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Rauf Ceylan: Ethnische Kolonien

Cover Rauf Ceylan: Ethnische Kolonien. Entstehung, Funktion und Wandel am Beispiel türkischer Moscheen und Cafés. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 272 Seiten. ISBN 978-3-531-15258-5. 32,90 EUR.
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Hintergrund

Die sozialräumliche Konzentration der Migranten/innen macht sich seit den 1970er Jahren in zahlreichen deutschen Städten durch Imbissstuben, Lebensmittelläden, Cafés, Reisebüros, Büros der verschiedenen politischen Gruppierungen, Migrantenvereine, Moscheen und ähnliches bemerkbar. Dieses mittlerweile alltägliche Bild gehört mitunter zu dem Begriff "ethnische Kolonien". Bisher gibt es bemerkenswert wenige Untersuchungen zum Innenleben türkischer Kolonien in deutschen Städten.

Mit der vorliegenden Arbeit liegt ein Versuch vor, diese Lücke zu schließen. Das Buch ist eine Dissertation, mit der Ceylan an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum promoviert hat.

Autor

Dr. Rauf Ceylan ist Diplom-Sozialpädagoge und Sozialwissenschaftler. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fachhochschule Düsseldorf im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften. Er wurde im Rahmen des Assistentenprogramms des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie gefördert.

Zentrale Fragestellungen und methodisches Vorgehen

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine empirische Untersuchung. Untersucht hat der Autor im Duisburger Stadtteil Hochfeld (mit einem Migrantenanteil von etwa 40 %, davon stammen etwa die Hälfte aus der Türkei) exemplarische Kristallisationspunkte, fünf türkische konkurrierende Moscheen und sieben Cafés. Sein Augenmerk ist besonderes auf die lebenspraktische Bedeutung dieser Einrichtungen im städtischen Alltag gerichtet und weniger auf den religiösen bzw. ideologischen Charakter der Einrichtungen. So fragt Ceylan nach Gründungsjahr und -bedingungen, nach den Funktionen der untersuchten Einrichtungen im Quartier sowie nach deren Besucher-Struktur damals und heute. Ferner geht er folgenden Fragen nach: In welchem Zusammenhang stehen ihre Funktionen zu makrostrukturellen (globalen, nationalen, lokalen) Prozessen? Wie organisieren sich die untersuchten Einrichtungen unter diesen strukturellen und sozialen Bedingungen? Welche Veränderungsprozesse und Entwicklungen sind in den türkischen Einrichtungen im Vergleich zum Herkunftsland zu verzeichnen? Wie sind die integrativen und desintegrativen Tendenzen in der Kolonie unter der Berücksichtigung der lokalen Zwänge zu bewerten? Welche Bedeutung bzw. Folgen haben die Forschungsergebnisse für die türkischstämmigen Migranten und für die Gesamtgesellschaft?

Zur Beantwortung dieser Fragen hat Ceylan 83 narrative Interviews, 31 teilnehmende Beobachtungen, 18 Sitzungen mit lokalen Experten und 6 Begehungen durchgeführt, die einen Einblick in die Innenwelt einer türkischen Kolonie liefern sollen.

Aufbau und Inhalt

Abgesehen von der Einleitung besteht das Buch aus neun Kapiteln, deren folgende Überschriften gleichzeitig auch Hinweise auf die jeweiligen Inhalte geben.

  1. Ethnische Segregation in deutschen Städten: Eine Annäherung an eine kommunalpolitische Frage
  2. Soziokulturelle Eigensysteme in segregierten Stadtteilen: Zum Konzept der ethnischen Kolonie
  3. Ethnische Kolonie im Disput: Zur Ambivalenz der ethnischen Segregation
  4. Zwischenfazit
  5. Ziele, Vorgehensweisen und Methodik der Untersuchung
  6. Duisburg - Daten und Fakten
  7. Moscheen im sozialräumlichen Kontext
  8. Das Cafe-Milieu. Zwischen Tradition und Wandel
  9. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Das Buch schließt mit einer Literaturauswahl, sortiert nach unterschiedlichen Themengebieten.

Diskussion

Die Studie von Rauf Ceylan ist von hoher wissenschaftlicher Relevanz und integrations- wie stadtpolitischer Aktualität. Es gelingt Ceylan in der Tat, dem mangelhaften empirischen Erkenntnisstand über das Innenleben türkischer Wohngebiete in Deutschland mit dieser spannenden und erkenntnisreichen Studie entgegenzuwirken und damit eine Forschungslücke zu schließen. Als türkischsprachiger Sozialarbeiter hat er Zugang zur untersuchten Gruppe, der häufig anderen fehlt, und er scheint ihn gut und sinnvoll genutzt zu haben. Er liefert ein Bild der ethnischen Kolonie, das bisher ganz einfach gefehlt hat.

