Andreas Kruse (Hrsg.): Weiterbildung in der zweiten Lebenshälfte
Andreas Kruse (Hrsg.): Weiterbildung in der zweiten Lebenshälfte. Multidisziplinäre Antworten auf Herausforderungen des demografischen Wandels. Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2007. 220 Seiten. ISBN 978-3-7639-1947-5. 24,90 EUR, CH: 47,50 sFr.
Entstehungshintergrund
In der hier rezensierten Neuerscheinung wurden Beiträge führender Altersforscher zusammengestellt, die sich auf die eine oder andere Art mit der Bildung Älterer auseinandersetzen. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird aus dem Blickwinkel verschiedener Disziplinen - u.a. Psychologie, Soziologie und Pädagogik - sowie aus internationaler Perspektive zu Bedeutung und Möglichkeiten aktiven Alterns Stellung genommen und insbesondere zur Rolle, die der Weiterbildung in diesem Zusammenhang zukommt. Das Buch ist in der Reihe "Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung" des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) erschienen.
Herausgeber und Autoren
Herausgeber des Bandes ist Prof. Dr. Andreas Kruse, einer der führenden deutschen Gerontologen. Kruse ist nicht nur Professor am Lehrstuhl für Gerontologie und Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, sondern auch Vorsitzender der Altenberichtskommission der Bundesregierung. Bei den Autoren der einzelnen Beiträge handelt es sich ebenfalls um mit Altersfragen befasste Wissenschaftler verschiedener europäischer Hochschulen.
Aufbau und Inhalt
Neben Vorbemerkungen und einer einleitenden Zusammenfassung und Übersicht des Herausgebers umfasst das Werk neun verschiedene Beiträge, die im Folgenden grob nachgezeichnet werden:
- Der Herausgeber selbst geht in seinem Beitrag "Alter und Altern - konzeptionelle Überlegungen und empirische Befunde der Gerontologie" nach grundlegenden Überlegungen zum Verständnis von Alter und Altern schwerpunktmäßig auf Veränderungen des Alters ein. Ausführlich belegt durch Befunde zahlreicher Studien stellt er die Potenziale heutiger älterer Menschen dar, insbesondere den positiven Einfluss, den Gesundheit (wobei hier ein weit gefasster, ganzheitlicher und u.a. auch die subjektiver Einschätzung des Betroffenen berücksichtigender Gesundheitsbegriff Verwendung findet) und Bildungsstand darauf ausüben. Bildung, so die Schlussfolgerung, vermag - wenn auch nicht unbegrenzt und nicht im gleichen Ausmaß wie in jüngeren Jahren - auch im höheren und hohen Alter noch Veränderungen, den Erhalt oder die Verbesserung von Kompetenz zu fördern.
- Potenziale des Alters spielen auch im nächsten, stark sozialpsychologisch orientierten Beitrag eine zentrale Rolle. Unter der Überschrift "Altersbildung und die Verwirklichung von Potenzialen im Alter" geht Eric Schmitt auf Entstehung, Funktion und Veränderbarkeit von Altersstereotypen ein. Demnach verfügen Menschen über ein ausgeprägtes und situativ jeweils unterschiedlich berücksichtigtes Gefüge von Altersbildern, wobei insgesamt die pessimistischsten Stereotype über Alter und Altern bei gesellschaftlich stärker benachteiligten, bildungsferneren Personengruppen zu finden sind. Altersbilder haben entscheidenden Einfluss auf eigene Lebensentwürfe wie auch auf individuelles Verhalten anderen gegenüber, und - dies hier der zentrale Aspekt - sie haben demnach auch entscheidende Auswirkungen auf die Ausgestaltung aktiver, kompetenter Alternsprozesse. Somit sieht Schmitt es als gesamtgesellschaftliche (aber nicht einfache) Aufgabe an, differenzierte Altersbilder zu entwickeln, um zu einer altersfreundlichen und intergenerationell solidarischen Gesellschaft beizutragen.
- Im Beitrag von Carola Iller ("Berufliche Weiterbildung im Lebenslauf - bildungswissenschaftliche Perspektiven auf Weiterbildungs- und Erwerbsbeteiligung Älterer") geht es speziell um den Bereich der beruflichen Weiterbildung Älterer und deren Bedeutung für die Gestaltbarkeit einer alternsgerechten Laufbahn. Die Autorin gibt zunächst einen zusammenfassenden Überblick über aktuelle Befunde zur Weiterbildungsbeteiligung Älterer und konstatiert, dass Ältere nach wie vor eine zu wenig wahrgenommene Zielgruppe von Personalentwicklungs- und Bildungsmaßnahmen darstellen. Im Anschluss stellt sie Ergebnisse eigener umfangreicher Untersuchungen dar, welche - im Gegensatz zu vielen bestehenden betrieblich orientierten Studien - die individuelle (Berufs-)Laufbahn und den eigenen Einfluss auf die Gestaltbarkeit der persönlichen Erwerbs- und Bildungsbiografie in den Vordergrund rücken. In ihren Befragungen einer 1950-1952 geborenen Personenstichprobe fand sie, dass Weiterbildungsbeteiligung zwar positiv mit Bildungsstand sowie mit der Einbindung ins Erwerbsleben korreliert, dies jedoch "auf hohem Niveau", sprich: die verbreitete Gleichsetzung von Alter und Bildungsferne gilt es zu relativieren. In Bezug auf die individuelle Laufbahngestaltung ließen sich insgesamt keine durchgängigen erwerbsbiografischen Muster erkennen. Vielmehr lassen die Befunde die Vermutung zu, dass sich für die Gestaltung des (berufsbiografischen) Alternsprozesses kein einheitliches und im Lebensverlauf Gültigkeit behaltendes "Rezept" anbietet, sondern diese in Abhängigkeit von veränderten äußeren und personimmanenten Bedingungen immer wieder neu entwickelt und realisiert werden muss.
