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Christine M. Freitag: Autismus-Spektrum-Störungen

Cover Christine M. Freitag: Autismus-Spektrum-Störungen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 194 Seiten. ISBN 978-3-497-01900-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 50,50 sFr.

Reihe: Bausteine der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie - 3.

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Thema

Der frühkindliche Autismus wurde erstmals in den 40er Jahren von Leo Kanner, einem amerikanischen Kinderpsychiater beschrieben. Kanner behandelte eine kleine Gruppe von Kindern, die wenig Kontakt zu anderen Menschen aufnahmen und selbst geringe Veränderungen in ihrer Umgebung oder Veränderungen im Tagesablauf nicht ertragen konnten. Verhaltensweisen, die nicht ausschließlich durch ihre geistige Behinderung zu erklären waren. Fast zeitgleich beschrieb der Wiener Kinderarzt Hans Asperger normal begabte Kinder, die ebenfalls wenige soziale Kontakte zu anderen Menschen hatten und eigenwillige Interessen zeigten.

Aktuell gilt heute eine Störung aus dem Autismus-Spektrum als eine der schwersten psychiatrischen Erkrankungen. Zum Autismus-Spektrum gehören der Frühkindliche Autismus, der High-functioning-Autismus, der Atypische Autismus und die Asperger-Störung.  

Nicht alle Psychiater und Psychologen sind heute in der Lage, diese seltenen Störungen aus dem Autismus-Spektrum sicher zu erkennen, da sie immer noch relativ unbekannt sind. Dabei nehmen Verdachtsdiagnosen bezüglich des Asperger-Autismus zurzeit deutlich zu, und der frühkindliche Autismus stellt eine wichtige Differentialdiagnose bei dem Verdacht auf eine geistige Behinderung dar.

Das vorliegende Buch von Dr. Christa Freitag versteht sich als ein wissenschaftlicher Überblick, der die Bekanntheit dieser Störungen vergrößern und der vor allem den Fachleuten von Nutzen sein soll, die sich bisher theoretisch eher am Rande mit dem Autismus beschäftigt haben. Die Autorin ist Oberärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes Homburg.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist klar gegliedert und sehr übersichtlich. Der Einleitung schließen sich 6 Kapitel an.

In Kapitel I wird der Leser zu Anfang  mit Beispielen über den frühkindlichen Autismus, die Asperger-Störung und den High-functioning-Autismus informiert. Die Beispiele illustrieren deutlich, dass die Störungen aus dem Autismus-Spektrum sehr unterschiedlich ausgeprägt sind, vor allem in Bezug auf den Schweregrad, die komorbiden Erkrankungen und die kognitive Entwicklung. Autistische Störungen werden in den internationalen Klassifikationssystemen (ICD und DSM) unter den Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen aufgeführt. Alle Störungsbilder sind definiert durch qualitative Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion, der Kommunikation und Sprache, und es sind stereotype Verhaltensweisen oder so genannte Sonderinteressen zu beobachten.

Im Kapitel II findet sich ein Überblick über die heute bekannten Ursachen der Autismus-Spektrum-Störungen. In den letzten 15 Jahren hat sich die Forschung intensiv mit diesen Störungen befasst. Insbesondere wurde in den Bereichen der Genetik, der Entwicklungs- und der Neuropsychologie geforscht und verschiedene Erklärungsmodelle zur Entstehung der Störungen aus dem Autismus-Spektrum aufgestellt. Es wird allerdings als sicher angenommen, dass nicht ein einziges Modell alleine die Verursachung der Autismus-Spektrum-Störungen erklären kann. Die Forschungsergebnisse tragen jedoch aus den unterschiedlichen Perspektiven zu einem umfassenderen und vertieftem Gesamtverständnis bei.

