Werner Schlummer, Ute Schütte: Mitwirkung von Menschen mit geistiger Behinderung. Schule, Arbeit, Wohnen
Werner Schlummer, Ute Schütte: Mitwirkung von Menschen mit geistiger Behinderung. Schule, Arbeit, Wohnen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2006. 207 Seiten. ISBN 978-3-497-01865-9. D: 19,90 EUR, A: 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
Reihe: Sonderpädagogik.
Thema und Hintergrund
"Teilhabe am Leben der Gesellschaft" und "Selbstbestimmung" sind zu sozialrechtlich verankerten Bewertungsdimensionen für die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung geworden. Menschen mit Behinderung sollen grundsätzlich die gleichen Bürgerrechte zugestanden werden wie anderen auch. Zur guten Kultur demokratischer Gesellschaften gehören die aktive Mitwirkung und Mitbestimmung aller Mitglieder einer Institution an deren Entscheidungen durch gewählte Interessenvertreter und Gremien. Werner Schlummer und Ute Schütte fragen, wie es um die Mitwirkung und Mitbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung in den institutionellen Lebensfeldern Schule, Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) und Wohneinrichtungen bestellt ist. Und sie zeigen Wege auf, wie Mitwirkung erfolgreich unterstützt werden kann.
Autor und Autorin
Werner Schlummer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am heilpädagogischen Department der Uni Köln, Ute Schütte, Fachlehrerin an einer Schule für Geistigbehinderte. Beide verfügen über Forschungs- und Schulungserfahrungen in diesem Bereich.
Aufbau und Inhalt
- Im ersten Kapitel zeichnen die Autoren in groben Zügen den Wandel der Behindertenhilfe von der praktizierten und verinnerlichten Fremdbestimmung bis zur geforderten und einzulösenden Selbstbestimmung nach. Der durch das SGB IX forcierte Umbruch in der Behindertenhilfe wird als Aufbruch für die Ausgestaltung von Mitwirkungsmöglichkeiten von geistig behinderten Menschen in den ihr Leben prägenden Institutionen begriffen.
- Der Mitwirkung in Förderschulen, WfbM und Wohneinrichtungen ist jeweils ein Kapitel gewidmet. Kenntnisreich und verständlich werden die historische Entwicklung und die rechtlichen Möglichkeiten der Mitwirkung in dem jeweiligen Lebensfeld skizziert. Die feldspezifische Bedeutung der Mitwirkung und das Ausmaß ihrer Umsetzung werden auf der Basis empirischer Studien sowie zahlreicher Schulungen und Gespräche bewertet. Die Autoren präsentieren anschauliche Vorschläge, wie die Schülermitwirkung im Unterricht behandelt und wie Werkstatträte geschult werden können. Erschreckend deutlich wird, wie wenig Aufmerksamkeit der institutionalisierten Mitwirkung in der Förderschule und in den Wohneinrichtungen von Seiten der Praxis und der Wissenschaft zuteil wurde. Dagegen hat die Arbeit der Werkstatträte eine Dynamik ausgelöst, die bei allen Schwierigkeiten das Fremd - und Selbstbild der behinderten Beschäftigten Stück für Stück verändert.
- Mitwirkung erfordert, so zeigen die Erfahrungen, eine Begleitung durch Vertrauenspersonen, die sich in der Regel aus dem Personal der Institution rekrutieren (Lehrer, Mitarbeiter des Gruppen- oder Sozialdienstes in WfbM und Wohnheim). Im fünften Kapitel geht es um die Anforderungen an eine Vertrauensperson und ihre Gratwanderung zwischen einer aktiv fördernden, die Mitwirkung strukturierenden Rolle und einer Haltung, die die gewählten Vertreter und Gremien bevormundet. Begleitung erfordert mehr als reine Assistenz. Als Königsweg empfehlen die Autoren, den Auftrag an eine Vertrauensperson offen und schriftlich zu klären - ein aus der systemischen Arbeit geläufiges Verfahren. Die möglichen Konflikte und Dilemmata von Vertrauenspersonen werden vielschichtig beleuchtet.
