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Klaus Dörner: Leben und sterben, wo ich hingehöre

Cover Klaus Dörner: Leben und sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem. Paranus Verlag (Neumünster) 2007. 220 Seiten. ISBN 978-3-926200-91-4. 19,00 EUR.

Reihe: Edition Jakob van Hoddis.
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Einstieg

Die Deckung des Pflegebedarfs im Alter ist in unseren alternden Gesellschaften ein Dauerthema. Angesichts zunehmender Individualisierung auch im Alter mit Verringerung familialer Pflegepotenziale ängstigt die mögliche Erschöpfung pflegerischer Ressourcen für die letzte Lebensspanne mit schwindender Alltagskompetenz im privaten Bereich. Die menschlich entwürdigende und ökonomisch sich verschärfende Heimproblematik ist bekannt. Wenn unter diesen Umständen der seit Jahren als Institutionalisierungskritiker und Heimgegner bekannte Psychiater Klaus Dörner in seiner neuen Veröffentlichung "Leben und sterben, wo ich hingehöre" mit einer ausschließlich ambulanten altenpflegerischen Betreuung das Ende der stationären Versorgung einläutet, dann ist ihm die Aufmerksamkeit aller mit den Altenhilfesystemen befassten Sozialberufler und Experten gewiss.

Grundlegende Inhalte und Entstehungshintergrund

Beim lebenslangen Credo des mittlerweile 74jährigen Emeritus Klaus Dörner für die Ent-Institutionalisierung und Heimauflösung nimmt es nicht Wunder, dass er auch in seinem neuen, bei Paranus erschienenen Buch der ausschließlichen Versorgung alter Pflegebedürftiger in ihrem angestammten Wohnbereich das Wort redet. Wenn von den für 2050 erwarteten 3 Millionen Pflegebedürftigen nach seriösen Schätzungen 42 Prozent stationär versorgt werden müssten, würde die Heimbewohnerzahl von gegenwärtig 700.000 Menschen auf 1,3 Millionen Heimbewohner steigen. Bei der von Dörner bereits jetzt konstatierten "Konzentration der Unerträglichkeit" im Heimbereich der Super-Gau. Dazu noch begleitet von einem Kostenanstieg von 30 Milliarden Euro. Dörner weist folglich den Weg vom für ihn unabänderlichen Heim-Auslaufmodell zum "Übersprungsmodell" der im bürgerschaftlichen, dritten Sozialraum angesiedelten, ausschließlichen ambulanten Wohnpflegegruppen-Betreuung der alten Pflegebedürftigen. Helfer und Helferinnen sind für Dörner hierbei in Anlehnung an das alte Subsidiaritätsmodell die Pflegebedürftigen mit ihren verbliebenen Kräften selbst, ihre Angehörigen, Freunde, Nachbarn und Stadtteilbürger vor den Professionellen. Dieses Helfer-Setting muss zur Aufrechterhaltung seiner Lebensweltlichkeit ("wo ich hingehöre") bürgerzentriert und darf nicht mehr profi-zentriert sein: Die Hilfe muss zum alten Menschen gebracht werden statt dass dieser in die Hilfesysteme transferiert wird.

Ausgewählte Inhalte

Als neuartige menschheitsgeschichtliche Aufgabe umreißt Dörner zunächst die mit den herkömmlichen Praktiken der Institutionalisierung "auf der grünen Wiese" und der Ökonomisierung mittels Sozialleistungssystemen nicht mehr lösbaren Zunahmen der drei wachsenden Hilfebedürftigen-Gruppen Alte, Demente und Neo-Psychisch-Kranke. Wenn Staat und Markt teilweise versagen, bleibt für ihn nur noch das bürgerschaftliche Engagement abrufbar.      

Das Entstehen einer solidaritätsorientierten Bürgerbewegung gerade auf dem Altenhilfe-Sektor sieht Dörner sodann seit den 1980er Jahren heraufgekommen. "Wir sind bereits in der Deinstitutionalisierung angekommen", stellt er fest (Seite 47). Die "auf uns haftenden Augen der Hilfebedürftigen" bewirken diese "neue Kultur des Helfens" (Seite 66).

