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Joachim Merchel: Organisationsgestaltung in der sozialen Arbeit

Cover Joachim Merchel: Organisationsgestaltung in der sozialen Arbeit. Grundlagen und Konzepte zur Reflexion, Gestaltung und Veränderung von Organisationen. Juventa Verlag (Weinheim) 2005. 277 Seiten. ISBN 978-3-7799-1877-6. 15,00 EUR.

Reihe: Votum.
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Das Thema

"In diesem Buch werden die bisherigen Erörterungen zur Organisationsgestaltung und Organisationsentwicklung in praktischer Absicht übersichtlich resümiert und für Organisationen in der Sozialen Arbeit nutzbar gemacht. Dabei geht es darum, die unter dem Sammelbegriff Organisationsentwicklung verlaufende Konzipierung von geplanten Veränderungen in Organisationen dar- und einige wichtige Instrumente solcher Konzepte vorzustellen. [... Es] entsteht ein zusammenfassendes Bild zum Stand der Konzept- und Methodendiskussion, das es erlaubt, die Bedeutung dieses Aspekts für die Profession der Sozialen Arbeit besser einzuschätzen und Ansatzpunkte zu finden, um Organisationen in einer reflektierten Weise mit Entwicklungsimpulsen auszustatten." (Klappentext)

Der Autor

Joachim Merchel, Dr. phil., Diplompädagoge, ist Professor für das Lehrgebiet "Organisation und Management in der Sozialen Arbeit" an der Fachhochschule Münster, Fachbereich Soziale Arbeit, und dort auch verantwortlich für den weiterbildenden Studiengang "Sozialmanagement".

Aufbau

Nach der Einleitung gliedert sich der Band in sechs große Kapitel:

  1. Warum sollen sich Organisationen verändern?
  2. Organisationsentwicklung als Veränderungsmodus
  3. Projektgestaltung/Projektmanagement
  4. Organisationsentwicklung in der Kritik
  5. Die "lernfähige Organisation": das Leitbild für kontinuierliche Organisationsentwicklung
  6. Organisationsberatung

Inhalt

  1. Im Kapitel "Warum sollen sich Organisationen verändern?" werden Gründe für die Veränderung von Organisationen im Allgemeinen und von sozialen Organisationen im Besonderen referiert. Dabei steht das systemische Interpretationsmodell Pate, nach dem sich "gesunde Organisationen" ihrer Umwelt anpassen müssen, um nicht in zu große Diskrepanzen zwischen den Anforderungen der Umwelt und der eigenen Organisation zu geraten. Abschließend werden pathogene Muster der Anpassung referiert (Überkomplizierung, Übersteuerung, Überstabilisierung), wie sie Kirsch (1976) entwickelt.
  2. Das Kapitel "Organisationsentwicklung als Veränderungsmodus" befasst sich mit Begriff, Definition und einer kurzen Geschichte der Organisationsentwicklung. Dabei wird deutlich, dass sich das Buch mit intentionalen Veränderungsstrategien für Organisationen beschäftigt. Im Weiteren werden zwei Modelle der Organisationsentwicklung dargestellt: ein traditionelles und ein systemtheoretisches. Das traditionelle Modell der Organisationsentwicklung richtet sich an Individuen, Gruppen oder Strukturen und geht davon aus, dass mit gezielten Maßnahmen (z.B. Trainings, Feedback oder Konfrontation) direkte Veränderungen möglich sind. Das systemtheoretische Modell hingegen bezweifelt die Wirksamkeit von direkten, intentionalen Zugriffen. Organisationen "lassen sich nach systemtheoretischem Verständnis nur verändern [...], wenn sie ihre Selbstorganisationsfähigkeit aktivieren." (S. 53). Schließlich werden im Punkt "Organisationsentwicklung als integrative Veränderungsstrategie" ein Phasenmodell der Veränderung entfaltet und dazu reichlich Arbeitsmaterialen vorgestellt.
  3. Im Abschnitt "Projektgestaltung/Projektmanagement" geht es nach einer definitorischen Einleitung um Projektphasen und deren Gestaltung. Wie schon im vorigen Kapitel wird eine Projektstruktur entfaltet und mit vielen praktischen Materialien versehen. Im letzten Punkt dieses Abschnittes wird Projektarbeit unter dem Blickwinkel der sozialen Dynamik betrachtet. An dieser Stelle erhält der Leser wichtige Einsichten über die Dynamik von Projekten in Organisationen. Projektmanagement als "Inszenieren von Störungen" bedeutet demnach auch immer: "Management von Gruppenkontexten" (S. 126). Fast nebenbei wird hier vor allzu hohen Erwartungen an den Teamgedanken gewarnt, wie sie bisweilen in Organisationen gepflegt werden (vgl. S. 131).
  4. Das kurze Kapitel "Organisationsentwicklung in der Kritik" setzt sich mit Einwänden gegenüber Modellen der Organisationsentwicklung auseinander. So wird z.B. argumentiert, die Grundgedanken von Organisationsentwicklung seien politisch naiv und von einer zu starken "Erlösungseuphorie" geprägt. Wichtiger ist wohl der Vorwurf, die der Organisationsentwicklung zugrundeliegenden Vorstellungen von Organisationsveränderung seien eine "andere Form von Sozialtechnologie, nämlich der Versuch, komplexe Gebilde mit kommunikativen Prozessen zu steuern." (S. 135). Diese und noch andere Einwände werden referiert, jedoch nicht kommentiert.
  5. Im Abschnitt "Die 'lernfähige Organisation': das Leitbild für kontinuierliche Organisationsentwicklung" befasst sich der Autor mit dem Thema der "lernfähigen" Organisation (statt "lernender Organisation"),mit Lernen-können und Lernen-sollen von Organisationen. "Lernfähigkeit" wird von ihm als die "fortlaufende Veränderungsbereitschaft" definiert, die sich darin zeigt, dass bisherige Sichtweisen und Denkmuster angesichts der Herausforderungen durch die Umwelt andauern überprüft werden (vgl. S. 149). Außerdem geht es um Lernformen, Lernphasen und Lerntypen, um Macht und Lernhindernisse. Es schließt sich ein Exkurs über Pete Senges "Die fünfte Disziplin" an. Konkrete Anzeichen von Lernfähigkeit zeigen sich in der Bereitschaft, Konzepte zu reflektieren, aber auch im Umgang mit Beschwerden oder einer systematischen Umweltbeobachtung.
  6. Das Buch schließt mit dem Kapitel "Organisationsberatung", das insbesondere die Frage klärt, warum es sinnvoll sein kann, eine externe Organisationsberatung zu engagieren, wann man dies tun sollte und was von einer solchen zu erwarten bzw. nicht zu erwarten ist.

