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Jugendamt der Stadt Dormagen, Reinhart Wolff (Hrsg.): Dormagener Qualitätskatalog der Kinder- und Jugendhilfe

Cover Jugendamt der Stadt Dormagen, Reinhart Wolff (Hrsg.): Dormagener Qualitätskatalog der Kinder- und Jugendhilfe. Ein Modell kooperativer Qualitätsentwicklung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 375 Seiten. ISBN 978-3-86649-057-4. D: 39,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Die Vielfalt von Angeboten, Hilfen, Programmen und Aktivitäten der Kinder- und Jugendhilfe (hier: einer 63.000-EW-Stadt im Städtedreieck Düsseldorf-Köln-Mönchengladbach ist (nicht nur) für Außenstehende kaum überschaubar. Der "Qualitätskatalog" soll eine konzeptionell durchdachte, alltagsbezogene Grundlage für eine professionelle, wertebewusste, lösungsorientierte und auf Zusammenarbeit ausgerichtete Soziale Arbeit des Jugendamts der Stadt Dormagen schaffen.

Hintergrund und Autorenschaft

Zehn Jahre nach der Erstauflage (vgl. die Rezension) erscheint nach einem zweijährigen Revisionsprozess der " Dormagener Qualitätskatalog " erneut. Geschrieben haben ihn 30 Fachkräfte des Sozialpädagogischen Dienstes im städtischen Jugendamt, wiederum begleitet durch Reinhart Wolff von der Alice-Salomon Fachhochschule in Berlin.

Aufbau und Inhalt

Der Qualitätskatalog stellt nach einem einleitenden, über die Strategie orientierenden Teil, in sechs Hauptteilen Programm- und Prozessqualitäten (PPQ) für die Aufgabenfelder der Kinder- und Jugendhilfe vor, die sich aus dem SGBVIII – sowie weiteren Gesetzen – ableiten. Für 26 Aufgabenfelder werden bereits PPQ definiert. Vier weitere Felder, die noch nicht ausreichend konkretisiert sind, fehlen in diesem Katalog noch und erinnern damit nach Meinung der Verantwortlichen daran, dass „Qualitätsentwicklung nie zum Stillstand kommen darf“ (S. 9).

Im Teil I „Strategische Grundorientierung“ wird das Selbstverständnis einer „auf Partizipation ausgerichteten Kinder- und Jugendhilfearbeit“ (S. 9) dargestellt. Darauf folgen in den sechs weiteren Teilen PPQ für die ausgewählten Aufgabenfelder des Kinder- und Jugendhilfeprogramms in Dormagen.

Die Ausführungen zu PPQ im Teil II „Grundaufgaben“ beziehen sich alle auf Zusammenarbeit mit relevanten Akteurinnen und Akteuren Sozialer Arbeit und werden als Basis für gute Qualität allen anderen PPQs vorangestellt: PPQ 1: Zusammenarbeit mit Eltern und Kindern, PPQ 2: Zusammenarbeit der Fachkräfte, PPQ 3: Zusammenarbeit mit der Öffentlichkeit, PPQ 4: Zusammenarbeit in der Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung.

Darauf folgen im Teil III „Frühe Hilfen und Präventionsangebote“ Ausführungen zu PPQ während der Eingangs- und Ausgangsphasen von Hilfsangeboten: PPQ 5: Im Vorfeld der Hilfe – die Öffnung der Zugänge und PPQ 6: Frühe und präventive Hilfen für Eltern und Kinder.

Im Teil IV schliessen sich die PPQ über „Methoden: Nach allen Regeln der Kunst“ an: PPQ 7: Beratung: Das Kernhilfeangebot, PPQ 8: Fall- und Unterstützungsmanagement und PPQ 9: Anträge, Berichte, Stellungnahmen und soziale Gutachten. Daran schliessen sich im Teil V sechs PPQ zu klassischen Leistungsbereichen der „Erzieherischen Hilfen“ an: PPQ 10: Ambulante Hilfen zur Erziehung, PPQ 11: Hilfe zur Erziehung in Pflegefamilien, PPQ 12: Außerfamiliale Hilfen zur Erziehung im stationären Rahmen, PPQ 13:Eingliederungshilfen für seelisch behinderte Kinder- und Jugendliche, PPQ 14: Beratung bei Trennung und Scheidung, PPQ 15: Jugendhilfe im Strafverfahren, PPQ 16: Hilfen für unbegleitete ausländische Minderjährige.

