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Ingrid Miethe, Wolfram Fischer u.a. (Hrsg.): Rekonstruktion und Intervention

Cover Ingrid Miethe, Wolfram Fischer, Cornelia Giebeler, Martina Goblirsch, Gerhard Riemann (Hrsg.): Rekonstruktion und Intervention. Interdisziplinäre Beiträge zur Rekonstruktiven Sozialarbeitsforschung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2007. 274 Seiten. ISBN 978-3-86649-082-6. 28,00 EUR.

Reihe: Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit - 4.
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Thema

Der vorliegende Band versammelt Beiträge, in denen mit qualitativ-rekonstruktiven Forschungsmethoden sozialpädagogische Fragestellungen bearbeitet werden. Anknüpfend an den Auftrag der HerausgeberInnen geht es dabei auch um die Beziehungen zwischen qualitativer Forschung und sozialpädagogischem Handeln, die beide unterschiedliche Bereiche mit verschiedenen gesellschaftlichen Aufträgen und unterschiedlichen Rahmenbedingungen repräsentieren. Die Beiträge befassen sich mit Fragen, wie Forschungsergebnisse für die sozialpädagogische Praxis nutzbar gemacht werden können und wie umgekehrt Forschungsfragen aus den Erfahrungen und dem Bedarf der Praxis generiert werden können. Damit ist der Band Teil des Projektes einer "Rekonstruktiven Sozialpädagogik", der es darum geht, fallverstehende und sinnrekonstruierende Vorgehensweisen in Forschung, Ausbildung und Praxis der Sozialen Arbeit zu etablieren - und dies unter Berücksichtigung der Differenzen zwischen den verschiedenen Wirklichkeitsbereichen.

Entstehungshintergrund

Der Band ist aus einer Tagung zum Thema "Rekonstruktion und Intervention" an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt im Januar 2006 hervorgegangen. Veranstalter war der Arbeitskreis "Rekonstruktive Sozialarbeitsforschung und Biografie", ein Zusammenschluss Lehrender und Forschender an Fachhochschulen, Universitäten und in Praxisfeldern der Sozialen Arbeit, die in Form von Tagungen, Methodenworkshops und Forschungskooperationen das Feld einer rekonstruktiven Sozialarbeitsforschung weiter erschließen und dies zugleich mit dem Anspruch verknüpfen, fallrekonstruktive Verfahren für die Praxis nutzbar machen zu wollen. Die vorliegende Publikation ist der vierte Band in der Reihe "Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit", die insgesamt von den fünf oben aufgeführten Herausgebern verantwortet wird. Sowohl die Reihe, in der bislang ein weiterer Herausgeberband und zwei qualitative Studien erschienen sind, als auch der vorliegende Band sind Ausdruck dafür, dass sich die qualitativ-rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit etabliert hat und mittlerweile vielfältige sozialpädagogische Fragestellungen mit interpretativen Forschungsmethoden bearbeitet werden.

Aufbau

Der Band gliedert sich in drei große Kapitel:

  1. vier grundlagentheoretische Beiträge;
  2. fünf Beiträge, die unterschiedliche Forschungsansätze und Analysekonzepte vorstellen und
  3. das umfangreichste Kapitel mit neun Beiträgen, in denen rekonstruktive Ansätze in Anwendungsbereichen der Kinder- und Jugendhilfe, der Familienhilfe, dem Gesundheitsbereich, der Altenarbeit und der interkulturellen Arbeit vorgestellt werden.

Die grundlagentheoretischen Beiträge diskutieren Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes rekonstruktiver Verfahren in Wissenschaft, Praxis und Ausbildung zur Sozialen Arbeit. Der einleitende Beitrag von Ingrid Miethe identifiziert drei Kontexte, in denen fallrekonstruktive Ansätze angewandt werden:

  1. in der Forschung, in der sozialpädagogische Fragestellungen anhand von sozialwissenschaftlichen Methoden untersucht werden;
  2. in der sozialpädagogischen Praxis, in der rekonstruktive Verfahren für die Intervention z.B. in der Beratung genutzt werden, und
  3. als Verfahren zur Selbstreflexion und Selbstbeforschung im professionellen sozialen Handeln.

Die folgenden grundlegenden Beiträge von Sue White und von Bernhard Haupert unterstreichen die besondere Rolle der Ausbildung, um eine fallverstehende und selbstreflexive Grundhaltung einzuüben und damit zugleich die Professionalisierung der Sozialen Arbeit voranzutreiben. Andreas Hanses arbeitet in seinem Beitrag heraus, dass die Arbeit mit rekonstruktiven Ansätzen in der sozialpädagogischen Praxis darüber hinaus eine Möglichkeit darstellt, um einen Zugang zu den Selbstkonstruktionen und unterdrückten Wissensbeständen der KlientInnen zu erhalten.

Die Beiträge des zweiten Kapitels geben einen Einblick in Forschungsansätze und Analysekonzepte im Rahmen einer rekonstruktiven Sozialarbeitsforschung. Es sind dies

  • ethnografische Verfahren der Feldforschung, in denen die Reflexion von Fremdheitserfahrungen zur Erkenntnisgewinnung genutzt wird (Giebeler);
  • Netzwerkanalysen als methodische Zugänge, um Projekte der Jugendberufshilfe zu evaluieren (May und Feuerstein);
  • eine Variante von Gruppenanalyse, um die Dynamik in Kindergartengruppen zu erfassen (Mansfeld) und
  • ein Trajekt Konzept in Anlehnung an die Arbeiten von Anselm Strauss und Juliet Corbin, um Brüche im System der Versorgung Pflegebedürftiger zu identifizieren (Höhmann).

