Joachim Bauer: Lob der Schule. 7 Rezepte für Schüler, Lehrer und Eltern

Cover Joachim Bauer: Lob der Schule. 7 Rezepte für Schüler, Lehrer und Eltern. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2007. 144 Seiten. ISBN 978-3-455-50032-5. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 23,90 sFr.

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Nachdenken über Motivation

Das pädagogische Zauberwort "Motivation", dessen Begriff sich ja ableitet vom Lateinischen moveo, bewegen, anregen, durchzieht die pädagogische und lernpsychologische Literatur wie ein roter Faden der Frage nach dem Warum des Lernens. Immer schon gab es Klagen darüber, dass die Bemühungen der Erzieher, den Zögling in die jeweils von Kultur, Sitte, Religion und Moral vorgegebenen Bahnen zu lenken, schwierig sind, scheitern oder gar in gegenteilige Richtungen ausschlagen. "Zucht", im Herbartschen Sinne, oder die Littschen Grundfragen für Erziehung, als "Führen oder Wachsenlassen", die Suche nach Sinn, Zielrichtung und Erfolg von erzieherischem und Bildungshandeln, regt den gesellschaftlichen Diskurs an, regt auf und bringt oft auch Rezeptologien und Rat-"Schläge" auf den Markt; wie etwa das des Leiters der Schule Schloss Salem, Bernhard Bueb (2006), der im "Lob der Disziplin" (vgl. die Rezension) die Lösung aus dem Dilemma der Erziehung und Bildung heute zu finden glaubt.

Eine seit einigen Jahren scheinbare neue Entdeckung auf diesem Feld der ideologischen, theoretischen und praktischen Auseinandersetzung um Bildung und Erziehung bewegt Pädagogen, Eltern, Politiker und den Herrn und die Frau Jedermann: Die Ergebnisse von  neurowissenschaftlichen Forschungen, etwa in der Neurobiologie, beschäftigen, vielfach kontrovers, Pädagogen, Psychologen, Hirnforscher, Philosophen und Gesellschaftswissenschaftler mit der Frage nach determiniertem und / oder selbstbestimmtem Handeln der Menschen. Die Diskussion verläuft zurzeit eher abgegrenzt und selten kooperativ.

Inhalt

Der Freiburger Mediziner und Psychotherapeut Joachim Bauer, gleichzeitig Leiter des Münchner "Instituts für Gesundheit in pädagogischen Berufen", der sich bereits mit einer Reihe von Veröffentlichungen in den gesellschaftlichen Diskurs einmischt, um dem "Prinzip Menschlichkeit" (2006) bei Bildungs- und Lernakten mehr Bedeutung beizumessen, nimmt sich mit seinem neuen Buch viel vor. Er will eine "Neurobiologie der Schule" begründen; freilich mit der richtigen Einschränkung, dass die Neurobiologie könne oder wolle "weder Deutungshoheit noch einen Allgemeinvertretungsanspruch" erheben könne oder wolle. Vielmehr bedürfe es bei der Frage nach dem richtigen, erfolgsversprechenden, effektiven und humanen Lernen einer intensiveren Zusammenarbeit von Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaftlern, Didaktikern und Methodikern mit Neurobiologen. Denn, das ist ja auch keine neue Erkenntnis: "Ein Kind ist kein Aktenordner". Lernprozesse bedürften weder eines "Nürnberger Trichters", noch eines bis in alle Einzelheiten festgelegten Kanons oder Standards. Weil aber "Motivation, kooperatives Verhalten und Beziehungsgestaltung … Faktoren (sind), die neurobiologisch verankert sind", kommt aus neurobiologischer Sicht dem Gehirnzentrum, das für die Motive Lebenswillen, Energie, Motivation und Lust an der Leistung, sorgt, eine besondere Aufmerksamkeit zu. Es sind nicht von außen, etwa durch Medikamente zuführbare, sondern sich im Körper selbst bildende Motivationsbotenstoffe, wie Dopamin, körpereigene Opioide und Oxytozin, die das Motivationssystem des Gehirns veranlasst, dass der Mensch gerne und erfolgreich lernt. Es sind also seelische Eindrücke, wie etwa die soziale Anerkennung und die persönliche Wertschätzung, die im Gehirn in biologische Signale, wie Lernlust, -bereitschaft und -willen, umgewandelt werden. Fehlen diese Anreize, entwickeln sich Ersatzmotive, die die Motivationssysteme des Gehirns befriedigen; wie etwa der Griff zu Suchtmitteln der verschiedensten Art, einer anregungsarmen Freizeitgestaltung, von Angst und Versagenserfahrungen.

