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Uwe Schaarschmidt, Ulf Kieschke (Hrsg.): Gerüstet für den Schulalltag. Psychologische Unterstützungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer

Uwe Schaarschmidt, Ulf Kieschke (Hrsg.): Gerüstet für den Schulalltag. Psychologische Unterstützungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2007. 252 Seiten. ISBN 978-3-407-25465-8. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 51,50 sFr.
Reihe: Pädagogik.

Thema

Nach dem Buch "Halbtagsjobber? Psychische Gesundheit im Lehrerberuf - Analyse eines veränderungsbedürftigen Zustandes", das die Ergebnisse der ersten Phase der Potsdamer Lehrerstudie vorstellt,  ist nun das Werk "Gerüstet für den Schulalltag - Psychologische Unterstützungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer" als Ertrag der zweiten und abschließenden Phase der Studie erschienen. Uwe Schaarschmidt und Ulf Kieschke wollen in diesem zweiten Buch vor allem die Entwicklung und Erprobung von Interventionsprogrammen vorstellen und dabei so konkret und praxisnah bleiben, dass ihre Angebote direkt bei der schulischen Arbeit, bei der Lehrer- und Schulleiterfortbildung und auch beim Lehrernachwuchs zur Anwendung kommen können. Den Interventionsprogrammen liegen Interviews mit mehr als 10.000 Lehrern und Schulleitern, Referendaren, Studenten und am Lehramtstudium interessierten Schülern zugrunde. Diese Personengruppen bilden neben Fachwissenschaftlern, Lehrerbildnern und anderweitig für den Schulbereich zuständigen Fachleuten den Adressatenbereich des Buches.

