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Klaus Hurrelmann, Heidrun Bründel: Gewalt an Schulen

Cover Klaus Hurrelmann, Heidrun Bründel: Gewalt an Schulen. Pädagogische Antworten auf eine soziale Krise. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2007. 219 Seiten. ISBN 978-3-407-22184-1. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,00 sFr.

Reihe: Beltz-Taschenbuch - 184.

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Thema

Gewalt an Schulen kann man auch als "never ending story" beschreiben. Ob Experten, Politiker, Medienvertreter, Eltern oder aber Laien, jeder scheint zu diesem Thema einiges zu wissen zu glauben. Es gibt auch unzählige Abhandlungen, Studien, Dissertationen sonstige Forschungsberichte, die das Thema Gewalt im Allgemeinen und an Schulen im Speziellen behandeln. Gewalt an Schulen ist immer dann im Spiegel der Medien und Politik, wenn sog. Amokläufe, wie z. B. in Erfurt oder Emsdetten mehrere unschuldige Menschen das Leben kosten. Die Vorschläge seitens der Politik sind meisten von Restriktion, wie z. B. die Einschränkung des Waffenrechts oder längere Haftstrafen für die Täter, geprägt. Die Ursachen und geeignete Präventionsprogramme und -vorschläge, die aber Geld kosten, werden außer Acht gelassen. Vor allem aber dass die Schule mit ihrer starren und unflexibeln Struktur Gewalt unter Kindern und Jugendlichen begünstigt, ist in der öffentlichen Meinungsbildung noch ein Tabu. Hurrelmann und Bründel sprechen dieses Thema nicht nur in einem Nebensatz beiläufig an, sondern widmen ihm gleich ein ganzes Kapitel. Alleine aus diesem Grund ist es lohnenswert, im diffizilen Themenkomplex "Gewalt im Kontext der Schule" dieses Buch zur Hand zu haben. 

Der Autor, die Autorin

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann lehrt Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld. Er leitet das Kooperationszentrum "Health Behavior School Children" der WHO. Er ist Autor zahlreicher Bücher, eines der Klassiker und Standardwerk " Einführung in die Sozialisationstheorie" erschien bereits in der 9. Auflage. Darüber hinaus schreibt Klaus Hurrelmann für bekannte Wochen- und Tageszeitungen.

Dr. Heidrun Bründel ist Diplom-Psychologin und Gesprächspsychotherapeutin in der Bildungs- und Schulberatung des Kreises Gütersloh. Sie ist Autorin verschiedener Bücher.    

Aufbau und Inhalt

Dieses Buch ist in fünf Kapiteln aufgeteilt.

Kapitel eins trägt den Titel "Wie und wo Gewalt entsteht". Dieses Kapitel wird von Hurrelmann und Bründel in drei Unterkapitel aufgeteilt. Im ersten Unterkapitel wird ein systematischer und umfangreicher Überblick zum Themenkomplex "Erscheinungsformen und Ausprägung von Gewalt" gegeben. Hier gehen die Autoren nicht nur auf die historischen Zusammenhänge von Gewalt ein, sondern auch auf die neuen Ausprägungen von Gewalt und Aggression, wie z. B. Mobbing. Weitere Themen, um nur einige wenige zu nennen, sind: Definition von Gewalt und Aggression, Bedingungen von individueller oder institutioneller Gewalt. Das zweite Unterkapitel beschäftigt sich mit den wichtigsten Theorien von Gewalt. Hier werden alle wichtigen Theorien, wie z.B. die Lerntheorie, Trieb- und Instinkttheorie, Konflikt- und Spannungstheorien, Soziale Kontrolltheorien kurz und bündig in einer verständlichen Sprache zusammengefasst. Im dritten und letzten Unterkapitel beschäftigen sich die Autoren mit den Orten der Gewalt. Hier wird die Rolle der Familie, Peergroup und Medien unter die Lupe genommen.

"Die Schule als Forum für Gewaltausübung", verteilt auf ca. 40 Seiten, ist das zweite Kapitel, das aus zwei Unterkapiteln zusammengesetzt ist. Das erste Unterkapitel beschäftigt sich mit der Verbreitung von Aggression und Gewalt an Schulen. Neben den klassischen Themen, wie physische Gewalt, das Geschlecht der Täter oder Persönlichmerkmale von Tätern und Opfern, werden neue Formen von Gewaltanwendung, wie "Happy Slapping[1]"oder die sog. Amokläufe behandelt. Weiterhin diskutiert das Autorenpaar, ob die physische Gewalt in der Schule zugenommen hat. Tabuthemen, wie sexualisierte Gewalt von Lehrkräften wird ebenso thematisiert wie Gewalt gegen die weiblichen Lehrkräfte. Das zweite Unterkapitel diskutiert Gewalt an unterschiedlichen Schulformen. Hier werden die wissenschaftlichen Ergebnisse über die unterschiedlichen Schulformen im Kontext von Gewalt zusammengetragen und abschließend kritisch bewertet.   

Das dritte Kapitel "Die Schule als Produzenten von Gewalt" ist wie das Vorkapitel in zwei Unterkapitel unterteilt. "Strukturelle und institutionelle Gewalt im Schulsystem" behandelt folgende Themen:

§  Der Selektionscharakter der Schule,

§  Fehlende Zukunftsperspektive von Schülerinnen und Schülern,

§  Verzerrte Chancen- und Wettbewerbsstrukturen sowie

§  Gewalt als Enttäuschungsreaktion.

