Frank Bettinger, Cornelia Mansfeld u.a. (Hrsg.): Gefährdete Jugendliche? Jugend, Kriminalität und [...]
Frank Bettinger, Cornelia Mansfeld, Mechthild M. Jansen (Hrsg.): Gefährdete Jugendliche? Jugend, Kriminalität und der Ruf nach Strafe. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. 154 Seiten. ISBN 978-3-8100-3177-8. 11,90 EUR.
Entstehungshintergrund, Ausgangspunkt und Ziele des Buchs
"Ja, so ist die Jugend heute,
schrecklich sind die jungen Leute"
(Wilhelm Busch)
Der Sammelband gibt die Vorträge wieder, die auf einer "Kooperationstagung der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung und der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt" (Einleitung von Mansfeld/ Jansen, S. 8) gehalten und diskutiert wurden. Ziel war dabei, einerseits die "Komplexität des Themas aufzuzeigen und andererseits die Notwendigkeit eines sachlichen Umgangs mit Jugendkriminalität" - mit dem Ziel, dass dadurch auch die "pädagogische Arbeit ein Stück aus der Defensive im öffentlichen Diskurs herauskommt" (ebd., S. 9).
Ausgangspunkt aller Überlegungen ist die Tatsache, dass Jugendkriminalität "auffallend häufig Gegenstand der öffentlichen Diskussion" in Medien und Politik ist und dass so der Anschein erweckt wird, dass Jugendliche "immer stärker und immer jünger kriminell" werden (S. 7). Nach Meinung der Herausgeber ist die These "nicht haltbar", wodurch die Frage aufgeworfen werden muss, "warum Jugendkriminalität politisch in einer Form thematisiert wird, die dem tatsächlichen Vorkommen nicht gerecht wird und außerdem Lebenslagen von Jugendlichen nicht in den Blick nimmt" - und warum die öffentliche Debatte "so oft in eine Forderung nach härterer Bestrafung mündet" (ebd.), obwohl dies mit einer wissenschaftlichen Betrachtung der Thematik (juristisch, pädagogisch, kriminologisch) nicht konform geht.
Damit ist das Programm und die Botschaft der Tagung bzw. des Readers skizziert; seine normativ-parteinehmend-programmatische Zielsetzung wird dann auch im letzten Satz der Einleitung mit Blick auf "Jugend" deutlich: "Respekt kann von respektlos Behandelten nicht verlangt werden" (S. 9).
Aufbau und Inhalte
In der Einführung (S. 11ff) stellt Bettinger die neun Beiträge vor und stellt diese in den theoretischen Kontext von Jugend als "soziales Problem, das vermehrter justizieller und zunehmend auch wieder pädagogischer Interventionen bedarf", welchen er dann als das "vom medialen und politischem Diskurs konstruierte alltagstheoretische Bild der heutigen Jugend" entlarvt (S. 11). Der überwiegende Teil der Beiträge zu "Jugend und Kriminalität", auf die im Rahmen einer Rezension nicht gesondert und würdigend eingegangen werden kann, fügt sich dann auch mehr oder weniger stringent in diese "konstruktivistische" Erkenntnisperspektive. Ich will zwei mir relevant erscheinende Beiträge und deren Erkenntnisse hervorheben.
In seinem Aufsatz "Jugend - Abweichung - Drogen. Zur Konstruktion eines sozialen Problems" (S. 47ff) konstatiert Roland Anhorn, dass "Jugend" mit Blick auf Tagungen, Kongresse und die medial-politische Debatte um Jugend tendenziell im Zusammenhang mit "Gewalt ... Kriminalität ... Drogen ... Rechtsextremismus" diskutiert und damit als "Problem" konstruiert bzw. etikettiert wird. Seine These ist, dass "Jugend" deswegen (von Erwachsenen, von Pädagogen, von Politikern) als defizitär, gefährlich, gefährdet, riskant, anders etc. konstruiert wird, damit Heranwachsende gesellschaftlich-sozial ausgegrenzt, (sozial-) pädagogisch kontrolliert und diszipliniert und politisch entmachtet werden (können). Dieses normative Negativ-Konzept von Jugend sei grundsätzlich zu kritisieren. "Am Beispiel des Diskurses über Jugend und Drogen" will der Autor die Implikationen und die Folgen dieses Konzeptes verdeutlichen, denn das "Problem Drogen" ermöglicht eine "Dauerproblematisierung von Jugend". "Jugend" werde dadurch als "anders", "abweichend" und "Drogen" als "fremd" definiert, was in der Folge einen "flexibel handhabbaren Mechanismus der sozialen Kontrolle" ermöglicht. In dieser kritisch gewendeten Theorieperspektive (Entlarvung der Jugendforschung als normative Problemforschung) kommen so auch die Relationen zwischen den Generationen und Aspekte von Macht, Kontrolle und Abhängigkeit wieder zum Tragen.
