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Eberhard Reuß: Erinnerungen an den "Blumepeter". Ein Mannheimer Schicksal

Eberhard Reuß: Erinnerungen an den "Blumepeter". Ein Mannheimer Schicksal. Verlag Das Wunderhorn (Heidelberg) 2007. 126 Seiten. ISBN 978-3-88423-276-7. 19,80 EUR, CH: 34,80 sFr.

Thema

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 begann die systematische Diskriminierung, Verfolgung, Ausgrenzung und Vernichtung all der Menschen, die nicht den rassistischen Normen entsprachen. Das war möglich, weil das NS-System an Denkmuster anknüpfen konnte, die in der Bevölkerung auch vor der Machtübernahme bereits verbreitet waren. Über 70.000 Patienten und Patientinnen aus Heil- und Pflegeanstalten wurden in den Jahren 1940 / 41 unter der Bezeichnung "Aktion T4" in zentralen Tötungsanstalten nach Plan ermordet. Der südwestdeutsche Raum war die erste Region, in der diese Ermordungen durchgeführt wurden. Neben den Tötungen in zentralen Tötungsanstalten gab es auf lokaler Ebene die Praxis der dezentralen Euthanasie: In den einzelnen Anstalten wurden Patienten und Patientinnen mit subtilen Methoden getötet, indem das Personal sie verhungern ließ, "abspritzte" oder für Forschungszwecke mißbrauchte. Auch dezentral kam es zu Massentötungen. Diese ließen sich nach Kriegsende allerdings schwer nachweisen, zumal nach 1945 Tötungen in den Heil- und Pflegeanstalten tabuisiert wurden. Gerade deshalb sind immer noch biografische Studien gefragt, die exemplarisch nach den konkreten Praxen forschen, um Einbindung und Beteiligung am NS-System auf der Handlungsebene zum Vorschein zu bringen.

Zielsetzung

Der Autor, Eberhard Reuß, Historiker und Journalist, produziert für den SWR Sendungen über den Alltag während des deutschen Nationalsozialismus. Über das Schicksal des Peter Schäfer, den Mannheimer "Blumepeter", der 1940 in der Anstalt Wiesloch zwischen zwei T4-Aktionen angeblich infolge einer Herzinsuffizienz "natürlich" ums Leben kam, hat er bereits vor einigen Jahren ein Buch herausgegeben und einen Film gedreht. Darüber entstand Öffentlichkeit, und daraufhin erhielt Eberhard Reuß Zugang zu ihm bislang unzugänglichen Akten. Nach deren Sichtung gelangte er zu einer neuen Bewertung des "Falls Peter Schäfer". Mit der nun vorgelegten Dokumentation stellt er seine neuen Erkenntnisse über dessen Leben und Tod vor und reflektiert die nach 1945 in Mannheim einsetzende Legendenbildung um den "Blumepeter".

Zielgruppen

Das in verständlicher Sprache geschriebene und äußerst anschaulich gestaltete Buch richtet sich nicht explizit an eine bestimmte Zielgruppe. Es kann von allen gelesen werden, die bereit sind, sich auf die Entlarvung eines Klischeebildes von einem Menschen mit Behinderung einzulassen und sich kritisch mit der unmenschlichen Realität deutscher Vergangenheit, die immer noch in den heutigen Alltag hinein reicht, auseinander zu setzen.

Gestaltung

Die Dokumentation umfasst einen Text-Teil, die ersten 99 Seiten, und einen anschließenden Bild-Teil, der auf 26 Seiten Fotos und Materialien präsentiert.

Der Text-Teil ist weitgehend chronologisch - entlang der Biografie des Peter Schäfer - angelegt. In diese Chronologie eines Lebenswegs hat der Autor unterschiedliche Sichtweisen verschiedenster Zeitzeugen (Zitate aus Literatur, Filmmaterial, Rundfunksendungen) und zeitgeschichtliches Hintergrundwissen gut lesbar eingebaut. Abschließend greift er die nach 1945 entstandene verklärende Blumepeter-Legende in Mannheim auf und versucht, deren Hintergründe zu entschlüsseln.

