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Ulli Arnold, Bernd Maelicke: Lehrbuch der Sozialwirtschaft

Cover Ulli Arnold, Bernd Maelicke: Lehrbuch der Sozialwirtschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2009. 3. Auflage. 826 Seiten. ISBN 978-3-8329-2680-9. 49,00 EUR.

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Der Sektor der Sozialwirtschaft als Wachstumsmotor

Die durch die aktuelle Wirtschaftskrise erneut gestiegene und weiter steigende Arbeitslosigkeit sorgt bei den Parteien und der Bevölkerung nicht grundlos für Unruhe. Hohe Arbeitslosigkeit führt nämlich zu verringerten Einnahmen beim Fiskus und den Sozialversicherungsträgern, höheren Ausgaben bei der Arbeitslosenversicherung, gesellschaftlichen Verwerfungen in Form von mehr physischen und psychischen Erkrankungen bei den Betroffenen und zu einem volkswirtschaftlichen Abfallen Deutschlands im Vergleich zu anderen Nationen. Es verwundert daher nicht, wenn nach Wirtschaftssektoren gesucht wird, die zukünftig ein Wachstumspotential innewohnt, so dass dort mit einer Steigerung der Beschäftigten zahlen gerechnet werden kann. Zu diesem Bereich gehört zweifelsohne der Bereich der Sozialwirtschaft. Schon der russische Wirtschaftswissenschaftler Kondratieff hat im Zuge der Erarbeitung seines Wirtschaftszyklussystems davon gesprochen, dass der Sektor der Gesundheitsdienstleistungen zu einem ökonomischen und gesellschaftlichen Innovationsschub und Paradigmenwechsel mit sich bringen wird. Eine breite und umfassende Darstellung des Bereichs der Sozialwirtschaft ist daher vor dem aktuellen wirtschaftlichen Hintergrund mehr als zu begrüßen. Dass sich dieses Segment der Ökonomie einer immer stärkeren Beobachtung und Analyse unterzogen sieht, ist schon daran abzulesen, dass das hier vorzustellende Werk nunmehr bereits in dritter Auflage vorliegt.

Autoren

Bei den Autoren handelt es sich um ausgewiesene Kenner der Materie. Alle Verfasser der einzelnen Beiträge sind bereits seit langen Jahren im Bereich der Sozialwirtschaft praktizierend oder auf theoretischer Grundlage tätig. Oft können die Autoren sogar Expertise aus beiden Bereichen vorweisen.

Im Einzelnen haben an dem Kompendium folgende Autoren mitgewirkt:

  • Professor Dr. Dr. h.c. Ulli Arnold, Inhaber des Lehrstuhls für Investitionsgütermarketing und Beschaffungsmanagement an der Universität Stuttgart und Leiter der Forschungsgruppe für das Management von Sozialorganisationen,
  • Dr. Bernd Maelicke, seit 1974 in Leitungsfunktionen in sozialwirtschaftlichen Organisationen tätig. Darüber hinaus ist er Honorarprofessor an der Leuphana-Universität Lüneburg und Gründungsdirektor des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft,
  • Holger Backhaus-Maul leitet seit 1994 das Fachgebiet „Recht, Verwaltung und Organisation“ der Philosophischen Fakultät III an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Des Weiteren ist er u.a. Mitglied im Vorstand der „Aktiven Bürgerschaft e.V. – Kompetenzzentrum für Bürgerengagement der Volksbanken und Raiffeisenbanken im genossenschaftlichen FinanzVerbund“,
  • Professor Dr. Benjamin Benz ist seit 2007 Professor für Politikwissenschaft an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Sozialpolitik, die politische Interessenvertretung, Armut und soziale Ausgrenzung sowie die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe,
  • Professor Dr. Karl-Heinz Boeßenecker ist hauptamtlicher Dekan der Fakultät Wirtschaft und Soziales an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.
  • Werner Geest war u.a. als Dozent für Soziologie an einer Fachschule für Altenhilfe tätig,
  • Professor Dr. Klaus Grunewald ist Lehrstuhlinhaber an der Berufsakademie Stuttgart im Studienbereich Sozialwesen und dort Leiter des Studiengangs „Soziale Arbeit in Pflege und Rehabilitation“. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u.a. lebensweltorientierte Soziale Arbeit sowie Soziale Arbeit in Pflege und Rehabilitation.
  • Professor Dr. Bernd Halfar ist seit 2007 Dekan der Fakultät für Soziale Arbeit an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und seit 1990 gleichzeitig als Unternehmensberater im Bereich der Sozialwirtschaft tätig,
  • Georg Horcher ist u.a. gelernter Supervisor und leitet derzeit den Fachdienst Jugend und Soziales der Stadt Offenburg. Darüber hinaus ist er seit 1986 nebenberuflich als Fortbildungsreferent und Trainer im Bereich des Sozialmanagements tätig,
  • Professor Dr. Gabriele Moos ist seit dem Jahr 2000 Professorin für Sozialmanagement am RheinAhrCampus in Remagen sowie u.a. im Beirat der Zeitschriften „SOZIALWirtschaft“ und „Sozialwirtschaft aktuell“ tätig,
  • Dr. Ursula G.T. Müller, war von 1986-1996 Frauenbeauftragte der Landeshauptstadt Hannover und in den Jahren 1996-1998 Staatssekretärin im Ministerium für Frauen, Jugend, Wohnungs- und Städtebau in Schleswig-Holstein,
  • Dr. Stefan Nährlich ist studierter Diplom-Ökonom und seit 1999 Geschäftsführer von „Aktive Bürgerschaft“ sowie Lehrbeauftragter an der Universität Münster im Studiengang „Nonprofit Management und Governance“,
  • Dr. Stefan Pabst und seit 2005 Mitarbeiter in der Leitung der Abteilung Soziale Dienste beim Arbeiter-Samariter-Bund in Hamburg,
  • Friedrich Paulsen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster,
  • Professor Dr. Arnold Pracht ist seit 1996 Professor an der Hochschule Esslingen, Fachbereich Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege für den Schwerpunkt Betriebswirtschaftslehre für Soziale Dienste und Soziale Unternehmen,
  • Dr. Stefan Schick ist seit Rechtsanwalt und seit 2005 Partner in der Kanzlei Reith Schick & Partner. Seit 2008 nimmt er auch Lehraufträge an der European Business School, Oestrich-Winkel und an der SRH-Fachhochschule für Gesundheit Gera wahr,
  • Professor Dr. Stefan Sell ist seit 1999 Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der FH Koblenz,
  • Dr. Elke Steinbacher ist Lehrbeauftragte an der Berufsakademie Stuttgart und am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Tübingen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Bürgerschaftliches Engagement und Didaktik bzw. Methodik in der Erziehungshilfe,
  • Andreas Tietze ist seit 2006 Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft in Lüneburg und darüber hinaus Projektentwickler und Gutachter in der Sozial-, Gesundheits- und Seniorenwirtschaft,
  • Dr. Michael Urselmann ist seit 2004 Mitglied im Fachbereich des Nachdiplomkurses Fundraising-Management der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften,
  • Professor Dr. Wolf Rainer Wendt ist Honorarprofessor an der Universität Tübingen und Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management,
  • Dr. Jan Wittig ist seit 1991 Rechtsanwalt und seit 1993 Partner der Kanzlei Schaudt Rechtsanwälte in Stuttgart. Ebenfalls seit 1991 ist er Lehrbeauftragter an der Berufsakademie Stuttgart in den Fachbereichen Bank- und Dienstleistungsmanagement für Nonprofit-Organisationen,
  • Professor Dr. Reinhold Wolke ist seit 2001 Professor für Gesundheits- und Sozialökonomie an der Hochschule Esslingen mit den Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten Krankenhausbetriebswirtschaftslehre und Ökonomie Sozialer Dienste,
  • Professor Dr. Annette Zimmer ist seit 1996 Professorin für Sozialpolitik und Vergleichende Politikwissenschaft am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster.

Aufbau

Das Buch ist in fünf große Abschnitte gegliedert, die wiederum in zahlreiche Unterabschnitte untergliedert sind. Im Einzelnen stellt sich der Inhalt des Buches wie folgt dar:

Abschnitt A: Grundlagen. Die geschichtliche Entwicklung der Sozialwirtschaft – aus sozialer Sicht

Abschnitt B: Makro-Ebene

  • Folgen der Globalisierung für die Sozialwirtschaft
  • Soziale Dienste und Sozialstaatlichkeit im europäischen Kontext
  • Sozialpolitische Entwicklungslinien in Deutschland
  • Zur volkswirtschaftlichen Bedeutung der Sozialwirtschaft
  • Markt für soziale Dienstleistungen
  • Privatisierung sozialer Dienstleistungen
  • Das Finanzierungssystem in Deutschland

Abschnitt C: Meso-Ebene

  • Das System öffentlicher und freier Träger und gewerblicher Anbieter sozialer Dienstleistungen
  • Handlungsfelder und Methoden sozialer Dienstleistungen und Sozialer Arbeit
  • Soziale Berufe

