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Gerhard Bosch, Claudia Weinkopf (Hrsg.): Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland

Cover Gerhard Bosch, Claudia Weinkopf (Hrsg.): Arbeiten für wenig Geld. Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland. Campus Verlag (Frankfurt) 2007. 320 Seiten. ISBN 978-3-593-38429-0. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 59,90 sFr.

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Thema

Seit Monaten wird eine intensive Debatte über die Frage geführt, ob wir einen gesetzlichen Mindestlohn oder zumindest gesetzlich abgesicherte Branchenmindestlöhne brauchen oder ob man die Finger lassen sollte von diesem Instrument. Die enorme Brisanz zeigt ein Blick auf die Auseinandersetzungen im Umfeld der Installierung eines Mindestlohns für die Zustelldienste im Postbereich am Jahresende 2007 und den sich derzeit abzeichnenden Konflikten in anderen Branchen wie der Zeitarbeit.

Immer wieder wird dabei die - erst einmal in den Raum gestellte - Zunahme der Menschen mit einer Niedriglohnbeschäftigung als ein Argument ins Feld geführt. Beklagt wird ein wachsender Lohndruck nach unten, der wie eine Spirale wirkt und immer mehr Menschen mit Arbeitsverhältnissen konfrontiert, bei denen die Löhne zum Sterben zu hoch und zum Leben zu niedrig sind - "working poor" auch in Deutschland, gleichsam eine "nachholende" Entwicklung zu dem, was bereits in der 1980er Jahren in den USA stattgefunden hat mit dem Ergebnis, dass dort heute etwa ein Viertel der Beschäftigten im Niedriglohnbereich arbeiten muss. Verkompliziert wird die Angelegenheit auch durch die Tatsache, dass mit dem Arbeitslosengeld II im Niedriglohnbereich bereits heute ein "Kombilohnprogramm" zur Verfügung steht, das auch intensiv in Anspruch genommen wird, wie die Zahl der so genannten "Aufstocker" im SGB II-System nahelegt.

Wie man unschwer erkennen kann, ist die Frage, wie groß der Niedriglohnsektor in Deutschland ist, von enormer sozialpolitischer Bedeutung. Darüber hinaus interessiert aber auch die Frage, ob und wenn ja, welche Branchen durch diese Beschäftigungsverhältnisse besonders charakterisiert sind und wie sich die deutsche Situation im internationalen Vergleich darstellt. Die Antworten auf diese differenzierende Betrachtung wäre von besonderer Bedeutung für eine Strategie der branchenbezogenen Mindestlöhne, wenn man denn aus parteipolitisch motivierten Blockaden einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn nicht einzuführen in der Lage ist, wie es derzeit für Deutschland wohl der Fall zu sein scheint.

Vor diesem Hintergrund muss die Bedeutung des Sammelbandes von Bosch und Weinkopf gesehen und bewertet werden - und abweichend von der üblichen Vorgehensweise sei bereits an dieser einführenden Stelle hervorgehoben, dass jeder, der sich mit dem Thema beschäftigen will oder muss, an diesem Buch nicht vorbei kommen sollte. Es ist eine hoch relevante Bestandsaufnahme, auf die man lange gewartet hat. Nicht nur wegen der Verdichtung des Themas Niedriglohnbeschäftigung insgesamt und der politischen Einordnung, sondern auch aufgrund der äußerst instruktiven Aufarbeitung konkreter Arbeitsfelder, die eine "Binnensicht" eröffnet, die den meisten abstrakt gehaltenen Beiträgen fehlt und die zugleich nahebringt, an wie vielen Stellen wir in unserer Gesellschaft mit dem Phänomen der Niedriglohnbeschäftigung konfrontiert sind.