Im Bild-Teil finden sich Fotografien von Peter Schäfer im Lebensverlauf: Die ersten Fotografien zeigen ihn um 1900, in einem Fotostudio des Hof-Fotografen des Großherzogs von Baden possierlich mit Blumen in der Hand in Szene gesetzt. Die letzten beiden Fotos, Porträtaufnahmen, zeigen ihn abgemagert und verhärmt im Jahre seines Todes, 1940. Sie stammen aus der Krankenakte der Psychiatrie Wiesloch und demonstrieren die Aufnahmepraktik der NS-Propaganda, die zum Ziel hatte, Patienten optisch zu pathologisieren. Fotos aus dem Mannheimer Wohn- und Lebensmilieu, sowie aus den Anstalten Weinheim und Wiesloch illustrieren das sozialräumliche Umfeld. Abbildungen von Einträgen in die Krankenakte und in die Todesbescheinigung sind wichtige zeithistorische Dokumente. Auch die Abbildungen, die für die verklärende Verarbeitung des Schicksals des "Blumepeters" seit den Jahren nach dem 2.Weltkrieg stehen - etwa die von Fasnachtsauftritten, Buchtiteln oder dem Blumepeter-Denkmal -, stellen zeithistorische Dokumente dar, die zur Auseinandersetzung mit dem Klischeebild "Blumepeter" anregen.

Inhalt 

Die Biografie erfolgt nicht aus der Perspektive des Peter Schäfer, denn dieser ist nie nach seinen Erfahrungen und Einschätzungen befragt worden. Der Autor rekonstruiert Lebensweg und Wendepunkte darin anhand recherchierter Eckdaten und indem er Schilderungen und Deutungen von Zeitzeugen heran zieht.

Peter Schäfer wurde 1875 als Kind armer Leute in Plankstadt geboren. Wegen einer Schilddrüsenerkrankung war er kleinwüchsig, körperlich behindert und wurde später mit dem ärztlichen Etikett "schwachsinnig" versehen. 1891 kam er mit seiner Familie in die prosperierende Industrie- und Handelsstadt Mannheim. Er, der als Kind mit Behinderung keine Schule besuchen durfte und keinen Beruf erlernen konnte, musste ebenso wie seine Geschwister zum Unterhalt der großen Familie beitragen. So begann er in der Innenstadt Mannheims Blumen in Lokalen zu verkaufen. Als "Blumepeter" gehörte er bald zu den "merkwürdigen Gestalten" der Innenstadt, die mit Spott und Zoten versehen wurden. Sein Alltag, geprägt von sehr ärmlichen Bedingungen, war nach Recherche des Autors "weniger beschaulich als Zeitzeugen berichten". Um 1900 lebte das Bürgertum in Mannheim in Wohlstand und Reichtum. Einige dieser Bürger "kümmerten" sich um den "Blumepeter", indem sie ihn in Fasnachts- und Varieté-Programme einbezogen. Sie inszenierten ihn in Kostümierungen als Athlet, Ritter o.ä., führten ihn als Maskottchen für allerlei Anlässe und Witzeleien vor. Während des 1.Weltkriegs und im grauen Nachkriegsalltag - die besseren Tage waren in der Stadt Mannheim endgültig vorüber - wurde Peter Schäfer zunehmend als städtisches Ärgernis betrachtet. Im Jahre 1919 galt er schließlich im Straßenleben als nicht mehr zumutbar, wurde - inzwischen entmündigt - vom Mannheimer Fürsorgeamt in die Pflegeanstalt Weinheim eingewiesen, sowie in die "Liste geistig anormaler Personen" eingetragen. Die Mannheimer Administration sorgte in der Folge dafür, dass Peter Schäfer keine Beurlaubungen erhielt und "geschlossen untergebracht" wurde. Nach fast 10 Jahren seiner Hospitalisierung wurde er in die Psychiatrie der Anstalt Wiesloch überwiesen, wo er nach weiteren 11 Jahren sterben musste. Anschaulich werden sowohl der Anstaltsalltag wie auch die politischen und ideologischen Hintergründe dieser Jahre zwischen 1929 und 1940 beschrieben: "Bettbehandlung" in Schlafsälen mit 20 bis 30 Betten; "Rosshaarzupfen" als Arbeitstherapie; immer drastischere Reduzierung der "Pflege"sätze; ab 1933 Umsetzung der "rassenhygienischen Maßnahmen" und schließlich der Massentötungen. Nach den letzten Recherchen des Autors starb Peter Schäfer zwischen den zwei großen T4 - Transporten in der Wieslocher Anstalt nicht unbedingt an einem "natürlichen Ableben", wie es die Dokumente glauben machen sollen. Die letzten 5 Eintragungen in der Krankenakte, die eine sich dramatisch verschlechternde Herzschwäche bescheinigen, stammen allesamt (nachträglich verfasst) vom Anstaltsleiter, der auch den Totenschein ausfüllte. Der Autor wirft anhand seiner Recherchen die Frage auf, ob dem Tod Peter Schäfers "nachgeholfen" wurde.