Aufbau und Inhalt

  1. Im ersten Kapitel (Autoren: Uwe Schaarschmidt & Ulf Kieschke) sind die Analysen und Befunde früherer Forschungsarbeiten der Potsdamer Lehrerstudie kurz und griffig zusammengefasst. Dazu werden u.a. das Untersuchungskonzept, das diagnostische Instrumentarium, die daraus abgeleiteten Beanspruchungsmuster (Muster G: Gesundheit; Muster S: Schonung; Risikomuster A: Selbstüberforderung; Risikomuster B: Resignation) und zentrale Ergebnisse der Studie vorgestellt.
  2. Im zweiten Kapitel (Autoren: Ulf Kieschke, Uwe Schaarschmidt) wird ein "Arbeitsbewertungscheque für Lehrkräfte (ABC-L)" vorgestellt. Hier gilt es, anhand eines Fragebogens die gesundheitsbezogenen Arbeitsbedingungen an Schulen auszuloten und so die Stärken und Schwächen des eigenen Arbeitsplatzes besser kennen zu lernen. Im Fragebogen werden 15 Bereiche erfasst (z.B. Unterrichten, schulbezogene Arbeit zu Hause, räumliche Bedingungen in der Schule, Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung). Bemerkenswert ist hier, dass die Autoren Normen zur Verfügung stellen, mit deren Hilfe die eigene Schule mit anderen Schulen verglichen werden kann und auf diese Weise Ressourcen  und Schwachstellen des eignen Arbeitsplatzes schnell deutlich werden. Belegt wird die Gesundheitsrelevanz des ABC-L durch die statistisch relevanten Zusammenhänge der 15 Bereiche mit verschieden Gesundheitsparametern (z.B. Anteil der resignierten Lehrer, Anteil derjenigen, die nicht wieder Lehrer werden würden oder die mit einer Frühpensionierung rechnen, Erholungswert von Unterrichtspausen). Der Rezensent hat diesen Fragebogen bereits bei Lehrerfortbildungen eingesetzt. Die von den Autoren empfohlene ressourcenorientierte Herangehensweise führte dabei zu vielfältigen Diskussionen und Verbesserungsideen.
  3. Im dritten Kapitel "Bedingungen der Lehrerarbeit" (Autoren: Berit Heitzmann, Ulf Kieschke, Uwe Schaarschmidt) wird anhand von Tagebüchern die hohe zeitliche Arbeitsbelastung von Lehrern belegt. Insgesamt fehlt es an Erholungsmöglichkeiten im schulischen Alltag, und eine deutlichere Trennung zwischen den Lebensbereichen Schule und Nichtschule wäre wünschenswert. Daneben wurden Lehrer zu ihrem Belastungserleben in Ganztags- und Halbtagsschulen befragt. Tendenziell geben Lehrer an Ganztagsschulen für die Unterrichtswoche höhere Belastungswerte an als Lehrer an Halbtagsschulen, für das Wochenende kehrt sich das Verhältnis jedoch um. Als Vorteil von Ganztagsschulen wurde von den Lehrern z.B. der Nutzen für die Schüler und die bessere Kooperation zwischen Lehrern gesehen, als Nachteile die belastenden zeitlichen und räumlichen Arbeitsbedingungen. Fokussiert man auf die Größe von Schulen, wird schnell deutlich, dass Lehrer an kleinen Schulen ihre Arbeitsbedingungen eindeutig positiver einschätzen als Lehrer an großen Schulen. An großen Schulen werden die Beziehungen im Kollegium anonymer und das Engagement einzelner Lehrer nimmt eher ab.
  4. Im vierten Kapitel "Unterstützung von Führungsarbeit und Teamentwicklung an der Schule" (Autoren: Anna Laux, Bianca Ksienzyk-Kreuziger, Ulf Kieschke) geht es zunächst um die Unterstützung der Schulleitung durch „Führungsfeedback“, d.h. die Beurteilung des Führungsverhaltens eines Schulleiters durch die anderen Lehrer. Dazu wurde ein Führungsfragebogen entwickelt (Themen: z.B. Partizipation in der Entscheidungsfindung, Innovationsförderung, Organisation des Schulbetriebs, Feedback für Lehrer). Für die praktische Durchführung des Führungsfeedbacks wurden konkrete, aufeinander aufbauende Empfehlungen erarbeitet, die auf Erfahrungen mit Schulen in Baden-Württemberg beruhen: (a) Informationen an Schulleiter und Kollegium, (b) Selbsteinschätzung der Schulleiter und Einschätzung der Lehrkräfte, (c) Ergebnisrückmeldung an Schulleiter, Ergebnisrückmeldung an das Kollegium auf Einladung des Schulleiters und (d) Anschlussmaßnahmen. Ausführliche Fallbeispiele machen das Programm anschaulich.
    Bei der Unterstützung der Teamentwicklung an Schulen wird nicht nur auf die Schulleitung, sondern auf alle sozialen Beziehungen im Kollegium fokussiert. Zur Sprache kommen bei dem vorgeschlagenen "Programm zur Teamentwicklung" solche Themen wie die Effizienz der Arbeitsabläufe, Kooperationsmöglichkeiten, einheitliches Auftreten gegenüber schwierigen Schülern, Gerechtigkeit bei der Aufgabenverteilung und Informationsfluss an der Schule.
  5. Ausgangspunkt des fünften Kapitels "Intervention durch Training und Beratung" (Autoren: Millaray Abujatum, Helga Arold, Katharina Knispel, Susanne Rudolf, Uwe Schaarschmidt) sind die Beanspruchungsmuster, die im ersten Kapitel dargestellt wurden. Entsprechend dem persönlichen Beanspruchungsmuster werden sich beim Gruppentraining und auch bei der individuellen Beratung unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte bilden. Das Gruppentraining fokussiert (a) auf einer "individuellen Stressanalyse", (b) auf "systematischer Problemlösung", wo statt planlos-schneller Lösungen das Potenzial der gesamten Gruppe zu einer systematischen Herangehensweise genutzt wird, (c) auf Zeitmanagement, (d) auf Kommunikation und sozialer Kompetenz, wo schwierige Situationen in Rollenspielen beleuchtet und bearbeitet werden, (e) auf Zielsetzung und Zielplanung, wo die Möglichkeit, eigene Ziele zu verfolgen und zu realisieren als Bedingung für Erfolgserleben, Motivation und psychische Gesundheit betont wird und (f) auf Entspannung. Die Autoren gehen anschaulich auf Besonderheiten bei Gruppentrainings mit Lehrern (z. B. eingefahrene Verhaltens- und Erlebensweisen durch langjährige Praxis), mit Referendaren (z.B. Rollendiffusion als Lehrende und Lernende) und mit Studenten (z.B. falsche Erwartungen) ein. Anschließend werden Erfahrungen aus den individuellen Beratungen berichtet, die die Projektmitarbeiter interessierten Lehrern angeboten haben. Hier wird wieder großer Wert auf eine ressourcenorientierte Herangehensweise gelegt, die die aktive Rolle der Ratsuchenden stärkt, auch wenn Probleme als unerträglich und gleichzeitig unveränderbar geschildert werden. Beispiele aus der Beratungsarbeit runden das Bild ab. Statistische Analysen zu den subjektiv erlebten Veränderungen im Belastungserleben liefern ermutigende Anhaltspunkte für die Wirksamkeit von Training und Beratung.
  6. Im sechsten Kapitel "Fit für den Lehrerberuf?! - Ein Selbsterkundungsverfahren für Interessenten am Lehramtsstudium" (Autoren: Susanne Herlt & Uwe Schaarschmidt) wird ein Fragebogen und dessen Entwicklung vorgestellt, der Abiturienten helfen kann, sich für oder gegen ein Lehramtsstudium zu entscheiden. Der Fragebogen umfasst 21 Themenbereiche, die nach Ansicht von Experten für einen befriedigenden Schulalltag von Bedeutung sind (z.B. Freude am Umgang mit Kindern, Fähigkeit zur offensiven Misserfolgsverarbeitung, Stimme, Begeisterungsfähigkeit). Die Normierung des Fragebogens bietet die Möglichkeit, schnell eigene, berufsrelevante Stärken und Schwächen zu erkennen.

