Fritz Riemann: Die Fähigkeit zu lieben
Fritz Riemann: Die Fähigkeit zu lieben. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. 139 Seiten. ISBN 978-3-497-01901-4. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 23,00 sFr.
Zielsetzung und Zielgruppen
Die Fähigkeit, lieben zu können ist uns nicht angeboren, sie muss ein Leben lang erlernt werden, wobei die prägenden Aspekte von der Mutter- und Vaterliebe determiniert werden. Das vorliegende Fachbuch zählt mit der hier veröffentlichten 7. Auflage bereits zu den Klassikern psychologischer Literatur. Fritz Riemann, Psychoanalytiker, wirkte an der heutigen Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie in München und führte eine eigene psychotherapeutische Praxis, erläutert allgemein verständlich, wie die verschiedenen Formen der Liebe die Sexualität, Partnerwahl und die Art der partnerschaftlicher Zuwendung beeinflussen können. Der Autor hat die Publikation für Liebende, Geliebte und alle, die es werden wollen, geschrieben.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist neben einem Geleit- und Nachwort in neun differenzierte Abschnitte gegliedert. Nach einem Geleitwort von Hans Jellouschek, der das Werk als "Lehrbuch der Liebe" bezeichnet, trägt das erste Kapitel den Titel "Über die Liebesfähigkeit". Riemann geht davon aus, dass die Liebe Ausdruck der Gesamtpersönlichkeit sei, die bestimmte Bedingungen benötige, um sich entfalten zu können. Er skizziert in diesem Kapitel die Entwicklungsgeschichte der Liebesfähigkeit, deren erste Keime von der empfangenen Liebe der ersten Bezugspersonen, insbesondere der Mutter, ausgehen. Liebe könne reifen und so einer Beglückung zugeführt werden, ohne abzustumpfen oder gleichförmig zu werden.
Das zweite Kapitel ist der Thematik "Die Liebe der Eltern" gewidmet. Grundmaxime ist, dass jeder von uns einmal geliebt worden sein muss, um selbst lieben zu können, denn man kann nur etwas geben, was man vorher empfangen hat. Voraussetzung dafür ist zudem, dass wir uns selbst von den ersten Lebensmonaten an als liebenswert empfunden haben. Interessant sind die verschiedenen Formen der elterlichen Liebe - die verwöhnende, die durch Verlustangst geprägte, die überbehütete, die fressende Liebe, oder jene, die an bestimmte Wunschvorstellungen und Erwartungen gebunden ist. Prononciert und sehr klar arbeitet Riemann heraus, welche Folgen aus dieser Liebe für das Kind und die spätere Liebesfähigkeit resultieren können.
Kapitel drei nimmt zum Problem "Sexualität und Liebe" Stellung. Wie in jedem Kapitel wird die Genese der Thematik vom Kindheitsalter an skizziert - hier von der ersten Phase der menschlichen Triebentwicklung, die die Basis für die spätere Triebstruktur und Sexualität bilden.
Im vierten Kapitel, das unter der Überschrift "Liebe und Bindung - die bedingungslose Liebe" steht, wird das so genannte "Attachment", das Bindungsverhalten auf eine spätere Partnerschaft verdeutlicht. Ein wichtiges Problem besteht einerseits zwischen der Verlustangst und andererseits dem Bedürfnis, geliebt zu werden, das aber auch Abhängigkeit vom Partner mit sich bringt.
Kapitel fünf widmet sich der fordernden Liebe, wobei m.E. die Seite der Forderungen überbetont und nicht die gebende Seite heraus gearbeitet wird, denn eine gelingende Liebesfähigkeit kann vieles an Verletzendem kompensieren.
Das folgende Kapitel ist mit dem Titel überschrieben "Die ganzheitliche Liebe". Das, was hier thematisiert wird, betrifft insbesondere die Findung der spezifischen Geschlechts- und Generationsidentität, die sich in der Rivalität zwischen Mutter und Vater rekonstruieren lässt. Die Bezeichnung des Themas scheint mir nicht ganz treffend zu sein, weil der Leser vermuten dürfte, dass das Individuum in seiner ganzheitlichen Struktur betrachtet wird.
Außerordentlich lehrreich sind die Ausführungen des Kapitels sechs bezüglich der Partnerwahl (S. 103 ff). Lieben, so meint Riemann, ist eine Tätigkeit, kein Zustand, in dem wir uns befinden und der uns bleibt. Es ist eine lebenslange Aufgabe, die darin besteht, eine Beziehung zu pflegen, sie zu befruchten und bei der es notwendig ist, sich weiter entwickeln zu können. Die Frage, die sich hier stellt ist, ob diese letzte Forderung auch bei älteren Partnern, die in späten Lebensjahren noch eine neue Beziehung eingehen, gestellt werden kann. Hier ist zu mutmaßen, dass gerade sie bestrebt sind, Harmonie zu leben und Anforderungen, die mühsam und belastend sind, zu verhindern.
Im vorletzten Kapitel "Die ungebundene Liebe" geht es um jene, die in ihrer Kindheit eine wenig bergende und bejahende Liebe kennen gelernt haben.
Ein letztes Kapitel thematisiert die "Angst- als ein Hemmnis der Liebe", das sich mit den Grundformen der Angst auseinandersetzt. Es liest sich fast wie ein Essay, das dialektisch auf die Strenge in der Methodik achtet, nicht unbedingt in der Systematik und deren Deutungen unbefangen und natürlich ist. Es ist gewissermaßen eine Kurzfassung seines Klassikers "Grundformen der Angst", das bereits in seiner 37. Ausgabe verlegt wurde. Ein Wehrmutstropfen dieser Ausführungen ist, dass die Angstproblematik nicht auf die Formen von Partnerschaften übertragen wird.
Fazit
Insgesamt ist es ein Buch, das nicht nur außerordentlich empfehlenswert ist, sondern zur Pflichtlektüre erklärt werden müsste, bevor wir Kinder zeugen, denn die unbewussten und bewussten Fehler, die von unseren Eltern auf uns übertragen worden sind, vererben wir gewissermaßen sozial auch auf unsere Kinder. Das Fatale ist, dass weithin angenommen wird, Kinder könne jeder erziehen, ohne Grundkenntnisse in Psychologie und Pädagogik nachgewiesen erworben zu haben. Diese Publikation ist ein Muss, das die Partner gemeinsam studieren sollten, um Gefahren für die Liebe, die Liebesfähigkeit und Partnerschaft zu minimieren. Besonders hervorhebenswert ist auch der gut nachvollziehbare und leicht verständliche Sprachduktus. Es ist eine praktische Lebenshilfe, die darauf abzielt, eine vertiefte Besinnung auf die Thematik des Liebens zu riskieren, dessen bewusster Pflege wir alle bedürfen.
Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Jugendsoziologie und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 25.03.2007 zu: Fritz Riemann: Die Fähigkeit zu lieben. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. 139 Seiten. ISBN 978-3-497-01901-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4779.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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