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Heinz J. Bernegger (Hrsg.): Flexibles Wohnen im Alter - Lebens(t)raum Haus Tabea

Cover Heinz J. Bernegger (Hrsg.): Flexibles Wohnen im Alter - Lebens(t)raum Haus Tabea. Editions à la Carte (Zürich) 2006. 96 Seiten. ISBN 978-3-905708-00-4. 18,65 EUR, CH: 28,00 sFr.

In Zusammenarbeit mit Bangarter, U., Eugster, D., Kälin, H. Hgg. vom Verein Haus Tabea und der Hochschule Wädenswil.
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Thema

Wohnen im Alter wird mehr und mehr zu einer der größten Zukunftsherausforderungen für die Kommunen, die Wirtschaft, die sozialen und pflegerischen Dienstleister und die älteren Menschen selbst. Es existiert inzwischen eine große Anzahl unterschiedlicher Modelle, deren Grenzen sich immer mehr verwischen, die aber - wenn man versucht, ihre Ausgangsüberlegungen zu identifizieren - den­noch auf unterschiedlichen Leitbildern beruhen und sehr unterschiedliche Implikationen haben.

Inhalt

Der schmale Band von Bernegger zu einem in Kürze real existierenden Alten-Wohnhaus in Horgen/CH (der Begriff freilich wird dem Haus Tabea gar nicht gerecht) stellt in diesem großen Spektrum ein Aha-Erlebnis dar. Er verfolgt eine auf den ersten Blick ganz einfache Idee: die auf die Spitze getriebene Flexiblität einer gebauten Hülle (Wohnanlage). Er baut auf auf einer ganzen Reihe von inspirierenden anderen Versuchen - bspw. dem Stuttgarter Servicehaus "Haus am Weinberg" mit seiner gemischten BewohnerInnenschaft, dynamisiert aber solche und ähnliche Konzepte in einigen wesentlichen Punkten:

  1. Es sollen alle möglichen Wohn-, Haushalts-, Einkommens- und Hilfebedarfsstufen im Haus Tabea ein Zuhause bekommen.
  2. Es soll auf alle möglichen Zukunftsentwicklungen eine flexible Raum- und Organisations- und Serviceantwort geben.
  3. Die maximierte Flexibilität des Haus- und Managementkonzepts soll in längerfristiger Perspektive ("nachhaltig") wirtschaftlich sein.
  4. Und ganz wichtig: Es soll im Prinzip niemand mehr umziehen müssen.

Das Hauskonzept ist also integrativ, soll Einzelpersonen ebenso wie Paare oder Geschwisterkonstellationen beherbergen können (ein Fallbeispiel erzählt bspw. von einem Älteren, der einzog und ein bis zwei Jahre später zogen seine noch älteren Brüder ebenfalls ins Haus, mehrere Schilderungen beziehen sich darauf, wie anfänglich größere Wohnungsgrößen beim Tod des Partners oder einer verringerten Mobilität vermindert werden können usw.). Und auch kleine Pflegegruppen sollen ohne großen Aufwand vom Flächenlayout her - samt Wirtschafts- und Sonderraumflächen - or­ganisierbar sein, ebenso Gemeinschaftsmodelle wie Alten-WG's o.ä. Dabei wird zunächst davon ausgegangen, dass einerseits auch jüngere Alte unbedingt dabei sein sollen, andererseits ist die Leitidee diejenige der Durchmischung - auch hinsichtlich Gesünderer, Kränkerer (einschließlich Demenzkranker, was heute in sehr vielen modernen Konzepten ja eher wieder getrennt wird). Und sollte einmal doch - entgegen dieser Anfangskonzeption - eine räumliche (z.B. stockwerksweise) Separierung bspw. der Demenzkranken sinnvoller erscheinen, wäre das Hauskonzept auch dafür rasch anpassbar. So wie es durch eingehängte "Terrassen im Luftraum" zusätzliche Gemeinschaftsflächen oder halbprivate Flächen erschließbar werden lässt, wie Stau- und Wirtschaftsräume oder Abstellflächen für gerade nicht benötigte Küchen-Systemmodule in dem modulartigen Raumprogramm mal hier, mal dort ihren Raum finden werden oder wie sogar bei einer entsprechenden Markt- und Konzeptionsentwicklung es durchaus denkbar ist, bestimmte Raummodule auch als Büroflächen oder Dienstleistungsflächen zu nutzen.

Der Band vereinigt auf faszinierende Weise völlig unterschiedliche Denkarten, Disziplinen, Sprachstile und Herangehensweise - ist aber von einer einenden und ungemein zeitgemäßen und sympathischen "fixen Idee" zusammengehalten: dem Wunsch, der Individualisierung und Pluralisierung bei den älteren Menschen (und auch den irgendwann sehr hilfebedürftigen unter ihnen) eine überzeugende und eben gerade nicht normierende Antwort entgegensetzen zu können - ein möglichst flexibles Angebot.

