Wolf Ritscher: Einführung in die systemische soziale Arbeit mit Familien

Cover Wolf Ritscher: Einführung in die systemische soziale Arbeit mit Familien. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. 124 Seiten. ISBN 978-3-89670-468-9. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 23,00 sFr.

Reihe: Compact.

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Systemisch ist nicht alles - aber ohne systemisch ist alles nichts

Alles was gut ist, ist systemisch. Nur weiß keiner so genau, was systemisch eigentlich ist. Das ist praktisch, denn dann kann niemand überprüfen, ob das, was man tut, wirklich "systemisch" ist und die beliebte Aussage von psychosozialen Fachkräften "Wir arbeiten systemisch" steht nicht in der Gefahr, zur tatsächlichen konzeptionellen und methodischen Messlatte zu werden. Das Programm des Carl Auer-Verlages steht seit Jahren dafür, diese behagliche Situation zu beenden. Die Reihe mit kurzen Texten zur Einführung in verschiedene Aspekte des systemischen Ansatzes tut ein Übriges: auf jeweils 125 Seiten werden komplexe Themen "einfach, kurz und gut" (Eberling/Hargens) präsentiert. Wolf Ritschers Bändchen über die systemische Soziale Arbeit mit Familien passt gut in dieses Programm.

Autor

Ritscher lehrt als Psychologe an der Hochschule für Sozialwesen in Esslingen. Er ist freiberuflicher Systemischer Therapeut, Psychodramatherapeut und Supervisor und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Anwendung systemischer Konzepte in der Sozialen Arbeit. Er hat sich unter anderem durch das Lehrbuch "Systemische Modelle für die Soziale Arbeit" (2002) und sein Buch "Systemische Kinder- und Jugendhilfe (2005)  einen Namen gemacht, beide sind ebenfalls im Carl Auer Verlag erschienen. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt Ritschers sind die psychosozialen Folgen des Nationalsozialismus und die "Erziehung nach Auschwitz".

Inhalt

In diesem Text zur Einführung beschäftigt sich Wolf Ritscher mit dem Feld der Familienorientierten Sozialen Arbeit und stellt kurz und prägnant dar, was der "Unterschied ist, der einen Unterschied macht" (Bateson), wenn man - beispielsweise in der Sozialpädagogischen Familienhilfe - systemisch arbeitet. Das Buch ist in drei Teile gegliedert.

  • Im ersten Teil, dem historischen Zugang, werden einige Konzepte der Familien- und Systemtherapie auf knapp 50 Seiten kurz umrissen. Einleitend wird erfreulicher Weise die Bedeutung des von vielen SystemikerInnen (z.B. von Jay Haley) belächelten und verspotteten Ansatzes der Psychoanalyse für die Familientherapie gewürdigt. Drei systemische Ansätze stellt Ritscher dann vor, die ihm für die Soziale Arbeit mit Familien besonders wichtig erscheinen:
    1. Den systemisch-konstruktivistischen Ansatz der Mailänder und Heidelberger Schule, der durch die paradoxen Interventionen Mara Selvini Palazzolis bei Familien mit schizophrener Transaktion und die zirkulären Fragen berühmt geworden ist.
    2. Den von Virginia Satir geprägten entwicklungsorientierten Ansatz, bei dem insbesondere mit Familienskulpturen gearbeitet wird - lange vor Bert Hellingers Aufstellungen, trotzdem von seinen Adepten selten (an)erkannt.
    3. Den strukturellen Ansatz der Gruppe um Salvador Minuchin, der bereits in den 60er Jahren erfolgreich familientherapeutisch mit armen, farbigen Familien in Slums gearbeitet hat ("Families of the Slums") und in dem es vor allem um hierarchische Grenzen in Systemen und ihre Wiederherstellung geht. Die Abschnitte sind einheitlich gegliedert. Ritscher erläutert jeweils zunächst den theoretischen Kontext, stellt dann die wichtigsten Theorieelemente und Handlungskonzepte und ihre Verbindung in einem Schaubild übersichtlich dar und würdigt abschließend die Bedeutung des jeweiligen Ansatzes für die systemische Familiensozialarbeit.

