Christiane Frantz, Annette Zimmer (Hrsg.): Zivilgesellschaft international
Christiane Frantz, Annette Zimmer (Hrsg.): Zivilgesellschaft international. Alte und neue Global Players. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. 300 Seiten. ISBN 978-3-8100-3009-2. 25,00 EUR.
Bürgerschaftliches Engagement und Non-Profit-Sektor Bd. 6.
Thema und Ziel
In diesem Band geht es um die Rolle von Nichtregierungsorganisationen in der internationalen Zivilgesellschaft. Damit sind zum einen Ansprüche an NGOs angesprochen, zum anderen auch die Frage, wie sie sich den gegenwärtigen Herausforderungen stellen. Ziel ist es, diesen Fragen im Rahmen theoretischer wie auch empirischer Untersuchungen auf den Grund zu gehen.
Die Herausgeberinnen
Annette Zimmer hat lange und umfassende Erfahrungen mit dem Nonprofit-Sektor. Unter anderem arbeitete Sie im Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project mit, der ersten international vergleichenden quantitativen Studie, welche Größe, Struktur, Finanzierung und Rolle des NPO-Sektors in unterschiedlichen Ländern erfasste. Sie ist Professorin für Sozialpolitik und Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Münster und ist mit ihrem Arbeitsschwerpunkt Gemeinnützige Organisationen in unterschiedlichen Forschungsprojekten aktiv. Christiane Frantz ist Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Politikwissenschaften in Münster, sie betreibt Forschung zu NGOs, politischen Eliten und Parteien.
Hintergrund
Angesichts der Renaissance der (globalen) Zivilgesellschaft gewinnen NGOs in der theoretischen wie auch in der internationalen politischen Diskussion an Bedeutung. Generell geht es bei diesen Konzepten um eine stärkere Einbindung aktiver Bürger und ihrer Organisationen — den NGOs - in die Gestaltung der Gesellschaft, d.h. in Prozesse der Politikgestaltung und -implementierung.
Aufbau und Inhalte
Das Buch gliedert sich in folgende vier Teile:
- NGOs in der Zivilgesellschaft — Definition, Verortung und Funktionen
- Zivilgesellschaftliche Organisationen konkret
- Strategiefähigkeit zivilgesellschaftlicher Organisationen
- NGOs und der Staat
Hier geht es zunächst um theoretische Dimensionen, wie Begriffsklärungen und —abgrenzungen - die hier angesprochenen Organisationen sind nicht nur ein äusserst heterogenes Feld, sondern es wird ihnen auch mit unterschiedlichsten Bezeichungen, Definitionen und Zuschreibungen begegnet. Auch eine Verortung dieses Themas in der sozialwissenschaftlichen Debatte wird vorgenommen, ebenso wie eine Einschätzung der tatsächlichen Internationalisierung der Zivilgesellschaft.
Hier werden in Form von Fallstudien zehn sehr unterschiedliche NGOs in ihren spezifischen Stärken und Schwächen dargestellt. Die Spannweite reicht hier von der Kirche als global player, über etablierte Organisationen wie das Rote Kreuz oder die Caritas international, über medial in jüngerer Zeit stark beachtete NGOs wie Attac, bis zu jüngeren und weniger bekannten Organisationen wie medica mondiale, welche gynäkologische und psychosoziale Betreuung kriegstraumatisierter Frauen leistet oder Transparency International, welche erfolgreich die Problematik der Korruption auf die globale Agenda gesetzt hat.
Hier geht es um Fragen des Managements, der Strategie und der Identität. In einer Einschätzung der Konsequenzen der Veränderungen ihrer Umwelten auf NGOs wird argumentiert, dass deren Abhängigkeit von staatlichen Geldern zunehmend ersetzt wird durch die Abhängigkeit vom Markt. Diese These ist sicher nicht generell gültig, ausser Zweifel scheint jedoch dennoch ein stärkerer Zwang zu höherer Effizienz im gesamten NPO-Sektor zu stehen. Eine weitere zentrale Frage des Managements von NGOs ist jene der Identität, der Selbsteinschätzung und der Strategiefindung. Internationale NGOs zeigen hier — einer umfangreichen Organisationsbefragung zufolge — ein äusgeprägteres Selbstbewusstsein als lokal tätige Organisationen. Trotz allem nach wie vor bestehende Probleme der Strategiefindung verorten die Autoren insbesondere aufgrund des nach wie vor ambivalenten Verhältnisses zur öffentlichen Hand. Die Frage nach den für internationale Mitgliederorganisationen adäquaten Organisations- und governance-Strukturen, die sich im Spannungsfeld von Partizipation und Demokratie einerseits und Effizienz und hierarchischer Koordination andererseits bewegt, wird hier eindeutig zugunsten partizipativer Strukturen entschieden.
Hier geht es um zentrale Bedingungen für die Entwicklung einer aktiven Zivilgesellschaft, welche besonders vom Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und dem Staat bestimmt werden. U.a. wird das Spannungsfeld zwischen Konfrontation, d.h. radikalen Strategien und der Notwendigkeit gesicherter rechtsstaatlicher Rahmenbedingungen thematisiert. Es wird argumentiert, dass jene Sicherheit rechtlicher Normen, die für eine funktionierende internationale Zivilgesellschaft erforderlich ist, noch nicht ausreichend gegeben ist, wobei internationale NGOs bei der Entwicklung neuer Rahmenbedingungen massgeblich Einfluss haben können.
Fazit
Die inhaltliche Vielfalt dieses Buches ist in einer kurzen Rezension kaum wieder zu geben. Der Band ist für LeserInnen interessant, die sich mit theoretischen Facetten internationaler zivilgesellschaftlicher Arbeit befassen, wie auch für jene, die einfach etwas mehr über die konkrete Arbeit und die Probleme einzelner NGOs erfahren wollen.Vor allem das Kapitel mit konkreten Fallstudien vermittelt insgesamt sowohl gute Einblicke in die Tätigkeit von einzelnen NGOs und die damit verbundenen Herausforderungen als auch in die Vielfalt des Sektors und der politischen globalen Themenfelder. Fallstudien älterer NGOs zeigen darüber hinaus auch die Veränderungen, denen diese Organisationen unterworfen sind. Herausforderungen liegen neben diesem Reagieren auf gesellschaftliche Veränderungen für die meisten Organisationen zudem in strategischen Entscheidungen zwischen punktueller Hilfeleistung und langfristigem politischen Engagement — in anderen Worten zwischen Schadensbegrenzung und politischer Mitgestaltung — sowie in der Aufrechterhaltung der Balance von regionaler und globaler Verankerung.
Insgesamt zeigt sich trotz vieler beachtlicher Leistungen der NGOs, dass die Internationalisierung der Öffentlichkeit als kritischer Instanz noch weniger weit fortgeschritten ist, als oft gewünscht und proklamiert. Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang auch die angeführten Spannungsfelder zwischen globalem Anspruch, regionaler Verankerung und internationaler Tätigkeit, denen sich Organisationen der Zivilgesellschaft oftmals gegenüber sehen.
Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 10.12.2002 zu: Christiane Frantz, Annette Zimmer (Hrsg.): Zivilgesellschaft international. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. 300 Seiten. ISBN 978-3-8100-3009-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/443.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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