Im abschließenden Beitrag von Frank Bettinger zum Thema "Der Kriminalitätsdiskurs - Bedeutung und Konsequenzen für eine kritische Soziale Arbeit" wird der "konstruktivistische" Zugang zum Thema (über-) deutlich. Der Autor zeigt auf, "wie im Kontext von Kriminalitätspolitik ohne großen Aufwand bestimmte Wirklichkeiten konstruiert werden, und darüber hinaus, welche Folgen solche Wirklichkeitskonstruktionen für die Soziale Arbeit, insbesondere für die Jugendarbeit, haben" (S. 145). Die konstruktivistische Prämisse lautet dabei, dass "es nicht nur eine Wirklichkeit gibt, sondern mehrere, und auch nicht wahre oder falsche Wirklichkeiten. Vielmehr werden in Prozessen der Auseinandersetzung (hier bezieht sich Bettinger auf die Diskurstheorie von Foucault und Jäger, H.G.) eine bestimmte Sicht von Welt durchgesetzt" (S. 145/6). Erforscht werden muss demnach dieser Prozess der Konstitution bzw. Konstruktion von Wirklichkeit(en) und Deutungs- und Handlungsmustern. Die "Probleme" im Kriminalitätsdiskurs (Zunahme, Brutalisierung, Werteverfall, immer jüngere Täter usw.) sind demnach Ergebnis diskursiver, interessen- und machtgeleiteter Konstruktionen. Aktuelle soziale Probleme bzw. "besorgniserregende" (so der politisch-mediale Terminus in diesem Kontext) Veränderungen in der Jugend werten aber Soziale Arbeit auf bzw. führen zu ihrem "Wieder-Begehrtsein". Da Soziale Arbeit aus Legitimationsgründen auf die sog. "(sozial-) pädagogischen Herausforderungen" reagieren muss, bleibt sie aber "Sklavin der politischen Wirklichkeitskonstrukteure" und der definitionsmächtigen medialen Inszenierer und Dramatisierer. Bekanntlich wird ja ein "soziales Problem" entweder dramatisiert oder tabuisiert - beides für eine vernunftgeleitete kritische Soziale Arbeit inadäquat. Sozialarbeit bleibt in diesem Prozess die abhängige bzw. machtlose Instanz. Der Autor kommt gar zu dem resignierendem Fazit, "dass die soziale Arbeit nicht aufgrund neu gewonnener Stärke ("Wieder-Begehrtsein", H.G.), sondern auf Grund ihrer Schwäche (im Definitions- und Konstruktionsprozess, H.G.) begehrt ist und diesem Begehren (bei Strafe ihres Untergangs, H.G.) nicht widerstehen kann" (S. 151). Die theoretischen Überlegungen enden mit der ebenso kritischen wie resignierenden Feststellung, "dass die Zeiten so sind, dass die Soziale Arbeit von den politischen Diskursen, von den Wirklichkeitskonstruktionen der politischen Entscheidungsträger förmlich überrollt und mitgerissen wird, liegt ... eben auch am Zustand einer theorielosen und kritikunfähigen Disziplin, die nicht in der Lage ist, sich zu wehren, sich Gehör zu verschaffen, sich politisch einzumischen" (S. 153).
Die anderen sieben Beiträge befassen sich - ich nenne jetzt nur die Titel - mit "Kriminalisierungstechniken - die Swing-Jugend als Ziel nationalsozialistischer Verfolgung" (Kerstin Rathgeb), "Konflikt und Adoleszenz - über die heutigen Umgangsweisen mit Jugend" (Achim Schröder), "Jugendkriminalität und Gewalt. Einige Überlegungen zur öffentlichen Thematisierung von Jugend" (Martina Althoff); Cornelia Mansfeld schreibt zu "Komplexität und Polarisierung - Funktionen symbolischer Diskurse am Beispiel Jugendkriminalität", Johannes Stehr über "Welche Funktionen haben staatliches Strafen und der Ruf nach Bestrafung der Jugend?", Christian Büttner befasst sich mit "Jugend und Gewalt - Über den Sinn von Grenzen und Strafen im Erziehungsprozess" und Olaf Emig diskutiert "Macht und Ohnmacht der Jugendhilfe im Umgang mit gefährdeten Jugendlichen".
Fazit
Alle Beiträge des Readers befassen sich mit dem Thema Jugendkriminalität (und Gewalt) aus einer überwiegend konstruktivistischen Perspektive, haben einen ähnlichen kritischen sozialpädagogisch-kriminologischen Duktus, verfolgen eine vergleichbare Zielsetzung (Anwalt der Jugend) und versuchen, aus der sozialwissenschaftlichen Analyse Konsequenzen für die Disziplin Soziale Arbeit zu ziehen. Von daher impliziert der Band eine gewisse, wenn auch sympathische und empathische (der Versuch, sich in die Lebenslagen von Jugendlichen zu versetzen und deren Sicht und Interessen zu erahnen) Eindimensionalität. Er eignet sich m.E. vorzüglich zu Seminar- und Ausbildungszwecken - vorausgesetzt, andere Theorieperspektiven bzw. Gegenargumente kommen auch zu Wort.
Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie
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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 25.02.2003 zu: Frank Bettinger, Cornelia Mansfeld, Mechthild M. Jansen (Hrsg.): Gefährdete Jugendliche? Jugend, Kriminalität und [...]. Leske + Budrich (Leverkusen) 2002. 154 Seiten. ISBN 978-3-8100-3177-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/486.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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