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Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis - ein Lehrbuch

Cover Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis - ein Lehrbuch. UTB FÜR WISSENSCHAFT (Stuttgart) 2007. 536 Seiten. ISBN 978-3-8252-2786-9. 29,90 EUR, CH: 50,50 sFr.

Reihe: UTB - 2786.

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Hintergrund und Intention

Mit diesem Buch der Schweizer Sozialarbeitswissenschaftlerin Silvia Staub-Bernasconi liegt ein Werk vor, in dem sie ihren bisher bereits anderenorts präsentierten, stellenweise aber inzwischen weiterentwickelten theoretischen Ansatz vorstellt. Sie übernimmt selektiv einige Kapitel aus dem Band „Systemtheorie, soziale Probleme und Soziale Arbeit: lokal, national, international. Oder: Vom Ende der Bescheidenheit“ (Haupt Verlag, Bern 1995), in dem überarbeitete Aufsätze und Vorträge der Autorin gesammelt sind, die zum Teil in der Zeit von 1986 bis 1994 bereits in anderen Publikationen veröffentlicht wurden; sie integriert einige in anderen Zusammenhängen verfasste Beiträge; sie schreibt aber auch neue Kapitel, vor allem über spezielle Handlungstheorien.

Was die Intention des Buches betrifft, schreibt die Autorin in der Einleitung, dass dieses Buch keine Einführung in die Sozial-, Pionier(innen)-, Institutionen- und Berufsentwicklungsgeschichte Sozialer Arbeit sein will. „Ebenso wenig wird eine Geschichte der theoretischen Ideen Sozialer Arbeit angestrebt. Für beides gibt es bereits viele erhellende, wichtige Beiträge. Es möchte diejenigen Leserinnen und Leser ansprechen, die mit mir den nicht ganz einfachen Zick-Zack-Weg zwischen allgemeinsten, metatheoretisch-philosophischen Vorstellungen und sehr konkreten professionellen Handlungsleitlinien und handfesten Handlungsanweisungen gehen möchten. Es möchte dazu beitragen, dass weder die Praktiker(innen) noch die Wissenschaftler(innen) und Forscher-(innen) unter sich bleiben und die gegenseitigen Vorurteile ungestört weiter pflegen. Es möchte nicht nur appellativ an die gesellschaftliche Relevanz Sozialer Arbeit erinnern oder sie beschwören, sondern auch einen Weg aufzeigen, wie sich Professionalität und (fach-)politisches Engagement nicht ausschließen, sondern verbinden lassen. Dazu verhilft der Weg vom Doppelmandat zum Tripelmandat, das in der internationalen Definition Sozialer Arbeit mit ihrem Fokus auf Wissenschaftlichkeit und Menschenrechte bereits angelegt ist." (S. 18)

Autorin

Bevor Silvia Staub-Bernasconi 1997 dem Ruf der TU als Nachfolgerin von C. W. Müller nach Berlin folgte, war sie 30 Jahre Dozentin an der vormaligen Schule für Soziale Arbeit in Zürich. Sie ist inzwischen emeritiert, jedoch weiterhin vielfältig aktiv so u.a. als stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit.

Aufbau und Inhalt

Abgesehen von der Einleitung (“Nach- und Vordenken über Soziale Arbeit als systemtheoretisch begründete Handlungswissenschaft“) besteht das Buch aus vier Teilen, die übersichtlich thematisch geordnet sind.

