Henning Melber, Cornelia Wilß (Hrsg.): G8 macht Politik. Wie die Welt beherrscht wird
Henning Melber, Cornelia Wilß (Hrsg.): G8 macht Politik. Wie die Welt beherrscht wird. Brandes und Apsel (Frankfurt) 2007. 192 Seiten. ISBN 978-3-86099-723-9. 14,90 EUR, CH: 26,00 sFr.
Globale Hegemonialmacht oder peripheres Auslaufmodell?
Ulrich Beck spricht in seinem neuen Werk "Weltrisikogesellschaft" (2007), in dem er die bereits 1986 in dem Buch "Risikogesellschaft" entwickelten Analysen für neue Wege in eine andere Moderne auf die globale Ebene bringt, von der "organisierten Unverantwortlichkeit", wenn es um die Bewältigung der vielfältigen politischen, ökonomischen, kulturellen und ökologischen Weltrisiken und -krisen geht. Die Szenarien, die den Zustand der Welt und der Menschheit seit spätestens den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts drastisch und eindringlich darstellen, wie etwa die Berichte an den Club of Rome, u.a., sind mehr oder weniger ernsthaft in den globalen Diskurs eingegangen. Lösungsansätze, wie eine globale Entwicklung gestaltet werden sollte, reichen von Untergangsprognosen bis zu Heilserwartungen. Der österreichische Entwicklungstheoretiker Andreas Novy setzt dabei an, wie eine Reihe anderer, die davon überzeugt sind, dass eine andere Welt möglich ist, indem er den Vorschlag macht: "Wir werden das Spiel spielen müssen und es gleichzeitig nicht akzeptieren - und es nicht akzeptieren, indem man es anders spielt" (2002). Der Schweizer Querdenker Hans A. Pestalozzi sieht in der "positiven Subversion" eine Möglichkeit, Gesellschaft und Welt zu verändern. Organisationen wie ATTAC betrachten den Interessenverband der führenden Industrienationen als "Speerspitze der neoliberalen Globalisierung" und gehen dagegen mit Wort und Knüppel vor. Und der Asienkenner Karl Pilny prognostiziert als künftiges Weltmachtzentrum "Chinindia" und sieht den "Tanz der Riesen" (2006) als den Beginn einer Aufmarsch- und Machtbasis dieser neuen Superstaaten auf allen politischen und ökonomischen Gebieten.
Seit 1975, der Gründung der Gruppe der Acht, der Interessenvertreter der (noch) wichtigsten Industrieländer, die sich immerhin zur Zeit rund zwei Drittel des Welthandels und Weltbruttonationaleinkommens bemächtigen, treffen sich die Regierungschefs Deutschlands, Englands, Frankreichs, Italiens, Japans, Kanadas, Russlands, der USA und der EU einmal im Jahr, um, wie die offizielle Version lautet, in "entspannter Runde" über globale Fragestellungen zu beraten. Vom 6. bis 8. Juni 2007 finden, eingeladen und koordiniert durch die deutsche Bundeskanzlerin, im Mecklenburg-Vorpommerschen Heiligendamm die diesjährigen Strategiegespräche statt. Wie bei anderen internationalen Gipfeltreffen, etwa dem WTO-Gipfel oder dem Weltsozialforum, gibt es zu den offiziellen und tatsächlichen Zielsetzungen und Auswirkungen der Politik dieser Einrichtungen erhebliche Kritik.
Inhalt
Der Forschungsdirektor der Dag Hammarskjöld-Stiftung in Uppsala/Schweden, Henning Melber, der sich seit langem in die internationale Politik einmischt und die auslandserfahrene Journalistin und Lektorin des Brandes & Apsel-Verlags, Cornelia Wilß, haben nun zum G8-Gipfel 2007 prominente und kompetente Kritiker an der Hegemonialmacht der Gruppe der Acht versammelt, um in einen Reader eine "solide Bestandsaufnahmen und begründete Standpunkte zum Führungsanspruch der G8 und den Folgen neoliberaler Strategien" vorzulegen. Das Herausgeberteam gliedert den Reader in fünf Bereiche:
- Weltwirtschaft: global abgewirtschaftet?,
- Globale Architektur: wer (be)herrscht?,
- Grenzen des Wachstums: Klima und Ressourcen,
- Fortschrittsmythen und -realitäten: Ernährung / Technologie / Eigentum und
- Gegenbewegungen - wie alternativ und emanzipatorisch?.