- In seinem Beitrag "Kompetenzen und Lernformpräferenzen älterer Beschäftigter - betriebliche Perspektiven auf den demografischen Wandel" erläutert Christian Werner zunächst einige Eckdaten des demografischen Wandels im Hinblick auf den vielfach prognostizierten Fachkräftemangel, um anschließend eine eigene empirische Untersuchung vorzustellen. In dieser in Zusammenarbeit mit dem Flughafen München durchgeführten quantitativen Studie erhob er die Selbsteinschätzungen jüngerer und älterer Mitarbeiter in Bezug auf vier Kompetenzbereiche und bevorzugte Lernformen. Die Ergebnisse zeigen u.a., dass sich Jüngere und Ältere in ihrer selbst eingeschätzten Leistungsfähigkeit nicht unterscheiden. Ältere sehen für sich aber in drei von vier Bereichen einen höheren Entwicklungsbedarf, als dies bei ihren jüngeren Kollegen der Fall ist. Die Weiterbildungspraxis, so Werner, steht diesem Befund entgegen: Denn Jüngere werden bei Weiterbildungsangeboten in Bezug auf die von ihnen präferierten Lernformen bevorzugt. Der Autor leitet aus seinen Untersuchungsergebnissen Empfehlungen für die Praxis ab und nennt Ansatzpunkte für Unternehmen, ältere Mitarbeiter und die gesellschaftliche Ebene.
- Ebenfalls eine quantitative empirische Studie steht im Mittelpunkt des Aufsatzes von Myrim Dellenbach, Daniel Zimprich und Mike Martin: "Kognitiv stimulierende Aktivitäten im mittleren und höheren Lebensalter - ein gerontopsychologischer Beitrag zur Diskussion um informelles Lernen". Die Autoren analysierten Daten der "Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE)": Sie verglichen Personen einer mittleren (gemeint sind hier 42- bis 46-Jährige) und einer älteren (hier: 60- bis 65-Jährige) Altersgruppe im Hinblick auf die Häufigkeit von informellen und non-formalen Aktivitäten und den damit verbundenen Lerngelegenheiten sowie deren Auswirkungen auf kognitive Leistungsfähigkeit. Sie konnten u.a. zeigen, dass das Auftreten informeller Lernaktivitäten weniger vom Alter als etwa von Schulbildung oder Erwerbstätigkeit abhängt. Sie fanden weiterhin für informelle Aktivitäten einen höheren Einfluss auf verschiedene Intelligenzfunktionen als für non-formale. Angesichts der positiven Wirkungen informellen Lernens auf die kognitive Leistungsfähigkeit und damit (u.a. auch) auf die erfolgreiche Bewältigung komplexer Alltagssituationen durch Ältere beurteilen die Autoren den Einsatz solcher - mit relativ geringem Aufwand realisierbarer - Lerngelegenheiten als überlegenswert.
- Die hohe Prävalenz und Bedeutung informellen Lernens für Ältere hebt auch Kolland in seinem Artikel "Soziale Determinanten der Weiterbildungsbeteiligung Älterer in Österreich" hervor. Die hohe Wahrnehmung informeller Lernmöglichkeiten im Vergleich zur geringen Beteiligung Älterer an organisierter Weiterbildung entspricht nach Kolland deren Wunsch nach selbstgesteuerten Lernprozessen. Er stellt zwei in Österreich durchgeführte Studien dar. Zum einen wurden Ältere telefonisch zum Themenfeld Bildungsbeteiligung interviewt. Gefunden wurde bei dieser Zielgruppe allgemein eine positive Einstellung zum Lernen, im Vergleich dazu aber, wie eingangs erwähnt, eine relativ geringe Beteiligung an organisierten Lernangeboten. Die Bedeutung verschiedener Determinanten für die Weiterbildungsbeteiligung wird im Beitrag erläutert. In der anderen Studie wurden Bildungsangebote für ältere Menschen untersucht, wobei sich ein inhaltlich sehr breitgefächertes Angebotsspektrum fand.