  1. Im ersten Teil geht Staub-Bernasconi folgender Frage nach: Ist Soziale Arbeit zu einfach oder zu komplex, um theorie- und wissenschaftswürdig zu sein? Sie gibt zunächst einen historischen Rückblick in eine Zeit vor über hundert Jahren, aus der die ersten Beiträge zur Professionalisierung im Sinn einer wissenschaftlichen Begründung Sozialer Arbeit stammen. Staub-Bernasconi stellt vier Theoretikerinnen Sozialer Arbeit vor und begründet ihre Auswahl wie folgt: „Sie haben alle auf ihre Art dem Anliegen einer wissenschaftlichen Begründung Sozialer Arbeit Rechnung getragen, und zwar im Hinblick auf die sozialen (Armuts-)Probleme von Individuen (Ilse Arlt, Jane Addams), die sozialen Problematiken in einem Stadtteil (Addams) und die Management- und Machtprobleme in Organisationen (Mary Parker Follett). Dazu kommt, dass ich sie alle als Vorläuferinnen einer systemischen Konzeption Sozialer Arbeit betrachte, die nach den kooperativen wie konfliktiven Interaktionen zwischen Individuum und Gesellschaft auch die Systemizität des Sozialen mit einbezieht, nämlich Soziale Arbeit vom Individuum bis zum (Welt-)Gesellschaftsniveau. Mit dieser Auswahl verknüpfe ich die Hoffnung, dass entdeckt werden kann, dass man auch in wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten das Professionalisierungsanliegen nicht als Luxusangelegenheit aufgeben muss, sondern (weiter-)verfolgen kann.“ (S. 15)
    Ebenfalls im ersten Teil weitet Staub-Bernasconi die historische Thematik aus, indem sie sich auf die „Spurensuche nach einem gesellschaftlich bestimmten Geschlechterverhältnis“ begibt und „Theoretische Bedürfnis- versus Funktionsorientierung“ diskutiert. Der erste Teil schließt mit einem Überblick „Theoretische Gegenstandsbestimmungen Sozialer Arbeit - von den Anfängen der Disziplin bis zur Gegenwart“.
  2. Im Teil II geht es um Soziale Arbeit als handlungswissenschaftliche Disziplin. Staub-Bernasconi begründet hier Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Sie geht zunächst auf „zentrale metatheoretische, objekttheoretische und handlungstheoretische Entscheidungen sowie ihre Folgen für die Konzeption Sozialer Arbeit als Handlungswissenschaft am Beispiel dreier Paradigmen“ ein: Atomismus oder Individualismus, Holismus oder Ganzheitsphilosophie und Systemismus. Man findet hier die Inhalte der in verschiedenen Werken von Staub-Bernasconi verstreuten, unterschiedlich elaborierten Beiträge zu diesem Thema, die in einen Zusammenhang gebracht werden, der von den metatheoretischen Voraussetzungen ausgeht und über das notwendige Bezugswissen zum Handlungswissen sowie zu Vorschlägen zur Lösung oder Milderung sozialer Probleme führen soll. Ihre Darstellungsweise zeigt die Folgen impliziter oder expliziter metatheoretischer Entscheidungen im Hinblick auf ein atomistisch/individualistisches, holistisch/ganzheitliches oder systemisches Wirklichkeits- und Problemverständnis auf. In den Ausführungen werden Staub-Bernasconis Präferenz für den systemischen Theorieansatz deutlich, auch wenn sie zu zeigen versucht, dass sich die drei Paradigmen nicht völlig ausschließen, sondern unter bestimmten Bedingungen auch ineinander übersetzbar wären.
    In diesem Teil erfolgt auch eine Auseinandersetzung mit dem Mandat der Sozialen Arbeit, in der Staub-Bernasconi „Vom beruflichen Doppelmandat zum professionellen Tripelmandat Sozialer Arbeit“ (S. 198ff.) spricht, die da wären: Hilfe (Klientenmandat), Kontrolle (Träger/ Öffentliches Mandat) und Wissenschaftsbasis / Berufskodex (fachliches Selbstmandat).
    Im zweiten Teil befasst sich Staub-Bernasconi mit Wissen und Wissenschaftsverständnis in den Debatten über Sozialarbeitswissenschaft. Ihr Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass wenig Konsens über das Wissenschafts- und Wahrheitsverständnis in der Sozialarbeitswissenschaft besteht. Sie wirft einen Blick über die Grenzen des deutschsprachigen Raumes, befasst sich mit unterschiedlichen Formen der „Problematisierung des „herkömmlichen“ Wissenschaftsverständnisses im Diskurs über Sozialarbeitswissenschaft“ (S. 227) und zeigt auf, inwiefern Wissenschaft auf alle menschlichen Erkenntniskompetenzen als Wissensquellen zurückgreift „und so die Grundlage für eine Wissenschaftsauffassung bilden kann, die als „wissenschaftlicher Realismus“ bezeichnet werden soll“ (S. 219). Sie geht sodann auf „Sozialarbeitswissenschaft als angewandte Wissenschaft“ ein und fragt im abschließenden „Epilog: Schließen sich Wissenschaftlichkeit und politisches Engagement aus?“ (S. 242)