Diskussion

Indem der Autor Eberhard Reuß ganz unterschiedliche und teilweise sich widersprechende Aussagen von Zeitzeugen, zeitgeschichtliche Hintergründe und die (wenigen) vorhandenen Fakten über Leben und Tod des Peter Schäfer mosaikhaft zusammenfügt, gelingt es ihm, all die Widersprüche in der Wahrnehmung der Person Peter Schäfer, sowie des Umgangs mit ihm transparent zu machen. Wir erfahren somit auch viel über Einstellungen, Bewertungen und Bilder über Behinderung der "Zeitzeugen".

Der Autor positioniert sich mit seiner Bewertung sehr vorsichtig, indem er in seiner Dokumentation vor allem auf die vielen Leerstellen und die offenen, immer noch ungeklärten Fragen in der Geschichte von Peter Schäfer verweist. Einige der mir besonders prägnant erscheinenden Leerstellen und offenen Fragen möchte ich hier abschließend aufgreifen:

  • War Peter Schäfer in der Zeit nach dem 1.Weltkrieg tatsächlich im Straßenleben Mannheims so "verhaltensauffällig", dass er - gegen seinen Willen - in die Weinheimer Anstalt, und dazu später noch in eine "geschlossene" Abteilung, verbracht - also ausgesondert - werden musste?
  • Warum wurden nach seinem Tod die Einträge in Krankenakte und Totenschein zur "Chefsache" des Anstaltsleiters in Wiesloch?
  • Warum wurde die Leiche von Peter Schäfer auf dem kleinen Friedhof der Wieslocher Anstalt beigesetzt und nicht nach Mannheim überführt?
  • Wo befindet sich das Gehirn von Peter Schäfer, das noch am Tag seines Todes entnommen und konserviert wurde? Es liegen keine Nachweise vor.
  • Warum verschwanden nach 1945 die Patienten-Akten von Peter Schäfer aus Weinheim und Wiesloch? Warum liegt heute nur ein dünner Akten-Bestand für Forschungs- und Publikationszwecke vor? Wurden den Akten Dokumente entnommen? Gab es Befürchtungen, dass sich Belastendes in den Akten befinden könnte?
  • Warum wurden nach 1945 in Mannheim Hunderte von Blumepeter-Witzen veröffentlicht, die Peter Schäfer eine "kurpfälzische Schlagfertigkeit" zuschreiben, die er nach der Recherche des Autors wahrscheinlich nie besessen hatte?
  • Warum gab es in der Stadt Mannheim keinen öffentlichen Diskurs über die Einweisung des Peter Schäfer in die Anstalten, seinen Alltag dort, die Bedingungen, unter denen er sterben musste, möglicherweise getötet wurde?

Leserinnen und Leser werden auf den Spuren des Blumepeter-Schicksals zur Erkenntnis geführt, dass und wie Menschen mit Behinderung "hierzulande zur Zielscheibe für Spott, Entwürdigung, Verfolgung und Ermordung wurden".

Fazit

Das Buch von Eberhard Reuß liefert damit einen wichtigen zeitgeschichtlichen Beitrag sowohl zur Mannheimer Stadt- und Regionalgeschichte, als auch zur deutschen Geschichte des gesellschaftlichen Umgangs mit Menschen, die von Krankheit und Behinderung betroffen sind. Damit Zurschaustellungen, Aussonderungen, Tötungen Betroffener in Gegenwart und Zukunft verhindert werden, bleibt zu wünschen, dass die Dokumentation einen verstärkten öffentlichen Diskurs über die ungeklärten Fragen und Leerstellen entfachen wird. Beispielsweise könnte das vierhundertjährige Jubiläum der Stadt Mannheim, als Symbolfigur ist der "Blumepeter" hier plakativ vertreten, zur kollektiven Auseinandersetzung und Reflektion den erforderlichen Rahmen bieten.


Rezensentin
Dr. Elke Schön
Sozialwissenschaftlerin
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Zitiervorschlag
Elke Schön. Rezension vom 01.11.2007 zu: Eberhard Reuß: Erinnerungen an den "Blumepeter". Ein Mannheimer Schicksal. Verlag Das Wunderhorn (Heidelberg) 2007. 126 Seiten. ISBN 978-3-88423-276-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5095.php, Datum des Zugriffs 06.09.2010.


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