Bernd Dollinger, Wolfgang Schröer u.a. (Hrsg.): Die sozialpädagogische Erziehung des Bürgers
Bernd Dollinger, Wolfgang Schröer, Carsten Müller (Hrsg.): Die sozialpädagogische Erziehung des Bürgers. Entwürfe zur Konstitution der modernen Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 256 Seiten. ISBN 978-3-531-15253-0. 26,90 EUR.
Thema
Das 20. Jahrhundert gilt gemeinhin als das Sozialpädagogische Jahrhundert. Doch angefangen hat es bereits im 19. Jahrhundert! Die Begründung der Sozialpädagogik war unmittelbar mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft nach den bürgerlichen Revolutionen verknüpft, welche nicht nur die kapitalistische Produktionsweise festigte, sondern mit massiven politischen Transformationen einherging. Fragen nach Freiheit, Gleichheit und Solidarität sowie demokratischer Teilhabe wurden hier erstmals gestellt. Und damit verbunden war die Auseinandersetzung mit dem "neuen Bürger" sowie seiner Erziehung, der die bürgerliche Gesellschaft zu tragen hat.
Es ist das Verdienst der Herausgeber, dass sie vor dem historischen Hintergrund des 19. Jahrhunderts die Entstehung der Sozialpädagogik diskutieren lassen und Verknüpfungen zu der seit einigen Jahren geführten Diskussion um die "Bürgergesellschaft" und deren Stärkung herstellen. Dazu werden in dem vorliegenden Sammelband die in der (Sozial-)Pädagogik sehr unterschiedlichen Modelle durch die einzelnen Autoren historisch rekonstruiert und als Grundlage für die derzeitigen Diskussionen zur Verfügung gestellt. In der Gesamtheit der Aufsätze werden in einer erfrischenden Form drei Dimension der Bürgergesellschaft als Hintergrund für Erziehung offenbar: eine ökonomische, die an das kapitalistische Wirtschaftssystem gebunden ist, eine politische, die mit den Anforderungen einer demokratischen Verfasstheit einhergeht und schließlich eine soziale, die sowohl ökonomische und politische Teilhabe als auch eine gesellschaftliche Gestaltungsaufforderung umfasst.
Die Autorinnen wenden sich der Diskussion um Bürgergesellschaft vor der Frage nach der Erziehung und Bildung der Bürger zu. Das heißt, dass der Ausgangspunkt der Ausführungen nicht der bereits "fertige Bürger" ist, der seine ökonomischen, politischen und sozialen Rechte wahrnimmt, sondern es in einer Bürgergesellschaft zunächst der Entstehung des mündigen Bürgers und seiner Förderung bedarf. Als sozialpädagogische Herausforderung umfasst dies die Erziehung und Bildung zur Individualität als Voraussetzung dafür, dass der einzelne Mensch überhaupt gemeinschaftsfähig werden kann. Diese Prozesse umschließen das Soziale. So äußern sich die Herausgeber auch kritisch gegenüber einer Polarisierung von Bürgergesellschaft versus Sozialstaat sowie dem sozialstaatlichen Rückzug aus gesellschaftlichen Gestaltungsanforderungen.
Aufbau
Der Sammelband besteht aus einer aussagekräftigen Einleitung, in der die konzeptionelle Idee und Rahmung des Bandes herausgearbeitet und in die Beiträge eingeführt wird, sowie aus drei Teilen.
- Im Teil I geht es um Grundlagen,
- im Teil II um Perspektiven auf Sozialpädagogik und Bürgergesellschaften und
- im Teil III um Einzelstudien zum Thema des Bandes.
Teil I Grundlagen
Den Grundlagenteil füllen zwei Beiträge.
- Carsten Müller erinnert unter der Überschrift "Keine Demokratie ohne Bürger?!" an die Ursprünge der Sozialpädagogik in Deutschland im Kontext der bürgerlichen revolutionären Bewegungen Mitte des 19.Jahrhunderts. Er arbeitet begriffs- und problemgeschichtlich mit Verweis auf Karl Mager die eher vernachlässigten deutschen Ursprünge der Sozialpädagogik als eine Erziehung des Bürgers zur Demokratie (!) heraus. Hier finden sich bereits Ideen von der Bildung der Bürger als "Staatsbürger", die politische und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Es geht ihm also um den politischen Gehalt der Begriffschöpfung Sozialpädagogik. Die Erziehung des Bürgers umfasst die Erziehung zu demokratisch handelnden aktiven Menschen, den Aktivbürgern. Bereits durch Mager wird Bildung als der Schlüssel zur Teilhabe beschrieben. In dem Beitrag finden sich eine Reihe von Anknüpfungspunkten für die Fortentwicklung der aktuellen Theorie und Praxis Sozialer Arbeit.
