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Markus Dederich, Heinrich Greving u.a. (Hrsg.): Inklusion statt Integration? Heilpädagogik als Kulturtechnik

Cover Markus Dederich, Heinrich Greving, Christian Mürner, Peter Rödler (Hrsg.): Inklusion statt Integration? Heilpädagogik als Kulturtechnik. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2006. 194 Seiten. ISBN 978-3-89806-507-8. 29,90 EUR.

Reihe: Edition psychosozial.

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Inklusion / Integration in der Heilpädagogik - Begriffsklärungen

Markus Dederich, Heinrich Greving, Christian Mürner und Peter Rödler gehen der Frage "Inklusion oder Integration" nach, indem sie nach Konkretisierungsmöglichkeiten im Arbeitsfeld bzw. Umfeld der Heilpädagogik suchen. Was aber heißt denn überhaupt Integration und was heißt Inklusion, Fragen die im ersten Abschnitt des Buches. durch Beiträge von Markus Dederich ("Exklusion"), Emil E. Kobi ("Inklusion, ein pädagogischer Mythos?") und Swantje Köbsell ("Im Prinzip „Jein„") geklärt werden sollen. Integration wird entweder verstanden als "größtmögliche Teilhabe behinderter Menschen an der Gemeinschaft" oder als Anpassung an bestehende Normen und Werte. "Integration (gibt) es nur zu den Bedingungen der Nichtbehinderten." (Köbsell, 65).  Nach Dederich kann Exklusion verstanden werden als Marginalisierung, als Innen-Außen-Differenzierung eines sozialen Systems, als ein Begriff im Umfeld sozialer Ungleichheit. Und muss im Umkehrschluss Inklusion verstanden werden als "inklusives Egalitätsprinzip" (Kobi), das Differenzierungen verbietet? Heißt das in der Konsequenz: Eine Schule für alle, die nicht mehr ausgrenzt und nicht zur Anpassung zwingt? Oder "alle Schulen für einen" (Kobi, 42)?

Inklusion wird in mehreren Beiträgen verstanden als ein im Sinne Niklas Luhmanns systemtheoretisch zu begreifender Kommunikationsprozess, der Ein- oder Ausschlussmechanismen  (Greving) zu erkennen hilft. Inklusion ist in Zusammenhang mit lernender Organisation, mit persönlichem Können aller Mitglieder eine "gemeinsame Vision" (Greving), die Lernprozesse vernetzt, neue Denkweisen  und Kommunikationsmöglichkeiten ermöglicht, "Ver-Mittlungsprozesse" (Greving) aufweist und in sich wandelnden Organisationskulturen zu verorten ist.

Inklusion ist Systemwechsel, ist Paradigmenwechsel, ist der Begriff eines neuen Denkens, das sich in Netzwerkarbeit, im Empowermentansatz, in der Gemeinwesenarbeit als community-care, in folgenden Bereichen wiederfindet:

  • Wohnen (Seifert),
  • Arbeit (Vieweg),
  • Schule/Pädagogik (Greving, Kobi, Hollenweger) und auch
  • Hochschule als inclusive education (Stein/Lanwer).

Diskussion

Den Autoren ist es gelungen, unterschiedlichste Beiträge so zusammen zu stellen, dass Inklusion als eine Kulturtechnik im Kontext heilpädagogischen Handelns sichtbar wird. Insgesamt lassen sich die einzelnen Beiträge aber eher als theoretische Standortbestimmungen beschreiben, denn als eindeutige Wegweiser  in neue Realitäten. Das ist aber auch nicht verwunderlich angesichts der Tatsache, dass der Begriff Inklusion in einem ersten Schritt meta-theoretisch erfasst und verstanden werden muss, bevor Realisierungen möglich werden. Diesen ersten Schritt sind die Verfasser und Verfasserinnen  gegangen, manchmal jedoch  in Bereiche, die etwas irritierend in den  Gesamtzusammenhang passen. Einige Beiträge führen den Leser weit weg und überfordern ihn manchmal auch sprachlich etwas. "Inklusion inkludiert somit auch zwangsläufig „stachelschweinische Widersprüche“." (Kobi, 42). Was ist eine "rhetorisch verabsolutierende Inklusion" (Mürner, 189) oder eine "illusionslose Inklusion" (Mürner, 186)? Mürner zeigt doch gerade  auf, dass  ganz im Sinne der Inklusion im oben beschriebenen Sinn Sprichwörter und Schlagzeilen als verbale Ausschlussmechanismen zu entlarven sind, die eine "trennende Durchschlagskraft" (Mürner) haben.

Eine stringentere Gliederung und Selektion hätte diesen Irrungen entgegenwirken können. Einbezug (s. nur Hollenweger) und Diskussion der englischsprachigen Literatur insgesamt hätte helfen können, Begriffsbestimmungen und begriffliche Abgrenzungen eventuell klarer vorzugeben und in den Konsequenzen zu diskutieren. Wünschenswert wäre das verstärkte Aufzeigen der Umsetzungsmöglichkeiten auch und gerade im Bereich Schule. Aber "bis heute fehlen gemeinsam geklärte konzeptuelle Grundlagen." (Hollenweger, 49). Doch es gibt sie, die Beispiele für  gelingende Inklusion in der Schule (vgl. Booth,  Ainscow, Index for Inclusion, 2000; Kailer, Inclusion in Schools, 2006).

Fazit

Insgesamt sei der vorliegende Band all  jenen empfohlen, die sich einer neuen Realität nicht verschließen, die ein Unbehangen in der vorhanden Realität spüren, die nach neuen Wegen der gesellschaftlichen Teilhabe suchen. Dieser Leser lässt sich auf theoretische, sozialwissenschaftliche Exkurse, Begriffsbestimmungen, erste Visionen und  Umsetzungsmöglichkeiten ein, die nichts mit trockenem Seminarwissen zu tun haben, sondern als Grundlage dienen können, das eigene Denken zu verändern. Und diese veränderte, verstörte Neubestimmung des eigenen Denkens lässt in der Folge vielleicht auch neues Handeln zu.


Rezensentin
Prof. Dr. Ursula Henke


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Zitiervorschlag
Ursula Henke. Rezension vom 10.04.2007 zu: Markus Dederich, Heinrich Greving, Christian Mürner u.a. (Hrsg.): Inklusion statt Integration? Heilpädagogik als Kulturtechnik. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2006. 194 Seiten. ISBN 978-3-89806-507-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4628.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


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