Die Beiträge der erfahrenen Diskutanten und Kontrahenten der globalen Wirklichkeit, bei der die Wohlhabenden immer wohlhabender und die Habenichtse immer ärmer werden, lokal und global betrachtet, sind in der Tat Erfahrungsschätze bei diesem vermeintlich ungleichen Ringen um Macht und Ohnmacht.
- Der Politikwissenschaftler und Mitglied der Enquête-Kommission Elmar Altvater bezweifelt in seinem Beitrag - und belegt dies mit eindrucksvollen Daten - dass in der vielgepriesenen Aufbruchstimmung der G8-Staaten, die ungerechten Zustände in der Welt abzuschaffen, ein tatsächlicher Abbau globaler Ungleichheit stattfinde.
- Die Sozialwissenschaftlerin und Vizepräsidentin von Attac-Frankreich, Susan George, nimmt insbesondere die Praktiken des Washington-Konsensus, dem sich die G8-Staaten verpflichten, zum Anlass, um die Strategien anzuprangern, dabei besonders Schulden als Machtmittel zu gebrauchen, die der "globale Turbokapitalismus" zu Tage bringt.
- Der Bonner Publizist Uwe Hoering setzt sich kritisch mit der Politik des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank auseinander, und indem er auf die sichtbaren Krisen der Politik dieser beiden Organisationen verweist, dass die Globalisierung ihre Schöpfer fresse.
- Die Soziologin und Mitarbeiterin bei Attac-Deutschland, Christa Wichterich, greift die seit einigen Jahren im internationalen Diskurs "entdeckte" Erkenntnis auf, dass es ohne Frauen keine nachhaltige Entwicklung gebe (Heimarie Wieczorek-Zeul), indem sie den Mächtigen in der Welt ins Stammbruch schreibt, dass Geschlechtergerechtigkeit und globale soziale Gerechtigkeit zusammen gehören. Der philippinische Soziologe und Träger des Alternativen Nobelpreises 2003, Walden Bello, legt seinen Finger in die Wunde des "makroökonomischen Ungleichgewichts", indem er die (aktuellen) und (künftigen?) Giganten der Weltwirtschaft, USA und China, als Gefangene der derzeit praktizierten Wachstumsstrategien bezeichnet.
- Franz Nuscheler, der sich als Politikwissenschaftler und Entwicklungstheoretiker seit Jahrzehnten kritisch zu Wort meldet, macht darauf aufmerksam, dass die von der G8 praktizierte und etablierte "Club-" und Hegemonial-Politik, vor allem in Hinblick auf die erkennbaren globalen, ökonomischen und politischen Entwicklungen, ein "Auslaufmodell" sei.
- Ebenfalls Thomas Fues, als Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, zeigt "multipolare Tendenzen" auf, indem er die Wege Chinas und Indiens zur Weltmacht beschreibt.
- Die australische Journalistin Nicola Bullard macht deutlich, dass sich die von der G8 immer wieder zur Schau gestellte und demonstrierte Macht in den Wirklichkeiten der Verschiebungen der Einflusssphären, der Legitimationsansprüche und nicht zuletzt der für sie erkennbaren aufklärerischen und alternativen Diskurse, im Niedergang befindet.
- Der Politologe Stephan Klingebiel geht in seinem Beitrag auf den Zusammenhang von Sicherheits- und Entwicklungspolitik ein. Am Beispiel des von der G8 bei ihrem Gipfeltreffen 2002 verabschiedeten Afrika-Aktionsplans macht er deutlich, dass sich im theoretischen und praktischen Vollzug im Verhältnis der beiden Politikbereiche eine Über-Unterordnungs-Mentalität einstellt, die zu einem "Versicherheitlichungsrisiko" für eine globale und gerechte Weltentwicklung wird.
- Henning Melber diskutiert seine Erfahrungen, die er insbesondere als ehemaliger Direktor der Namibian Economic Policy Research Unit in Windhoek gesammelt hat, um das Verhältnis der G8- mit den afrikanischen Staaten zu verdeutlichen. Sein pessimistisches Fazit: Eliten unter sich!