Aufbau und Inhalt

Fünf Branchen bzw. Arbeitsfelder werden in dem Sammelband im Detail untersucht - es geht um Beschäftigte in Call Centern, in der Ernährungsindustrie, Reinigungs- und Pflegehilfskräfte in Krankenhäusern, Zimmerreinigungskräfte in Hotels sowie Beschäftigte im Einzelhandel. Warum diese natürlich nicht abschließende Auswahl? Weil die hier präsentierten Untersuchungsbefunde aus einer international angelegten vergleichenden Studie stammen. Hierzu wurden im Rahmen einer Förderung durch die amerikanische Russell Sage Foundation in fünf europäischen Ländern - neben Deutschland auch in Dänemark, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden - Ausmaß, Struktur und Entwicklung der Niedriglohnbeschäftigung untersucht, wobei die Veröffentlichung der international vergleichenden Ergebnisse für das Frühjahr 2008 geplant ist. Im Mittelpunkt stand neben der quantitativen Ausformung die Qualität der Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich. Die Auswahl der Branchen erfolgte mit Blick auf die USA, denn dort sind die genannten Arbeitsfelder allesamt dem Niedriglohnsektor zuzurechnen. Das vorliegende Buch stellt die Ergebnisse der deutschen Länderstudie vor.

Nach einem Vorwort von Robert M. Solow, der die deutsche Studie einordnet in die generelle internationale Diskussion, wird der Band eröffnet von einer Einleitung durch die beiden Herausgeber Bosch und Weinkopf. Sie weisen darauf hin, dass die Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland seit Mitte der 90er Jahre deutlich zugenommen hat und mittlerweile fast das amerikanische Niveau erreicht hat. "In keinem der anderen Länder standen in den letzten Jahren die Löhne am unteren Rand so sehr unter Druck wie in Deutschland und ist die Ausdifferenzierung der Löhne nach unten so ausgeprägt" (S. 17). Sie benennen zugleich das Kernproblem: "In keinem der anderen europäischen Länder, die an der Studie beteiligt waren, müssen so viele Beschäftigte für so wenig Geld arbeiten, weil gesetzliche Mindestlöhne (in Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden) oder aber eine hohe Tarifbindung und starke Gewerkschaften (wie in Dänemark) dies unterbinden" (S. 17f.). Auch die Aufstiegsmobilität aus dem Niedriglohnsektor ist in Deutschland besonders gering.

