Renate Ruhland: Sinnsuche und Sinnfindung im Alter [...]
Renate Ruhland: Sinnsuche und Sinnfindung im Alter als geragogische Herausforderung. Lit Verlag (Münster) 2006. 192 Seiten. ISBN 978-3-8258-9516-7. 17,90 EUR, CH: 26,90 sFr.
Reihe: Alternswissenschaft - Band 2.
Entstehungshintergrund
Die Auseinandersetzung mit der Sinnfrage im Alter kann als eines der zentralen Aufgabengebiete der Geragogik betrachtet werden. Das Buch "Sinnsuche und Sinnfindung im Alter als geragogische Herausforderung" widmet sich dieser Thematik. Die Autorin bezieht sich dabei im Wesentlichen auf zwei theoretische Modelle, die sich mit sinnrelevanten Aspekten beschäftigen, bislang jedoch in der Geragogik noch vergleichsweise wenig aufgegriffen wurden, nämlich das Salutogenese-Modell von Aaron Antonovsky sowie Viktor Frankls logotherapeutisch-existenzanalytisches Sinnfindungsmodell. Sie stellt die Ansätze sowie entsprechende Schlussfolgerungen für Theorie und Praxis der Geragogik vor.
Es handelt es sich hier um eine veröffentlichte Diplomarbeit, die Renate Ruhland im Jahr 2005 im Fachbereich Bildungswissenschaften im Diplomstudiengang Erziehungswissenschaft mit der Studienrichtung Erwachsenenbildung/Weiterbildung an der Universität Duisburg-Essen erstellt hat. Betreut wurde die Arbeit von PD Dr. Elisabeth Bubolz-Lutz und Prof. Dr. Hans Goldbrunner, der auch ein Vorwort verfasst hat.
Aufbau und Inhalt
Diesem fünfseitigen Vorwort gab Goldbrunner den Untertitel "Bemerkungen zu Sinnsuche und Verwertbarkeit des Alters". Er prangert das negative Bild an, welches Älteren in der Gesellschaft zugeschrieben wird - trotz aller gegenwärtig zu beobachtenden Versuche, dies zu differenzieren und die rein defizitär orientierte Sichtweise zu entkräften. Dieses Selbstbild des "unnützlichen Almosenempfängers" (S. II) werde auch den Betroffenen selbst aufoktroyiert. Und das, obgleich Senioren vielfach Leistungen (außerhalb offizieller Erwerbsverhältnisse) für die Gesellschaft erbringen, die einem enormen monetären Gegenwert entsprechen und somit den Vorwurf, diese Gruppe stelle einen reinen Kostenfaktor dar, deutlich in Frage stellen. Eine neue "Vermessung" des Beitrags Älterer für die Gesamtgesellschaft sei insbesondere vor dem Hintergrund der ständigen Sinnsuche, vor der gerade Senioren stehen, dringend notwendig. Ältere Menschen auf dem Weg der Sinnsuche zu begleiten, sei - so sein Credo - eine "wertvolle Investition".
Die Autorin selbst gliedert ihre Arbeit in sechs Kapitel.
- In ihrer Einleitung gibt sie eine Einführung in die Thematik und einen Ausblick auf Inhalte und Aufbau ihrer Arbeit. In deren Zentrum stehen Sinnprobleme und Sinnmöglichkeiten im Alter. Ziel Ruhlands ist es, der Frage nachzugehen, welche Aufgaben der Geragogik für die Begleitung und Unterstützung der Sinnfindung Älterer zukommen. Zwei theoretische Modelle dienen ihr als konzeptioneller Rahmen, um dies in theoretischer und praxisbezogener Hinsicht zu analysieren.
- Kapitel 2 mit dem Titel "Zum Stellenwert der Sinnfrage im Alter" dient zunächst der Klärung grundlegender Fragestellungen und Begriffe. Insbesondere werden der Sinnbegriff beleuchtet und dargestellt, warum gerade im Alter Sinnfragen hohe Relevanz besitzen und persönliche Sinnfindung als wesentliche Entwicklungsaufgabe zu betrachten ist.
- Die beiden folgenden Kapitel machen mehr als die Hälfte der gesamten Arbeit aus und nehmen somit den Hauptteil ein. Ruhland stellt darin ausführlich die beiden theoretischen Modelle vor, die die konzeptionelle Grundlage der Arbeit darstellen. Es handelt sich zum einen um das Salutogenese-Modell von Aaron Antonovsky (Kapitel 3), zum anderen um das von Viktor Frankl entwickelte logotherapeutisch-existenzanalytisches Sinnfindungsmodell (Kapitel 4). Beide beschäftigen sich intensiv mit sinnbezogenen Aspekten, wurden jedoch, so die Autorin, bislang nicht in ausreichendem Maße systematisch auf den Bereich der Geragogik bezogen. Deshalb beschließt sie die beiden Kapitel jeweils mit der Darstellung von Implikationen des jeweiligen Modells für die Geragogik.
- Ruhlands Ausführungen münden schließlich in das fünfte Kapitel mit dem Titel "Elemente einer sinnzentrierten Geragogik - Reflexionen zur Umsetzung der theoretischen Konzepte von Anonovsky und Frankl in die Altersbildung". Sie fasst darin zusammen, welche sinnrelevanten Bildungsziele und Lernfelder in der Altersbildung im Wesentlichen bedeutsam sind, und erläutert, welchen konkreten Beitrag die beiden vorgestellten Modelle zu einer sinnzentrierten Geragogik leisten können.
