Rosmarie Welter-Enderlin, Bruno Hildenbrand (Hrsg.): Rituale - Vielfalt in Alltag und Therapie
Rosmarie Welter-Enderlin, Bruno Hildenbrand (Hrsg.): Rituale - Vielfalt in Alltag und Therapie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 255 Seiten. ISBN 978-3-89670-290-6. 25,90 EUR, CH: 45,00 sFr.
Das Thema
Rituale gehören zum ältesten Handwerkszeug der Menschheit, wo es darum geht, zu heilen und/oder Veränderungen zu begleiten. In vielen systemischen Therapie- und Beratungsformen haben Rituale mittlerweile auf vielfältige Weise ihren Platz. Der Sammelband von Rosmarie Welter-Enderlin und Bruno Hildenbrand möchte ins Thema einführen und die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten in der systemischen Praxis dokumentieren.
Die AutorInnen/ der Hintergrund
Rosmarie Welter-Enderlin ist vor allem mit ihren Veröffentlichungen zur Paartherapie bekannt geworden. Sie ist als Paar-, Familien- und Organisationsberaterin tätig und hat ein eigenes Ausbildungsinstitut für systemische Therapie und Beratung in der Schweiz.
Bruno Hildenbrand lehrt als Professor an der Universität Jena Sozialisationstheorie und Mikrosoziologie mit Schwerpunkt auf Klinischer Soziologie. Zusätzlich ist er als Dozent und Supervisor am Institut von Rosmarie Welter-Enderlin tätig.
Dieses Ausbildungsinstitut hat 1999 ein Symposium und später einen internationalen Kongress zum Thema "Rituale in Alltag und Therapie" durchgeführt. Die Beiträge beider Tagungen bilden die Grundlage für den vorliegenden Sammelband.
Der Inhalt
In ihrem Einleitungskapitel gelingt es Bruno Hildenbrand und Rosmarie Welter- Enderlin, in konzentrierter, sachkundiger und stilistisch überzeugender Weise in das Thema "Ritual" einzuführen. Ich selbst bin Ethnologin und bewundere, wie klug und treffend die beiden AutorInnen ethnologische Positionen zusammenfassen und ihren LeserInnen nahe bringen. Schon dieser originelle und ausgereifte Text ist Grund genug, das Buch zu erwerben.
Auch die nachfolgenden Artikel bilden eine Fundgrube an Ideen und Perspektiven:
Jörg Hess schildert in seinem Beitrag "Übergänge im Leben von Tieren", wie auch bei Tieren ungewöhnliches, im Kontext sonst "unsinniges" ritualisiertes Verhalten auftritt, beispielsweise bei Formen von Trauer und Verlust.
Cornelia Vogelsanger, eine Ethnologin aus Zürich, beschreibt in ihrem engagierten Beitrag "Chaos und Ordnung im Ritual- Eine heilsame Polarität" Rituale als kulturelle Leistung, als "Gesamtkunstwerk" mit einer festen Affinität zum Religiösen, wobei Cornelia Vogelsangers Begriff des Religiösen in Anlehnung an Geertz sehr weit gefasst ist. Rituale können Ordnung aufheben (z.B. Karneval) und Ordnung schaffen (z.B. Krisenrituale). Anhand einer Bildergeschichte aus dem 18. Jahrhundert, die einen Sanskrit-Text illustriert und mit einem sehr engagierten Beispiel, das das segensreiche Wirken junger tibetischer Mönche nach einem Erdbeben in einer indischen Stadt beschreibt, verdeutlicht Cornelia Vogelsanger ihre Thesen.
Luc Ciompi als bekannten Vertreter der Affektlogik interessieren Rituale vor allem unter dem Aspekt, dass Rituale überbordende Gefühle fassen, formen und in konstruktive Bahnen lenken können ("Symbolische Affektkanalisation - eine therapeutische Grundfunktion von Ritualen").
Evan Imber-Black vertritt in ihrem Beitrag "Rituale und Geheimnisse, Geheimnisse und Rituale" ihre Erfahrung, dass fehlende Rituale in einer Familie oft mit belastenden Geheimnissen korrespondieren. Sie schildert, wann Rituale nicht den geeigneten Hintergrund abgeben, Geheimnisse aufzudecken und gibt Anregungen, wie Rituale im Umfeld von Geheimnissen sinnvoll eingesetzt werden können. Anhand der Geschichte eines Paares, das durch unterschiedliche Herkunft über keine gemeinsamen Rituale verfügte, zeigt Evan Imber-Black dann ein Stück ihrer eigenen therapeutischen Arbeit.
