Heinz Abels: Die Individuen in ihrer Gesellschaft
Heinz Abels: Einführung in die Soziologie. Band 2: Die Individuen in ihrer Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 3. Auflage. 434 Seiten. ISBN 978-3-531-43611-1. 24,90 EUR.
Reihe: Hagener Studientexte zur Soziologie. Einführung in die Soziologie. Band 2.
Thema
Der Band 2 beschäftigt sich mit der Mikro-Soziologie. Beim Band 1 stand mehr die Makro-Soziologie im Vordergrund. Die Unterscheidung zwischen Mikro- und Makrosoziologie gehört zu den Lieblingsunterscheidungen der Soziologie. Im zweiten Band geht es um folgende Fragen: Woran orientieren wir uns, wenn wir handeln? Wie werden wir, was wir sind? Wie gehen wir miteinander um? Wie stellen wir uns vor anderen dar? Wie stehen wir zu "den anderen"? Deshalb geht es in diesem Band um die Grundbegriffe Werte und Normen, Sozialisation, Rolle und soziales Handeln, Interaktion und Identität, Status und Gruppe.
Aufbau
- Einführung in die Soziologie
- Die Individuen in der Gesellschaft
- Werte und Normen
- Sozialisation
- Rolle
- Soziales Handeln
- Interaktion
- Gruppe
- Status
- Identität
Inhalt
Im zweiten Band kommen wir in einem Bereich, den wir als Grundbegriffe der Soziologie bezeichnen könnten. Ein mehr oder weniger dauerhaft aufeinander bezogenes Verhalten von Menschen wäre unmöglich, wenn sich jeder in jedem Augenblick spontan und beliebig verhalten würde. Es setzt voraus, damit ein dauerhaftes aufeinander bezogenes Verhalten möglich ist, dass sich Werte und Normen entwickeln.
Diese Werte und Normen werden im Rahmen der Sozialisation erworben. Welche Werte und Normen für bestimmte Menschen verbindlich werden, hängt nicht davon ab, ob wir es mit X oder Y zu tun haben, sondern das hängt damit zusammen, welche Rolle jemand spielt. Jeder Rolleninhaber sieht sich einem Bündel von Verhaltenszumutungen gegenüber. Während des ganzen Lebens stehen die Menschen in vielfältiger Beziehung zu anderen Menschen. Wesentliche Teile menschlichen Verhaltens sind durch das Verhalten anderer Menschen beeinflusst oder auf dieses Verhalten bezogen. Nur wenn wir mit unserem Verhalten irgendeinen Sinn verbinden, sprechen wir von "Handeln". Nur wenn Menschen irgendeinen Sinn mit dem Verhalten untereinander verbinden, sprechen wir von "sozialem Handeln". Das "soziale Handeln" heißt im angloamerikanischen Sprachbereich "Interaktion". Auf die Interaktion lässt sich der symbolische Interaktionismus zurückführen. Dieser Ansatz beruht auf drei Grundannahmen: (1) Die Menschen handeln auf Grund der Bedeutung, die die Dinge für sie besitzen. (2) Die Bedeutung solcher Dinge entsteht in der Interaktion. (3) Die Bedeutung kann wiederum in der Interaktion verändert werden. Wer also Gesellschaft erforschen will, muss bei den Interaktionen ansetzen. Er muss die Bedeutungen erfassen, die in diesen Interaktionen eingehen. Er muss sich damit beschäftigen, wie diese Bedeutungen in den Interaktionen geprägt und verändert werden. Harold Garfinkel wendet sich gegen die Rollentheorie von Parsons, indem er sagt, die Menschen handeln nicht blind nach vorgegebenen Normen. Sie sind keine cultural dopes. Garfinkel ist der Erfinder der Ethnomethodologie.
Jeder Mensch kann als Teilnehmer unterschiedlicher Interaktionssysteme betrachtet werden. Diese Geflechte aufeinander bezogenen Verhaltens werden auch als Gruppen bezeichnet. Eine Gruppe besteht aus mindestens zwei Teilnehmern. Eine Ehe wäre also schon eine Gruppe. Primärgruppen sind nach Cooley durch face-to-face-Beziehungen gekennzeichnet. Sekundärgruppen werden mit gesellschaftlichen Systemen gleichgesetzt. Robert K. Merton hat die Rollentheorie durch die Bezugsgruppentheorie erweitert.
Wir platzieren uns im sozialen Raum. Der Ort, der Platz oder die Stelle wird Position oder Status bezeichnet. So erklären sich Vorstellungen der Über- und Unterordnung, des Ansehens und des Einflusses. Es gibt den zugeschriebenen und den erworbenen Status. Auf Grund hoher Arbeitslosigkeit kommt es zu Statusinskonsistenzen, d. h. hoher Ausbildungsstand, aber niedriges Einkommen. Es gibt Menschen, die für ihren geringen Status andere verantwortlich machen. Dieses kann durch gezielte Aggression geschehen. In der Psychoanalyse bezeichnet man das als Projektion oder Verschiebung.
Zum Schluss wird der Begriff der Identität abgehandelt. Identität wird definiert als Einheit, Eigenheit eines Menschen in der Unverwechselbarkeit seiner Lebensgeschichte angesichts der Verschiedenheit und Widersprüchlichkeit von Verhaltenszumutungen. Viele Menschen befinden sich in einem Ungleichgewicht zwischen eigenen Ansprüchen und gesellschaftlichen Erwartungen (ein Beispiel für das Ungleichgewicht wäre das burn-out-Syndrom). Das Gesellschaftsmitglied ist in unterschiedliche soziale Kreise eingebunden. Deshalb muss es unterschiedlichen Erwartungen gerecht werden. Diese Kreise können wiederum Schnittmengen aufweisen. Das nennt Georg Simmel die Kreuzung sozialer Kreise. Nach Lothar Krappmann gibt es vier identitätsfördernde Fähigkeiten: Rollendistanz, Empathie, Ambiguitätstoleranz und die Fähigkeit der Identitätsdarstellung.
Fazit
Heinz Abels ist es gelungen, für den Leser eine wertvolle "Einführung in die Soziologie" zu erarbeiten. Die Darstellung bietet sehr viel Hintergrundwissen. Das umfangreiche Werk besteht aus 2 Bänden mit insgesamt 836 Seiten. Die "Einführung in die Soziologie" stellt eine echte Bereicherung dar, führt zu neuen Einsichten. Die Literatur ist auf dem neuesten Stand. Das Werk ist ein Muss für jeden Leser, der sich einen Überblick über den jetzigen Stand der Soziologie verschaffen will.
Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch die Rezension zum 1. Band.
Rezensent
Dipl.-Soz. Roland Wallner
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Zitiervorschlag
Roland Wallner. Rezension vom 16.06.2007 zu: Heinz Abels: Die Individuen in ihrer Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 3. Auflage. 434 Seiten. ISBN 978-3-531-43611-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4785.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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