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Uta Pohl-Patalong: Von der Ortskirche zu kirchlichen Orten

Cover Uta Pohl-Patalong: Von der Ortskirche zu kirchlichen Orten. Ein Zukunftsmodell. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 194 Seiten. ISBN 978-3-525-60421-2. 19,90 EUR.
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Thema

Uta Pohl-Patalong wendet sich einer eher ungewöhnlichen Form von Nonprofit-Organisation zu, nämlich der (evangelischen) Kirche. Diese befindet sich, wie Pohl-Patalong bereits im ersten Satz des Buches konstatiert, in einer Krise, die einen Änderungsbedarf signalisiert. Pohl-Patalong versetzt sich gewissermaßen in die Rolle einer Systemanalytikerin, die die einzelnen Problembereiche betrachtet, um auf der Basis dieser Analyse Vorschläge für eine verbesserte und nachhaltige Zukunftsfähigkeit zu entwickeln. Sie stellt in diesem Zusammenhang auch fest, dass die Krise sich auf mindestens zwei Bereiche bezieht, nämlich erstens in finanzieller Hinsicht und zweitens auch in inhaltlicher Hinsicht. Die Kirche befindet sich demzufolge insbesondere auch in einer Relevanzkrise: "Wie auch immer man diese definieren mag: in jedem Fall haben die beiden großen Kirchen nicht die Bedeutung für die Menschen heute und für die Gesellschaft, die sie ihrem eigenen Anspruch nach haben sollten." (S. 7). Dies wirft Fragen hinsichtlich der Zukunft der Kirche nicht nur für die Mitglieder im Allgemeinen auf, sondern mit geradezu existenzieller Konsequenz auch für ihre zahlreichen Beschäftigten.

Aufbau und Inhalt

Vor diesem Hintergrund - und dies signalisiert Pohl-Patalong bereits in der Einleitung - kann die Kernfrage nicht in der Kürzung von Stellen und der Einschränkung von Arbeitsbereichen bestehen. Stattdessen ist eine Bestandsaufnahme erforderlich, auf deren Basis eine Vision zu entwerfen ist, wie die Kirche in Zukunft aussehen kann. Konsequenterweise geht es zunächst einmal um die Strukturen der Kirche: "Sind die Sozialformen, in denen sich die Kirche organisiert, geeignet, um die Aufgaben so zu erfüllen, wie es ihrem Auftrag entspricht? Und sind sie so gestaltet, dass sie auch mit deutlich weniger Mitteln eine effektive und attraktive Arbeit ermöglichen?" (S. 8) Diese Fragestellung führt Pohl-Patalong unmittelbar zur Rolle von Ortsgemeinden einerseits und den Alternativen hierzu andererseits. Sie verwendet hierfür die Begrifflichkeiten der parochialen (ortsgemeindlichen) und der nichtparochialen Strukturen, die grundsätzlich gleichberechtigt nebeneinander stehen.

  1. Konsequenterweise befasst sie sich im ersten Kapitel denn auch mit der aktuellen Struktur der Kirche, zieht aber frühere Strukturen als Vergleich heran. Denn die derzeitige Struktur, bei der sich zahlreiche evangelische Kirchenordnungen als eine Ortsgemeinde verstehen bzw. die Ortsgemeinde als den Regelfall betrachten, ist keineswegs zwingend theologisch hergeleitet. In früheren Jahrhunderten dominierten durchaus andere Strukturen, wie z. B. Orden etc. Auch heutzutage ist es so, dass neben den Ortsgemeinden verschiedene alternative Strukturen gewissermaßen als Parallelgesellschaft existieren, wie z. B. Krankenhaus-, Studierenden- oder Militärgemeinden, aber auch diakonische Einrichtungen etc. Angesichts dieses eher unverzahnten Nebenher von Strukturen diagnostiziert Pohl-Patalong die Strukturfrage als einen Konflikt zwischen parochialem und nichtparochialem Prinzip.
  2. In wissenschaftlich ebenso gelungener wie sprachlich gut verdaulicher Form befasst sich Pohl-Patalong im zweiten Kapitel mit dem Konflikt als einer Herausforderung. Dabei ist sie von Ralf Dahrendorf beeinflusst, der die positiven Funktionen von Konflikten hervorgehoben hat. Konflikte sind demzufolge keine Probleme, sondern Anstöße und Ursache für sozialen Wandel, der wiederum für jede Gesellschaft und jedes Sozialsystem unabdingbar notwendig ist. Die Konfliktdiagnose ist aus diesem Blickwinkel eine "Wahrnehmungshilfe" (S. 34) und bietet die Gelegenheit, konstruktive Lösungen für die anstehenden Herausforderungen zu entwickeln.
  3. Diese Sichtweise vertieft Pohl-Patalong im dritten Kapitel, das eine historische Betrachtung der parochialen und nichtparochialen Strukturen über die Jahrhundert hinweg bietet. Augenfällig ist dabei, dass beide Strukturen bereits von an Anfang an parallel zueinander bestanden, aber in den verschiedenen Epochen unterschiedlich stark ausgeprägt waren, so dass mal die eine und mal die andere Form dominierte.
  4. Anknüpfend an diesen geschichtlichen Überblick geht Pohl-Patalong im vierten Kapitel auf die einzelnen Argumente ein, die von den Befürwortern der parochialen, aber auch der nichtparochialen Strukturen vorgebracht werden. Auf diese Weise schafft sie nicht nur die Grundlage für ihren eignen Lösungsansatz, sondern bietet auch eine verdichtete Zusammenfassung der einschlägigen Diskussion, die den Leser in die Lage versetzt, sich ein eigenes Bild zu machen.