Die Bürger-Wiederbelebung des dritten, des Sozialraums (neben privater und staatlicher Sphäre) lokalisiert Dörner im dritten Abschnitt jenseits der Familie in Nachbarschaft, Kommune und Kirchengemeinde, wo nach der Auslagerung der diakonischen Institutionen vor die Städte nun wieder "Gottes- und Menschen-Dienst zusammengeführt" werden könnten.

Vom Hilfsbedürftigen her gesehen entstehen nach Dörners viertem Abschnitt lokal als Orte des Pflegens und Helfens  neben dem eigenen Haushalt des Pflegebedürftigen Nachbarschafts-Wohnpflegegruppen und Pflegestützpunkte: In der Stadt alle 500 bis 1000 Meter, auf dem Land alle fünf Kilometer.

Schließlich umreißt Dörner, wie sich die Pflege-Professionellen und die Heime an diese neue Entwicklung anpassen können: Mit Auslagerung von stationären Pflegegruppen und mit Fließmodellen. Der Staat habe diese Entwicklung mit persönlichen Budgets für die Pflegebedürftigen und mit Pflegeberücksichtigungszeiten für die Pflegenden zu flankieren.

In der "normalen Umgebung" soll sich auch das Sterben  mit dem "Ziehen der letzten Spur für die anderen" vollziehen.   

Diskussion

Dörners am skandinavischen Behinderten-Normalisierungsprinzip orientiertes Eintreten für eine ausschließlich ambulante Altenpflege ist so aufrüttelnd wie einst die Begründung der Lehre von der "totalen Institution" durch Erving Goffman (auf den natürlich auch Dörner rekurriert). Ein gewaltiger Pluspunkt von Dörners neuem Buch ist die Tatsache, dass er seine These von der Gangbarkeit der Ambulantisierung zum einen mit seinen eigenen Erfahrungen der Schaffung der Gemeindepsychiatrie um sein einstiges Gütersloher Landeskrankenhaus und sodann mit einer Fülle an Beispielen tragfähiger ambulanter Altenpflegedienste bis zum Lebensende aus eigener Anschauung belegt. Die vielen ambulanten Pflegemodelle, die Dörner immer wieder mit Adressen gespickt schildert,  reichen deutschlandweit von Steinen im Wiesental über das mittelbadische Ettenheim, Eching bei München, Schwandorf, Bielefeld, Minden und Hamburg bis Husum.

Es geht also doch, möchte man meinen. Freilich: Skeptische Fragen bleiben. Die vielen erwähnten Beispiele sind ortsspezifisch heterogen. Kategorial verbleiben doch peinliche Reste. Etwa: Tragen Dörners Visionen zivilgesellschaftlich gestützter Pflege noch, wenn die familiale Stützung von derzeit 70 Prozent in vier Jahrzehnten auf unter 40 Prozent sinkt? Dörner geht dem nicht dezidiert nach. Und sind die "auf mir haftenden, fragenden Augen des Hilfebedürftigen" die große Motivation dazu, meinen "Überschuss an Freizeit" (Seite 69) "sozial in meine Bedeutung für andere abzubinden"? Da gibt es sicher bei unseren Zeitgenossen auch ganz andere Präferenzen. Nicht immer leicht nachvollziehbar sind Dörners kongruente Motivations-Konstrukte bei Helfenden, Hilfsbedürftigen und Profis, wenn man das Reziprozitätstheorem zu Rate zieht. Schließlich befremdet auch seine Polemik gegen das Ehrenamt als "Begriff aus feudaler Zeit": Woraus besteht denn schließlich Dörners vor allem in der Nachbarschaft verankerter "dritter Sozialraum" im Wesentlichen sonst?              

Fazit

Ein notwendiges, nobles und humanes Buch mit einem unabweisbaren Fingerzeig zu einer menschenwürdigeren Altenpflege, wie wir sie uns sicherlich alle für uns selbst und für all unsere Weggenossen wünschen. Dörners Einsatz für eine Lebenswelt-Pflege hat den Vorteil, dass er aus eigener Anschauung kennt, wovon er handelt. Und er ist so offen, sich nicht darauf zu versteifen, dass es so kommt, wie er es für unabweisbar hält.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 27.06.2007 zu: Klaus Dörner: Leben und sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem. Paranus Verlag (Neumünster) 2007. ISBN 978-3-926200-91-4. Reihe: Edition Jakob van Hoddis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5009.php, Datum des Zugriffs 29.08.2016.


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