Astrid Schreyögg: Konfliktcoaching. Anleitung für den Coach
Astrid Schreyögg: Konfliktcoaching. Anleitung für den Coach. Campus Verlag (Frankfurt) 2002. 380 Seiten. ISBN 978-3-593-36949-5. 39,90 EUR.
Einführung
Coaching wird nicht selten erst dann in Anspruch genommen, wenn ein Konflikt ausgebrochen oder latent wirksam ist. Zwar wird Coaching auch als Vorbereitung auf neue Rollen und Aufgaben nachgefragt, unter Umständen werden aber gerade bei der Übernahme neuer Rollen und Aufgaben Konflikte virulent. Insofern ist der Focus des neuen Buches von Astrid Schreyögg keineswegs zu eng gewählt, sondern nimmt einen großen Bereich des Faches Coaching in den Blick.
Hintergründe
Astrid Schreyögg arbeitet als freie Psychotherapeutin, Supervisorin und Organisationsberaterin in Berlin. Sie ist Herausgeberin der Zeitschrift "Organisationsberatung, Supervision, Clinical Management" (OSC). Ihre Biographie verzeichnet u.a. die Leitung eines heilpädagogisch-psychotherapeutischen Kinderheims, die langjährige Leitung einer Fachakademie für Sozialpädagogik, eine Ausbildung zur Gestalttherapeutin, zahlreiche Lehr- und Beratungsaufträge in Betrieben, Verwaltungen und Dienstleistungsunternehmen. Ihr Buch ist gut in der wissenschaftlichen Debatte verankert, gleichzeitig aber deutlich geprägt von eigener umfangreicher beraterischer Praxis.
Aufbau und Inhalte
Schreyögg entfaltet ihr Thema in zwei Teilen: der erste Teil behandelt das Thema "Coaching und Konflikte" allgemein, der zweite stellt "Coaching bei speziellen Konfliktkonstellationen" dar. (Zu den Stärken der Bücher von Astrid Schreyögg gehören m.E. die sehr differenzierten, übersichtlichen und didaktisch sinnvollen Gliederungen!)
Im Einzelnen:
Coaching wird in erster Linie von Führungskräften in Anspruch genommen. Konfliktmanagement gehört aber zu den grundlegenden Aufgaben jeder Führungskraft. Konfliktcoaching, wie Schreyögg es vorstellt, soll Führungskräften helfen, diese Aufgabe kompetent wahrzunehmen.
Im ersten Kapitel wird referiert, was unter "Coaching" verstanden wird, die Rolle des Coach wird ebenso reflektiert wie typische Coachinganlässe. Das zweite Kapitel ist überschrieben mit "Konflikte in Organisationen" und bedenkt sowohl grundlegende Konzepte der Konflikttheorie wie auch Ursachen und Diagnosemöglichkeiten. Das dritte Kapitel bringt beide Themen zusammen und heißt "Coaching bei Konflikten". Drei Ausrichtungen des Coaching werden dargestellt: "Coaching zur Konfliktprophylaxe", "Coaching zur Konfliktbewältigung" und "Coaching zur Konfliktstimulation" (denn auch Konflikte können in Organisationen durchaus konstruktiv wirken!!).
Der zweite, noch mehr auf die Praxis ausgerichtete Teil des Buches beginnt mit dem 4. Kapitel, das den unterschiedlichen Konfliktmustern in unterschiedlichen Organisationstypen (Wirtschaftsbetriebe, Behörden, soziale Dienstleistungsbetriebe) gewidmet ist. In jedem der folgenden Kapitel geht es um Coaching für Führungskräfte in bestimmten Milieus und Personalkonstellationen: "Konfliktcoaching für neu ernannte Führungskäfte" (Kap. 5) (differenziert nach Aufsteiger, Quereinsteiger, Seiteneinsteiger, Nachfolgesituationen etc.). "Charismatische Konstellationen", das Milieu der gemeinsamen Arbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen, die spezielle Situation von Führung in Familienunternehmen, die typischen Konfliktbereiche bei der Umstellung von Plan- auf Marktwirtschaft sowie schließlich die Frage von Führung in Mann-Frau-Konstellationen sind die Themen der nachfolgenden, eines wie das andere aufschlussreichen Kapitel.
Ein umfangreiches Literaturverzeichnis und Register signalisiert wissenschaftlichen Anspruch und ermöglicht die Weiterarbeit an vielen Stellen des Themas.