- Daniel Tröhler verdeutlicht hingegen, dass sich ein Großteil der deutschen Pädagogen im 19. Jahrhundert gegen die Entwicklung der bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft richtete und keine Ideen von Demokratie und politischer Teilhabe hatten. Dies erklärt den engen Bezug der Sozialpädagogik in Deutschland auf die Erziehung des Individuums mit Rückbezug auf Religion, Moral und inneren Werten. Die Anforderung, die in anderen westlichen Ländern aufgenommen wurde, nämlich durch eine Erziehung zur "Tugend" ein moralisch verantwortlich handelnder Staatsbürger im Wirtschaftssystem des Kapitalismus zu werden, ließ die deutsche Sozialpädagogik überwiegend aus. In seinem Beitrag "Wirtschaft, Leidenschaft, Bürgerschaft und Wissenschaft" entwickelt er eine "Bürgererziehung" als notwendige Antwort auf die mit dem Kapitalismus entstandene kommerzielle Gesellschaft. In seinem sozialphilosophischen Beitrag zeigt er vor allem anhand Schweizer Quellen den Zusammenhang von Republikanismus und Pädagogik auf. Die Individuen werden dabei nicht als ein Gegenüber von Gesellschaft und Politik verstanden, sondern als ein konstitutiver Teil derselben. Dabei reichen Bürgerrechte und Gesetze nicht aus, um einen verantwortungsvollen Staatsbürger zu fördern, sondern es bedarf einer sozialpädagogischen Erziehung zur "Selbstprüfung seines Inneren". Tröhler verweist auf den reformierten Protestantismus der Schweiz, der eben jene innere Erziehung verbunden mit politischen Teilhaberechten verband.
Werden die beiden Grundlagenbeiträge nebeneinander gelegt zeigen sie eine Entwicklung der Sozialpädagogik auf: Weg von der ausschließlichen Individualerziehung hin zur Bürgererziehung, deren Voraussetzung die Erziehung zur Individualität ist, um Bürgerrechte in demokratischen Gesellschaften überhaupt wahrnehmen und gestalten zu können.
Teil II Perspektiven auf Sozialpädagogik und Bürgergesellschaften
Im Teil II des Bandes werden nun folgende Perspektiven auf Sozialpädagogik und Bürgergesellschaften eingenommen.
- Bernd Dollinger verweist auf eine liberale Tradition der Sozialpädagogik und auf das hier bestimmte sozialpädagogische Vermittlungsproblem zwischen Individuum und Gesellschaft. Gleichzeitig thematisiert er Paradoxien und Widersprüche von Freiheit und Gleichheit im Bürgerstatus sowie die "Exklusion des Unerwünschten" (S.64) im Umgang mit den ungelösten sozialen Bedingungen bei der Umsetzung liberaler Prinzipien. Die frühe Bürgergesellschaft bezog demnach längst nicht alle Bevölkerungsgruppen ein und erzeugte Ausgrenzungen.
- Thomas Gehring arbeitet die Erziehungsvorstellungen im Frühsozialismus heraus und kann zeigen, dass sich das Bildungsideal der Frühsozialisten zunächst kaum von den Erziehungsvorstellungen der Bürgerlichen unterschied. Er zeigt die Erziehungsvorstellungen einzelner Frühsozialisten auf, insbesondere von Charles Fourier und Robert Owen, und verdeutlicht dabei die begriffliche Heterogenität dieser. Eine Klammer zeigt sich in der Idee eines "gesellschaftlichen Zusammenhalt unter der Maßgabe einer gezügelten kapitalistischen Wirtschaftweise" (S. 89) und "um die moralische Begrenzung der Auswirkungen der kapitalistischen Wirtschaftweise". Es geht also zunächst um die Bändigung der negativen Seiten der sich immer weiter durchsetzenden kapitalistischen Ökonomie durch Erziehung.
- Susanne Maurer diskutiert sehr klar die strukturelle Benachteiligung der bürgerlichen Frauen, die mit einer gesellschaftlichen Selbstverortung einherging, und erst am Ende des 19. Jahrhunderts in Emanzipationsbewegungen mündete. Auch in diesem Beitrag wird deutlich, dass die bürgerliche Idee von Gleichheit und Freiheit längst nicht alle Bevölkerungsgruppen und -schichten umfasste. Den Frauen wurden bis in das 20. Jahrhundert hinein Bürgerrechte vorenthalten. Dies ging mit der Aufrechterhaltung des Dualismus einher, der die Männer in das öffentliche, die Frauen hingegen in das private Leben verortete. Der Text öffnet die Perspektive auf grundsätzliche Strukturprobleme des Kapitalismus.