Es ist natürlich einiges noch nicht beantwortet, teilweise auch noch nicht beantwortbar: Bspw. die Frage, inwiefern die Flow-Simulationen der Zusammensetzung der Haushalte und Stockwerke sich in der Realität wirklich so ähnlich einstellen werden - die daraus gewonnenen Hinweise aber darauf sind ungemein wichtig, wie schon jetzt mit entsprechend steuernden Stellgrößen auf Diversität und Mischung hingezielt wird, damit nicht am Schluss eine kollektiv altgewordene und dann je in Einraumeinheiten wohnende BewohnerInnenschaft übrigbleibt, die gerade die attraktive Durchmischung im Zeitablauf dann völlig verunmöglicht. Oder es ist empirisch zu beantworten, inwiefern ebenso die BewohnerInnen wie die MitarbeiterInnen und Dienstleister damit zurechtkommen, dass sich das Flächenlayout - bis auf die praktisch bis zum Tode garantierten BewohnerInnenzimmer - immer einmal wieder ändern wird. Eine der Kardinalfragen aber besteht darin, wie die subjektive Lebensqualität aussieht, ob die Grundkonzeption eines letztlich kompakten und auf viele Ältere im Gemeinwesen zielenden Wohnkomplexes - bei aller internen Durchmischung - wirklich eine tragfähige Idee darstellt. Allerdings muss sie ja das eingestreute alterstaugliche Wohnen überall sonst im Gemeinwesenüberhaupt nicht verunmöglichen. Im Gegenteil: auch dieses könnte von einer solcherart radikalisierten Perspektive auf das Wohnen und die Veränderung von Wohnbedürfnissen und Platzverhältnissen im Lebenslauf nur profitieren. Und die gleichen Beispiel- und Synergieeffekte gelten ebenso für viele Dienstleistungsaspekte, die ebenfalls für das Wohnen außerhalb von Sonderwohnformen höchste Bedeutung haben: wirklich flexible nachfrageorientierte Angebote, Ideen zum Umzugs- und Finanzierungsmanagement, wenn private Wohnungen nicht mehr passen oder die Hürden zur individuellen Konzeption gemeinschaftlicher Wohnungen eine zu große Hürde darstellen u.v.a.m.

Fazit

Es ist ein ungemein anschauliches Buch geworden, dem einfach nur viele aufmerksame LeserInnen zu wünschen sind - in Architektur, Stadtplanung, Sozialverwaltung, in Wohlfahrtsverbänden, bei Wohnungsgesellschaften u.v.a.m. Es bringt die gute "fixe Idee" des nichtfixierten Bauens in der Sprache des Heimleiters, des Architekten, der Wissenschaftler des Fachs Facility Development der Hochschule Wädenswil u.a. zum Ausdruck. Es spricht eine Menge Erfahrung und Fantasie aus ihm, gleichzeitig setzt es Fantasie frei, es hat eine sehr pragmatische und auf Machbarkeit gerichtete Seite und zugleich eine lebensbejahende freundliche Seite, die ganz nah an den älterwerdenden Menschen dran ist. Die Grundidee - das ist dabei allerdings auch ganz deutlich zu machen - kann natürlich auch sehr technokratisch und nur bezüglich der Kostenminimierung und des größtmöglichen Durchsatzes durchdekliniert werden - manche Absätze laden mit ihrer Sprache und Denkart fast dazu ein. Dann wäre nicht zuletzt bspw. die im berichteten Projekt gegebene Zusammenballung einer relativ großen Zahl der Wohnungen durchaus ein Problem (die es allerdings den Simulationsberechnungen der Wädenswiler zufolge zum Funktionieren der Flexibilitätsidee gar nicht unbedingt braucht!).

Deshalb: Die Idee braucht Akteure, die das Potenzial nutzen wollen zugunsten eines ganzheitlichen lebenswerten Ansatzes, der mit einem nachhaltigen Ökonomiebegriff vereinbar ist. Wenn diese Umsetzung lebendig und dauerhaft gelingt - und die Buchakteure setzen sich dafür überaus engagiert ein - d­ann könnte es sein, dass das hochflexible Haus Tabea zum Referenzobjekt im Schnittfeld Wohnen-Service-Pflege würde. Nach dem Motto: wenn schon eine altenbezogene Wohnanlage, dann so eine.


Rezensent
Prof. Dr. habil. Ulrich Otto
Leiter Careum Forschung, Zürich
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Zitiervorschlag
Ulrich Otto. Rezension vom 18.04.2007 zu: Heinz J. Bernegger (Hrsg.): Flexibles Wohnen im Alter - Lebens(t)raum Haus Tabea. Editions à la Carte (Zürich) 2006. ISBN 978-3-905708-00-4. In Zusammenarbeit mit Bangarter, U., Eugster, D., Kälin, H. Hgg. vom Verein Haus Tabea und der Hochschule Wädenswil. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4817.php, Datum des Zugriffs 30.09.2016.


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