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Christine Lipp-Peetz (Hrsg.): Praxis Beobachtung. Auf dem Weg zu einem individuellen Bildungs- und Erziehungsplan

Cover Christine Lipp-Peetz (Hrsg.): Praxis Beobachtung. Auf dem Weg zu einem individuellen Bildungs- und Erziehungsplan. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2007. 192 Seiten. ISBN 978-3-589-24523-9. 18,95 EUR, CH: 33,40 sFr.
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Thema

Das Thema der Beobachtung ist aus der aktuellen Bildungsdebatte nicht mehr wegzudenken, denn das Beobachten und Dokumentieren gibt Aufschluss darüber, was Kinder interessiert und wie sie sich Herausforderungen nähern. Im Buch zeigen verschiedene Autorinnen und Autoren die reformbewusste Aus- und Fortbildung sowie eine "exzellente Kindergartenpraxis" zum Beobachten und Dokumentieren auf. Dabei ist der Situationsansatz der fachliche Bezugsrahmen.

Herausgeberin

Christine Lipp-Peetz ist Dozentin in den Evangelischen Ausbildungsstätten für Sozialpädagogische Berufe der Pädagogischen Akademie des Elisabethenstifts Darmstadt, Mitbegründerin und Gesellschafterin der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie gGmbH (INA) an der FU Berlin.

31 Autor/innen haben für dieses Buch Beiträge geschrieben. Es sind Erzieher/innen, Fortbildner/innen und Fachkräfte aus der Ausbildung.

Entstehungshintergrund

Anstoß zu dem Band gaben Abschlussarbeiten, die im Rahmen einer Langzeitweiterbildung zur Fachkraft für den Situationsansatz entstanden sind. Dabei kooperierte das Institut für den Situationsansatz der INA gGmbH an der FU Berlin mit der Pädagogischen Akademie Elisabethenstift Darmstadt.

Aufbau

Neben einem Vorwort und einem Literaturverzeichnis umfasst das Buch fünf Abschnitte.

1  Grundlagen der Beobachtung

Im ersten Kapitel geht Christine Lipp-Peetz der Frage nach, wer beobachtet wird von wem und warum. Sie stellt dabei fest, dass es beim Beobachten um Forschen und nicht um das Ausspionieren geht. Anhand der Analyse-Fragen aus der Qualitätsentwicklung zum Situationsansatz entfaltet sie die Rolle der Beobachtung für die pädagogische Tätigkeit der Erzieherinnen. Der Paradigmenwechsel, der auch in den Bildungsplänen der einzelnen Bundesländer vollzogen wurde, geht weg von der Defizitorientierung hin zum Stärkenansatz. Dies hat Konsequenzen für die Aufgabe der Beobachtung, geht es doch um einen positiven Blick und ein glaubwürdiges Feedback. Diese Form der Bildungsbegleitung - anhand der Portfolios - wird von ihr auch als Coaching beschrieben.

In diesem Kapitel setzen sich weitere Autorinnen und Autoren mit dem Beobachtungs- und Dokumentationsauftrag in den Bildungsplänen und der Beobachtung als Forschungsinstrument auseinander. Das Thema der Beobachtung wird im Bezug zum Konstruktivismus erläutert ("Objektive Beobachtung gibt es nicht"), und es werden Kriterien für die Auswahl eines Beobachtungsinstruments angeführt. Reflektierte Beobachtungen und dialogische Beziehungen unterstützen die Entwicklung von lernmethodischen Kompetenzen.

Daniela Kobelt Neuhaus beschreibt, wie die lernmethodische Kompetenz der Kinder entwickelt werden kann, welche Rolle den Erwachsenen dabei zukommt und wie reflektierte Beobachtungen als Grundlage für Lernangebote genutzt werden können.

Im Beitrag von Dieter Lotz wird die verstehende Beobachtung im Kontext heilpädagogischer Diagnostik betrachtet.

Hartmut Gerstein stellt juristische Überlegungen aus Sicht des Datenschutzes an.