Diskussion

Betrachtet man parochiale und nichtparochiale Strukturen als These und Antithese, was sowohl die historische Entwicklung als auch die Argumente ihrer jeweiliger Vertreter nahe legen, liegt die Frage nahe, wie denn ggf. eine Synthese aussehen könnte. Hier liegt denn auch die eigentliche Stärke der Arbeit von Pohl-Patalong. Denn sie hat sich nicht mit der reinen Analyse zufriedengegeben, sondern entwickelt auch eine Synthese, bezeichnet als "dritten Weg". Dieser soll die Stärken der beiden traditionellen Strukturformen in sich vereinen und die Kirche strukturell zukunftsfähig machen. Hierfür gibt Pohl-Patalong verschiedene Kriterien vor, wie z. B. die Sicherung der Pluralität, die Berücksichtigung von Territorialität und Mobilität, die Offenheit für unterschiedliche Formen und nicht zuletzt die Forderung nach einer Präsenz der Kirche in der Gesellschaft. Ihre Antwort auf diese Kriterien besteht in einem Konzept der "kirchlichen Orte". Darunter versteht sie als Ausgangspunkt alle Räumlichkeiten, die aktuell für kirchliche Arbeit genutzt werden, die sie als Ressourcen für künftige kirchliche Strukturen betrachtet. An diesen Orten sollte ein vereinsähnliches kirchliches Leben verankert werden, das von Ehrenamtlichen stark beeinflusst und vorangetrieben wird. Auf diese Weise kann zugleich das Problem der Konkurrenz zwischen Ehren- und Hauptamtlichen und insbesondere die hierarchisch hervorgehobene Stellung des Pfarramts angegangen werden. "Nötig ist dazu eine Umkehrung der Denkrichtung. Statt zu fragen, wie Ehrenamtliche für ein bestimmtes, schon vorher feststehendes Projekt gewonnen werden können, orientieren sich hauptamtliche daran, wahrzunehmen, was Menschen in der und von der Kirche brauchen und welche Formen und Ressourcen sie benötigen, damit dies Wirklichkeit werden kann." (S. 144f). Dabei wird allerdings der Anspruch aufgegeben, an allen Orten das gleiche Angebot in gleichermaßen attraktiver Weise zu realisieren. Zugleich fordert Pohl-Patalong, den Gottesdienst dahin zu bringen, wo die entsprechende Arbeit gemacht wird, Jugendgottesdienste also an dem Ort abzuhalten, wo die Jugendarbeit stattfindet. Dies würde nicht nur zur Entwicklung weiterer gottesdienstlicher Formen führen, sondern auch sicherstellen, dass nicht nur ein kirchliches Angebot im Allgemeinen, sondern auch ein gottesdienstliches im Speziellen wohnortnah vorhanden ist.

Anmerkungen und Fazit

Pohl-Patalong hat mit ihrem Konzept der kirchlichen Orte einen Vorschlag unterbreitet, wie insbesondere die evangelische, aber grundsätzlich auch die katholische Kirche auf die derzeitigen Probleme reagieren kann. Dabei betont sie zu Recht, dass es sich bei ihrem Modell keineswegs um ein Patentrezept handelt, aber durchaus um eines, das die historische entwickelten Stärken der beiden derzeit existenten Strukturen aufgreift und umsetzt. Inwieweit dieses Konzept neben gravierenden inhaltlichen Herausforderungen auch eine Lösung für die finanziellen Probleme darstellt, geht aus den Überlegungen Pohl-Patalongs nicht hervor und kann ohne Zahlenmaterial auch nicht beurteilt werden. Deutlich wird allerdings, dass das Konzept der kirchlichen Orte eine massive Herausforderung für die Anhänger von parochialen wie nichtparochialen Strukturen gleichermaßen darstellt. Ob sie genügend Engagement und Veränderungsbereitschaft aufbringen werden, um sich auf diesen dritten Weg einzulassen, wird sich erst in der Zukunft zeigen. Die Alternative zu diesem mühsamen und ungewissen Weg könnte jedoch durchaus in einer steigenden Bedeutungslosigkeit der Kirchen liegen!


Rezensent
Prof. Dr. Jost W. Kramer
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre Hochschule Wismar, Forschungsgruppe für Kooperation, Netzwerke und Unternehmenstheorie Adjunct Professor für Sozialwirtschaft, insbesondere Genossenschaftswesen, Universität Kuopio (Finnland)


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Zitiervorschlag
Jost W. Kramer. Rezension vom 07.07.2007 zu: Uta Pohl-Patalong: Von der Ortskirche zu kirchlichen Orten. Ein Zukunftsmodell. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-525-60421-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5035.php, Datum des Zugriffs 31.07.2016.


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