Das Kapitel III behandelt die Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störungen. Ein Verdacht auf eine Störung aus dem Autismus-Spektrum ergibt sich bei den Kindern, die verspätet oder gar nicht sprechen, die kaum Interesse an anderen Menschen zeigen oder diese meiden, nicht von sich aus spielen und die wiederholend gleiche Verhaltensmuster zeigen oder ungewöhnlichen Interessen nachgehen.
Es werden die beiden standardisierten, diagnostischen Instrumente ADI-R und ADOS ausführlich vorgestellt. ADI-R ist ein Fragebogen, mit dem Eltern oder Bezugspersonen befragt werden, ADOS ist eine Beobachtungsskala zur Erfassung von autismusspezifischen Verhaltensweisen. Weitere testpsychologische Untersuchungen im Rahmen der Diagnostik wie Entwicklungs- und Intelligenztests werden auf ihre Tauglichkeit hin beschrieben. Da die Störungen aus dem Autismus-Spektrum mit weiteren psychischen und physischen Erkrankungen assoziiert sein können, empfehlen sich zusätzliche neurologische, psychiatrische und genetische Untersuchungen.

Das Kapitel IV  ist das seitenstärkste Kapitel. Hier würdigt die Autorin kritisch die unterschiedlichen therapeutischen Ansätze und pädagogischen Methoden im Hinblick auf ihre bisherige empirische Überprüfung, mit der Absicht, Eltern, aber auch Fachpersonen eine  wissenschaftlich fundierte Grundlage zur Verfügung zu stellen, um die vorhandenen Therapien und Methoden bewerten zu können. Die Methoden der Wahl sind immer noch, aus Sicht der Autorin, verhaltenstherapeutische Interventionen und lerntheoretisch basierte Ansätze in Einzel- und Gruppensituationen.
Therapien und pädagogische Interventionen können die Störungen nicht heilen, aber der Verlauf der Autismus-Spektrum-Störung und die kognitive und persönliche Entwicklung des Betroffenen können sich deutlich verbessern. Grundsätzlich gilt für alle therapeutischen und pädagogischen Ansätze, dass sie die Individualität des jeweiligen Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zur Grundlage nehmen und ihre Maßnahmen darauf abstimmen. Im Blick auf die einzelne Person unterscheiden sich dabei die ausgesuchten Therapien und Methoden und die aufgestellten Ziele deutlich in Abhängigkeit des jeweiligen Schweregrades der Autismus-Spektrum-Störung, weiterer zusätzlicher Erkrankungen, vom Alter und von dem kognitiven Leistungsstand.

In Kapitel V wird auf die Therapie ausgewählter komorbider psychiatrischer Erkrankungen eingegangen. Personen mit einer Störung aus dem Autismus-Spektrum leiden häufig an zusätzlichen psychiatrischen Erkrankungen, die leicht übersehen werden, da oft die autistischen Verhaltensweisen überdeutlich im Vordergrund stehen.

Das Kapitel VI geht abschließend auf den Verlauf und die Prognose von Störungen aus dem Autismus-Spektrum ein. Hier finden sich praktische Hinweise u.a. zum Schulbesuch, zur Ausbildung und zu Wohneinrichtungen für die Betroffenen. Das Kapitel rundet eine Auflistung interessanter Internet-Adressen ab.

Fazit

Das Buch ist sehr lesefreundlich konzipiert. Pictogramme an den Randspalten orientieren durch den Text. So verweist z.B. ein Ausrufezeichen am Seitenrand auf "Merksätze", die beim Blättern durch diesen Hinweis leicht wieder zu finden sind. Auf diese Art finden sich auch "Begriffserklärungen" sofort wieder oder  Tipps zu "Vermeidbaren Fehlern".

Die angesprochene Zielgruppe dieses Buches sind Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und Mediziner. Für diese Zielgruppe ist das Buch auch bestens geeignet. Informierte Fachleute aus dem pädagogischen Bereich, die sich bereits mit dem Thema "Autismus-Spektrum-Störung" beschäftigt haben, finden in diesem Buch detaillierte Informationen über die bisherige empirische Überprüfung verschiedene Therapieformen und pädagogischer Interventionen und Hinweise auf ihre Wirksamkeit.

Für Eltern oder auch für uninformierte Lesern, die sich zum ersten Mal mit der Autismus-Spektrum-Störung beschäftigten, ist dieses Buch als Einstieg in die Thematik nicht unbedingt zu empfehlen.


Rezensentin
Dipl.-Pädagogin Ella Sebastian-Strube
Freie Bildungsreferentin und Mitarbeiterin der Lebenshilfe Köln e.V.
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Zitiervorschlag
Ella Sebastian-Strube. Rezension vom 03.10.2008 zu: Christine M. Freitag: Autismus-Spektrum-Störungen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 194 Seiten. ISBN 978-3-497-01900-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4746.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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