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Projekt eXe (Hrsg.): Wirkungsevaluation in der Kinder- und Jugendhilfe

Cover Projekt eXe (Hrsg.): Wirkungsevaluation in der Kinder- und Jugendhilfe. Einblicke in die Evaluationspraxis. Verlag Deutsches Jugendinstitut (München) 2006. 142 Seiten. ISBN 978-3-935701-23-5.

Die Veröffentlichung ist als kostenlose Projektpublikation über die Homepage http://www.dji.de/evaluation zu bestellen.
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Hintergrund und Funktion

Das Deutsche Jugendinstitut hat in den Jahren 2004 und 2005 eine differenzierte und breit angelegte Recherche der Landschaft externer Evaluationen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe durchgeführt. Im Rahmen dieses Projektes sind u.a. die in diesem Band zusammen gefassten Überlegungen entstanden. Christian Lüders und Karin Haubrich als die Hauptverantwortlichen stellen sich dazu sinnvoller Weise gleich zu Beginn drei Fragen:

  1. Vor welchem gesellschaftlichen und politischen Hintergrund haben sich die enorme Nachfrage und die intensive Diskussion von Ansätzen zur Wirkungsevaluation gerade in der Jugendhilfe entwickelt?
  2. Welche fachlichen und inhaltlichen Erfordernisse müssen berücksichtigt werden, wenn Wirkungen einer Prüfung unterzogen werden sollen?
  3. Was sind vor diesem Hintergrund eigentlich Wirkungen und wie können sie empirisch valide festgestellt werden?

Dass diese eher grundsätzlichen Gedanken dann in mehr praktische Überlegungen münden, macht Sinn. Die VerfasserInnen empfehlen dringend zu klären,

  • welche Reichweite die Ergebnisse solcher Evaluationen haben sollen und in welchen Kontexten sie relevant werden sollen,
  • ob verallgemeinerbare Erkenntnisse erforderlich sind oder ob eher situativ und lokal begrenzt gültiges Wissen ausreicht und
  • in welchem Verhältnis Aufwand und Ertrag von Evaluationen dabei stehen sollten.

In der Tat, das sind forschungspraktische Fragen ersten Ranges, die es sich im Vorfeld der Planung und Vorbereitung von empirischen Zugriffen auf die Praxis immer zu stellen empfiehlt. Dass die VerfasserInnen der folgenden fünf Beiträge genau diese Grundfragen immer wieder aufgreifen, macht das Buch für alle diejenigen spannend, die sich als Praxisforschende und als Rezipierende der Ergebnisse für die Kinder- und Jugendhilfe interessieren.