    Angesichts der erzwungenen Kürze der Reihe mag die Beschränkung auf drei Ansätze unvermeidlich sein, ich vermisse dennoch schmerzlich insbesondere den lösungsorientierten Ansatz des Brief Family Therapy Center in Milwaukee um Steve de Shazer und Insoo Kim Berg ("Familien Zusammenhalt(en)"), vor allem weil dieser für die Arbeit mit "Multiproblemfamilien" und die sozialpädagogische Familienhilfe auch im deutschsprachigen Raum - insbesondere durch die Veröffentlichungen von Jürgen Hargens (z.B. "Klar helfen wir Ihnen! Wann sollen wir kommen? Systemische Ansätze in der sozialpädagogischen Familienhilfe", Dortmund, 2000) inzwischen eine zentrale Bedeutung hat.

  • Im zweiten Teil des Buches, dem "systematischen Zugang", wird die "Einfädelung" der systemischen Familientherapie in die Soziale Arbeit mit Familien auf 40 Seiten umrissen. Uri Bronfenbrenners ökosoziales Mehrebenen-Modell erscheint Ritscher dabei besonders wichtig. Der Teil mündet in Handlungsrichtlinien und eine Zusammenfassung der zentralen Aufgaben der systemischen Sozialarbeit - Hilfeplanung und Auftragsklärung sind hier - so Ritscher - die zentralen Elemente. Die kurzen abschließenden Ausführungen zur Arbeit im Zwangskontext und der Verweis auf die Notwendigkeit einer staatlich organisierten "Begrenzungsmacht" (Staub-Bernasconi) in Fällen von (sexueller) Gewaltanwendung überzeugen mich weniger. Hier hätte ich zumindest kurze Anmerkungen zur Neutralität bzw. Allparteilichkeit in nicht-neutralen Kontexten vermutet.
  • Im dritten, mit 20 Seiten sehr kurz geratenen, Teil wird der "praktische Zugang" anhand von zwei Fallskizzen dargestellt.

Fazit

Das Buch ist klar strukturiert, flüssig zu lesen und ein gutes Beispiel für den systemischen Grundsatz der "Reduktion von Komplexität". Es eignet sich für Studierende als erste Einführung in die für manche vielleicht unüberschaubar anmutende Materie systemischer Theorie und Methode. Aber auch für PraktikerInnen, die ernst machen (wollen) mit dem Bekenntnis "Wir arbeiten systemisch", dürfte es als erste Orientierung nützlich sein. Die Fokussierung auf die Arbeit mit Familien sollte niemand abschrecken, es zur Hand zu nehmen: auch für systemisches Arbeiten in anderen Kontexten finden sich nützliche Anregungen. Die Literaturhinweise machen neugierig zum Weiterlesen und sind eine Fundgrube sowohl für KlassikerInnnen als auch für neuere und neueste Literatur über den systemischen Ansatz.

Ein Wermutstropfen soll nicht verschwiegen werden: Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Ausgrenzung sind Faktoren, welche zunehmend die Wirklichkeit von Familien prägen, denen von SozialarbeiterInnen "geholfen" werden soll. Diese "Wirklichkeiten" kommen in dem Buch leider nur in Nebensätzen vor, obwohl sie nach dem Hinweis des Verfassers auf die Bedeutsamkeit von Bronfenbrenners Mehrebenen-Modell - zumindest als kurzer Verweis auf die Bedingungen der Makro-Ebene - eigentlich zu erwarten wären. Fazit: Die systemische Brille ist nicht alles - aber ohne die systemische Brille fehlt nicht nur bei der Arbeit mit Familien Wesentliches!


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Pfeifer-Schaupp
Dozent für Sozialarbeitswissenschaft an der Evangelischen Hochschule, Universitiy of Applied Science, Freiburg. Systemischer Therapeut und Supervisor (DGSF), Leiter des Freiburger Instituts für systemische Therapie und Beratung
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Zitiervorschlag
Ulrich Pfeifer-Schaupp. Rezension vom 22.02.2007 zu: Wolf Ritscher: Einführung in die systemische soziale Arbeit mit Familien. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. 124 Seiten. ISBN 978-3-89670-468-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4531.php, Datum des Zugriffs 21.10.2014.


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