Zielgruppen
"Konfliktcoaching" ist eines der seltenen Bücher, die sowohl die Coaches als auch die Klienten mit großem Gewinn lesen werden. Denn beiden Seiten tut es gleichermaßen gut, sich einen Überblick über typische Problemlagen zu verschaffen. Ich selbst habe viel für meine Profession als Supervisor, aber auch viel für meinen Primärberuf, der sich im kritischen Feld von Haupt- und Ehrenamt bewegt, gelernt. Astrid Schreyögg scheint auf die Kategorie "Standardwerk" abonniert zu sein: ihre Bücher "Supervision. Ein integratives Modell" und "Coaching. Eine Einführung für Praxis und Ausbildung" gehören längst dazu. Auch dieses Buch wird sich gewiss einreihen und auch in der Coachingausbildung seinen festen Platz finden.
Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit
Damit ist schon etwas zur Tauglichkeit gesagt: die bereits angesprochene differenzierte, manchmal sogar leicht "über-didiaktische" Gliederung (am Ende eines Kapitels wird jeweils noch einmal wiederholt, was man schon vorher hätte lernen sollen) macht "Konfliktcoaching" zu einem Lehr- und Lernbuch. Die Traditions- und Forschungsgeschichte hat ein eigenes Gewicht, aber kein Übergewicht. Astrid Schreyögg gelingt die Verbindung von Grundlagen- und Praxistheorie sehr gut. Sie löst ihren eigenen Anspruch der Konzeptentwicklung auf den unterschiedlichen Ebenen überzeugend ein. Sie schreibt: "Von zentraler Bedeutung ist das Konzept des Coach. Wenn Coaching nicht im aktuellen Dunst von modischen Worthülsen versacken soll, bedarf es fachlich kompetenter Berater, die ihre Arbeit auf ein ausformuliertes Coachingkonzept gründen." (S. 32) Für ein solches Konzept nennt sie folgende Hierarchieebenen: Zunächst das Metamodell, in dem die grundsätzlichen erkenntnistheoretischen und anthropologischen Annahmen angesiedelt sind, dann die Ebene der Theorien, auf der es vor allem um diagnostische Perspektiven geht, weiter die Ebene der methodischen Anweisungen und schließlich die der Methodik ("Praxeologie") selbst. All diese Ebenen sind gut repräsentiert in dem Band, wenn es auch kein "Methodenbuch" ist — auf der Suche nach (kreativen) Methoden wird man eher in anderen Werken fündig werden.
Dann gäbe es noch so manche Einzelheiten zu nennen, die mich besonders überzeugt haben. Stichwortartig genannt sind das zum Beispiel ein sehr ausführliches Stufenmodell zur Eskalation von Konflikten (S. 82ff) verbunden mit der für den Coach nicht unwesentlichen Frage, wie sich die Akzeptanz externer Berater im Laufe des Eskalation wandelt; Grundsätze zur Moderation von Konflikten und zum Verhandeln (S. 110ff); eine Übersicht über die Grundtypen von Organisationen (S. 139 ff) und vieles andere. Generell gefällt mir die Konkretheit der Anweisungen Schreyöggs, die sich in der Coachingarbeit als ausgesprochen hilfreich erweisen werden. Wenn ich sagen sollte, was mir fehlt, müsste ich lange nachdenken und käme dann nur zum Stichwort "mobbing", denn das wäre noch eine Abgrenzung wert: Was ist ein "normaler" Konflikt, der vielleicht sogar konstruktive Energien freisetzt, und was ist destruktives mobbing? Wie begegnet eine Führungskraft dem mobbing — vor allem in Mann-Frau-Konstellationen? Und schließlich: Was bedeutet mobbing als Phänomen in systemischer Perspektive? Aber zu dem Thema gibt es ja bereits Literatur.
Fazit
Ein hilf- und lehrreiches Buch aus der Feder einer renommierten Autorin, das vor allem Coaches im Bücherschrank haben sollten.
Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv)
(Lehr-)Coach (DGfC)
1.Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Coaching e.V.
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 18.08.2002 zu: Astrid Schreyögg: Konfliktcoaching. Anleitung für den Coach. Campus Verlag (Frankfurt) 2002. 380 Seiten. ISBN 978-3-593-36949-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/460.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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