Abschnitt D: Mikro-Ebene

  • Typologie Sozialwirtschaftlicher Organisationen
  • Rechts- und Organisationsformen
  • Besonderheiten der Dienstleistungsproduktion
  • Qualitätsmanagement in Sozialwirtschaftlichen Organisationen
  • Finanzierung und Finanzmanagement
  • Fundraising
  • Sozialmarketing
  • Analysemethoden im Management der Sozialwirtschaft
  • Ehrenamt und Freiwilliges Engagement
  • Corporate Governance in sozialwirtschaftlichen Organisationen
  • Risikomanagement
  • Controlling in sozialwirtschaftlichen Organisationen
  • Verbandsmanagement

Abschnitt E: Management in der Sozialwirtschaft

  • Grundlagen des Managements in der Sozialwirtschaft
  • Unternehmensphilosophie, Leitbild, Corporate Identity
  • Ziele und Aufgaben
  • Aufbau- und Ablauforganisation
  • Personalmanagement
  • Führung und Zusammenarbeit
  • Innovationsmanagement

Diskussion einzelner Beiträge

Wittig beschäftigt sich in einem Beitrag „Corporate Governance in sozialwirtschaftlichen Organisationen“ (S. 641 ff.) mit der Frage, ob auch in gemeinwohlorientierten Unternehmen die Implementierung von Corporate-Governance-Instrumenten notwendig und sinnvoll ist. Um auf diese Frage eine Antwort zu erhalten, geht er zunächst der Frage nach, ob die grundsätzliche Gefahrenlage in gemeinnützigen Unternehmen, die sich mit den Schlagwörtern „Prinzipal-Agent-Konflikt“ und „Informationsasymmetrie“ zusammenfassen lassen, genauso gegeben ist, wie dies in gewerblichen ausgerichteten Marktakteuren der Fall ist. Zu Recht bejaht er diese Frage und kommt zu dem erstaunlichen und aber unbedingt zustimmungswürdigen Ergebnis, dass die Notwendigkeit solcher Corporate-Governance-Instrumente in sozialwirtschaftlichen Unternehmen noch größer als z.B. börsennotierten Aktiengesellschaft ist (S. 644). Denn schließlich investiert der Aktionär sein Geld freiwillig, wohingegen der Steuer- und Abgabenzahler als Ko-Finanzier der Sozialwirtschaft dies gerade nicht auf freiwilliger Basis macht.

Einen erhellenden Einblick in die Spezifika sozialer Dienstleistungen ermöglicht Arnold mit seinem Beitrag „Besonderheiten der Dienstleistungsproduktion“ (S. 438 ff.). Er erläutert verständlich und nachvollziehbar die fünf charakteristischen Merkmal von Dienstleistungen (1. Immaterialität/Intangibilität, 2. Unteilbarkeit/Vergänglichkeit, 3. Integration des externen Faktors, 4. Standortgebundenheit und 5. Individualität). Arnold weist vor allem bei dem Charakteristikum der Immaterialität/Intangibilität auf Schwierigkeiten bei der Qualitätsbeurteilung sozialer Dienstleistungen hin, die sich daraus ergeben, dass die Dienstleistungsempfänger aufgrund ihres Alters oder ihrer sonstigen physischen und psychischen Konstitution nicht oder zumindest sehr eingeschränkt in der Lage sind, ein adäquates Beurteilungsvermögen an den Tag zu legen (S. 454). Leider geht Arnold hier nicht darauf ein, dass Vertrauen als ein Mittel der Reduktion von Komplexität (Luhmann) auch hier als kompensatorisches Instrument für die fehlende Qualitätsbeurteilungskompetenz bzw. –messmöglichkeit seinen angestammten Platz hat.

Fazit

Das Buch behandelt nahezu erschöpfend die ganze Bandbreite der Themen, denen sich sozialwirtschaftliche Unternehmen eingehend widmen müssen, wenn sie am Markt erfolgreich agieren wollen. Die Beiträge zeichnen sich durchgehend durch ein hohes Maß an tiefer Durchdringung des Stoffes bei gleichzeitiger verständlicher Darstellung der Materie aus. Eine Vertiefung der jeweils angesprochenen Problemkreise wird zusätzlich dadurch möglich gemacht, dass am Ende eines Beitrages weiterführende Literaturhinweise zu finden sind. Alles in allem also: Ein Kompendium, welches in keinem Büro eines in einem sozialwirtschaftlichen Mitarbeiters fehlen darf, wenn dieser die Ambition hat, auch auf der Grundlage eines theoretisch fundierten Wissens arbeiten zu wollen.


Rezensent
Dr. iur. Marcus Kreutz
LL.M., Rechtsanwalt. Justiziar des Bundesverbandes Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V. in Köln
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Zitiervorschlag
Marcus Kreutz. Rezension vom 15.10.2009 zu: Ulli Arnold, Bernd Maelicke: Lehrbuch der Sozialwirtschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2009. 3. Auflage. 826 Seiten. ISBN 978-3-8329-2680-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5180.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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