- Der Soziologe und Aufsichtsratvorsitzende von Greenpeace Deutschland, Wolfgang Sachs, spricht vor allem das an, was das G8-Treffen in Heiligendamm programmatisch beschrieben, ideologisch überfrachtet und agonial überschattet: die Ressourcenfrage. Ob sich in den Verlautbarungen und Entscheidungen beim Gipfeltreffen die Wage in die eine oder andere der Alternativen - globale Apartheid oder globale Demokratie - bewegt, schätzt er eher pessimistisch ein. Eine positive Wende müsste bedeuten, "das Wohlstandsmodell der Industrieländer neu zu erfinden"; doch wer ist dazu in der Lage und Willens?
- Der Berliner Politologe und Leiter des interdisziplinären Forschungsteams "Global Governance und Klimawandel", Achim Brunnengräber, unterfüttert die Sachsschen Fragen mit seinem Beitrag "Energiesicherheit vor Klimaschutz".
- Der Umweltexperte Kevin Smith hinterfragt die von der G8 propagierte Win-win-Strategie beim Emissionshandel. Er macht deutlich, dass die Umwandlung der Absorptionsfähigkeit von Kohlendioxid in eine Handelsware einer gigantischen Privatisierung gleiche und die Hegemonialmacht der Industriestaaten gegenüber den Ländern des Südens verstärke.
- Der Agrarfachmann Rudolf Buntzel wirft den G8-Staaten vor, dass ihre hehre Programmatik von der Ernährungssicherheit in der Welt einem leeren Versprechen gleiche, weil die globale Agrarhandelspolitik in den Strategien der Industrieländer nur am Rande vorkomme und äußerst eigennützig praktiziert werde.
- Auch der Spezialist für Ernährungsfragen, Patrick Mooney, klagt die G8-Staaten an, dass sie gegen die Ernährungskrisen in der Welt mit den untauglichen Mitteln von Gentechnik und Geo-Engineering vorgehen und sich der erfolgversprechenderen Politik des gesellschaftlichen Wandels entzögen.
- Die indische Umweltaktivistin und Physikerin Vandana Shiva zeigt auf, dass die G8-Staaten das von der WTO initiierte Abkommen über geistige Eigentumsrechte (TRIPS), das zu Biopiraterie, Saatgutmonopolen und Patentmacht seitens der Industriestaaten gegen die ländliche Bevölkerung in den Ländern des Südens führt, unterstützen und dadurch von diesem Unrecht profitieren.
- Den fünften Teil des Readers, in dem die Autoren nach Gegenbewegungen fragen, leitet der südafrikanische Wissenschaftler Patrick Bond mit einer Reflexion über die Macht und Ohnmacht von alternativen Bewegungen und Strategien ein.
- Der englische "Langstrecken-Internationalist" Peter Waterman, erinnert an den vom Weltsozialforum 2006 erarbeiteten Bamako-Appell und die wundersame Veränderung und letztlich das Verschwinden der Thesen; nicht zuletzt ist dies ein Hinweis darauf, dass die ideologischen und machtpolitischen Einflüsse auf die globalen Auseinandersetzungen um eine gerechtere, demokratischere und friedlichere Welt sich im Streit und Widerstreit, positiv gewendet, auf der Tagesordnung der globalen Diskussion befinden.
Fazit
Alle Autoren des Buches, das vordergründig als "Rundumschlag" gegen die neoliberale Politik der G8-Staaten und der nachdrängenden Industrieländer gedeutet werden kann, sind sich einig, dass der G8-Gipfel in Heiligendamm und wohl auch die folgenden Treffen den Status Quo der Frontstellung der Besitzenden und Mächtigen gegen die Habenichtse und Ohnmächtigen in der Welt bewahren wollen und Änderungen nur zustimmen werden, wenn sie ihre eigenen Interessen stützen. Infofern ist der Reader kein Ausdruck von Euphorie auf einen Wandel der bestehenden Machtverhältnisse; aber auch kein Kassandraruf oder ein Aufruf zur "Weltverschwörung". Vielmehr sind die Texte und Analysen ein Handwerkszeug für alle, die der Aufforderung der Weltkommission Kultur und Entwicklung (1995) zustimmen und daran mit arbeiten wollen: "Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden" - vielleicht muss man in der aktuellen Weltsituation sagen: trotz G8!
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.06.2007 zu: Henning Melber, Cornelia Wilß (Hrsg.): G8 macht Politik. Wie die Welt beherrscht wird. Brandes und Apsel (Frankfurt) 2007. 192 Seiten. ISBN 978-3-86099-723-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4944.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.
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