Inhaltliche Einblicke

  • Wolfgang Beywl unternimmt zunächst den spannenden Versuch, Evaluationen vor dem Hintergrund der Wirkungsfrage demokratietheoretisch zu begründen. Er verdeutlicht dies an Hand eines so genannten "Programmbaums", eines Evaluationsinstruments, das die interne Logik eines Programms abbildet und so den Blick auf die angestrebten Ergebnisse in Form von "Früchten" ermöglicht. Dass er dazu auch verschiedene Stufen des Aufwandes für Evaluation benennt und Perspektiven zum weiteren Ausbau der Kapazitäten für Evaluation diskutiert, macht diesen Beitrag rund und vor allem äußerst ertragreich für diejenigen, die sich mit diesen Fragen aktuell auseinandersetzen.
  • Michael Mascenaere berichtet von den Erfahrungen aus der inzwischen wohl bekanntesten Untersuchung in diesem Bereich. Die Jugendhilfe-Effekte-Studie (JES) mit ihrem prospektiven (und damit sehr aufwändigen) Design ist aber vor allem deswegen ein sehr schönes Beispiel, weil sie zu den Ansätzen gehört, die in der Lage sind, die "interne Logik" eines Programms zu explizieren und damit zu verdeutlichen, auf der Grundlage welcher Ressourcen und mittels welcher Aktivitäten welche Veränderungen erreicht werden können.
  • Jan Hense und Willy Kritz stellen die Systematik so genannter "theoriebasierter Evaluationen" vor. Ein im Vorfeld expliziertes Theoriemodell soll dabei im Zuge der Evaluation empirisch überprüft werden. Sehr schön deutlich wird dabei, welche Erkenntnis leitende Rolle solche theoretischen Modelle im Zuge der Bewertung von Wirkungen in der Kinder- und Jugendhilfe spielen können.
  • Ebenso theoriegeleitet arbeiten Evaluationen, die Karin Haubrich in ihrem Beitrag zur Evaluation der Besonderheiten innovativer, multizentrischer Programme diskutiert: Spannend dabei vor allem, dass es ihr zu gelingen scheint, den Ansatz einer "Cluster-Evaluation" mit solchen theoretischen Modellen in einer Weise zu verknüpfen, die Annahmen über Wirkungszusammenhänge empirisch überprüfbar machen.
  • Wie breit die Palette möglicher Ansätze zur Evaluation von Wirkungen ist, macht zum Abschluss noch einmal der Beitrag von Willy Klawe deutlich: Rekonstruktive Verfahren gehen davon aus, dass sich Wirkungen von Interaktionen und Prozessen im Rahmen von Maßnahmen und Programmen nicht unabhängig von den Deutungen der Akteure begreifen und untersuchen lassen. Das Ziel solcher deutlich formativ und responsiv angelegter Designs ist es nämlich, die unterschiedlichen Wirklichkeitsauffassungen der Beteiligten in einem diskursiven Verfahren einzubringen und im günstigen Fall miteinander in Einklang zu bringen. Dass Klawe auch die Grenzen und Probleme solcher Ansätze (vor allem auch im Hinblick auf den mit ihnen verbundenen Aufwand) diskutiert, macht seine Überlegungen plausibel und für die Praxis der Evaluation zusätzlich Gewinn bringend.

Fazit

Obwohl es sich bei den Beiträgen in diesem Band nur um exemplarische Zugänge zur Evaluation von Wirkungen in der Kinder- und Jugendhilfe handelt, wird die Breite der Möglichkeiten, sich dieser empirisch und fachlich heiklen und gleichzeitig spannenden Frage zu nähern, gut herausgearbeitet. Das Buch ist ein Plädoyer gegen alle Versuche, den Wirkungsbegriff gerade in pädagogischen Feldern zu eng zu fassen. Es könnte daher Mut machen, immer wieder den Versuch zu unternehmen, aus der fachlichen und aus der politischen Diskussion in diesem Bereich heraus, spezifische Methoden mit je eigenem Blickwinkel Gewinn bringend, d.h. die Gültigkeit ihrer Ergebnisse optimierend, in die Designs zur Bewertung von Praxis einzubauen. Und weil gerade die Kinder- und Jugendhilfe dabei inzwischen auf ein vergleichsweise elaboriertes Wissen zurückgreifen kann, ist dieses Buch auch für alle diejenigen geeignet, die dabei sind, sich aus anderen Feldern der Sozialen Arbeit heraus solchen Fragestellungen anzunähern.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim König
Evangelische Hochschule Nürnberg, Fakultät für Sozialwissenschaften.
Allgemeine Pädagogik, Empirische Methoden, Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit, Jugend- und Erwachsenenbildung, Praxisberatung und Fortbildung in Qualitäts- und Evaluationsfragen.
Leiter des Instituts für Praxisforschung und Evaluation im kirchlichen, sozialen und Bildungsbereich.
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Zitiervorschlag
Joachim König. Rezension vom 02.01.2008 zu: Projekt eXe (Hrsg.): Wirkungsevaluation in der Kinder- und Jugendhilfe. Einblicke in die Evaluationspraxis. Verlag Deutsches Jugendinstitut (München) 2006. ISBN 978-3-935701-23-5. Die Veröffentlichung ist als kostenlose Projektpublikation über die Homepage http://www.dji.de/evaluation zu bestellen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4924.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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