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Kieran O´Hagan (Hrsg.): Competence in Social Work Practice

Cover Kieran O´Hagan (Hrsg.): Competence in Social Work Practice. A Practical Guide for Students and Professionals. Jessica Kingsley Publishers (London N1 9JB) 2007. 2. Auflage. 256 Seiten. ISBN 978-1-84310-485-8.

£18.99/US$34.95.

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Entstehungshintergrund

Die Erstauflage dieses Buches erschien 1996 in Großbritannien als Reaktion auf eine grundlegende Neuregelung der zweijährigen Grundausbildung (Diploma). Die Ausbildung sollte sich nun auf einen Katalog von "Competences" beziehen. 2002 wurden dann mit der Einführung des BA und MA zusätzliche Ausbildungsstandards entwickelt und durch den CCETSW (Central Council for Education and Training in Social Work) etabliert. Dabei wurde die Trias "knowledge and skills", mit "values" und "ethics" als Fundament des Leitbildes einer werteorientierten Kompetenz der Fachkräfte Sozialer Arbeit etabliert. Sechs zentrale berufliche Rollen wurden definiert:

  1. Prepare for, and work with individuals, families, carers, groups and communities to assess the needs and circumstances,
  2. plan, carry out and evaluate social work practice,
  3. support individuals to represent their needs, views and circumstances,
  4. manage risk to individuals, families, carers, communities, groups, self and collegues,
  5. manage and be accountable with supervision and support for your own social work practice,
  6. demonstrate professional competence in social work practice.

Der vorliegende Band versucht diesen sechs Anforderungen durch eine "reflexive Orientierung" der praxisbezogenen Ausbildung gerecht zu werden und dabei auch zu einer "evidence based practice" beizutragen, die wissenschaftliche Erkenntnisse im Kontext der fachlichen Standards der Profession nutzt (vgl. den Beitrag von Kieran O«Hagan). Dies entspricht einer Ausrichtung der Ausbildung, wie sie im Gefolge der Diskussion um eine stärkere Wirkungsorientierung der Sozialen Arbeit künftig auch in der Bundesrepublik zu erwarten sein dürfte.

Einleitungsbeitrag: Competence: A Enduring Concept?

Im Einleitungsbeitrag des Herausgebers K. O«Hagan (der 1996 eine Monographie zum Thema "Social Competence" herausgegeben hat) wird kurz die Kritik am Konzept eines "competence-led social work training" zusammengefasst und zurückgewiesen. Es sei nicht zu befürchten, dass die Studierenden den Kompetenzkatalog für ihre Berichte mechanisch abschreiben, Rollen und Kompetenzen etwas erläutern und ziemlich beliebig mit Lesefrüchten und Erfahrungen verknüpfen würden, um das vorgeschriebene Produkt zu Prüfungszwecken abliefern zu können.  Es gäbe durchaus andere Erfahrungen: nuancierte Fallanalysen mit Reflexionen der eigenen Berufsrolle und individuellen Praktikumserfahrungen. Die Studierenden bräuchten allerdings Unterstützung in "conveying the drama, tension, conflict, humour, absurdities, and so on that arise daily in practice, and in accurately recording, for example, conversations, facial expressions, body language and posture, emotional nuances and psychological tensions." (S. 23) Da diese nuancierten Darstellungen alles von den Studierenden auch noch mit dem erworbenen und in der Praxis genutzten theoretischen Wissen in Beziehung gesetzt werden sollen, versteht man, warum das Kapitel die Überschrift trägt: "Aiming for the impossible." Und  man ist gespannt, wie dieser Anspruch eingelöst werden wird.

Deutlich wird jedenfalls die Absicht, die kompetenzbasierte Ausbildung sehr stark auf die Praxisphasen der Ausbildung zu beziehen und die Reflexion konkreter Praxiserfahrungen theoretisch und didaktisch neu zu konzipieren und so nicht zuletzt auch die Ausbildung zu qualifizieren.    