- Joachim Henseler beschäftigt sich in seinem Beitrag mit dem Zusammenhang von Nationalerziehung, Sozialpädagogik und Weltbürgerschaft. Er untersucht den realgeschichtlichen Gehalt weltbürgerlicher und nationalerzieherischer Ideen. Dabei thematisiert er die Verbindung von Sozialpädagogik mit Sozialpolitik und die Anforderung, sowohl die individuelle Entwicklung wie auch die gesellschaftlichen und staatlichen Anforderungen in Übereinstimmung zu bringen. Es geht ihm also um die Diskussion des Problems der "Individualisierung durch Vergesellschaftung" (S. 119). In seinen Ausführungen bindet er die Sozialpädagogik in den Rahmen gesamtgesellschaftlicher und politischer Prozesse ein und schildert den historischen Verlauf, ausgehend von der Französischen Revolution zu den Entwicklungen in Deutschland, und die Beziehung unterschiedlicher nationaler und sozialer Orientierungen.
- Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer thematisieren in ihrem Beitrag sozialhistorische Vergesellschaftungsformen des Bürgers und dabei den Zusammenhang von Sozialpädagogik, Bürgergesellschaft und Sozialstaat. Ein Schwerpunkt dabei bilden die Diskurse um die soziale Bürgerschaft im Kontext der bürgerlichen Sozialreform Ende des 19. Jahrhunderts und in der Weimarer Republik in Deutschland. Sie können aufzeigen, dass die bürgerliche Bewegung in Deutschland weniger mit gesellschaftlichen Demokratisierungsprozessen einherging und gesellschaftliche Teilhabe erst mit dem massiven Auftritt der Arbeiterklasse Ende des 19. Jahrhunderts thematisiert wurde. Die Etablierung von Bürgerrechten war unmittelbar mit einer sozialpolitischen Entwicklung verbunden, die auch soziale Sicherung und Teilhabe umfasste. So kann die Entwicklung der Sozialpädagogik in Deutschland im Zusammenhang einer sozialpolitischen Etablierung verstanden werden. Sie ist verbunden mit einer sozialen Gestaltungsaufforderung an die Bürger. Die Demokratisierung der Gesellschaft in Deutschland fand also erst vor dem Hintergrund der Sozialgesetzgebung und sozialstaatlichen Sicherung statt. So stellt sich aktuell die Frage, "welche sozialen Akteure die Gestaltung der Demokratie vorantreiben können und von welchem gesellschaftlichen Ort aus dies geschehen kann, wenn der Sozialstaat in seiner Gestaltungsfähigkeit unter Druck gerät". (S. 156)
Teil III Einzelstudien
Die Einzelstudien im Teil III des Bandes umfassen ein breites Spektrum von Zugängen.
Die Rolle Pestalozzis in der sozialpädagogischen Theoriegeschichte unter der Perspektive einer Bürgererziehung von Rebekka Horlacher, die Qualität einer sozialpädagogischen Ethik im Kontext von (republikanischen) Tugenden von Bettina Grubenmann, frühe Ansätze einer bürgerschaftlichen Sozialpädagogik von Volker Gedrath, Kleinkinderfürsorge als Medium der bürgerlichen Öffentlichkeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Franz-Michael Konrad, eine Verhältnisbestimmung von Familie und institutionalisierter Kleinkinderziehung in den Konstruktionen der Geschichtsschreibung am Beispiel der Rezeption Fröbels in Deutschland und den USA unter einer bürgergesellschaftlichen Perspektive von Meike Sophia Baader und zentrale Anknüpfungspunkte in der Theorieentwicklung der Sozialpädagogik aus der Perspektive Nietzsches von Christian Niemeyer.
Diskussion
Der Band ist durchweg lesenswert. Die Beiträge sind theoretisch anspruchvoll und gut nachvollziehbar. Alle Aufsätze werfen eine eigene interessante Perspektive auf das gemeinsame Thema. Sie sind sehr klar gegliedert und inhaltlich gut strukturiert.
Es lassen sich viele Anknüpfungspunkte für die aktuelle Diskussion um Sozialpädagogik und Bürgergesellschaft finden und kontextualisieren. Ein Gewinn ist hierbei auf jeden Fall der durchgängige Bezug auf die historischen Ursprünge und weitere Genese der vorgestellten Perspektiven. Das Verdienst des Sammelbandes ist die Verknüpfung von ökonomischen und politischen mit sozialen Fragen und einer gesellschaftlichen Verortung der Sozialpädagogik vor diesem Hinterrund. Ihre Aufgabe der Bildung und Erziehung der Individuen zu gemeinschaftsfähigen Bürgern verweist auf die Anforderung, wie Demokratie nicht nur gelebt, sondern von den Bürgern auch ausgestaltet werden kann.
Fazit
Der vorliegende Band sei allen theoretisch interessierten Lesern aus der Sozialen Arbeit und den Sozialwissenschaften empfohlen. Er ist auch für Lektüreseminare an Universitäten und Hochschulen zum Thema sehr gut geeignet.
Rezensentin
Prof. Dr. Regina Rätz
Homepage www.asfh-berlin.de
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Zitiervorschlag
Regina Rätz. Rezension vom 04.11.2007 zu: Bernd Dollinger, Wolfgang Schröer, Carsten Müller (Hrsg.): Die sozialpädagogische Erziehung des Bürgers. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 256 Seiten. ISBN 978-3-531-15253-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4947.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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