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Sue Culley: Beratung als Prozess. Lehrbuch kommunikativer Fertigkeiten

Cover Sue Culley: Beratung als Prozess. Lehrbuch kommunikativer Fertigkeiten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2002. 239 Seiten. ISBN 978-3-407-22110-0. 14,00 EUR.

Übersetzt und bearbeitet von C. Wolfgang Müller. Taschenbuch. Unveränderter Nachdruck des 1996 im Beltz-Verlag erschienenen Werks.

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Einführung in das Thema

Es gibt vielfältige Berufszweige, deren Tätigkeit man als "Beratung" charakterisieren kann: Eheberater, Supervisoren, Coaches, Pfarrer, Krankenhaus- oder Gefängnisseelsorger, Jugendamtsmitarbeiter/innen, Mitarbeitende in der sozialpädagogischen Familienhilfe, Drogenberater, Integrationshelfer für Menschen mit einer Behinderung, Ärzte, Psychologen und viele andere mehr. Dabei gibt es in jedem Beratungsbereich fachspezifische Anteile. Außerdem wählen unterschiedliche Berater unterschiedliche theoretische und methodische Ansätze. Alle aber brauchen eine Grundausstattung nicht nur an beraterischer "Technik", sondern auch an Grundüberzeugungen hinsichtlich des Menschenbildes in der Beratung. Das versucht, branchen- und theorieübergreifend, die Arbeit von Sue Culley zu bieten. Dabei ist ihre Herkunft aus der Tradition der "klientenzentrierten, non-direktiven Beratung" von Carl Rogers nicht zu übersehen. Sie arbeitet aber auch ausgesprochen konfrontierend und provokativ. Sie selbst bezeichnet ihr Modell als "integrative Beratung".

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Das erste Kapitel bietet eine "Einführung in das Modell integrativer Beratung". Das gesamte Buch folgt dem Ablauf eines Beratungsprozesses und schildert die Anfangs-, Mittel- und Endphase mit den je eigenen Zielen, (Beratungs-)Strategien und beraterischen Fertigkeiten. Einen Überblick über diese Phasen bietet das einführende Kapitel, es endet mit dem Abschnitt "Grundlegende Annahmen über die Natur von Menschen", die Auflistung einiger Grundüberzeugungen zum Menschenbild in der Beratung. Es spricht für die Qualität des Buches, dass solche beraterische Hintergrundannahmen nicht unausgesprochen vorausgesetzt, sondern gleich zu Beginn offengelegt werden.

Die Anfangsphase dient der Exploration des Problems, dem Abschluss eines Beratungskontraktes und einer ersten Bewertung der Probleme. Ihr Ziel liegt vor allem in der Entwicklung einer tragfähigen Arbeitsbeziehung. Dargestellt werden auch die Beratungsstrategien, die besonders in dieser ersten Phase zum Tragen kommen. Und schließlich werden die bestimmenden Faktoren des Aufnahmegespräches näher betrachtet.

Das dritte Kapitel ist ein methodischer Einschub, der sich mit "grundlegenden Fertigkeiten der Beratung" beschäftigt: präsent sein, beobachten, zuhören, reflektierende und sondierende Fertigkeiten, Konkretisieren. Schon diese Auflistung macht deutlich, wie praxisorientiert dieses Buch ist. Es vermeidet aber dennoch ein rezeptartiges "Man mache...".

In der Mittelphase werden die Probleme des Klienten neu bewertet, und durch Herausforderung und Konfrontation werden neue, kreative Lösungswege angebahnt. Dass sich die Autorin an realen Beratungsprozessen orientiert, und dass sie aus eigener beraterischer Praxis dieses Prozesse sehr gut im Blick hat, zeigt sich z.B. darin, dass die Themen "Arbeitsbeziehung" und "Kontrakt" mit den Ausführungen des ersten Kapitels nicht erledigt sind. In der Mittelphase gilt es nämlich, die "Arbeitsbeziehung aufrechtzuerhalten" und "die Arbeit am Vertrag fortzusetzen". Die Mittelphase erfordert ihre eigenen Beraterstrategien, hier hat z.B. die Provokation und Konfrontation ihren rechten Platz.