  3. Vom transdisziplinären wissenschaftlichen Bezugswissen zum professionellen Handlungswissen am Beispiel der Empowerment-Diskussion heißt der Titel des dritten Kapitels im zweiten Teil. Staub-Bernasconi erläutert das, was sie mit wissenschaftlich basierten Handlungsleitlinien und damit professionellen Methoden als unverzichtbare Grundlage einer jeden Profession betrachtet. Sie setzt sich mit dem Empowerment-Konzept kritisch auseinander, nachdem sie sich zuvor mit dem Unterschied zwischen Wissenschaft und Handlungswissenschaft befasst. Staub-Bernasconi versucht dann anhand des transformativen Dreischrittes (1. Kenntnisnahme des Forschungsstandes, 2. Formulierung handlungstheoretischer Hypothesen und 3. Formulierung von professionellen Handlungsleitlinien) zu verdeutlichen, dass die Professionellen mit diesem Dreischritt „selber den Interpretationsschlüssel zum Theorie-Praxis-Problem in der Hand (halten), anstatt ihn unbesehen an ,Ober- oder Metainterpreten“ abzugeben und so zu ihrer eigenen Entfremdung beizutragen.“ (S. 262, im Original kursiv). Sie schließt dieses Kapitel, in dem sie auf die „Einwände und Kritiken zum transformativen Dreischritt“ eingeht. Die Argumente, die sie hierbei aufgreift, sind: Das Komplexitätsargument, das Technokratieargument, das Argument der Zwecklosigkeit der Warum-Frage und das Argument  der prinzipiellen Nichtsteuerbarkeit von Menschen und sozialen Organisationen.
    Das Thema des dritten Teils ist Soziale Arbeit als professionelle Praxis: spezielle Handlungstheorien für spezielle soziale Probleme. Es geht hier Staub-Bernasconi darum, den Weg von den theoretischen Prämissen über die Konzeption problembezogener, spezieller Handlungstheorien bis in die Praxis aufzuzeigen. Für sie ist es die diagnostische Erfassung der Ausgangs- und Problemsituation, die bestimmt, welches Erklärungs-, Werte- und methodische Wissen organisiert werden muss. Eine allgemeine Theorie professionellen Handelns ist die Grundlage für die Konzeption von speziellen Handlungstheorien. Deshalb befasst sie sich nach einem ersten Überblick über die Arbeitsweisen relativ ausführlich mit der „sozialen Diagnose“. Staub-Bernasconi erläutert dann ihre bekannten Arbeitsweisen unter „Spezielle Handlungstheorien Sozialer Arbeit„: Sie beginnt mit der Ressourcenerschließung, der ältesten Arbeitsweise Sozialer Arbeit, stellt dann die Bewusstseinsbildung nach Paulo Freire als spezielle Handlungstheorie Sozialer Arbeit vor und danach die Modell-, Identitäts- und Kulturveränderung, wobei sie hier die interkulturelle Verständigung in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellt. Die weiteren von ihr behandelten speziellen Handlungstheorien Sozialer Arbeit sind „Vernetzung“ und „Umgang mit Machtquellen und Machtstrukturen“.
  4. Im Teil IV gibt Staub-Bernasconi einen Blick in die Zukunft - zur Transnationalisierung Sozialer Arbeit. Ausgehend von der Annahme, dass sich Soziale Arbeit schwer tut mit dem heute notwendigen Einbezug globalen Denkens wie globalen Handelns, versucht sie in ihrem ersten Beitrag „Soziale Arbeit auf dem Weg zur Weltgesellschaft“ unterschiedliche Antworten auf diese Herausforderung zu geben. Sie definiert „internationale Soziale Arbeit“, zeigt den Einfluss der Methodenkonzeption auf die Wahrnehmung der sozialräumlichen Reichweite Sozialer Arbeit und die Bedeutung der Entwicklung von der lokal-nationalen zur internationalen und transnationalen Sozialen Arbeit für Theorie und Praxis auf. Im nächsten Kapitel widmet sich Staub-Bernasconi der Frauenbewegung als einem wichtigen Teil der Geschichte der Sozialen Arbeit und fragt „Wie weit reichen feministische Theorien und die sich daraus ergebenden Politiken?“. Diesen Beitrag versteht sie als einen Versuch, unter Anwendung des systemtheoretischen Bezugsrahmens aufzuzeigen, wie die gegenwärtige Blockierung der Frauenbewegung zu überwinden wäre („Worin besteht die Möglichkeit, die losen, zerstreuten Theoriefragmente zusammenzubringen?“). Der dritte Beitrag in diesem Teil „Sozialverträglichkeit der Wirtschaft - eine mehrdimensionale Konzeption von Umweltverträglichkeit“ ist nach wie vor von großer Aktualität und sollte nach Staub-Bernasconi den Sozialarbeiter(inne)n Mut machen, den Forderungen der „Ökonomisierung des Sozialen“ die Forderung nach „Sozialverträglichkeit der Wirtschaft“ gegenüberzustellen.

