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Dagmar Berg: Culture shock im Handgepäck

Cover Dagmar Berg: Culture shock im Handgepäck. Psychologie des Kulturkreiswechsels. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2006. 118 Seiten. ISBN 978-3-89574-613-0. 17,80 EUR.

Wissenschaftliche Schriftenreihe Psychologie - Band 16.

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Krise, Irritation und Desorientierung beim Kulturkreiswechsel

Die Situation ist bekannt: Bei einer Zusammenkunft, ob es eine offizielle Veranstaltung oder ein privates Fest ist, bei der man sich als Individuum fremd und in die Kommunikationsprozesse nicht einbezogen fühlt, empfindet man Unbehagen; und man will entweder den "fremden" Ort möglichst schnell verlassen, oder man versucht, mehr oder weniger krampfhaft auf irgend eine Art Kontakt wenigstens zu dem Einen und Anderen zu bekommen. Um wie viel schwieriger ist es, wenn diese Situation sich nicht in einer Umgebung abspielt, in der sich Menschen und Dinge aus der eigenen, gewohnten und bekannten Kultur befinden; also in einer kulturell andersartigen Umwelt.

In diesem Zusammenhang wird von einem "Kultur-Schock" gesprochen. Doch der Begriff hat sich als wissenschaftlicher Terminus nicht durchgesetzt, sondern er bezeichnet eher alltagssprachlich die Situation einer Person, "die eine bestimmte Dauer in der Fremde weilt, dort nicht sesshaft wird und freiwillig in die Gastkultur eintritt". Psychologen, Anthropologen, Ethnologen und Soziologen benutzen deshalb für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen, dass die Konfrontation mit dem "Fremden" und dem "Fremdem" zu Irritationen, ja nicht selten zur Selbstunsicherheit führen kann. Vom "Sojourner" wird dann in der Literatur gesprochen, aus dem Englischen "sojourn = a stay for a time, a temporary stay"); oder auch vom "medium duration culture traveller" - im Gegensatz etwa zum Touristen und Geschäftsmann ("short duration") oder Migranten ("long duration").

Autorin und Thema

Die in Berlin lebende freiberufliche Psychologin Dagmar Berg legt eine Arbeit vor, die einerseits als wissenschaftliche Reflexion über den Stand der "Culture Shock" - Forschung bezeichnet werden kann, andererseits praxisnahe Handlungsanweisungen beim Kulturwechsel anbietet: "Es soll zum einen das Verständnis für den Verlauf von Culture Shock vertieft und zum anderen erläutert werden, wie das Aversive und Belastende dieses Vorganges verarbeitet oder gemildert werden kann". Es soll deutlich werden, dass es vermeidbare und nicht vermeidbare Ereignisse gibt, die einen Culture Shock herbei führen, und dass die Kenntnis und Auseinandersetzung darüber Erkenntnismöglichkeiten schafft. Es geht also um Ratschläge für eine interkulturelle Verständigung, die in der immer interdependenter und entgrenzender sich entwickelnden Welt unverzichtbar ist.

Inhalt

Die Autorin bleibt beim angelsächsischen Begriff und verwendet nicht den deutschen ("Kulturschock"), weil insbesondere die psychologisch-anthropologischen Forschungen bislang in der englischsprachigen Literatur zu Buche schlagen. Deshalb klärt sie im ersten Teil ihrer Arbeit die verwendeten Begrifflichkeiten und Forschungsmethoden und reflektiert die in der Forschungsliteratur vorfindbaren Konzepte und Ergebnisse. Dabei kommt natürlich den Vorstellungen von "Kultur", als bildhafte Metapher von einem Eisberg mit einem sichtbaren und einen unsichtbaren Teil, eine besondere Bedeutung zu; ebenso den vorfindbaren Variablen und Konstrukten, wie etwa der Frage nach der kulturellen Identität, sowie das für den Sojourner typische Wechselspiel von Selbstidentifikation und Fremdzuschreibung. So sind Erfahrungen der "Beheimatung", sowohl als nostalgische und emotionale Existentialisierung, als auch einer selbstregulativen Anpassung für die Bewältigung eines Culture Shock hilfreich. Gleichzeitig bedarf es beim Kulturkreiswechsel der Sozial- und interkulturellen Kompetenz, um im Dialog die vom Sozialwissenschaftler Robert Kohls aufgewiesenen Culture Shock-Phasen erkennen und als Bewältigungsmuster benutzen zu können:

  1. Euphorie und Begeisterung (Initial euphoria), die von Neugierde bestimmt sind und eine positive Grundeinstellung zur fremden Kultur bewirken.
  2. Irritation und Feindseligkeit, die nicht mehr von vorn herein die Gemeinsamkeiten, sondern die Unterschiede im Vergleich zur eigenen kulturellen Erfahrung bestimmen und ein Unbehagen erzeugen.
  3. Allmähliche Anpassung (gradual adjustment), als ein erster Schritt hin zum Wohlfühlen und Akzeptieren der bisher als fremd und störend empfundenen Erfahrungen.
  4. Schließlich die Vertrautheit (Adaption / Biculturalism) mit der neuen kulturellen Situation, also angepasst und sicher im Umgang damit.

Es sind insbesondere die Nicht- und Missverstehenssituationen, sowie die Vermutung, in der interkulturellen, sprachlichen und non-verbalen Kommunikation "aneinander vorbei zu reden", die zu Stress, Angst, Versagensgefühlen, Konflikten und nicht selten zu rassistisch unterlegten Gegenmaßnahmen führen. Um die Stressoren zu erkennen und damit umgehen zu können, werden beim Culture Shock auch verschiedene Fragebögen eingesetzt, z. B. der "Cultural Readjustment Rating Questionnaire (CRRQ)". Therapie-, Beratungs- und Copingstrategien werden dargestellt und Fallbeispiele für narrative Interviews geliefert.

Fazit

Dagmar Berg gibt in ihrem Buch in kurzgefasster und auf wesentliche Aspekte von vielschichtigen Culture Shock - Erlebnissen beschränkter Form Einblicke in Phänomene beim Kulturwechsel und bietet für therapeutische Zwecke und Beratung eine Reihe von praxisbezogenen Ratschlägen an. Eine Voraussetzung jedoch ist in jedem Fall erforderlich, um in positiver Weise einen Kulturkreiswechsel bewältigen zu können: "Die Erkenntnis, dass alle Kulturen objektiv gleichwertig sind, sollte zu einem unvoreingenommenen Umgang mit den anfänglich als fremd erscheinenden Wertvorstellungen führen und ein Verstehen bewirken".


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.02.2008 zu: Dagmar Berg: Culture shock im Handgepäck. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2006. 118 Seiten. ISBN 978-3-89574-613-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5049.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


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