Ihr Vorteil: Wir filtern, prüfen und ordnen die Angebote für die Sozialwirtschaft.

Jonas Strom, Matthias Szadrowsky u.a.: Weg von der Armut durch soziokulturelle Integration

Cover Jonas Strom, Matthias Szadrowsky, Isidor Wallimann: Weg von der Armut durch soziokulturelle Integration. Bei Sozialhilfeabhängigkeit, Alter und Behinderung. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2002. 172 Seiten. ISBN 978-3-258-06350-8. 24,00 EUR, CH: 36,00 sFr.

Besprochenes Werk kaufen


Einführung in das Thema

Der Begriff Ausgrenzung hat zunehmend Eingang in die wissenschaftliche Diskussion über Armutsentwicklungen in den westlichen kapitalistischen Gesellschaften gefunden. Im deutschsprachigen Raum ist hierbei insbesondere auf die Veröffentlichungen von Martin Kronauer hinzuweisen, die viel zur Präzisierung dieses Begriffes beigetragen haben. Auch im Kontext der Soziologie sozialer Probleme kommt der Problematik Ausgrenzung Bedeutung zu, so führt Niklaus Sidler (1999) diese neuerdings als eigenständigen Problemkern auf. Damit ist darauf verwiesen, dass Armut nicht nur eine materielle Dimension hat, sondern in diesem Zusammenhang auch Fragen nach gesellschaftlicher Integration und Teilhabe zu stellen sind. Genau hier will die vorliegende Veröffentlichung ansetzen. Die Autoren verweisen ausdrücklich darauf, dass materielle Armutsbekämpfung "absolut notwendig" ist, dies allein sei jedoch keine Garantie dafür, dass "der Mensch dann auch in seinem Dasein als soziokulturelles Wesen existenzgesichert ist." (S. 7)

Zum Hintergrund des Entstehens des Buches

Es handelt sich um eine Studie mit empirischem Teil, die verfasst wurde von einem Hochschullehrer, Prof. Dr. Wallimann (Basel/Fribourg) und von zwei Dipl. Sozialarbeitern/pädagogen, die beide in der Praxis aktiv sind und sich mit Fragen sozialer und kultureller Integration auseinandersetzen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei wesentliche Teile: Zunächst wird das methodische Vorgehen dargelegt und ein theoretisches Konzept für den Begriff "Soziokulturelle Existenz" erarbeitet. Im zweiten Teil wird eine Untersuchung von Organisationen der Armutsbekämpfung in der Schweiz vorgestellt. Die Autoren gehen dabei von der Grundannahme aus, dass die mit der Verwaltung und Bekämpfung von Armut beauftragen Organisationen unter dem Primat einer "ökonomisch ausgerichteten Denkweise" stehen und dabei Maßnahmen zur Sicherung der soziokulturellen Existenz vernachlässigt werden (S.15). Im letzten Teil werden, anknüpfend an den Schlussfolgerungen aus der Untersuchung, Vorschläge für eine Praxis entwickelt, deren Ziel die soziokulturelle Integration von Menschen in Armutslagen ist.

Der erste Teil beginnt mit der Darstellung unterschiedlicher Konzepte und Definitionen zum Begriff Armut. Die Autoren verweisen dabei auf die Notwendigkeit, ökonomisch orientierte Ansätze (Ressourcenansatz) durch das Lebenslagenkonzept und durch ein Konzept sozialer Ausschließung zu ergänzen (S. 28f.). Hieran anknüpfend entwickeln sie eine Definition von Soziokultur (aus ihrer Sicht identisch mit einem sehr weiten Kulturbegriff), wobei sie sich auf Arbeiten zum Kulturbegriff von Richard F. Behrendt, Paul Trappe und Arnold Gehlen beziehend schlussfolgern: "Zugang zur Kulturproduktion ist also ein fundamentales menschliches Bedürfnis." (S. 37) Inhalt von Kultur sind auch jene Weltanschauungen, die vorgeben, welche "Handlungen auf welche Art zu erbringen sind und welche Handlungen unterwünscht sind. Kultur übernimmt hier normierende und orientierende Funktionen." (S.38) Um auf dieser Basis zu einer Operationalisierung von "soziokultureller Existenz" zu gelangen, führen sie -zunächst getrennt- die Kriterien "Zugang zu sozialen Rollen" (S. 38ff.) und "Zugang zu sozialer Vernetzung" (S. 43 ff.) ein, die sie mit hierzu entwickelten Fragestellungen konkretisieren. Zwischen beiden Kriterien wird ein "interdependentes Verhältnis" konstatiert und dies ebenfalls anhand von Leitfragen erläutert (S. 46f.).