  • Das erste Kapitel setzt sich unter dem Titel "Niedriglöhne in Deutschland - Zahlen, Fakten, Ursachen" (Bosch und Kalina) überblicksartig mit der Entwicklung, dem Ausmaß und der Struktur der Niedriglohnbeschäftigung auseinander. Die Streuung der Löhne nach unten ist in Deutschland sehr groß. Beachtliche Teile der Beschäftigten verdienen weniger als 5 Euro oder sogar 4 Euro die Stunde. "Als deutsche Besonderheit ist festzuhalten, dass mehr als drei Viertel der gering Bezahlten über eine abgeschlossene Berufsausbildung oder sogar einen akademischen Abschluss verfügen" (S. 48). Die Niedriglohnbeschäftigung konzentriert sich zunehmend auf kleinere Betriebe, in Großunternehmen hat sie sogar abgenommen.
  • Die Branchenanalysen beginnen mit einem Beitrag von Claudia Weinkopf zum Thema "Löhne im Kundenservice unter Druck - Beschäftigte in Call Centern". Besonders auffällig ist das extrem breite Spektrum der Löhne und Arbeitsbedingungen in diesem Segment. So lagen die Brutto-Stundenlöhne in der Branche im Jahr 2004 zwischen 6 und 40 Euro, der durchschnittliche Stundenlohn lag bei 11,30 Euro, was 76% des Medianeinkommens von Vollzeitbeschäftigten entspricht, was eigentlich oberhalb der Niedriglohnschwelle liegt. Diese Streuung resultiert aus der enormen Spannbreite der Branche von den "gut" bezahlten In-House-Centern und den externen Billiganbietern. Immerhin verdienen mehr als die Hälfte der dort Beschäftigten so wenig, dass sie unter der Niedriglohnschwelle liegen. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass Call Center-Arbeitsplätze in Deutschland häufig eben keine Niedriglohnjobs sind (S. 136) - wenngleich qualitätsorientierte Personal- und Geschäftsstrategien aufgrund des verschärften Wettbewerbs und des Kostendrucks zunehmend unter Druck geraten. Trotz dieser Einschränkungen verweist Weinkopf aus einer Genderperspektive darauf, dass Call Center-Arbeit für Frauen vergleichsweise attraktiv ist aufgrund des geringeren Minijob-Anteils und der häufig (noch) höheren Löhne.
  • Mit "Wildwestzustände in Deutschland? - Einfacharbeitsplätze in der Ernährungsindustrie" ist der Beitrag von Lars Czommer betitelt. Die Wildwest-Metapher bezieht sich auf einen Vergleich zwischen den Kostenprofilen deutscher und dänischer Schlachtereiarbeiter. Und auch dieser Beitrag weist eine wohltuende Differenzialität auf: Nach den Untersuchungsbefunden sind die Wildwestzustände weder auf die Ernährungsindustrie insgesamt noch auf alle Bereiche der Fleischindustrie übertragbar, sondern sie konzentrieren sich vor allem in den Schlachtbetrieben (S. 170). Dies vor allem deshalb, weil hier aufgrund der Zerlegbarkeit der Arbeitsprozesse diese einfacher auf Subunternehmer transferiert werden können. Auch der Einsatz osteuropäischer Billigarbeitskräfte spielt hierbei eine besondere Rolle. Czommer weist darauf hin, dass die in wenigen Jahren greifende volle Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU ohne wirksame politische Maßnahmen den Druck weiter verstärken wird. Beobachtbar sind fortschreitende Konzentrationsprozesse innerhalb der Branche, wobei der Autor anmerkt, dass bis die Marktbereinigung zu einer Situation wie in Dänemark führt, wo Danish Crown 80% Marktanteil am dänischen Fleischmarkt hat, die ums Überleben kämpfenden kleinen und mittleren Betriebe weiter versuchen werden, Kosten auf Seiten des Personals einzusparen (S. 171). Zu beachten ist ferner, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad bei nur 30% liegt, was eine entsprechende Einflussnahme der Gewerkschaften begrenzt. Zugleich weist Czommer darauf hin, dass einfache Arbeitsplätze in diesem Wirtschaftsbereich mit Blick auf die Zukunft eher verschwinden werden.
