Dieter Euler, Eckart Severing: Flexible Ausbildungswege in der Berufsbildung
Dieter Euler, Eckart Severing: Flexible Ausbildungswege in der Berufsbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2007. 142 Seiten. ISBN 978-3-7639-3491-1. 19,90 EUR.
Thema
Der Reformbedarf des deutschen Berufsbildungssystems ist evident und wird seit Jahrzehnten fortlaufend ausgewiesen. Statt der erforderlichen Strukturreformen wurde bislang der Weg von Kompensationen gewählt. Anschlussprobleme, Unübersichtlichkeiten, Erstarrungen, Transparenzdefizite sowie vielfältige Varianten einer bürokratischen Eigenlogik sind längst strukturell verfestigt. Wer vor diesem Hintergrund Reformkonzepte mit Realisierungsperspektiven sucht, findet in der Schrift von Euler und Severing Ideen und Anregungen für ein "barrierefrei" aufbereitetes Modell zur Flexibilisierung und Kompatibilisierung der Wege in Aus- und Weiterbildung. Im Gegensatz zum Mainstream voluminöser und wortgewaltiger Schriften bieten die beiden ausgewiesenen Berufspädagogen Euler und Severing aus dem Institut für Wirtschaftspädagogik der Universität St. Gallen eine sowohl kritisch als auch konstruktiv ausgerichtete Studie, die durch Prägnanz und Übersichtlichkeit überzeugt. Aus der Publikationsflut zum Thema Berufsbildungsreform hebt sich diese Schrift durch eine besonders klare Aussagenführung hervor, die durch konsequenten Verzicht auf die typischen Chiffren deutscher Berufspädagogik erreicht wird. Die Darstellung eröffnet zwei Lesewege. Über die Management Summary am Anfang ist mit Essentials und Textverweisen eine Schnellstlektüre ebenso möglich wie der zeitintensivere klassische Leseweg. Ansprechend gehaltene Grafiken bereichern die Darstellung und eignen sich in besonderer Weise als Anschauungsmaterial für die Beschäftigung mit dem vorgeschlagenen Modell überbrückender Ausbildungsbausteine in Politik, Hochschulen, Betrieben und Trägern beruflicher Bildung.
Inhalt
Im Zentrum der Darstellung steht eine geradlinige Lösungsorientierung. Dem alt bekannten Hohelied vom Dualen System und dem Mantra deutscher Beruflichkeit stellen die Autoren am Anfang ihrer Darstellung eine nüchterne Leistungsbilanz entgegen. Offen werden die bekannten, aber selbst in Fachkreisen noch immer zu oft verdrängten Anschlussprobleme des deutschen Berufsbildungssystems benannt. Ausgewiesen werden hierbei von Euler und Severing sowohl die Defizite im Hinblick auf Sozialstrukturen, Lebenslagen und Anforderungen des Arbeitsmarktes als auch die offenen Fragen der Europäisierung. Klar tritt hervor, dass deutsche Berufsbildung massive Strukturschwächen in der gesamten Bandbreite von "Marktbenachteiligten", "Einstiegs- und Geringqualifizierungen" bis hin zur Hochqualifizierung auf "Green-Card-Level" aufweist; es massiv an Flexibilität, Transparenz und kalkulierbarer "Verlässlichkeit" fehlt sowie zu oft Sackgassen und Dschungelpfade die Weiterentwicklung von Arbeit durch Bildung behindern. Als Konsequenz dieser ernüchternden Bilanz entwickeln die Verfasser die Idee, über standardisierte und einfach zu realisierende Brückenmodule die innere und äußere Anschlussfähigkeit des deutschen Berufsbildungssystems systematisch auszubauen. Die vorgeschlagene Reformstrategie für mehr qualifikatorisch-funktionale als auch soziale Leistungsfähigkeit überzeugt durch pragmatische Stringenz, klar gehaltene Realisierungsperspektiven sowie durch Berücksichtigung politischer Abhängigkeiten und systemtheoretische Einbettungen. Die Idee der Brückenmodule wird von den Autoren in zwei Varianten konkretisiert, einer graduellen Optimierung und einer weiterführenden integrativen Einbindung von standardisierten Ausbildungsbausteinen. Indem Euler und Severing ihre Reformstrategie mit Haupteinwendungen und der Kritik an der Modularisierung konfrontieren sowie Einordnungen, Vergleiche zu Österreich und zur Schweiz bieten, und schließlich auch Bezüge zu ausgewählten weiteren Reformkonzepten herstellen, fordern sie zur Entscheidung über ihr Reformkonzept heraus. Ihre fundierte Grundlegung mitsamt notwendigen Flankierungen liegt lesbar, übersichtlich und verständlich vor. Jetzt sind die verantwortlichen Akteure beruflicher Bildung gefragt.
Fazit
Dieser Publikation bleibt, auch nach Lektüreurteil von Kollegen und Studierenden unterschiedlicher pädagogischer Professionen, eine rasche Verbreitung in Aus- und Weiterbildung zu wünschen. Statt bekannter naiv berufspädagogischer Dual-Dogmatik, statt pathetischen Chiffren, statt weiteren unübersichtlichen Verschachtelungen mit weiteren Sondermaßnahmen und statt unentschiedenen, partikularen und schwer kommunizierbaren Reformideen haben Euler und Severing eine Strategie überzeugend aufbereitet und operationalisiert. Die Reformidee der Brückenmodule, dies sei ergänzend angemerkt, hat, wenngleich in anderen Varianten wegen anderer historischer und politischer Bedingungen, in anderen Ländern Europas zum Teil bereits seit Generationen erheblich zum Abbau von Friktionen und zugleich zur Optimierung in der Kooperation der Funktionssysteme von Bildung und Beschäftigung beigetragen. Ergänzend sei angemerkt, dass außerhalb Deutschlands ähnliche Brückenmodule vielfach schon länger das Zusammenwirken der Funktionssysteme von Bildung und Beschäftigung erheblich verbessern.
Rezensent
Prof. Dr. Dirk Plickat
Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel Fachbereich Fakultät Handel und Soziale Arbeit. Nach langjähriger eigener pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
Homepage www.fh-wolfenbuettel.de/cms/de/fbs/not_in_menu/pers ...
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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 29.07.2007 zu: Dieter Euler, Eckart Severing: Flexible Ausbildungswege in der Berufsbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2007. 142 Seiten. ISBN 978-3-7639-3491-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4439.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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