Die Analysen basieren auf der forschenden Begleitung von Projekten und haben den Anspruch, dass ihre Untersuchungsergebnisse in die Praxis der jeweiligen Projekte einfließen. Wie und mit welchem Ergebnis dieser Wissenstransfer erfolgt, bleibt in den vorliegenden Beiträgen allerdings offen.

Eine größere Nähe zur sozialpädagogischen Praxis und der Orientierung an einem rekonstruktiven Vorgehen im professionellen sozialen Handeln findet sich in den Beiträgen des dritten Kapitels, in denen verschiedene Anwendungsbereiche skizziert werden. Vorgestellt werden

  • rekonstruktive Ansätze in der Beratungspraxis mit Frauen, die Gewalterfahrungen gemacht haben (Helfferich / Kruse),
  • in der Arbeit mit traumatisierten KlientInnen (Gahleitner und Loch),
  • bei der Unterstützung junger MigrantInnen im Rahmen einer migrationssensiblen Sozialen Arbeit (Schramkowski),
  • in einem Bildungsprojekt mit jungen Müttern (Thiessen)
  • und als Resultat der Verknüpfung des Resilienzansatzes und der Biografieforschung in einem Projekt mit MigrantInnen (Schulze).

In drei Beiträgen geht es um die Entwicklung neuer rekonstruktiver Verfahren, die explizit auf die Anforderungen der sozialpädagogischen Praxis zugeschnitten sind und auf der Kooperation von MitarbeiterInnen in sozialen und kulturellen Einrichtungen und WissenschaftlerInnen basieren. Dazu gehört

  • der Ansatz einer partizipativen Theaterarbeit als Kooperationsprojekt zwischen Studierenden und MitarbeiterInnen einer deutschen Hochschule und den BewohnerInnen eines brasilianischen Dorfes (Völter) ebenso wie
  • das Konzept einer narrativ-biographischen Diagnostik, das bei der Fremdunterbringung Jugendlicher in einer stationären Einrichtung der Jugendhilfe angewendet wird (Goblirsch / Inthorn / Veit) und
  • der Ansatz einer dialogischen Biografiearbeit mit Jugendlichen im Rahmen Flexibler Erziehungshilfen (Rätz-Heinisch / Köttig).

Fazit

Der Band zeigt auf eindrucksvolle Weise die Vielfalt an Forschungsarbeiten und Ansätzen, die mit qualitativ-rekonstruktiven Zugängen sozialpädagogische Problemstellungen bearbeiten. Was bereits für die Erziehungswissenschaft festgestellt worden ist, die Affinität zwischen qualitativer Sozialforschung und pädagogischem Handeln, lässt sich auch auf die Beziehung zwischen Forschung und professionellem Handeln in der Sozialpädagogik übertragen. In beiden Bereichen kommen fallanalytische und ethnografische Zugänge zur Anwendung, in denen es darum geht, fremde Lebensäußerungen zu verstehen und soziale Prozesse zu rekonstruieren. Angesichts der Differenzen zwischen Wissenschaft und sozialpädagogischer Praxis braucht es allerdings spezifischer Verfahren und Settings, um mit rekonstruktiven Ansätze in der Praxis zu arbeiten. In den Beiträgen des Bandes zeichnen sich dabei drei "Wege" ab:

  1. die Einübung einer fallverstehenden und selbstreflexiven Grundhaltung in besonderen Lernarrangements wie Forschungswerkstätten und Studienprojekten in der Ausbildung zur Sozialen Arbeit, mit der ein ethnografisches und rekonstruktives Vorgehen der späteren "Profis" grundgelegt wird;
  2. die Entwicklung besonderer Verfahren wie z.B. einer narrativ-biografischen Diagnostik, die auf die Anforderungen der Praxis zugeschnitten sind sowie
  3. verschiedene Settings von Begleit- und Praxisforschung, die einen handlungsentlasteten Rahmen für Analyse- und Reflexionsprozesse bieten. Allerdings stellt sich für die letzte Variante die Frage, wie Forschungsergebnisse an die Praxis "zurückgegeben" bzw. gemeinsam Ergebnisse erarbeitet werden, die in professionelles Handeln einfließen können. Diese Frage wird keineswegs von allen Beiträgen beantwortet und hier besteht nach wie Diskussions- und Entwicklungsbedarf.

Rezensentin
Prof. Dr. Gisela Jakob
Professur für Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit


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Zitiervorschlag
Gisela Jakob. Rezension vom 22.02.2008 zu: Ingrid Miethe, Wolfram Fischer, Cornelia Giebeler, Martina Goblirsch, Gerhard Riemann (Hrsg.): Rekonstruktion und Intervention. Interdisziplinäre Beiträge zur Rekonstruktiven Sozialarbeitsforschung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2007. ISBN 978-3-86649-082-6. Reihe: Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit - 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4715.php, Datum des Zugriffs 27.09.2016.


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