- Das sechste Kapitel zeigt auf, dass Mitwirkung nur nachhaltig funktionieren kann, wenn sie innerhalb der Organisationen durch Erwachsenenbildung für alle Mitwirkungsbeteiligten vorbereitet und als Teil der Organisationsentwicklung und des Qualitätsmanagements aufgefasst wird. Bei der Aus- bzw. Weiterbildung und bei der Auswahl des Personals müssen die für die Mitwirkung erforderlichen Kompetenzen Beachtung finden.
- Ein etwas blumiger Ausblick auf eine inklusive, durch starke Vernetzung gekennzeichnete Selbstbestimmungskultur der Zukunft leitet über zu einem lohnenswerten Anhang, der eine Mustergeschäftsordnung für Schülervertreter und Mustervereinbarungen für Vertrauenspersonen enthält.
Zielgruppen
Das Buch richtet sich als Leitfaden und Orientierung vor allem an Lehrkräfte in Schulen und Mitarbeiter in Werkstätten und Wohneinrichtungen, seien sie nun in Leitungsfunktionen oder unmittelbar in Klassen, Arbeitsgruppen oder Wohndiensten tätig. Es bietet einen hervorragenden Überblick für angehende Fachkräfte, für Studierende wie Lehrende, Auszubildende wie Ausbilder. Es ist allen zu empfehlen, die eine Tätigkeit in diesen Feldern beginnen.
Bewertung
Mit einer sorgfältig gewählten Terminologie und Sprache verschaffen die Autoren den Lesern einen Durchblick durch den sozialpolitischen und juristischen Dschungel. Die vorgeschlagene Lesestrategie und im Text hervorgehobene Hinweiskästen, die klärende Definitionen, vertiefende Informationen, weiterführende Literatur, Internetadressen und Kommentare zu Gesetzestexten enthalten, erleichtern die Lektüre. Man verliert selbst die Scheu, sich mit juristischen Paragrafen und Formulierungen zu beschäftigen. Neben einer sachlogisch klaren Gliederung besticht das Buch durch zahlreiche Anregungen, Beispiele und den gezielten Rückgriff auf grundlegende wissenschaftliche Konzepte und Unterscheidungen, wenn sie zur Klärung von Sachverhalten beitragen. Auf Schwierigkeiten in den Realitätsbereichen, Diskrepanzen zu pädagogischen oder sozialpolitischen Postulaten wird reflektiert und behutsam abwägend eingegangen - unter Verzicht auf den pädagogischen Zeigefinger oder moralische Appelle.
Gegen Ende des Buches erreicht die Erörterung der Konsequenzen einer Stärkung der Mitwirkung für die Organisationen Schule, WfbM, Wohneinrichtungen und für Aus- und Weiterbildungseinrichtungen nicht die Schärfe und Konkretheit der vergangenen Kapitel. Neben Beispielen guter Praxis wäre es im sechsten Kapitel wünschenswert gewesen, Mitwirkung als Teil der Persönlichkeitsbildung von Menschen mit Behinderung institutionell zu verankern und das Verhältnis der Mitwirkung in demokratisch legitimierten Gremien zu den zunehmenden individuellen Formen der Mit- bzw. Selbstbestimmung in individualisierten Förder-, Hilfe- oder Personalentwicklungsverfahren zu klären.
Fazit
Insgesamt hat das Buch das Zeug, ein Standardwerk für die Mitwirkung von Menschen mit geistiger Behinderung zu werden. Die jeweiligen Kapitel sollten zur Pflichtlektüre für aktuelle und zukünftige Mitarbeiter in Förderschulen, Werkstätten für behinderte Menschen und Wohneinrichtungen werden.
Rezensent
Prof. Dr. Friedrich Dieckmann
Psychologie in der Sozialen Arbeit
Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Münster
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Zitiervorschlag
Friedrich Dieckmann. Rezension vom 13.11.2007 zu: Werner Schlummer, Ute Schütte: Mitwirkung von Menschen mit geistiger Behinderung. Schule, Arbeit, Wohnen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2006. 207 Seiten. ISBN 978-3-497-01865-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4575.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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