Katharina Brandl: Möglichkeiten zur Gewaltprävention in der Altenpflege

Cover Katharina Brandl: Möglichkeiten zur Gewaltprävention in der Altenpflege. Eine Herausforderung für die Ausbildung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2005. 102 Seiten. ISBN 978-3-938304-27-3. 12,00 EUR.

Bonner Schriftenreihe "Gewalt im Alter" - Band 12.

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Zielsetzung und Zielgruppen

Gewalt im Alter ist ein Phänomen, das gern verschwiegen wird und in der Ausbildung von AltenpflegerInnen bisher nur am Rande Erwähnung findet. Die vorliegende Publikation will diese Lücke schließen, indem die Autorin, Katharina Brandl, Ärztin und Diplom-Psychogerontologin, Mitglied der Lehrplankommission für die neue Altenpflegeausbildung in Bayern, Themenkomplexe für die Ausbildung und Gestaltung eines neuen Lehrplans für die Altenpflege ausarbeitet. Grundlage bildet eine eigene empirische Studie der Autorin, die als Diplomarbeit im Aufbaustudiengang Psychogerontologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg angenommen wurde, in der auf Möglichkeiten zur Gewaltprävention und deren Umsetzung in die Praxis verwiesen wird. Die Bonner Schriftenreihe "Gewalt im Alter", in der die Publikation als Band 12 erscheint, dokumentiert wissenschaftliche Arbeiten, Tagungen und Fachveranstaltungen, um sie der Fachwelt näher zu bringen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten Kapitel erfolgen eine kurze theoretische Begründung des Themas und die Klärung des Begriffs "Gewalt", der in den Sozialwissenschaften nicht einheitlich gebraucht wird. Die Formen von Gewalt werden in einem Dreieck mit den drei Spitzen "kulturelle", "strukturelle" und "personale Gewalt" dargestellt, wobei sich letztere in Form der Vernachlässigung oder Misshandlung manifestieren kann. In den Unterkapiteln 1.2.3 und 1.2.4 werden in allgemeiner und wenig tief greifender Form Ansätze zur Gewaltprävention in Pflegeeinrichtungen und in der bisherigen Altenpflegeausbildung diskutiert, um dann auf das Thema Gewalt in der Ausbildung überzuleiten. Seit dem 01. August 2003 ist bundesweit eine einheitliche Ausbildungs- und Prüfungsordnung für den Beruf der AltenpflegerIn in Kraft getreten, wobei die Ausbildung in einer Berufsfachschule mit der Zugangsvoraussetzung eines mittleren Schulabschlusses in drei Jahren Vollzeitform realisiert wird. Unter der Rubrik des Lernfeldes "mit schwierigen sozialen Situationen umgehen" findet die Thematik "Gewalt in der Pflege" mit ca. 60 Stunden eine breitere Berücksichtigung als bisher.
  2. Das zweite Kapitel ist der Ausgangsüberlegung und der Formulierung von Fragen der in der Publikation vorgestellten empirischen Studie gewidmet, indem Formen von Prävention für die Ausbildung. herausgearbeitet werden sollen.
  3. Kapitel drei nimmt zur Methodik, also zur Stichprobe und Konstruktion des Erhebungsinstrumentes, Stellung. Befragt wurden über einen weitgehend standardisierten Fragebogen 27 Schüler einer Fachschule für Altenpflege in berufsbegleitender Form, die zur Zeit der Befragung in der Altenpflege tätig waren und kurz vor ihrem Berufsabschluss standen.  Der verwendete Fragebogen kann aus meiner Sicht wissenschaftlichen Kriterien quantitativer Forschung nur ungenügend gerecht werden (persönliche Daten zu Beginn, lange Einführungstexte in die Fragen, Ratingskalen von 0 bis 6, bei der in der Regel die Mittelposition überdurchschnittlich besetzt wird etc.). 
  4. Die Ergebnisse der Studie werden im vierten Kapitel in eher unübersichtlicher und wenig strukturierter Form dargestellt. Es wird beispielsweise nicht nach dem im ersten Kapitel vorgestellten Gewaltdreieck systematisiert und das umfangreiche Tabellenmaterial wird verbal kaum gedeutet.
  5. Das fünfte Kapitel ist der Interpretation der erhobenen Daten gewidmet. Erschreckend ist der hohe Anteil jener Schüler, die alltägliche Handlungen in der Altenpflege nicht als Formen von Gewalt interpretieren: beispielsweise Bewohner nicht rasieren, nicht waschen, nicht ins Freie bringen, nicht aus dem Bett holen, anschreien, fixieren etc. Misshandlungen werden mit Gewalt stärker gleichgesetzt als Vernachlässigungen und wie zu erwarten war, wird körperliche Gewalt schwerwiegender als psychische bewertet. Insgesamt haben die Schüler, die in der Regel noch sensibler mit Gewalt umgehen als lang jährige Mitarbeiter, Gewalt zu einem erheblichen Anteil im Pflegealltag selbst erlebt und sie waren unmittelbar daran beteiligt, was die unbedingte Notwendigkeit präventiver Maßnahmen gegen Gewalt in der Pflege nur unterstreicht.
  6. Im Kapitel sechs werden Schlussfolgerungen gezogen und Vorschläge für einen zukünftigen Lehrplan im Hinblick auf Gewaltprävention in der Altenpflegeausbildung nach inhaltlichen Aspekten geordnet, differenziert und gut verallgemeinert unterbreitet (S. 73ff).
  7. Das letzte und damit siebente Kapitel ist einer kurzen Schlussbemerkung gewidmet, die darauf verweist, dass sich präventive Maßnahmen in der Ausbildung nicht auf theoretisch kognitive Ausführungen des Phänomens Gewalt beschränken können, weil sich darüber keine Handlungssicherheit in schwierigen Situationen ableiten lässt,  sondern  es sollten die heraus gearbeiteten Schluss­folgerungen aus dem letzten Kapitel direkt in den Lehrplan integriert werden, um den neu ausgebildeten AltenpflegerInnen neben Wissen auch Handlungskompetenz vermitteln zu können.

Fazit

Obgleich die empirische Datenbasis nicht repräsentativ ist, bietet sie vielfältige Ansatzpunkte zur Diskussion und zur besseren Sensibilisierung mit dem Thema Gewalt in der Altenpflege. Insofern ist es begrüßenswert, wenn sich wissenschaftliche Arbeiten wie die vorliegende Diplomarbeit auch mit dieser Problematik auseinandersetzen, um sie stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Jugendsoziologie und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 15.03.2007 zu: Katharina Brandl: Möglichkeiten zur Gewaltprävention in der Altenpflege. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2005. 102 Seiten. ISBN 978-3-938304-27-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4499.php, Datum des Zugriffs 19.12.2014.


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