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Gabriele Haben, Anette Harms-Böttcher: Mobbing. Frauen steigen aus

Cover Gabriele Haben, Anette Harms-Böttcher: Mobbing. Frauen steigen aus. Orlanda Verlag (Berlin) 2007. 207 Seiten. ISBN 978-3-936937-51-0. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 26,00 sFr.
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Thema und Hintergrund

Themen des Buches sind neben einem theoretischen Exkurs zum Thema Mobbing, Hinweise auf Strategien zum Ausstieg aus der Mobbingfalle. Anstelle des zuvor geplanten kompakten Selbsthilfebuches zum Thema "Mobbing", lenkten die Autorinnen den Blick über zahlreiche Praxisbeispiele und die Erfahrungen betroffener Frauen hin zum Kontext Arbeitsumfeld, Leitung, Personalrat und KollegInnen. Die Idee des Buches entwickelte sich zu einer Synergie der beiden vorangehenden Bücher der Autorinnen: "Das Hamsterrad" aus 2001 und "In eigener Sache. Selbstmanagement in Mobbingprozessen" aus 2002, alle erschienen im Orlando Frauenverlag.

Autorinnen

Gabriele Haben ist Kommunikationstrainerin, Anette Harms-Böttcher ist Dipl. Psychologin, beide sind Mobbingberaterinnen und arbeiten freiberuflich in Berlin zusammen, wo sie Coaching, Vorträge und Seminare anbieten.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich in erster Linie an Frauen, aber auch Leitungen, Personalräte, Frauenbeauftragte, KollegInnen. Grundsätzlich ist das Buch für all diejenigen geeignet, die den Weg aus Mobbingsituationen suchen, mehr über sich selbst, das rechte Maß des Vorgehens zur rechten Zeit herausfinden möchten und einen anderen Weg beschreiten wollen, wie den des reinen Kampfes.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus einem klar gegliederten Inhaltsverzeichnis, einem Vorwort der Autorinnen, sieben Kapiteln (wovon Kapitel 2-4 nochmals in Teil I-III untergliedert wird), einem thematisch ausgerichteten Literaturanhang (Mobbing, Sexuelle Belästigung, Kommunikation und Konflikt, Stress und Stressbewältigung), einigen Telefonnummern und Links zu Mobbing.

  • Kapitel 1 bietet einen theoretischen Einstieg ins Thema Mobbing, beispielsweise Definition, Phasen, Charakteristika, Mobber und Betroffene, Statistik, andere Formen psychischer Gewalt am Arbeitsplatz.
  • Kapitel 2, 3 und 4 weisen Wege aus dem Hamsterrad auf. Dabei geht es in Kapitel 2 um Primärstrategien (Teil I) wie: Analyse, Zielfindung, Strategieentwicklung. Beispiel aus der Beratungsarbeit ist "Angela Aufstieg" und die Entwicklungsgeschichte Ihrer Handlungsstrategien. Um Lösungsaspekte wie Wahrnehmung, Überzeugung, Konfliktverhalten und Selbstmanagement geht es in Kapitel 3, benannt als Sekundärstrategie (Teil II). "Bettina Bleibtreu", "Waltraud Wende", "Tanja Trenner" und "Nancy Neuland" werden mit ihrer Geschichte beschrieben, kommentiert und resumiert. Alle Mobbingbiographien werden mit Aussagen und Erfahrungen anderer, von Mobbing betroffener Frauen, ergänzt. Kapitel 4 weist auf flankierende Maßnahmen (Teil III) hin, wie mögliche Mobbingauffangnetze, die Vorsicht bei Ratschlägen Dritter, die Notwendigkeit von Grenzsetzung, die eigene Rechtfertigungsspirale, die Kommunikation mit Anderen, Überlegungen für Gesprächsvorbereitungen und Musterunterbrechungen.
  • In Kapitel 5 erfahren Mobbingbetroffene über Hinweise und Übungen, wie sie für sich selbst sorgen können. Dabei geht es um Themen wie Stress, Umgang mit Belastungen, Bedeutung von Bezugspersonen, Ressourcen, Entspannungs- und Mentaltechniken.
  • Kapitel 6 beschäftigt sich mit Mobbing aus der Perspektive von Vorgesetzen und Leitung, Personal- und Betriebsrat, wie KollegInnen. Interventionsanalyse, Pendeldiplomatie und Rollenverständnis runden das Thema ab.
  • Kapitel 7 beschäftigt sich kurz mit dem ominösen Faktor "V", dem so genannten Veränderungsfaktor. Der Focus liegt auf dem "Sich-seiner-selbst-bewusst-sein", der Eigenverantwortung in Handlung und Entscheidung, der Achtsamkeit und dem liebevollen Umgang mit sich selbst.