Im Anhang des Buches sind die beiden Fragbögen "Arbeits-Bewertungs-Check für Lehrkräfte" (ABC-L) und "Fit für den Lehrerberuf?!" mit den dazugehörigen Normen abgedruckt. Der vollständige Fragebogen zur Unterstützung der Schulleitung mittels Führungsfeedback ist leider noch nicht veröffentlicht worden.

Fazit

"Gerüstet für den Schulalltag" bietet sinnvoll weiterführende und bereits praktisch erprobte psychologische Unterstützungsangebote für Lehrer und baut damit nachvollziehbar und stringent auf den Analysen des  Buches "Halbtagsjobber?" auf. Die Ideen der Autoren werden durchgehend durch eigene Datenerhebungen und -auswertungen gestützt. Durch viele Beispiele gewinnt man ein klares Bild von den empfohlenen Vorgehensweisen. Zur direkten Anwendung im Schulalltag eignet sich der "ABC-L" meines Erachtens besonders gut, da Fragebogen, Normen und hilfreiche Auswertungshinweise im Buch abgedruckt sind. Gleiches gilt für den Fragenbogen "Fit für den Lehrerberuf". Will man Stresspräventionstrainings mit Lehrern durchführen, bietet das Buch gute, lehrerspezifische  Vorschläge, es ersetzt aber nicht die Auseinandersetzung des Trainers mit entsprechenden Manualen (z.B. von Kretschmann, von Kaluza oder von Seiwert; alle im Buch zitiert). Mit ihrem klaren Fokus auf die Anwendungsorientierung beziehen sich die Autoren eng auf die eigenen Projekterfahrungen. Einen größeren Überblick hinsichtlich anderer Forschungsaktivitäten im nationalen und internationalen Rahmen liefern frühere Veröffentlichungen des Projekts und dort entstandene Dissertationen (z.B. "Sozial unterstützendes Verhalten im Arbeitskontext" von Bianca Ksienzyk; im Internet abrufbar). Insgesamt bietet "Gerüstet für den Schulalltag" eine Fülle konkreter, praxisnaher und empirisch gut überprüfter Ideen zur Unterstützung von Schulleitern, Lehrern, Referendaren, Lehramtsstudenten und am Lehrerberuf interessierten Abiturienten. 


Rezensent
Prof. Dr. Harald Uhlendorff
Psychologischer Psychotherapeut
apl. Prof. am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Potsdam
Tätigkeitsfelder: Gleichaltrigenbeziehungen von Kindern und Jugendlichen, Erziehung in Schule und Familie, Entwicklung im höheren Erwachsenalter, psychische Belastungen im Beruf
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Zitiervorschlag
Harald Uhlendorff. Rezension vom 01.11.2007 zu: Uwe Schaarschmidt, Ulf Kieschke (Hrsg.): Gerüstet für den Schulalltag. Psychologische Unterstützungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2007. 252 Seiten. ISBN 978-3-407-25465-8. In: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/5187.php, Datum des Zugriffs 09.02.2010.


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