Die Endphase der Beratung steht im Zeichen der Entscheidung über notwendige und angemessene Veränderungen und des Transfers der in der Beratung gelernten Handlungsalternativen. Das Ende der Beratung und der Abschied verdienen eine eigene und genauso intensive Betrachtung wie der Beginn der Beratung und der Aufbau der Arbeitsbeziehung. Die Strategien dieser Phase: Ziele setzen, Handlungen planen, Hindernisse in den Blick nehmen usw.

Den Abschluss des Buches bildet eine Fallstudie: anhand von zehn (teilweise transkribierten) Sitzungen eines Beratungsprozesses wird der Verlaufsbogen nachvollzogen und das zuvor Dargestellte an einem exemplarischen Fall aufgezeigt. Didaktisch gut gemacht: dadurch wird das bis dahin Gelernte erprobt und gefestigt.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Apropos didaktisch: das Buch ist didaktisch hervorragend aufgebaut und kann ohne weiteres als Lehrbuch in allen Ausbildungen und Kursen eingesetzt werden, in denen beraterische Kompetenz erworben werden soll. Alle eingangs genannten Berufsgruppen — und noch manche darüber hinaus - werden es mit viel Gewinn lesen. Sue Culley ist Hochschullehrerin und Beraterin in London und hat ihr Werk in einer von Windy Dryden betreuten Reihe von deutlich anwendungsorientierten Büchern veröffentlicht. (Vgl. zu Windy Dryden die Rezension zu Colin Feltham/Windy Dryden: Grundregeln der Supervision) sie selbst nennt als Adressaten ihres Werkes "sowohl professionelle Beraterinnen und Berater als auch andere Berufstätige, denen Beratung Teil ihrer beruflichen Tätigkeit im weiteren Sinne ist." (S. 10)

Die Stärke des vorgestellten Ansatz besteht m.E. darin, dass er seine Brauchbarkeit im Kontext aller Theorieansätze erweist. Ganz gleich, ob jemand von der strategischen Familienberatung, von der systemischen Therapie, von der Gestaltberatung, von der Tiefenpsychologie oder auch vom transaktionsanalytischen Rahmen ausgeht, die grundlegenden Fähigkeiten und Strategien sowie die Erfordernisse der einzelnen Phasen werden sich überall gleich darstellen: "In inem bestimmten Sinn ist dies ein Meta-Modell von Beratung, weil es in andere theoretische Ansätze integriert werden kann. Welchem theoretischen Ansatz Sie immer folgen mögen, Sie benötigen Strategien und Fertigkeiten, mit denen Sie Ihren theoretischen Ansatz in praktisches Handeln transformieren können." (S. 23)

Es ist kaum möglich, Einzelheiten des Bandes besonders hervorzuheben, weil jede Auswahl willkürlich wäre. Das Buch ist gut und brauchbar von der ersten bis zu letzten Seite. Die Stärke liegt in der Konkretheit — die sei stellvertretend deutlich gemacht an dem Anschnitt: "Wie man herausfordert" (S. 118ff). Ich nenne einige Absatzüberschriften: "Formulieren Sie offen", "Erinnern Sie sich an die Ziele der Herausforderung", "Prüfen Sie, ob Klienten fähig sind, die Herausforderungen anzunehmen und zu benutzen", "Seien Sie konkret", "Vermeiden Sie zu tadeln" — das mag reichen, um die Konkretheit der Anweisungen aufzuzeigen. Immer wieder streut die Autorin "Leitlinien" ein: Leitlinien für die Entwicklung von Zielen, Leitlinien für das Feedback, Leitlinien für das Brainstorming etc. das sind methodische Anweisungen, die auch manch einen interessieren dürften, der gar nicht mit Beratung befasst ist, sondern z.B. etwas für die eigene Fortbildungsarbeit lernen möchte. Dass das Buch durchgängig in einer gut verständlichen Sprache verfasst ist, soll nicht unerwähnt bleiben.

Fazit

Das Fazit kann kurz ausfallen: Ein gut gelungenen (Lehr-)Buch, das in keinem Beraterbücherschrank fehlen sollte!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv)
(Lehr-)Coach (DGfC)
1.Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Coaching e.V.
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 08.10.2002 zu: Sue Culley: Beratung als Prozess. Lehrbuch kommunikativer Fertigkeiten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2002. 239 Seiten. ISBN 978-3-407-22110-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/484.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


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