2  Praxis - mit Kindern

Anhand konkreter Praxisbeispiele werden Bildungsbücher in Weiterstadt und ein Computerbüchlein vorgestellt.

Martina Hardenberg beschreibt, wie Kinder mit Erwachsenen übers Lernen reden und wie sich ihre eigene Sicht auf das Lernen der Kinder und die eigene Beobachtungspraxis verändert hat. Dabei stellt sie die Arbeit mit "Bildungsordnern" vor und beschreibt, welche Konsequenzen sie aus den Beobachtungen gezogen hat. Einige Beispiele von Briefen an die Kinder und von Lerngeschichten verdeutlichen die erläuterten Herangehensweisen.

In einem weiteren Abschnitt werden "Sternstunden" für Kinder beschrieben, das sind solche (geplanten) Momente in der Kita-Arbeit, in der sich die Erzieherin einem Kind allein widmet. Das Dokumentieren mit Kindern, die Absprachen und Auswertungen mit anderen Erzieherinnen und mit Eltern können auch unter dem Ko-Konstruktionsansatz betrachtet werden.

Christiane Schweitzer stellt kritische Fragen zu Beobachtung, z. B. die Frage, wann Kinder Beobachtung als Beachtung erleben.

3  Praxis - mit Eltern

Hier wird die Kommunikation über Beobachtungen und die Mitwirkung der Eltern an Beobachtungen und Dokumentationen diskutiert. Dabei geht es den Autor/innen vor allem darum, eine wertschätzende Beachtung der Kinder zu realisieren, ohne dass Schwierigkeiten und Entwicklungsauffälligkeiten vernachlässigt und Geheimnisse der Kinder, die sie auch für ihre Identitätsbildung brauchen, aufgedeckt werden. Es wird aufgezeigt, wie sich durch die Arbeit mit Lerngeschichten und Portfolios die Zusammenarbeit mit den Eltern verbessert hat.

Judith Metz zeigt anhand einer Fotodokumentation, wie ein Kind einen Tag in der Kita verbracht hat. Daraufhin schreibt eine Mutter einen Brief für den Lernordner ihres Kindes.

4 Beobachtungsmanagement

Im ersten Abschnitt wird dargestellt, welche Materialien und Voraussetzungen, inklusive der Berücksichtigung von Beobachtungszeiten im Dienstplan, von Seiten der Leiterin gegeben sein könnten, damit die Beobachtung gelingt. Weiterhin sind der Aufbau und Schritte zur Erarbeitung bzw. dem Umgang mit Portfolios dargestellt.

Alexandra Ulrich-Uebel beschreibt, mit welchen Schritten sie in ihrem Team das Thema "Beobachtung und Dokumentation" bearbeitet und alle Fachkräfte einbezogen hat:

  • Erkunden - die Situation mit Blick auf das Thema analysieren
  • Entscheiden - Ziele bestimmen
  • Handeln - Aktivitäten planen und durchführen

Dabei beschreibt sie auch die Aufgaben von Leitung.

In einem anderen Abschnitt dieses Kapitels wird anhand eines analysierten Beispiels aufgezeigt, wie Selbstbildungsprozesse von Kindern unterstützt werden können: Es geht um einen Jungen, der einen Fehler in einem Kinderbuch entdeckt und schließlich erreicht, dass das Buch vom Verlag überarbeitet wird.

Anne Kebbe schlägt zur Entlastung der Leitung vor, Beobachtungsbeauftragte in den Einrichtungen zu benennen, zu qualifizieren und in Qualitätszirkeln zu vernetzen.