Überblick über die Beiträge

Die folgenden elf Beiträge stellen an Hand von Fallvignetten von einer halben bis zu anderthalb Seiten und/oder kurzen Schilderungen von (kritischen) Situationen die Anforderungen dar, mit denen sich die Studierenden in der Praxisphase der Ausbildung konfrontiert sehen. Beschrieben wird, über welches Wissen und Können sie verfügen müssen, aber auch, welche Wert- und Rollenvorstellungen und welche Haltungen erforderlich sind, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Beispielhafte Berichte, wie sie von Studierenden abgeliefert werden sollten, werden in Auszügen dargestellt. Sie illustrieren wie die Studierenden vorgegangen sind und reflektieren dabei auch fast immer persönliche Erfahrungen (Unsicherheiten, Ängste, berührende Begegnungen, etc.). Es werden sozusagen kleine Musterbücher für die kontinuierlichen Praxisauswertungen der Studierenden vorgelegt, die indirekt die notwendige Praxisanleitung und eine entsprechende theoretische Fundierung durch das Studium thematisieren.

Die Praxisfelder, an denen das Vorgehen einer kompetenzbasierten Ausbildung demonstriert wird, erstrecken sich von den klassischen Feldern der Jugendhilfe wie der Heimerziehung und der Familienhilfe bis zur Sozialpsychiatrie, der Bewährungshilfe und der Behindertenhilfe mit Erwachsenen.

Daneben stehen einige systematischere Kapitel zur ethisch basierten Reflexivität, oder zu Teilaufgaben im Interventionsprozess wie der Risikoeinschätzung bei Kindeswohlgefährdung oder der Mediation im Fall von Trennung oder Scheidung.

Die bunte Mischung an Praxisfeldern und Darstellungsformen, teilweise mit mehr, teilweise mit weniger theoretischem Hintergrund und mit mehr oder weniger konkreten Fällen enthält unterschiedlich detaillierte Darstellungen der notwendigen Kompetenzen. Teilweise reichen sie über die Konkretionsstufe der Fertigkeiten (skills) und der Darstellung einzelner Arbeitshilfen (tools) (z. B. zur Anamnese, Diagnose, Hilfeplanung und Evaluation) bis zu beispielhaften Dialogen zwischen KlientIn und Fachkraft (communication skills). Die Heterogenität der theoretischen Fundierung sowie die unterschiedlichen Konkretionsgrade der Beiträge erschweren eine zusammenfassende Beurteilung. An zwei Beiträgen sollen die Chancen aber auch Schwierigkeiten und möglichen Gefahren des Konzeptes exemplarisch dargestellt werden.

Exemplarische Darstellung (1): Mental Health

Jim Campbell muss das Kunststück fertig bringen, auf 17 Seiten darzustellen, was ein Student (Bachelor, level 3) im Praktikum an Kenntnissen und Fähigkeiten benötigt, um eine schizophrene Frau (33 Jahre) nach der Entlassung aus der Klinik zu begleiten, sie praktisch zu unterstützen und dafür zunächst herauszufinden, wie die Familiensituation (Ehemann und 14jährige Tochter) einzuschätzen ist und welche Hilfen notwendig sind.