Das zweite Unterkapitel setzt sich mit schul- und unterrichtsorganisatorischen Bedingungen, wie Schulversagen, falsch angelegte Koedukation oder inkompetentes Lehrerverhalten, auseinander.  

"Strategien der Gewaltprävention in der Schule" ist die Überschrift vom vorletzten Kapitel. Hier behandeln die Autoren die "Grundregeln", die für ein besseres Schulklima stehen, aber in der Öffentlichkeit wenig beachtet werden. Im Einzelnen handelt es sich um folgende Themen:

§  Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Lehrern,

§  Regeln und Konsequenzen im Unterricht,

§  Verbesserung des Schulklimas,

§  Steigerung gewaltpräventiver Kompetenzen von Lehrkräften und

§  Individuelle Leistungsförderung von Schülerinnen und Schülern.

Das abschließende Kapitel stellt "Die Praxis der schulischen Gewaltprävention" vor. Bei "Sensibilisierungsprogrammen" handelt es sich um Anfertigung von Bedrohungsanalysen, Erlernen von Krisenmanagement, Reaktion auf Schaden und Verletzung sowie Umgang mit Trauer und Tod in der Schule. Das Unterkapitel "Gewaltpräventionsprogramme" fasst die wichtigsten gewaltpräventiven Maßnahmen zusammen. Zwei Methoden werden allerdings sehr ausführlich diskutiert: Mediation, MindMaters[2]. Die zwei letzten Unterkapitel diskutieren den ressourcen-, und netzwerkorientierten Ansatz, um präventiv gegen Gewalt an Schulen vorzugehen.   

Diskussion

Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren sowohl wissenschaftlich als auch praktisch mit den Themen Jugendgewalt und Gewaltprävention. In dieser Zeit habe ich unzählige Bücher nicht nur gelesen, sondern auch rezensiert. Eine so ausgewogene, sachliche und vor allem ganzheitliche Vorgehensweise ist mir so bisher jedoch noch nicht begegnet. Das Autorenpaar räumt beispielsweise mit dem Vorurteil auf, dass Gewalt an Schulen kontinuierlich zunimmt. Sie sehen vielmehr die veränderte Gewaltanwendung und sinkende Hemmschwelle als ursächlich an. "Es handelt sich offensichtlich um eine kleine Gruppe von Schülern, die durch gewalttätige Handlungen (Körper- und Sachbeschädigung) auffallen, die jedoch nichtsdestotrotz die Opfer – vor allem jüngere Schüler – in Angst und schrecken versetzen können." (S. 102ff). Dass die Schülerschaft an den Haupt- und Förderschulen gewalttätiger sein soll, ist ein weitere Legende, mit der die Autoren aufräumen: " (…) Es ist nicht in erster Linie die Schulform, die auf das Ausmaß an Gewalt Einfluss ausübt, es sind milieuspezifische Merkmale der Schülerpopulation. Die Gewaltbelastung differiert stark je nach Einzugsbereich der Einzelschulen." (S. 94.f.) Es ist darüber hinaus mutig und vor allem politisch nicht populär, dass das Autorenpaar die Schuld bei der Entstehung der schulischen Gewalt nicht nur bei den Schülern sucht, sondern u. a. an den Schulstrukturen und am Lehrerverhalten festmacht. Die ganzheitliche Vorgehensweise spiegelt sich auch in den vorgestellten Maßnahmen wieder. Dass ein verbessertes Schulklima, Erziehungspartnerschaft zwischen Lehrern und Eltern, Vereinbarung von Regeln und Konsequenzen im Unterricht sowie Steigerung gewaltpräventiver Kompetenzen von Lehrkräften die eigentlichen gewaltpräventiven Maßnahmen sind, sind unter Experten keine neuen Erkenntnisse mehr. Umso erstaunlicher ist es aber, dass diese kompetenten Vorschläge des Autorenpaars in den aktuellen öffentlichen Diskussionen kaum eine Rolle spielen.

Zielgruppen  

Praktikerinnen und Praktiker (Schule und Jugendhilfe), die mit gewalttätigen und gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen arbeiten sowie Lehrende und Studierende an den Hochschulen. Des Weiteren kann das Buch interessierten Eltern und Bildungspolitikern empfohlen werden.

Fazit

Ein mutiges, sprachlich hervorragend geschriebenes Buch, das ich all denjenigen Personen empfehlen möchte, die nicht nur an Phrasen interessiert sind, sondern auch an ganzheitlichen, punktgenauen Analysen und konstruktiven Strategien und Programmen gegen Gewalt. 



[1] Hier werden die Opfer bei Übergriffen, Prügeleien oder aber Vergewaltigungen – meistens mit einem Mobiltelefon – gefilmt. Diese Filmaufnahmen werden entweder unter Jugendlichen durch Bildnachricht oder im Internet verbreitet.

[2] Ein ganzheitliches Programm (Einbeziehung der Schüler, Lehrkräfte, schulisches Personal, außerschulische Experten und Eltern) zum Thema Mobbing. MindMatters strebt eine nachhaltige Veränderung der gesamten Schule hinsichtlich der psychischen Gesundheit aller beteiligten an.


Rezensent
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak. Rezension vom 13.11.2008 zu: Klaus Hurrelmann, Heidrun Bründel: Gewalt an Schulen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2007. 219 Seiten. ISBN 978-3-407-22184-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4929.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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