Im Untersuchungsteil bedienen sich die Autoren der von ihnen entwickelten Kriterien Zugang zu sozialen Rollen und zu sozialer Vernetzung um folgende Organisationen, die im Bereich der Armutsbekämpfung tätig sind, auf ihren Beitrag zur soziokulturellen Existenzsicherung zu befragen: "Die Sozialhilfe" (Basel Stadt), "die Ergänzungsleistungen", "die Invalidenversicherung", "Pro Infirmis" (private Behindertenhilfe), "Pro Senectute" (ergänzende Leistungen). In den zusammenfassenden Schlussfolgerungen wird bezogen auf die staatlichen Einrichtungen ausgesagt, dass diese sich wesentlich auf die Verwaltung und Vergabe öffentlicher Mittel beschränken. Darüber hinaus leisten sie Maßnahmen zur Integration in den primären oder sekundären Arbeitsmarkt. Dies sei grundsätzlich positiv zu werten, erreiche jedoch "nur einen Teil der Armutsbetroffenen" (S. 127). Im Bereich Beratung werden zwar Potentiale zur Förderung von Zugang zu sozialen Rollen und sozialer Vernetzung gesehen, deren Realisierung "scheint jedoch in hohem Maße von der jeweiligen Beratungsperson abzuhängen" (ebenda). Bei den beiden privaten Organisationen wird eine deutlich positivere Wertung vorgenommen, allerdings sind diese in ihrem Angebot nur an spezifische Teile der Armutspopulation gerichtet, nämlich an betagte und invalide Menschen (S. 128).

Unter der Überschrift "Organisationen der Armutsbekämpfung als Instrumente zur Förderung der soziokulturellen Integration!" entwickeln die Autoren im letzten Teil konkrete Vorschläge: Hier werden u.a. ein Befragungsraster vorgestellt, mit der Defizite und Potentiale ermittelt werden können (S. 138ff.) und ein "Szenario" für Armutsbekämpfung entwickelt, im dem die Arbeitsorganisation zentraler und quartiersbezogener Sozialdienste bezogen auf die Möglichkeiten soziokultureller Integration dargestellt wird (S. 148ff.).

Fazit

Die Studie bietet einen wichtigen Beitrag zur Reflexion der Potenziale, die sozialer Arbeit bei zunehmenden gesellschaftlichen Ausgrenzungstendenzen zukommen. Der explizite Bezug auf Soziokultur als Kulturarbeit mit dem Ziel der Ausweitung von gesellschaftliche Teilhabe trägt zu einer Öffnung und Erweitung der Diskussion in diesem Feld bei. Die anthropologisch orientierte Herleitung des Begriffes "soziokultureller Existenz" lädt sicherlich ein zu kritischer Diskussion, jedoch liegt in der sehr konkreten Operationalisierung dieses Begriffes und in der darauf basierenden Entwicklung von konkreten Vorschlägen für die sozialarbeiterische Praxis eine besondere Stärke dieser Veröffentlichung.


Rezensent
Dr. Reinhold Knopp
Arbeitsgemeinschaft stadt-konzept/Düsseldorf
Dozent FH Düsseldorf, Schwerpunkt Stadtsoziologie
E-Mail Mailformular


Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Reinhold Knopp. Rezension vom 15.04.2003 zu: Jonas Strom, Matthias Szadrowsky, Isidor Wallimann: Weg von der Armut durch soziokulturelle Integration. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2002. 172 Seiten. ISBN 978-3-258-06350-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/519.php, Datum des Zugriffs 22.05.2012.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang

Hilfe & Kontakt

Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.

Mehr zum Thema

Alban Knecht (Hrsg.): Gesichter der Armut

Gerhard Bosch, Claudia Weinkopf (Hrsg.): Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland

Literaturliste anzeigen

Stellenangebote

Fachreferent/in, Essen

Bereichsleiter/in, Essen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.