Celia J. Falicov beschäftigt sich in ihrem Beitrag "Die uneindeutigen Verluste der Migration - Familienresilienz durch kulturelle Rituale" mit der besonderen Form uneindeutigen Verlustes bei Migration. Trennungen sind nicht endgültig, sondern beinhalten immer die vage und unbestimmte Möglichkeit der Rückkehr, weshalb die meisten kulturspezifischen Verlust-Rituale nicht eingesetzt werden können. Die Folge dieser Uneindeutigkeit können psychosomatische Reaktionen sowohl bei den MigrantInnen als auch bei den Daheimgebliebenen sein. Hier fehlen Rituale und Celia Falicov beschreibt mit zahlreichen Beispielen, wie Rituale hier sinnvoll, klärend und tröstlich eingesetzt werden können. Auch bei Konflikten rund um die Migration und die weitere Lebensplanung zeigt die Autorin, wie passende Rituale - z.B. das der geraden und ungeraden Tage aus dem Mailänder Modell - können.
Ulrich Clement untersucht in seinem Artikel die Verarbeitung von Verletzungen und Kränkungen in Paarbeziehungen. "Offene Rechnungen" - Ausgleichsrituale in Paarbeziehungen" - das heißt für Clement, dass in vielen Paaren das lebendige Miteinander erstirbt, wenn ein Partner dem anderen Leid zugefügt hat. Hier drohen die PartnerInnen in einer Kollusion als TäterIn bzw. gekränktes Opfer zu erstarren. Rituale, die den Ausgleich und nicht die Komplementär-Rollen betonen, können hier einen guten Ausgleich schaffen. Ein origineller und spannender Beitrag!
Bruno Hildebrand und Gunthard Weber vertreten unterschiedliche Positionen zu Familienaufstellungen, vor allem, was deren rituellen Ordnungsteil betrifft. Anhand eines Videobandes zu einer Aufstellung von Gunthard Weber diskutieren beide Autoren konstruktiv und auch kontrovers. ("Ritualisierung in Familienaufstellungen und professionelles Handeln").
Jochen Schweitzer und Elisabeth Nicolai beschreiben ein innovatives Projekt der Organisationsentwicklung: In ihrem Beitrag "Rituale der Organisation- Rituale der Organisationsentwicklung" zeigen sie, wie sie psychiatrische Einrichtungen auf ihre Rituale hin untersuchen, und zwar unter der Fragestellung: Passen diese Rituale zum Menschenbild und dem therapeutischen Ansatz einer Einrichtung und wo macht es ggf. Sinn, diese Rituale zu ändern?
Tom Levold verweist in seinem Beitrag "Rituale in Organisationen" auf die Nützlichkeit und Notwendigkeit von Ritualen gerade in komplexen und arbeitsteiligen Organisationen, die zwar sehr flexibel sind, aber ihren Mitgliedern wenig Orientierung vermitteln.
Moritz Leuenberger, zum Zeitpunkt der Tagung, die dem Sammelband zugrunde liegt, Schweizer Bundespräsident, zeigt unter dem Titel "Rituale in der Politik" spezielle Schweizer Formen politischer Kultur auf.
Beat Kappeler untersucht in "Rituale oder Ratio in der Wirtschaft" die Rituale des Marktes und des Kapitalismus heute.
Richard Reich beschreibt in seinem Schmutzeln auslösenden Beitrag "Heavy Mental", wie im zuschauerintensiven Sport traditionelle Rituale (untersucht am Beispiel des Teddybären im Fußball-Tor) ersetzt werden durch neue Rituale wie die ständige Beschwörung des mentalen Trainings der Spitzensportler.
Im letzten Artikel des Buches "Nützlichkeiten und Grenzen von Ritualen und ritualisierten Übergängen in der Praxis systemischer Therapie" kommt noch einmal die Herausgeberin Rosmarie Welter-Enderlin zu Wort. Am Beispiel der therapeutischen Arbeit mit einer Familie nach einer furchtbaren, uneindeutigen Verlusterfahrung zeigt Rosmarie Welter-Enderlin die Grundlinien ihrer Arbeit auf. Für mich als aussenstehende Leserin etwas rätselhaft sind allein die zornigen Seitenhiebe auf andere systemische Verfahren, die aus Sicht der Autorin unverantwortlich und schädlich mit Ritualen umgehen.
Zielgruppen
Für alle BeraterInnen und TherapeutInnen mit Interesse am Einsatz von Ritualen, für EthnologInnen mit Interesse für die therapeutische Verwendung von Ritualen, für Hochschulbibliotheken aller sozialwissenschaftlichen Richtungen.
Fazit
Ein von den HerausgeberInnen gut betreuter und kommentierter Sammelband, der - bei allen Unterschieden in den Beiträgen - aus meiner Sicht das Zeug zu einem Klassiker hat.
Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
FH University of Applied Sciences Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 11.03.2003 zu: Rosmarie Welter-Enderlin, Bruno Hildenbrand (Hrsg.): Rituale - Vielfalt in Alltag und Therapie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2002. 255 Seiten. ISBN 978-3-89670-290-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/452.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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