Im Teil VI werden sechs PPQ für „Aufgaben und Prozesse im Kinderschutz“ dargestellt: PPQ 17a: ganzheitlicher Kinderschutz - Fördern, helfen und Schützen, PPQ 17b: Fallbezogene Kinderschutzarbeit, PPQ 17c: Arbeitshilfen zur dialogischen Einschätzung des Kindeswohls, des Eltern und Familienwohls und des Gemeinwohls, PPQ 18: Der Umgang mit Selbstmeldern und Fremdmeldern, PPQ 19: Arbeit mit unfreiwilligen Klienten, PPQ 20: Hilfe in Krisensituationen. Abschliessend folgen im Teil VII vier PPQ für das Aufgabenfeld „Besondere Hilfen“: PPQ 21: Vormundschaften, PPQ 22: Beistandschaften, PPQ 23: Beurkundungen, PPQ 24: Aufgaben des Adoptionsvermittlungsstelle.

Die 26 Beschreibungen von Programm- und Prozessqualitäten gliedern sich einheitlich wie folgt in die Unterkapitel:

  1. Aufgabe
  2. Rechtliche Grundlagen
  3. Probleme im Aufgabenfeld
  4. Qualitätsstandards
  5. Prozessgestaltung: Methoden und Verfahren

Im ersten Unterkapiteln wird neben einer kurzen historischen Einordnung definiert, was zur jeweiligen Aufgabe gehört. Die PPQ 2 zur „Zusammenarbeit der Fachkräfte“ beschreiben z.B. das Durchführen von Helferkonferenzen und `reflecting teams‘ bei den Aufgaben, bei denen Fachkräfte verschiedener Professionen zu gemeinsamen Entscheidungen kommen müssen (S. 59).

Die Unterkapitel zwei und drei beschreiben die rechtlichen Grundlagen des jeweiligen Aufgabenfeldes sowie beispielhaft die Herausforderungen und Probleme: Rollenkonflikte, widersprüchliche Anforderungen an die Fachkräfte, Widerstände seitens der Klienten, Verengungen und Defizite.

Im Unterkapitel vier zu Qualitätsstandards werden Ansprüche formuliert, an denen sich Prozesse, Strukturen und das konkrete fachliche Handeln in der Zusammenarbeit im eigenen Team, weiteren Kolleginnen und Kollegen, Klientinnen und Klienten, oder institutionellen Partnern orientieren sollen. In den PPQ 8 zum „Fallmanagement“ wird z.B. ein Standard für Strukturqualität formuliert, der eine Balance von Kernaufgaben und Fallmanagement einfordert, auf die die Fachbereichsleitung achten muss.

In den Unterkapiteln „Prozessgestaltung: Methoden und Verfahren“ werden die Abläufe und Methoden im jeweiligen Aufgabenfeld beschrieben, an denen sich die Fachpersonen der Sozialen Arbeit orientieren bzw. die eingesetzt werden sollten. In den PPQ 7 zu „Beratung“ wird dafür z. B. ein sechsschrittiger Prozessablauf von Beratung dargestellt: vom Erstkontakt, über die Analyse des Kontextes, die Betrachtung der Probleme und Ressourcen, die Bildung von Hypothesen, Zielfindung und Auftragsklärung bis zur Handlungsplanung incl. Intervention. In den PPQ 11 „Hilfen zu Erziehung“ wird der Prozess der flexiblen Erziehungshilfe dargestellt, vom Zugang mit der Bedarfsklärung über die Hilfeanbahnung, Initiierung, Durchführung und Überprüfung der Hilfe incl. detaillierter Angaben zu nützlichen Methoden wie Genogrammarbeit (S. 169).