  • Unter dem Titel "Wo das Sparen am leichtesten fällt - Reinigungs- und Pflegehilfskräfte im Krankenhaus" von Karen Jaehrling wird der Blick auf eine Branche gerichtet, die in Deutschland nicht zu den typischen Niedriglohnsektoren zählt. Ganz im Gegenteil gibt es hier traditionell eine geringe Lohnspreizung und selbst für die beiden Beschäftigtengruppen, die im Rahmen der Studie untersucht worden sind, galten lange Zeit Tariflöhne, die ab einer gewissen Betriebszugehörigkeit nur wenig unter den Einstiegslöhnen für qualifizierte Krankenpflegekräfte lagen oder diese sogar überschritten. Aber seit Mitte der 1990er Jahre, vor allem seit der Einführung eines neuen fallpauschalierenden Vergütungssystems, nimmt der Kostendruck in den Krankenhäusern stetig zu und die tarifliche Anbindung wurde gelockert. Beschleunigt hat sich der Trend einer Auslagerung insbesondere von hauswirtschaftlichen Dienstleistungen (Reinigung, Küche, Wäscherei) zum Unterlaufen des Lohnniveaus. Zum einen kann man also für die Reinigungskräfte von einem zunehmenden Anteil an Niedriglohnbeschäftigten sprechen. Zum anderen aber - auch das eine eher deutsche Spezialität - wurde der Anteil der Pflegehilfskräfte anders als beispielsweise in den USA oder Frankreich verringert und nicht etwa erhöht. Praktisch führte dies zu einer Integration der Tätigkeiten der Grundpflege in das Profil der dreijährig ausgebildeten Krankenpflegefachkräfte. Ob das aber in Zukunft so bleibt oder aber nicht doch bei einer parallelen Teilakademisierung und Höherbewertung der Fachpflege verstärkt Pflegehilfskräfte eingesetzt werden (müssen), bleibt abzuwarten (S. 207).
  • Achim Vanselow befasst sich unter dem Titel "Immer noch verloren und vergessen - Zimmerreinigungskräfte in Hotels" mit einer besonders von Niedriglohnbeschäftigung und weiteren teilweise unwürdigen Arbeitsbedingungen betroffenen Beschäftigtengruppe. Die betrieblichen Fallstudien verdeutlichen, dass in allen Hotelformen bei der Zimmerreinigung eine vollständige oder teilweise Auslagerung an Fremdfirmen stattgefunden hat (S. 230). Offensichtlich dominieren so genannte Low Road-Strategien, die insbesondere eine Absenkung der Personalkosten im Visier haben. Abschließend weist Vanselow aber darauf hin, dass der naheliegende Trend einer weiteren Verschlechterung der Arbeitsbedingungen weniger eindeutig ist als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Denn auch innerhalb der Hotellerie-Branche wird vehement darüber diskutiert, wie man in Zukunft verfahren soll, denn die "versteckten Kosten" der kostengetriebenen Auslagerungsstrategien (Qualitätsdefizite, hohe Fluktuation, Einarbeitungsaufwand usw.) bleiben nicht verborgen (S. 243f.). Auch um diesen Prozess des Nachdenkens zu befördern würde ein gesetzlich fixierter Mindestlohn Sinn machen.
  • Dorothea Voss-Dahm kündigt bereits mit dem Titel ihres Beitrags einen weiteren, differentiellen Befund an: "Der Branche treu trotz Niedriglohn - Beschäftigte im Einzelhandel". Die Wettbewerbssituation im Einzelhandel ist vor dem Hintergrund von Niedrigpreisstrategien, Flächenexpansion und Verdrängung von Wettbewerbern aus dem Markt zur Ausweitung der eigenen Marktanteile von hoher Intensität. Die sich unmittelbar anschließende Fragestellung lautet: Schlägt dieser Wettbewerbsdruck unmittelbar durch auf die Beschäftigten in Form sich verschlechternder Arbeitsbedingungen? Die spontane Antwort muss ja lauten, wenn wir nur an die Berichte über die Personalpolitik bekannter Discounter denken und diverse "Schwarzbücher" über deren Praktiken. In der Vergangenheit zumindest gab es zwei Eckpfeiler des Beschäftigungssystems - Tarifverträge und das Berufsausbildungssystem - die eine Einhaltung von Mindeststandards sicherstellen konnten. Die Tarifbindung im Einzelhandel war hoch und bis 2000 durch Allgemeinverbindlichkeitserklärungen abgestützt. Auch das System der Berufsausbildung hat das an Qualifikationen festgemachte Vergütungssystem durch den hohen Anteil formal qualifizierter Kräfte stabilisiert (S. 250). Die Befunde der betrieblichen Fallstudien zeigen auf der einen Seite ein überraschend stabilen Bereich mit einer immer noch hohen Tarifbindung und einem - zumindest innerhalb der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten - geringen Anteil an Niedriglohnbeschäftigten sowie einer erstaunlichen geringen Fluktuation. Auf der anderen Seite wird das Bild getrübt bzw. realistischer, wenn man auch die Minijobs in die Betrachtung mit einbezieht. "Die Minjob-Beschäftigung