Zielgruppen

Dieses Werk wendet sich wohl eher an das theoretisch interessierte Publikum, das sich einen Überblick über die gängigsten Erkenntnisse des Themas verschaffen möchte. Der Autor verwendet sehr viel Literatur, was zweifellos zu den Stärken des Buches gehört. Dazwischen sind aber auch praktische Teile, die auch den an der Praxis interessierten Leser ansprechen dürften. Hilfreich sind die Materialien und Grafiken, die immer wieder das theoretische Thema anschaulich machen.

Diskussion

Wenn man den Titel "Organisationsgestaltung in der Sozialen Arbeit" sehr ernst nimmt, gibt es einen starken und einen schwachen Teil des Buches. Der starke Teil ist "Organisationsgestaltung". Hier sind wichtige Aspekte angesprochen, die notwendig sind, um eine Organisation auf Veränderungen anzupassen. Referiert werden gängige Modelle der Organisationsentwicklung, wie sie in der Wirtschaft seit vielen Jahren bekannt sind. Implizit wird dadurch die Wandlung Sozialer Organisationen von rein ehrenamtlichen zu sozialwirtschaftlichen Organisationsformen deutlich, die heute eine professionelle Organisationsgestaltung brauchen. Insofern sind vielleicht auch Konzepte, die nicht mehr ganz neu sind (z.B. Pete Senges "The fifth discipline" oder auch Projektmanagement) hilfreich. Der "schwache" Teil des Buches ist jedoch die Anwendung auf Organisationen der Sozialen Arbeit. Das Buch macht nicht den Versuch, die Besonderheiten von 3.-Sektor-Organisationen zu reflektieren, die eben keine Organisationen wie alle anderen, sondern vielmehr "multifunktional" sind, d.h. zur traditionellen Identität ("gewachsene Strukturen", Anwaltschaft, Korporatismus) neue Aspekte hinzufügen (Dienstleistung). Dieses Manko ist bei der sicherlich breiten Erfahrung des Autors in der Organisationsgestaltung sozialer Einrichtungen bedauerlich.

Ausstattung

Das Buch ist nicht besonders gut ausgestattet: So fehlt ein Stichwortverzeichnis und auch die Grafiken sind bisweilen so schlecht kopiert, dass sie sich kaum entziffern lassen. Allerdings ist der Preis des Buches sehr studentenfreundlich.

Fazit

Das Buch ist für all diejenigen Praktiker und Wissenschaftler lesenswert, die sich über Forschungsstand, Fragestellungen und Praxis der Organisationsentwicklung eher allgemein informieren wollen und nicht zu sehr an spezifischen Fragen der Sozialen Arbeit interessiert sind.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Klug
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Fakultät Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Wolfgang Klug. Rezension vom 07.03.2007 zu: Joachim Merchel: Organisationsgestaltung in der sozialen Arbeit. Grundlagen und Konzepte zur Reflexion, Gestaltung und Veränderung von Organisationen. Juventa Verlag (Weinheim) 2005. ISBN 978-3-7799-1877-6. Reihe: Votum. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4475.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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