Häufig wird auf Besonderheiten in Dormagen Bezug genommen. In den PPQ 5 zu „Hilfen im Vorfeld“ wird im Unterkapitel zur Prozessgestaltung auf das Netzwerk für Familien (NeFF) Dormagen eingegangen (S. 109). Im PPQ 16 „Hilfen für unbegleitete ausländische Minderjährige“ wird im Unterkapitel Probleme im Aufgabenfeld ausgeführt, dass in Zukunft auch andere Gruppen unbegleiteter ausländischer Minderjährige nach Dormagen kommen könnten als bisher und die Rolle der Kinder- und Jugendhilfe sich dann völlig anders darstellen könnte.

Zwei Veränderungen gegenüber der Erstauflage seien hervor gehoben:

  1. Den PPQ ist neu ein Teil „Leitideen und professionelles Selbstverständnis der Sozialen Arbeit“ vorangestellt. Professionelle der Sozialen Arbeit sollen sich mit „Lust und Laune, mit List und erfinderischem Experiment in der Praxis sozialer Dienste ergebnisoffen engagieren“ (S. 20). Dieser Teil entfaltet nach einer selbstkritischen Beobachtung ein ethisches Fundament für die Kinder- und Jugendhilfe mit der expliziten Forderung nach sowohl mehr materieller als auch emotionaler Grosszügigkeit „… nicht zu geizen mit unseren Möglichkeiten und Mitteln, sondern gerne zu geben, ja zu schenken […]. Anstatt alles nur nach „Soll und Haben“ aufzurechnen, lassen wir gerne einmal „fünf gerade sein“ und bestehen nicht auf unbedingter Gegenseitigkeit in der Leistungsabrechnung“ (S. 33).
  2. Die Abfolge der PPQ ist verändert: das Thema Zusammenarbeit wird in den Vordergrund gestellt; PPQ 9 zu "Anträge Berichte, Stellungnahmen und soziale Gutachten" (ehemals PPQ 15 "Berichte, Gutachten, Beurkundungen, etc.", eher mit Verwaltungshandeln assoziiert) wird als Methode bzw. Instrument von sozialer Arbeit konturiert. Diese Aufgaben werden als Hilfsmittel verstanden, um „an Entscheidungsfindungen zur Lebensplanung der Betroffenen entscheidend mitzuwirken“ (S. 148).

Darüber hinaus werden zahlreiche Neuerungen der vergangenen 10 Jahre aufgenommen, wie Veränderungen in den fachlichen oder juristischen Grundlagen. So heißt es z. B. im PPQ 15 nicht mehr „Jugendgerichtshilfe“ sondern „Jugendhilfe im Strafverfahren“. Der Teil über „Aufgaben und Prozesse im Kinderschutz“ wird stärker ausdifferenziert. Diesem komplexen ganzheitlichen Thema sind sechs PPQ zugeordnet, incl. der Arbeit mit unfreiwilligen Klienten und Klientinnen.

Diskussion

Die Verantwortlichen, Jugenddezernent und Jugendamtsleiterin der Stadt Dormagen, postulieren, dass die erste Auflage des Buchs sich als „Startschuss für eine auf Dauer angelegte und gewollte Qualitäts- und Quantitätsdiskussion“ erwiesen hat (S. 7). Sie führen aus, dass häufig geäusserten Befürchtungen gegenüber Massnahmen der Qualitätsentwicklung für Dormagen „mitnichten eingetreten“ sind. Dies sei auch daran erkennbar, dass die Gemeindeprüfungsanstalt für das Land Nordrhein Westfalen dem Bereich „Erzieherische Hilfen“ in Dormagen das Prädikat „Best Practice“ ausgesprochen hat. Vielleicht hat dazu auch das pointiert an Vorstellungen von Gerechtigkeit und Lastenausgleich in einer Gesellschaft orientierte Selbstverständnis der Autoren und Autorinnen beigetragen.

