Ursula Eva Wiese: Arbeitszeitgestaltung in der stationären Altenpflege
Ursula Eva Wiese: Arbeitszeitgestaltung in der stationären Altenpflege. V&R unipress (Göttingen) 2007. 313 Seiten. ISBN 978-3-89971-372-5. 44,90 EUR.
Thema
Die Arbeitszeitgestaltung in der stationären Altenpflege ist ein wichtiges Thema, das die Arbeitsbedingungen der dort tätigen Pflege- und Servicekräfte unmittelbar betrifft. Belastungen der Beschäftigten durch Nacht- und Schichtdienst, durch kurzfristige Einsätze und ausgedünnte Personalbesetzung in den Wohnbereichen müssen durch einen solide geplante Personaleinsatz möglichst reduziert werden. Gleichzeitig sollen die Bedürfnisse der Bewohner Einfluss auf die Arbeitszeitgestaltung haben, und schließlich soll der Personaleinsatz dann auch noch effizient sein und von der Einrichtung finanzierbar.
Charakter der empirischen Untersuchung
Die vorliegende Veröffentlichung ist ein Bericht über eine empirische Untersuchung, die die Verfasserin in gut 130 stationären Pflegeeinrichtungen im Bundesland Niedersachsen zum Thema Arbeitszeit- und Dienstplangestaltung durchgeführt hat. Mündliche Befragungen, Dokumentenanalysen (Dienstplanauswertungen) und eine schriftliche Erhebung liefern eine Fülle von empirischen Daten in einem Bereich, der sonst eher durch vereinzelte Praxisberichte oder Präsentationen von Arbeitszeitprojekten in einzelnen Einrichtungen gekennzeichnet ist.
Aufbau und Inhalt
Im Kap. 1 (Einführung, S. 27 – 60) gibt die Verfasserin eine Überblicksdarstellung der Vorgehensweise und der rechtlichen Rahmenbedingungen. Hier gefällt die kurze, prägnante Darstellung der unterschiedlichen Rechtsquellen (TVöD, BAT, AVR, Tarifverträge) und ihrer Ausprägungen bei unterschiedlichen Aspekten der Arbeitszeitorganisation (z.B. unterschiedliche Vorschriften zur Nachtarbeitszeit oder zu Ruhepausen).
Das Kap. 2 (S. 61 – 90) liefert eine exemplarische Studie zu Dienstplanregelungen in 7 Kooperationseinrichtungen in Landkreis und Stadt Osnabrück. Hier wird deutlich, dass der Focus der Untersuchung auf den Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten liegt (Dienstzeiten), weniger auf den sie eigentlich auslösenden bedarfsbestimmenden Faktoren. So wird konstatiert, dass die personelle Besetzung schwankt; "inwieweit dies auch mit Blick auf Bewohnerbedürfnisse geschieht, ließ sich nicht ermitteln." (S. 77). Auch im Bereich der Hauswirtschaft ist eine Bedarfsorientierung der Betrachtung nicht ausgeprägt, die Auflistung der Dienstzeiten von 19 Mitarbeitern (Abb. 2-19, S. 86) erlaubt keine Übersicht über das durchschnittlich vorhandene Anwesenheitsprofil
Das Kap. 3 (S. 91 – 118) liefert die Ergebnisse von 13 qualitativen Interviews mit Führungskräften der Kooperationseinrichtungen über Aspekte der Dienstplan- und Arbeitszeitgestaltung. Die Darstellung, die durch transkribierte Interviewteile angereichert ist, illustriert sehr gut die Praxis und Probleme der Arbeitszeitgestaltung in diesem Bereich. Das Ergebnis ist aufgrund der deskriptiven Perspektive allerdings wenig überraschend: Die Handhabung in der Praxis ist sehr unterschiedlich, und die Probleme sind vielgestaltig.