Diskussion

Der Bogen, von den beiden vorangegangenen Werken bis zu diesem Buch, wird über die Wiederholung bereits Geschriebenem, über die Akzentverlagerung der Aussagen bis hin zur Weiterentwicklung des Denk-, Haltungs- und Beratungsansatzes der Autorinnen gespannt. Die Synergie von erfahrungsgestützter Theorie, zahlreichen Einzelbeispielen, wegweisenden Strategien aus den Mobbingfallen, NLP-Methoden (z.B. das Ankern von Erinnerungen), buddhistischer Lehre und Mentaltechniken (Innehalten und Achtsamkeit, Visualisierung, Meditation) zeigen alternative Wege, mit Mobbingsituationen umzugehen.

In allen drei Büchern bilden die teilweise ausführlichen Fallbeispiele mit den einprägsamen Eigenschaftsnamen der Protagonistinnen (z.B. Frau Ausstieg, Frau Sonicht) ein Alleinstellungsmerkmal der beiden Autorinnen. Die dazugehörenden Glaubenssätze oder Überzeugungen der Betroffenen:

  • Frau Bleibtreu: "Ich muss alle anderen zufrieden stellen."
  • Frau Wende: "Ich analysiere meine Möglichkeiten und bin bereit, kalkulierbare Risiken einzugehen."
  • Frau Trenner: "Ich glaube daran, dass ich eine Lösung für mein Problem finden werde."
  • Frau Neuland: "Wenn ich merke, dass ich angegriffen werde, verteidige ich mich.",

bleiben nicht in der Zustandsbeschreibung stecken, sondern bilden bei den jeweiligen Frauen (mit Hilfe von Anderen) die Grundlage zur Entwicklung weiterführender Strategien.

Spannend fand ich den Blick auf den so genannten Veränderungsfaktor "V". Zu schnell kam dann das Buchende, das nur im Anriss den kreativen Veränderungsprozess und das gestärkte Selbstbewusstsein über den Weg der bewussten, eigenverantwortlichen Entscheidung benennt. Das bekannte Opferbild, das Betroffene hinterlassen, wird bewusst aus der reaktiven oder resignierten Haltung in die Perspektive aktiver Entscheidungskompetenz gerückt.

Meiner Meinung nach ist das Buch nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer geeignet, die etwas über die Perspektive der weiblichen Betroffenen erfahren, aber auch für BeraterInnen, da der Wiedererkennungswert über die lebendigen Praxisbeispiele Ansatz zum Austausch untereinander bieten kann.

Fazit

"Wenn Sie sich so verhalten, wie Sie sich immer schon verhalten haben, bekommen Sie das, was Sie immer schon bekommen haben" (Zitat aus dem Buch). Dieses im Buch auftauchende Motto könnte die Überschrift für den Verlauf vieler Mobbingsituationen bilden. Jede Mobbingsituation benötigt ein individuell abgestimmtes Strategiekonzept aufgrund persönlicher Hintergründe, des Umfeldes, unterschiedlicher Persönlichkeitsstrukturen, organisatorischer und struktureller Arbeitsbedingungen. Und doch geht es in allen Fällen für jede/n Betroffene/n immer um das WIE aus der Mobbingspirale, das die Autorinnen über das "Genaue Hinsehen" und "Innehalten" beschreiben, über das "Sich-selbst-bewusst-sein" hin zu der eigenverantwortlichen Entscheidung.


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Monika Hirsch-Sprätz
Supervisorin, Mediatorin und Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg. Arbeitsschwerpunkte: Information, Beratung, Training, Moderation, Konfliktmanagement, Mediation, Kooperation mit interdisziplinärem Experten-Netzwerk. Face-to-Face- und Online-Beratung. Bereiche: Schule, Ausbildung und Arbeitswelt.
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Zitiervorschlag
Monika Hirsch-Sprätz. Rezension vom 05.01.2008 zu: Gabriele Haben, Anette Harms-Böttcher: Mobbing. Frauen steigen aus. Orlanda Verlag (Berlin) 2007. ISBN 978-3-936937-51-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5061.php, Datum des Zugriffs 29.05.2016.


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