Als Lesende habe ich den Eindruck gewonnen, dass zumindest diejenigen Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe in Dormagen, die sich als Autorinnen beteiligt haben, sich den Qualitätskatalog zu Eigen gemacht und sich damit eine Qualitätskultur erarbeitet haben. Die Verankerung der PPQ in der praktischen Arbeit wird besonders in den Unterkapiteln „Probleme im Aufgabenfeld“ durch praxisnahe Schilderungen der täglich zu bewältigenden Herausforderungen deutlich. Fachkräfte werden unterstützt, die (in anderen Publikationen oft abstrakte) Qualitätsentwicklung, als nützlich für die eigene Arbeit zu erkennen und nachhaltig zu verfolgen. Die Klarheit bei den Ausführungen sowohl zu Problemen im Alltag als auch zu einzusetzenden Methoden, Prozessen und Vorgehensweisen machen diesen Qualitätskatalog auch gut geeignet für die Unterstützung von Selbstevaluationsvorhaben. Der Katalog kann eine Hilfe darstellen, um vom Einzelfall zu abstrahieren und das systematische Handeln in einem Programm in den Vordergrund zu rücken, die Entwicklung von Fragestellungen zu fokussieren und um Indikatoren für gute Praxis zu entwickeln.

Die Unterkapitel „Prozessgestaltung: Methoden und Verfahren“, bieten darüber hinaus für Studierende und Berufseinsteigende Lohnenswertes, indem sie die von ihnen erlernten Methoden konkret im Einsatz in einem bestimmten Aufgabenfeld und vernetzt mit Qualitätsentwicklung wieder finden können. Die einheitliche Gliederung der Unterkapitel erleichtert es, sich die Inhalte schnell zu erschließen.

Mit der Formulierung ihres Selbstverständnisses exponieren sich die Autoren und Autorinnen gegenüber der Fachöffentlichkeit und auch gegenüber den Klienten und Klientinnen und machen sich kritisierbar. Die Formulierung der "Qualitätsstandards" als Ist-Aussagen lädt möglicherweise dazu ein, dass Dritte und auch sie selbst überzogen hohe Anforderungen stellen. Ich schliesse mich deswegen dem Rezensenten der ersten Ausgabe an, der anregte über die einzelnen "Qualitätsstandards" als Einleitungssatz zu schreiben: "Es soll gewährleistet sein …", um das oft (noch) Uneingelöste der Standards in Erinnerung zu halten“ (vgl. die Rezension).

In dieser Ausgabe wurde, wie in der letzten, auf einen Index verzichtet, der Lesende auf der Suche nach Querschnittsthemen in den verschiedenen PPQ unterstützen würde. Dieser würde auch dazu beitragen, dass die Verwendung von Begriffen in den verschiedenen Teilen und Unterkapiteln noch etwas mehr vereinheitlicht würde und damit einerseits zu mehr Klarheit für die Lesenden und die Verbindlichkeit der PPQ für die alltägliche Praxis unterstützen.

Fazit

Lesenswert wegen der gelungenen Mischung aus systematisierenden Aspekten des Qualitätsmanagements und Fokussierung auf den einzelnen Menschen, der in der Sozialen Arbeit in der Regel im Vordergrund steht und nach individualisiertem Vorgehen verlangt. Macht neugierig, mehr Berichte aus der Praxis in Dormagen zu hören, wie es gelungen ist, diese Mischung zu erreichen.


Rezensentin
M Sc Hanne Bestvater
Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Hochschule für Soziale Arbeit (HSA), Studienorganisatorin für den Bachelor Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Hanne Bestvater. Rezension vom 19.05.2011 zu: Jugendamt der Stadt Dormagen, Reinhart Wolff (Hrsg.): Dormagener Qualitätskatalog der Kinder- und Jugendhilfe. Ein Modell kooperativer Qualitätsentwicklung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86649-057-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4722.php, Datum des Zugriffs 11.12.2016.


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