Jim Campbell skizziert zunächst die grundlegende, erweiterte Sicht der Sozialen Arbeit auf die Lebenslage der KlientIn im Vergleich zu Medizinern (Darbietungsform: die Studentin weiß, hat gelesen, macht sich nochmals klar…). Er listet dann z. B. die Fragen auf, die sich die Studentin vor dem ersten Kontakt mit der Klientin stellt. Die Vorbereitung des Erstkontaktes (Brief zu Ankündigung ihres Besuches), die erste Begegnung und der folgende Bericht für den Anleiter werden auf dreieinhalb Seiten dargestellt. Die Analyse der familiären Situation durch die Studentin auf der Grundlage von Hausbesuchen etc. wird mit Verweisen auf das dahinter stehende systemisch-sozialökologische Verständnis in seiner theoretischen Fundierung skizziert. Die Interventionen der nächsten zwei Monate, die auf etwa 5 Seiten beschrieben werden, umfassen die Sicherung der materiellen Situation (Sozialhilfe, Mietzuschuss, Behindertenhilfe), Netzwerkarbeit zur Überwindung der sozialen Isolation dieser Mutter, Koordination der Hilfen anderer Institutionen und eine längere Darstellung der Risikoeinschätzung angesichts suizidaler Tendenzen. Das Vorgehen bei der Risikoeinschätzung wird durch einen anderthalbseitigen Dialog mit der depressiven Klientin illustriert (Erinnerungsprotokoll der Studentin als Grundlage für die Supervision). Konkrete Schritte einer vielleicht notwendigen Krisenintervention werden in mehreren Alternativen dargestellt. Die Beendigung der Kooperation mit der Familie wird unter dem Gesichtspunkt der potentiellen Enttäuschung der KlientInnen und ihres Gefühls des Verlassenwerdens thematisiert. Skizziert wird schließlich die zusammenfassende Darstellung des Arbeitsstandes für die nachfolgende Fachkraft. Zwei Seiten aus dem Bericht der imaginierten Studentin, die ihre Erfahrung resümmierend auf das Kompetenzmodell der National Occupational Standards bezieht, runden die Darstellung ab.

Der zusammenfassende Kommentar des Autors entspricht der Ausrichtung des gesamten Beitrages, der zwar notwendiges Wissen, Können und auch skills benennt und exemplarisch konkretisiert, aber die Anforderungen und Kompetenzen vorrangig auf der Ebene des Aufgaben- und Rollenverständnisses und der Beziehungsgestaltung darstellt. Reflektierte Empathie ist dabei z. B. eine Kompetenz, die sich im Austausch mit erfahrenen Kollegen und unter Bezug auf theoretisch fundierte Arbeitsprinzipien herausbildet. Insgesamt ein gelungenes Beispiel für eine Demonstration, wie sich Knowledge, values und skills ergänzen und auf der Basis einer reflexiven Orientierung der Ausbildung zur Professionalisierung beitragen können. Schwierigkeiten, Unsicherheiten und Unwägbarkeiten professionellen Handelns werden durchaus deutlich – und zwar nicht nur als Probleme, mit denen lediglich Anfänger zu kämpfen haben. Eine in dieser gedrängten Form sehr gelungene Darstellung.

Exemplarische Darstellung (2): Working with Families

Der Beitrag von Dorota Iwaniec behandelt auf 22 Seiten die Abklärung einer potentiellen Kindeswohlgefährdung durch einen Studierenden im Abschlussjahr. Ein zweijähriges Kind wurde zum zweiten Mal vom Arzt aufgrund verzögerten Wachstums ins Krankenhaus eingewiesen. Das Mädchen wirkte lethargisch, abwesend und traurig,  es war blass und untergewichtig.

Auch in diesem Beitrag werden die notwendigen Einstellungen und Fähigkeiten zum Aufbau einer offenen und ehrlichen, respekt- und verständnisvollen Beziehung dargestellt, sowie die Bedeutung einer empathischen Gesprächsführung und einer multiperspektivischen, partizipativen Fallanalyse und Berichterstattung betont. Aber die Werte werden nur benannt, mögliche Konflikte mit den unfreiwilligen KlientInnen z. B. aufgereiht (defensiveness, aggression, reluctance, refusal, fear of being judged) und dann mit dem Kommentar verabschiedet: "Demonstrative respect, plain speaking, honesty and warmth, however, can reduce tensions and improve co-operation considerably." (197) Wie dies situativ zu leisten sein könnte, wird wieder korrekt aber recht pauschal beschrieben: man sollte z. B. beim Hausbesuch erst einmal mit dem Kind spielen, mit den Eltern plaudern, also nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und dann die Eltern fragen, was sie denn bedrückt und belastet. Damit scheint gesichert, dass die Eltern, die schon ganz begeistert beobachtet haben, wie lieb die Sozialarbeiterin mit ihrem Kind spielt, nun freudig anfangen, ihre Probleme auf den Tisch zu packen! Schwierigkeiten, Widersprüchlichkeiten, unsichere Suchbewegungen, auch Phasen des Scheiterns werden nicht beschrieben. Zwar fallen Begriffe wie Sensibilität, Empathie, Respekt, Ressourcenorientierung etc., sie wirken aber wie Aufzählungen aus einem Kapitel politisch korrekter Begriffe.