ist angesichts des hohen Wettbewerbsdrucks, dem Einzelhandelsunternehmen ausgesetzt sind, auch in der Branche insgesamt als eine treibende Kraft für die Zunahme der Niedriglohnbeschäftigung anzusehen" (S. 282). Minijobs haben hier - wie auch an anderen Stellen des Beschäftigungssystems - ganz offensichtlich eine "Ventilfunktion" für betriebliche Kostensenkungsstrategien. Aber nicht nur diese Risse innerhalb der immer noch recht stabilen Strukturen im Einzelhandel sind zu beklagen - generell steigt der Druck zur Absenkung der Löhne, was vor allem in den nicht (oder nicht mehr) tarifgebundenen Unternehmen auch zunehmend realisiert wird (beispielsweise über die Streichung von Zuschlägen oder die Variabilisierung von Gehaltsbestandteilen. Man kann durchaus davon sprechen, dass der Einzelhandel in der Gesamtschau hinsichtlich der Verfasstheit seines Beschäftigungssystems an einem Scheideweg steht.
  • Abgerundet wird der Sammelband durch einen zusammenfassenden wie auch Ausblick gebenden Beitrag der beiden Herausgeber Gerhard Bosch und Claudia Weinkopf ("Arbeiten für wenig Geld - Zusammenfassung und politischer Handlungsbedarf"). Dieser Beitrag leistet eine hervorragende zusammenfassende Schau auf die einzelnen Befunde, ihre Einordnung in eine gesamtarbeitsmarktliche Betrachtung, eine Ursachensuche sowie abrundend mögliche politische Antworten auf die erkennbaren Entwicklungen. Fest steht nach den vorliegenden Erkenntnissen: "Die Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland hat in den letzten Jahren nicht nur stark zugenommen, sondern gleichzeitig auch ihre Struktur verändert. Die Löhne haben sich nach unten ausdifferenziert, so dass sich innerhalb des Niedriglohnsektors ein wachsender Niedrigstlohnbereich ausbreitet. Bemerkenswert ist, dass die Expansion des Niedriglohnsektors die Beschäftigungschancen der gering Qualifizierten nicht verbessert hat. Drei Viertel alles gering Bezahlten in Deutschland haben eine berufliche Ausbildung - ein deutlich höherer Anteil als in der Vergangenheit, der im Übrigen in keinem anderen Land vergleichbar hoch ist" (S. 287). Für die politischen Schlussfolgerungen relevant ist der folgende, den Finger gleichsam auf unsere "offenen Wunden" legende Befund: "Die starke Ausdifferenzierung der Löhne nach unten und eine zunehmende Fragmentierung der Beschäftigungsverhältnisse konnten sich in Deutschland besonders stark entfalten, weil die Bindungskraft der Tarifverträge gerade in Niedriglohnbranchen zurückgegangen ist und der Staat bislang keine gesetzlichen Mindeststandards für die Entlohnung verankert hat. Statt dessen hat die Politik mit der umfassenden Deregulierung der Zeitarbeit und veränderten Rahmenbedingungen bei den Minijobs, die deren Ausweitung begünstigt haben, sogar weitere Schleusen geöffnet, die eine Zunahme der Niedriglohnbeschäftigung gefördert haben und das Lohnniveau insgesamt unter Druck setzen" (S. 304). Die politischen Konsequenzen, die die beiden Autoren anmahnen, können auf dieser Grundlage nicht überraschen: "Vor diesem Hintergrund halten wir die Einführung gesetzlicher Mindestlöhne in Deutschland für dringend erforderlich, um einen weiteren Anstieg von Niedrig- und Niedrigstlöhnen zu verhindern. Darüber hinaus zeigt unsere Studie, dass besonderer Handlungsbedarf bei der Regulierung spezieller Arbeitsverhältnisse - insbesondere Zeitarbeit und Minijobs - besteht, bei denen Niedriglöhne überdurchschnittlich weit verbreitet sind, was die Entlohnung und Arbeitsbedingungen auch bei anderen Arbeitsverhältnissen unter Druck setzt" (S. 308f.). Sie verweisen auch eine dringend notwendige Modernisierung des Familienmodells im deutschen Wohlfahrtsstaat. Durch das Ehegattensplitting und abgeleitete Sicherungsansprüche in den Sozialversicherungen wird insbesondere das Arbeitsangebot von verheirateten Frauen so beeinflusst, dass diese häufig bereit sind, niedrig bezahlte Jobs mit begrenzter sozialer Absicherung zu akzeptieren. Unterstützt und gefördert wird dies durch das nach wie vor unterentwickelte Kinderbetreuungsangebot und fehlende Ganztagsschulen (S. 310).