Das Buch schließt mit einem sehr reichhaltigem Literatur-, Personen- und Stichwortverzeichnis.

Diskussion

Der Aussage auf der Rückseite des Buches, Silvia Staub-Bernasconi stelle komplexe theoretische Sachverhalte so dar, dass der Einstieg in eine als Handlungswissenschaft konzipierte Soziale Arbeit möglich werde, kann durchaus zugestimmt werden. Denn die einzelnen Aussagen sind nachvollziehbar und überschreiten nicht einmal gelegentlich sprachlich die Grenze des Nachvollziehbaren und des Zumutbaren, sowie dies in früheren Veröffentlichungen von Staub-Bernasconi der Fall war. Ob das Buch sich jedoch als Lehrbuch eignet, ist fraglich, da es insgesamt doch zu komplex ist und deshalb die Studierenden vor allem im Grundstudium ohne Anleitung überfordern dürfte.

Obwohl Erklärungen hinsichtlich der für das Verständnis des Buches zentralen prozessual-systemischen Theorie im Buch erfolgen, ist die Lektüre wohl eher denjenigen (Wissenschaftlern/innen, aber auch Praktikern/innen) zu empfehlen, die mit Systemtheorie und Konstruktivismus bereits gut vertraut sind.

Das Buch kann wohl vor allem von denjenigen mit Gewinn gelesen werden, die sich auf die zunächst oft befremdlich erscheinenden Thesen und die sich aus der Reflexion dieser Thesen ergebende Spannung einlassen möchten. Beispielsweise sind Staub-Bernasconis Thesen um die Soziale Arbeit als „Menschenrechtsprofession“ immer wider spannend, da man sich fragt, warum die Beachtung und Achtung von Menschenrechten und interkulturelle Toleranz ein Spezifikum Sozialer Arbeit sein soll, was insgesamt selbstverständlich ist. Warum soll die Orientierung an Menschenrechten und an sozialer Gerechtigkeit der Sozialen Arbeit mehr Chancen eröffnen, ein wichtiges Spezifikum von Professionalität zu realisieren?

Eine andere Frage ist die Auswahl der Klassikerinnen im ersten Teil: Warum hat Staub-Bernasconi Alice Salomon nicht berücksichtigt, die die Sozialarbeit wenn nicht mehr, dann mindestens ebenso theoretisch dezidiert und anschlussfähig reflektiert hat wie die in diesem Buch vorgestellten Frauen.

Fazit

Es handelt sich bei der vorliegenden Publikation um ein anspruchsvolles und tiefgründiges Buch, von dem hier nur einige zentrale Punkte wiedergegeben werden konnten. Dieses Buch veranschaulicht beeindruckenderweise das Reflexionspotential prozessual-systemisch-konstruktivistischer Denkweise.

Trotz der gestellten Fragen sind Staub-Bernasconis Gedankengänge zweifellos dazu geeignet, die wichtige und unumgängliche Diskussion über das fachliche Selbstverständnis Sozialer Arbeit (als Wissenschaft) zu befruchten.

Schon deshalb (und weitgehend unabhängig von der Frage, ob Sozialarbeit als Wissenschaft nun ambivalent, paradox und orientierungslos sein darf) ist dem Buch vor allem in der Sozialarbeitswissenschaft und in der Praxis bei erfahrenen Sozialpädagogen/innen eine weite Verbreitung zu wünschen.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/goegercin.html
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 27.09.2007 zu: Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis - ein Lehrbuch. UTB FÜR WISSENSCHAFT (Stuttgart) 2007. 536 Seiten. ISBN 978-3-8252-2786-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/4997.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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