Im Zentrum der Veröffentlichung steht das Kap 4 (S. 119 – 274) und dort wiederum zunächst der Abschnitt 2 (S. 128 – 243), in dem die Ergebnisse der schriftlichen Befragung in niedersächsischen Pflegeheimen dargestellt werden. Untersucht werden insgesamt 14 Aspekte (z.B. vorhandene Arbeitszeitmodelle, Einsatzplanung, Teilzeitbeschäftigung, Arbeitszeitkonten), die jeweils getrennt nach drei Größenklassen und Trägergruppen (öffentlich, freigemeinnützig, privat) ausgewertet werden. Damit liegen für das Bundesland Niedersachsen repräsentative empirische Daten vor, die für Einrichtungen, Verbände und Politik nutzbar sind. So erbringt z.B. die Befragung zum Thema Arbeitszeitkonten, dass nur in jeder 5. Einrichtung schriftliche Regelungen zu diesem Bereich bestehen und die anderen Einrichtungen das Modell entweder gar nicht anwenden oder "mündlich regeln". – In einigen Fragebereichen liegt der Verdacht nahe, dass der Einblick auch durch die gewählte Methode nur begrenzt ist. So verhindert die Möglichkeit der Mehrfachnennung bei der Frage nach den vorherrschende Arbeitsprinzipien (z.B: Zweischicht-, Dreischichtsystem) einen Überblick über den relativen Anteil der einzelnen Prinzipien an der Gesamtheit (S. 139ff.). Die holzschnittartige Zuordnung von angewandten Pflegesystemen (S. 143) wird der in der Realität vorhandenen Vielfalt offenbar nicht gerecht, selbstkritisch bekennt die Verfasserin, hier bestehe "weiterer Klärungsbedarf" (S. 255).
Die zusammenfassende Darstellung und Interpretation der Ergebnisse (S. 244 – 274) macht dann allerdings auch die Grenzen des Ansatzes deutlich. Die Methode der Hypothesentestung bringt als Verfahren dann nicht sehr viel, wenn die Hypothesen auf der Basis der vorangegangenen Erhebung (qualitativen Erhebung und Dienstplanauswertung) formuliert sind und deshalb eine hohe innere Plausibilität aufweisen; insofern ist die Bestätigung der sieben Hypothesen nicht überraschend. Auch orientieren sich die Vorschläge zur Weiterentwicklung der Modelle stark an den erhobenen Dienstzeitmodellen, allenfalls Gleitzeit wird noch als Variationsmöglichkeit angesehen (S. 255). Dabei geraten dann aktuelle Probleme im Bereich der Einsatzplanung in stationären Altenpflegeeinrichtungen (z.B. z.B. Ausweitung der abendlichen Betreuungszeit für Bewohner und Konsequenzen für die Arbeitszeitgestaltung der Mitarbeiter/-innen; Problem der Kompensation kurzfristigen Personalausfalls) in den Hintergrund. Die Potenziale in diesem Bereich sind durch konventionelle Überlegungen zu Schichtsystemen und Beschäftigungsumfang längst nicht ausgenutzt: auch der konstatierte Weiterentwicklungsbedarf im Bereich Arbeitszeitkonten lässt offen, ob und ggf. wie innovative Modelle der Arbeitszeitgestaltung aus anderen Produktions- und Dienstleistungsbetrieben (z.B. Funktionsbereitschaft; Vertrauensarbeitszeit) auf den Bereich der stationären Altenpflege anwendbar wären.
Fazit
Das Buch liefert interessante Daten für Fachleute, Studierende und Wissenschaftler, die sich in Studium und Lehre mit dem Thema der Arbeitszeitgestaltung in der stationären Altenpflege auseinander setzen möchten. Praktiker werden durch die ausführliche Darstellung der empirischen Daten, die nur an wenigen Stellen Überraschungen bietet, und durch das Ausbleiben konkreter, umsetzbarer Handlungsperspektiven sich wahrscheinlich weniger angesprochen fühlen.
Rezensent
Prof. Dr. Knut Dahlgaard
Professor für Personalmanagement und Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Knut Dahlgaard. Rezension vom 20.07.2008 zu: Ursula Eva Wiese: Arbeitszeitgestaltung in der stationären Altenpflege. V&R unipress (Göttingen) 2007. 313 Seiten. ISBN 978-3-89971-372-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5028.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.
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