An dieser Stelle dürfte der Titel des Buches vor allem gerechtfertigt sein: Lob der Schule. Denn Joachim Bauer stellt in seinem Beitrag zur Weiterentwicklung der Erkenntnisse in der Verhaltenstheorie "die neurobiologische Bedeutung von Vorbildern" an die erste Stelle. Es sind "Spiegelungen" der Existenzen, individuellen und institutionellen Personen, Verhaltensweisen und Handlungen, die ein "Lernen am Modell" zustande bringen. Die erwachsenen Bezugspersonen in Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaft, Kindergarten, Schule und Freizeit, spiegeln in den Kindern und Jugendlichen ihre eigenen Potentiale, im Positiven wie im Negativen. Damit wendet sich der Autor entschieden gegen Forderungen, wie sie etwa in Buebs Buch über "mehr Disziplin" zum Ausdruck kommen; freilich auch gegen eine Schul-Systemdiskussion. An dieser Stelle wird das Buch unverbindlich, trotz aller Argumente, die der Autor für sein "Lob der Schule" heran zieht. Denn: Ohne eine ernsthafte Diskussion über eine Veränderung des tradierten und überholten drei…gliedrigen Schulsystems in Deutschland werden die durchaus richtigen Positionen zu den wichtigsten pädagogischen, didaktischen und methodischen Prinzipien des Lernens und der Bildung in der Schule wirkungslos bleiben (müssen!). Das, was er der gesellschaftlichen Öffentlichkeit über die Bedeutung des Lehrerberufs ins Stammbuch schreibt, ist ja nicht neu. Doch durch die vielfältigen Beschimpfungen dieses Berufsstandes, an dessen oberster Agenda eine Eigenschaft steht, die ein individuell befriedigendes und gesellschaftlich wirksames Lernen erst möglich macht: Optimismus! Diese Zuschreibung richtet sich auch an diejenigen, die als junge Menschen den Lehrerberuf ergreifen möchten. Denn trotz aller richtigen Forderungen nach Professionalität in diesem sozialen Beruf, braucht ein Lehrer (und natürlich auch eine Lehrerin) Selbstbewusstsein, Empathie zu den jungen Menschen und Phantasie zur Motivierung der Lernenden zum Lernen. Auch an den Hochschulen, an denen Lehrkräfte für alle Schulformen ausgebildet werden, überwiegt nicht selten eine Theorieüber- und eine Praxisunterlastigkeit. Dazu kommt, dass in den letzten Jahren in allen Bundesländern (Schulbildung ist Ländersache!) die offizielle Lehrerfort- und -weiterbildung zu noch kaum erkennbaren Relikten zusammen gestrichen wurde. Zwar ist jeder in der Schule tätige Lehrer aufgrund seines Berufsethos wie seiner Dienstverpflichtung aufgefordert, sich individuell fortzubilden; doch ohne ein institutionell eingebrachtes Anregungs- und Kompetenzpotential können Lehrkräfte heute ihre vielfältigen Bildungs- und Gesellschaftsaufgaben kaum in dem geforderten Maße erfüllen. Ohne aufgeklärte, engagierte und verantwortungsbewusste Eltern ist und bleibt Schule nicht mehr und nicht weniger als eine Lernanstalt. Der vom Autor in zehn Regeln verfasste "Schulvertrag" zwischen der Institution der Schule, den Schülern und den Eltern ist eine Möglichkeit, die Bindung der Beteiligten an den Lernort Schule und darüber hinaus zu verdeutlichen und zu festigen. Mit der sechsten und siebten Perspektive, wie ein effektiveres, befriedigenderes und tragfähigeres Lernen als gemeinsamer Bindungs- und Bildungsakt möglich wird, wendet sich der Autor an Gesellschafts-, Bildungspolitik und Wissenschaft, nicht in jedem "hysterischen Theater", wie dies durch PISA- und andere nationale und internationale Vergleichsuntersuchungen inszeniert wird, gleich den Untergang der Bildung zu betrachten, sondern wirklich ernsthaft die relevanten und notwendigen Reformen anzugehen, die sich in den sattsam bekannten Forderungen wie - Klassen- und Lerngruppengrößen, personelle und sachliche Ausstattung, Aus- und Fortbildung… - nieder schlagen. Die siebte und letzte Perspektive gipfelt schließlich in dem, was der Neurobiologe als die wesentliche Chance für eine gelingende individuelle und gesellschaftliche Bildung bezeichnet: Mirror System. Damit will er deutlich machen, dass der Aufbau und die Wirksamwerdung von zwischenmenschlichen Bindungen eine natürliche Eigenschaft des Menschlichen darstellt: "Wir sind von Natur aus dafür geschaffen, mitzufühlen und danach zu handeln". Im "System der Spiegelneurone" sind die Signale, die Erwachsene und Gleichaltrige aussenden, zu Bausteinen zwischenmenschlichen Erlebens, im positiven Sinne zu wünschenswertem Verhalten wie Einfühlung, Empathie; verkümmern diese Spiegelungen jedoch oder werden gar nicht geweckt, entstehen daraus Aggression, Egoismus und Nicht-Lernen. Der Verbandsvorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, ist kürzlich mit der besorgniserregenden Beobachtung an die Öffentlichkeit getreten: Die Gewalt an Schulen nehme zu; die sonst sittlich, moralisch und kulturell sanktionierte Einstellung, dass ein Täter vom Opfer ablässt, wenn es unterlegen ist, sinkt bei Gewalttaten immer mehr. Nach dem Motto: "Noch mal drauf", sinke die Beißhemmung, auch und besonders bei an sich nichtigen Anlässen. Das Ausleben von Gewalt gegenüber Unterlegenen komme, so der Verbandsvorsitzende, nicht zuletzt von den Medieneinflüssen und der Unfähigkeit von Erwachsenen, positive Bindungen zu den Heranwachsenden einzugehen. Joachim Bauer drückt dies in der Forderung aus: "Soziale Regeln müssen zusammen mit Kindern und Jugendlichen gelebt werden".

Fazit

Das schmale Büchlein "Lob der Schule" ist sicherlich kein theoretisches Konstrukt einer "Neurobiologie der Schule". Es ist aber ein Zwischenruf, der geeignet ist, die neurobiologischen Aspekte, Wirkungsweisen und Bedeutsamkeiten in den interdisziplinären Diskurs einzubeziehen, wie eine Motivation des Lernens in der schulischen und außerschulischen Bildung gelingen kann.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.06.2007 zu: Joachim Bauer: Lob der Schule. 7 Rezepte für Schüler, Lehrer und Eltern. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2007. 144 Seiten. ISBN 978-3-455-50032-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4957.php, Datum des Zugriffs 22.08.2014.


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