomischen, finanziellen , rechtlichen und organisatorischen und manageriellen Rahmenbedingungen endlich überwinden muss und ein Interesse an den vorfindbaren Handlungskonzepten des Sozialmanagements inklusive deren Begründungen, Widersprüchlichkeiten und ungeklärten Aspekten entwickeln sollte.

Fazit

Das Fazit, das sich am Ende der Überlegungen von beiden Autoren ziehen lässt, mag den einen als Ergebnis zu wenig, den anderen schon zu optimistisch formuliert sein. Zu besichtigen ist ein noch unfertiges Theoriegerüst der Sozialwirtschaftslehre, das aus verschiedenen Wissensbeständen und heterogenen Theoriesätzen besteht und eine Baustelle der Theorieentwicklung und ein transdisziplinäres Bauwerk  "das über die Fundamente hinaus schon auf tragendes Mauerwerk verweisen kann" so Wendt. Auf der Baustelle - so auch Wöhrle - können zahlreichen Anhaltspunkte, Materialien und Verbindungselemente gefunden werden, die die weitere Theorieentwicklung und eine Synchronisation des Sozialmanagements mit der Sozialarbeitswissenschaft befördern können. Damit könnte die stürmische praktische Expansion des Arbeitsfeldes Sozialmanagement theoretisch-reflexiv eingefangen und weiter fundiert werden. Dazu haben die beiden Autoren einen grundlegenden und wegweisenden Beitrag geleistet.

Das Buch richtet sich an Führungskräfte sozialer Organisationen, Beschäftigte der sozialen Arbeit, Lehrende und Studierende der Sozialwirtschaft und des Sozialmanagements und des Gesundheits- und Pflegemanagements.


Rezensent
Alexander Pfeiffer
Soziologe und Organisationsberater
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Zitiervorschlag
Alexander Pfeiffer. Rezension vom 26.04.2007 zu: Wolf R. Wendt, Armin Wöhrle: Sozialwirtschaft und Sozialmanagement in der Entwicklung ihrer Theorie. Beiträge zum wissenschaftlichen Diskurs. ZIEL Verlag (Augsburg) 2006. ISBN 978-3-937210-87-2. Reihe: Sozialwirtschaft Diskurs. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4417.php, Datum des Zugriffs 23.03.2017.


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