Dies macht zugleich die Schwierigkeiten dieser Form der Darstellung deutlich. Die Verdichtung auf zwanzig Seiten und sehr abstrakte und umfassende Kompetenzen verlangen Entscheidungen, welche subjektiven Perspektiven und Erlebnisweisen und welche objektiven Rahmenbedingungen zentral sind, worüber man z. B. im Umgang mit unfreiwilligen KlientInnen unbedingt reden, was man klären und reflektieren muss. Der Satz der Studentin (Endbericht): "I believe I succeeded in substantially minimising her fear and distrust" (S. 210), lässt nicht erkennen, welche Kompetenzen (von der Analyse der eigenen Machtposition und Rolle bis zum exemplarischen communication skills) hier gefragt sind – und warum Erfolge dennoch nicht gewiss sind.

Der Schwerpunkt der Darstellung liegt (das ist allerdings auch der speziellen Aufgabenstellung geschuldet) auf der Vorstellung und Erläuterung von sieben meist ganzseitigen Checklisten zum Ankreuzen. Sie dienen der Beurteilung der physischen und psychischen Verfassung des Kindes sowie der Dokumentation der Einstellungen und Verhaltensmuster der Familienmitglieder. Mögliche Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler oder Unsicherheiten bei der Einschätzung z. B. der Bindung zwischen Eltern und Kind oder der Kennzeichnung bestimmter beobachteter Verhaltensmuster ("Are the parents being concerned about the child? Touching (gently), holding closely, lovingly?") (206) werden nicht erörtert. So suggerieren die Diagnosebögen eine Genauigkeit und Zuverlässigkeit, die durch das Ankreuzen der items keineswegs gesichert ist. Der Anspruch der Vermittlung einer reflexiven Orientierung wird in diesem Beitrag nicht eingelöst.

Fazit: Aiming at the impossible

Das Wissen und Können von Sozialarbeitern mit Bezug auf die Werte und das Rollenverständnis dieses Berufes, konkret praxisbezogen und exemplarisch für ein Tätigkeitsfeld auf höchstens zwanzig Seiten darzustellen – einschließlich der theoretischen Grundlagen – heißt: "Aiming at the impossible".

Die vorliegenden Beiträge zeigen, dass die Vermittlung einer "reflexiven Orientierung" in der Ausbildung neben deklarierten "values", standardisierten "tools" und technischen "skills" eine Darstellung jener Aspekte und Bedingungen des Berufes verlangt, die den Umgang mit Widersprüchen, Unsicherheiten und sogar erwartbaren Misserfolgen erfordert und verdeutlicht, dass sich diese trotz aller Kompetenz nur begrenzt auflösen bzw. vermeiden lassen. Dies verlangt nicht nur Fallkompetenz und Systemkompetenz sondern zugleich auch Selbstkompetenz durch theoretisch fundierte und kollegial unterstützte Selbstreflexion.

In vielen Beiträgen dieser Publikation wird deutlich, wie schwierig es ist, den komplexen beruflichen Anforderungen im Beruf und in der Ausbildung gerecht zu werden und dabei eine Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen – aber auch wie notwendig und lohnend dieser Versuch ist, um die Wirkung beruflichen Handelns durch eine gezielt kompetenzbezogene Ausbildung zu erhöhen.


Rezensentin
Prof. Dr. Maja Heiner
Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen
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Zitiervorschlag
Maja Heiner. Rezension vom 25.05.2008 zu: Kieran O´Hagan (Hrsg.): Competence in Social Work Practice. Jessica Kingsley Publishers (London N1 9JB) 2007. 2. Auflage. 256 Seiten. ISBN 978-1-84310-485-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5189.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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