Fazit

Zusammenfassend sei gesagt, dass der Sammelband eine wirklich hervorragende Analyse der deutschen Situation im Niedriglohnbereich liefert und dies nicht nur auf einer allgemeinen Betrachtungsebene, sondern mit Blick auf die präsentierten Befunde aus fünf beispielhaft betrachteten Branchen auch eine vertiefende Auseinandersetzung vor allem mit den konkreten betrieblichen Strategien. Dabei zeichnen sich durchgängig alle Beiträge durch einen erfreulichen Differenzierungsgehalt aus, der echte Erkenntnisfortschritte ermöglicht. Besonders gelungen ist die Strukturierung des Sammelbandes, da die Fallbeispiele sehr gut eingerahmt werden durch eine Einführung wie auch eine fundierte Zusammenschau am Ende mit einer Ableitung der politischen Handlungsbedarfe.

Jeder, der sich derzeit mit dem Thema Mindestlöhne und darüber hinaus mit der weiteren Entwicklung des Arbeitsmarktes beschäftigt, kommt um diesen Band nicht herum. Er ist - um beim Thema zu bleiben - sein Geld wert und man freut sich schon auf die angekündigte international vergleichende Betrachtung mit den anderen Ländern, die sich an der Studie beteiligt haben.

Zum Schluss eine Aktualisierung: Die enorme gesellschaftspolitische Brisanz und Bedeutung des Themas verdeutlicht auch die die Anfang 2008 veröffentlichte "Wasserstandsmeldung" aus dem Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ), an dem die hier besprochene Studie durchgeführt wurde, zum Thema Niedriglohnbeschäftigung: Im Jahr 2006 waren bereits rund 6,5 Millionen Beschäftigte von Niedriglohnbeschäftigungen betroffen. Unter allen abhängig Beschäftigten lag der Anteil von Niedriglöhnen 2006 bei gut 22% - d.h. mehr als jede/r Fünfte ist gering bezahlt. Gegenüber 1995 ist der Niedriglohnanteil in Deutschland damit um gut 43% gestiegen. Der durchschnittliche Stundenlohn der Niedriglohnbeziehenden ist seit 2004 gesunken, während er in den Vorjahren gestiegen ist. Überdurchschnittlich betroffen von Niedriglöhnen sind insbesondere Minijobber/innen, Jüngere, gering Qualifizierte, Ausländer/innen und Frauen. Der Anteil von Beschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung am Niedriglohnbereich ist von 58,6% (1995) auf 67,5% (2006) deutlich gestiegen. Im internationalen Vergleich hat Deutschland inzwischen einen hohen Anteil von Niedriglöhnen und eine fast beispiellose Ausdifferenzierung des Lohnspektrums nach unten.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Sell
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Zitiervorschlag
Stefan Sell. Rezension vom 21.02.2008 zu: Gerhard Bosch, Claudia Weinkopf (Hrsg.): Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland. Campus Verlag (Frankfurt) 2007. 320 Seiten. ISBN 978-3-593-38429-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5287.php, Datum des Zugriffs 09.02.2012.


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