- Im Fazit (Kapitel 6) schließlich resümiert sie abschließend die Überlegungen und gibt nochmals eine überblicksartige Zusammmenschau der Möglichkeiten, wie ältere Menschen Sinn konstruieren können.
Diskussion
Das hervorstechende Verdienst dieser Arbeit benennt die Autorin im Grunde selbst, wenn sie wiederholt betont, dass die systematische Untersuchung und Einbeziehung von Sinnfragen in die Geragogik noch zu wenig entwickelt sei. Gerade in der Praxis der Altenbildung fällt häufig die eher undifferenzierte theoretische Untermauerung entsprechender Angebote auf, die sich bisweilen den Vorwurf einer gewissen Beliebigkeit gefallen lassen müssen. Hier leistet Ruhland einen strukturierten Beitrag, der dem Leser Anreize zu einem Perspektivenwechsel hin zu einer sinnzentrierten Bildungsarbeit mit Älteren schaffen kann.
Ein solcher Perspektivenwechsel, sprich eine grundsätzliche Hinwendung zu einer sinnorientierten Ausrichtung der Altenbildung, ist das Eine. Konkrete Vorgehens-Hinweise für solch eine Arbeit sind das andere. Und in der Tat, aus den beiden in der Arbeit vorgestellten theoretischen Modellen von Antonovsky und Frankl lassen sich auch derartige interessante Überlegungen für die geragogische Praxis, sprich für konkrete geragogische Vorgehensweisen, ableiten. Als Beispiel sei das von Ruhland erwähnte logotherapeutische Verfahren der "paradoxen Intention" genannt. Frankl bezeichnet mit diesem Begriff ein Vorgehen, bei dem der Klient aufgefordert, sich für einige Sekunden genau das zu wünschen und vorzustellen, wovor er sich fürchtet und was er vermeiden möchte - mit dem Ziel, eine selbstdistanzierte Haltung zu erreichen und Ängste durch die Ironisierung abzubauen. Ruhland bezeichnet dies als "wirksames Verfahren" (S. 97) in der Arbeit mit Älteren, da gerade diese häufig von Ängsten geplagt würden.
Diese und ähnliche Gedanken werden jedoch meist nur angerissen. Offen bleibt bei dem genannten Beispiel nicht nur, inwieweit es verantwortungsvoll wäre, derartige sensible und nicht umsonst normalerweise im therapeutischen Kontext eingesetzte Verfahren im Bereich der Geragogik anzuwenden. Die grundsätzliche Frage der Übertragbarkeit der Modelle auf die Geragogik (und das gilt nicht nur für das hier genannte Beispiel) hätte an mancher Stelle stärker reflektiert werden können. Überhaupt hält sich die Autorin stark zurück, was die eigene Bewertung der (meist aus der Literatur zitierten) Inhalte und Vorschläge betrifft. Selbst verschiedene Kritikpunkte (vgl. z.B. die Kritik am logotherapeutischen Ansatz, S. 101 ff.) bleiben unkommentiert nebeneinander stehen. Die Arbeit gleicht bisweilen eher einer Aufzählung und Zusammenschau bestehender Gedanken als einer Integration und gedanklichen Weiterführung derselben.
Auch die ganz konkrete Umsetzung in der Praxis der Altenbildung, - und das gilt ebenfalls längst nicht nur für das ausgewählte Beispiel "paradoxe Intention" - bleibt sehr vage. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der theoretischen Ebene.
Vermutlich spiegelt sich in diesen Auffälligkeiten schlichtweg der Charakter der Veröffentlichung wieder: Wie anfangs erwähnt handelt es sich um eine Diplomarbeit, die bekanntlich in erster Linie dem Ziel dient, die eigene Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten zu zeigen, also etwa Literatur zu einem Thema zu sichten und strukturiert darzustellen. Dies ist hier ohne Frage gut gelungen, und der genannte Umstand mag erklären, warum die Autorin auf eigene Stellungnahmen und allzu konkreten praxisorientierten Hinweisen verzichtet - Letzteres ist vermutlich gar nicht Ziel der Arbeit, auch wenn manch Praktiker der Altenbildung dies bedauern mag.
Zielgruppe
Aufgrund seiner speziellen Ausrichtung dürfte das Werk in erster Linie für Leser von Interesse sein, die sich auf theoretischer Ebene für Sinnfragen bzw. eine sinnorientierte Bildungsarbeit mit älteren Menschen interessieren.
Fazit
Hier wurde eine gut strukturierte, sicher recherchierte und theoretisch fundierte Arbeit zu einem wichtigen Thema vorgelegt, die aufgrund ihres eher theoretisch-beschreibenden Charakters allerdings hauptsächlich einen begrenzten, recht speziell interessierten Leserkreis ansprechen dürfte.
Rezensentin
Dipl.-Psych. Heike Neidhardt
M.A., Selbstständige Fachautorin, Online-Trainerin und Dozenten-Coach
Homepage www.heikeneidhardt.de
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Zitiervorschlag
Heike Neidhardt. Rezension vom 08.02.2008 zu: Renate Ruhland: Sinnsuche und Sinnfindung im Alter [...]. Lit Verlag (Münster) 2006. 192 Seiten. ISBN 978-3-8258-9516-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5154.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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