5 Aus- und Fortbildung

Helga Mehring fragt im Kapitel 5, welche Schlüsselkompetenzen angehende Erzieher/innen erwerben müssen und welche Konsequenzen dies für die Ausbildung hat. Folgende Schlüsselkompetenzen werden dabei betrachtet:

  • Theoretische Beobachtungsansätze kennen und bewerten
  • Selbstreflexion
  • Fragen stellen und Hypothesen bilden
  • Perspektivenwechsel
  • Empathie und "anteilnehmende Neugierde"
  • Wertschätzende Sprache
  • Authentizität und Glaubwürdigkeit im Feedback

Das Ausbildungskonzept der Evangelischen Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik im Elisabethenstift Darmstadt ist durch eine enge Kooperation mit der Praxis gekennzeichnet, der Teil zur Beobachtung und Dokumentation wird in einem weiteren Abschnitt des Buches vorgestellt.

Die Langfassung und die kompakte Fassung des Darmstädter Beobachtungsbogens, die sich auf den Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan beziehen, werden als Material zum Üben oder für wiederkehrende gründliche Beobachtungsphasen vorgestellt.

Anschließend stellt Karola Bicherl ein Konzept für eine Teamfortbildung zur Praxisbeobachtung vor.

Diskussion

Wer sich mit Beobachtungen und Dokumentationen auseinander setzt, findet hier eine große Fülle praktischer Impulse und Beispiele, die sehr anregend sind. Das Thema wird unter unterschiedlichen Aspekten (allgemein, Arbeit mit Kindern, Arbeit mit Eltern und Anwendung in Fortbildungen bzw. in der Ausbildung) sehr vielseitig beleuchtet. Besonders bemerkenswert sind die vielen ganz konkreten Praxisbeispiele, die aufzeigen, wie Beobachtung und Dokumentation im Kita-Alltag und in der Aus- bzw. Fortbildung zu realisieren sind. Vor allem wird an den Beispielen klar, wie Lerngeschichten geschrieben werden können.

Vorgestellt werden vorwiegend Beobachtungsverfahren, die sich an den Bildungs- und Lerngeschichten des Deutschen Jugendinstitutes orientieren. Das ist nicht verwunderlich, sind doch einige der Autorinnen Multiplikatorinnen für Bildungs- und Lerngeschichten. Bedauerlicherweise wird dies nicht ausdrücklich erwähnt.

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine Sammlung verschiedener Aufsätze, wo es auch schon mal sein kann, dass Verweise auf Literatur mehrfach auftauchen. Dies ist aber für mich kein Mangel, sondern eher ein Hinweis darauf, welche Literatur für die Fachdiskussion von Bedeutung ist.

Unter wissenschaftlichem Aspekt ist das Buch mit einigen Einschränkungen zu versehen, weil der Umgang mit Quellen manchmal ungenau ist. Für Thüringen wird zwar im Beitrag über Beobachtung und Dokumentation in den Bildungsplänen der Bundesländer der richtige Link zum Bildungsplan angegeben, aber der darunter beschriebene Text bezieht sich nicht auf dieses Dokument, sondern auf die dem dortigen Bildungsplan vorausgegangen Leitlinien frühkindlicher Bildung.

Nichts desto trotz ist das Buch eine Fundgrube praktischer Anregungen und Beispiele sowohl für Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen, als auch für Praktiker/innen in der Aus- und Fortbildung.

Zielgruppe

Erzieherinnen und Erzieher in Kindertagesstätten sowie solche, die es werden wollen, Fachkräfte in der Aus- und Fortbildung.

Fazit

Wer sich mit ressourcenorientierter und wertschätzender Beobachtung und Dokumentation von Bildungsprozessen bei Kindern in Kindertagesstätten auseinander setzt, findet in diesem Praxishandbuch eine Vielzahl von Anregungen und Beispielen.


Rezensentin
Prof. Dr. paed. Michaela Rißmann
Fachhochschule Erfurt
Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
Professur "Erziehungswissenschaften, Erziehung und Bildung von Kindern"
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Zitiervorschlag
Michaela Rißmann. Rezension vom 15.12.2007 zu: Christine Lipp-Peetz (Hrsg.): Praxis Beobachtung. Auf dem Weg zu einem individuellen Bildungs- und Erziehungsplan. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2007. ISBN 978-3-589-24523-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4718.php, Datum des Zugriffs 29.05.2016.


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