Ceylan verbindet seine empirischen Beobachtungen und zahlreichen Zitate aus den Interviews, die er in den Moscheen und Cafés durchgeführt hat, zum Teil kunstvoll mit weiteren Erkenntnissen aus der Fachliteratur und theoretischen Interpretationen.

Ceylan zieht es berechtigterweise vor, bei Stadtteilen wie "Hochfeld" von ethnischen Kolonien zu sprechen statt von "Ghettos", da Ghettos, wie etwa in Amerika, großflächigere Areale sind, die nur von einer ethnischen Gruppe bewohnt werden und keine Außenkontakte, keine Offenheit zur Mehrheitsgesellschaft haben. Eine großflächige Segregation gibt es aber in Deutschland nicht, die Infrastruktur wird auch von Bewohnern anderer Stadtteile in Anspruch genommen, und nicht zuletzt stellen Migranten in solchen ethnischen Kolonien deutscher Städte in der Regel höchstens ein Drittel der Bewohner dar und sind außerdem nochmals in verschiedene Ethnien differenziert.

Was bei der Arbeit von Ceylan mitunter besonders hervorzuheben ist, ist das hohe Differenzierungsniveau der Analyse. Beispielsweise zeigt er außerordentlich deutlich auf, dass Einrichtungen für Migranten aus West-Thrakien ein "Ghetto in einem Ghetto" bilden oder "Türke" nicht "Türke" ist. Ebenso wird erkennbar, wie eine ethnische Kolonie von politischen und konfessionellen, aber auch von regionalen Konfliktlinien durchzogen ist und dass man auch nicht mehr pauschal von "dem" Islam oder "den" Muslimen sprechen kann angesichts der Beschreibungen der hier analysierten fünf konkurrierenden Moscheen.

Zudem stechen Ceylans Beobachtungen im subkulturellen Caféhausmilieu besonders ins Auge, wo die Risiken der sozialräumlichen Konzentration ethnischer Kolonien dadurch deutlich werden, dass das Milieu hier mitunter in die Illegalität des Glücksspiels, des Drogenhandels, der Prostitution und des Finanzbetrugs abgleitet.

Zu einigen weiteren Hauptergebnissen der Studie: Ethnische Kolonien sind entgegen verbreiteter Vorurteile dynamisch und nicht in sich geschlossen; sie befinden sich in einer Übergangsphase, die positive Potenziale beinhaltet, in der die bestehende Problemakkumulation im negativen Fall aber auch dazu führen kann, dass die Kolonie stagniert. So zeigt Ceylan Probleme, aber auch Möglichkeiten auf, um die Potentiale, die den ethnischen Kolonien innewohnen, zu nutzen, anstatt sie zu verkennen. Er plädiert dafür, die positiven Potenziale ethnischer Kolonien anzuerkennen und zu fördern, statt sie durch Ausgrenzung und Stigmatisierung zu blockieren, was eher zu einer negativen Entwicklung, zu Regression und Selbstausgrenzung führen würde.

Fazit

Die Studie von Ceylan macht deutlich, wie komplex die Situation ist, wo sich Möglichkeiten, aber auch Gefahren ergeben könnten. Dem Fazit des Autors ist vorbehaltlos zuzustimmen: Bleiben die ethnischen Kolonien sich selbst überlassen, droht die Stagnation und die politische Radikalisierung. Die Infrastruktur der Viertel bietet aber auch die Chance, Brücken zu bauen. Ausbildung und Sprachförderung besonders für Kinder und Jugendliche sowie die Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen in Sozialer Arbeit und Kriminalitätsvorbeugung sind die Schlüssel zur Integration. Denn diese Kolonien bieten ausreichend Potentiale, die für die interkulturellen Beziehungen und die gesellschaftliche Integration genutzt werden müssen. Um welche positiven (und auch negativen)Potentiale es sich dabei handelt, ist dieser Untersuchung zu entnehmen.

Mit diesem Buch als einen wichtigen und differenzierten Einblick in türkische Lebenswelten liegt eine sehr gute Arbeit vor, die angenehm - vor allem der empirische Teil - lesbar ist und auch für Nicht-Sozialwissenschaftler/innen uneingeschränkt empfohlen werden kann.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 24.03.2007 zu: Rauf Ceylan: Ethnische Kolonien. Entstehung, Funktion und Wandel am Beispiel türkischer Moscheen und Cafés. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. ISBN 978-3-531-15258-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4613.php, Datum des Zugriffs 30.08.2016.


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