- Mit Rentnern bzw. zukünftigen Rentnern beschäftigt sich Urs Kalbermattens Beitrag "Bildungsbedürfnisse und -interessen von Schweizern vor und nach der Pensionierung". Der Autor betont die Bedeutung von Bildung für Identitätsentwicklung und Lebensgestaltung nach der Pensionierung und spricht sich dafür aus, dass entsprechende Vorbereitungen auf diese Lebensphase durch die Einzelnen bereits ca. ab dem 50. Lebensjahr vorgenommen werden sollten. In seinen hier beschriebenen Untersuchungen fand er jedoch u.a., dass außerberuflicher Weiterbildung zwar von der überwiegenden Zahl der Betroffenen ein hoher Stellenwert für die Gestaltung des nachberuflichen Lebens zugeschrieben wird, sich aber nur 23 Prozent bereits zu Zeiten der Berufstätigkeit aktiv mit entsprechenden Planungen beschäftigen. Kalbermatten plädoyiert für den Einsatz von Bildungscoaching und -beratung für ältere Arbeitnehmer als bedeutsame Zukunftsaufgabe.
- Ein ganz anderes Thema als in den bisher beschriebenen Beiträgen behandeln Peter G. Coleman und Andrei Podolskij in ihrem Artikel "Verlust und Wiederherstellung von Identität in Lebensgeschichten - Entwicklungspsychologische Deutungen von Interviews mit ehemaligen Kriegsteilnehmenden nach Auflösung der UdSSR". Die Autoren untersuchten mit Hilfe von Interviews, wie heute ältere, am zweiten Weltkrieg in der sowjetischen Armee beteiligte Menschen den Zusammenbruch der UdSSR erlebt und verarbeitet haben. Insgesamt zeigten sich dabei Hinweise auf eine hohe psychische Widerstandsfähigkeit: Die überwiegende Anzahl der Befragten zeigten trotz des Erlebten eine konstruktive Anpassung an ihre aktuelle Lebenssituation. Familiäre Beziehungen stellten dabei ausnahmslos für alle Interviewpartner ein wesentliches Element in ihrem Lebenslauf dar. Einige erachten ein Engagement in der Bildung Jüngerer mit dem Ziel, diese zur Übernahme von gesellschaftlicher Mitverantwortung zu sensibilisieren, als sinnstiftend.
- Und schließlich stellt Rocio Fernández-Ballesteros in seinem Beitrag "'Optimales Altern' als Bildungsziel - Evaluation des spanischen Bildungs- und Traininsprogramms 'Vital Aging-M'" vor, wie in einem internationalen und multimedial unterstützten Angebot Ältere bei einer aktiven Gestaltung ihres Alternsprozesses unterstützt wurden. Es handelte sich dabei um einen 70 Stunden umfassenden Trainingskurs, der acht Mal durchgeführt wurde mit dem Ziel, das Wohlbefinden und die Lebensqualität älterer Menschen in Europa zu fördern. Die Evaluation zeigte deutliche Erfolge für das Programm: U.a. hatten sich die Einstellung zum eigenen Alter verbessert, der Ausprägungsgrad von Aktivitäten erhöht, die gesundheitsbewusste Ernährung verstärkt, ein höheres Maß an körperlichem Training und eine höhere Lebenszufriedenheit gezeigt.
Diskussion
Wie die Zusammenfassung der Inhalte zeigt, umfasst der Band ganz unterschiedliche Beiträge zum Titelthema "Weiterbildung in der zweiten Lebenshälfte". Erfreulich ist dabei nicht nur, dass die Thematik hier aus Sicht unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen beleuchtet wird. Auch der hier gewählte internationale (europäische) Zugang zu diesem Themenfeld, welches ja beileibe keine rein deutsche oder in deutschsprachigen Ländern auftretende Problematik anspricht, fällt positiv ins Auge. Besonders deutlich wird das im Beitrag von Fernández-Ballesteros, der ja Evaluationsergebnisse eines in mehreren europäischen Ländern erfolgreich durchgeführten Trainingsprogramms zum optimalen Altern vorstellt.
Positiv fällt weiterhin auf, dass dem Titel der Reihe, in der das Buch erschienen ist ("Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung") Rechnung getragen wird: Obgleich - und das auch völlig intendiert - ausschließlich Wissenschaftler zu Wort kommen, versäumen diese nicht, Implikationen für die Praxis, sei es für die Gesellschaft, für Bildungsträger, für Unternehmen, für betroffene ältere Arbeitnehmer oder Ruheständler abzuleiten. Insofern vermag das Buch eine Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen und sollte Interessierte beider Richtungen ansprechen.
Auf den ersten Blick etwas erstaunlich wirkt allenfalls die bisweilen etwas willkürlich erscheinende Auswahl der Beiträge. Hier wurde wohl - so die Vermutung der Rezensentin - nicht der Anspruch verfolgt, einen erschöpfenden Überblick über die aktuellen wichtigsten Forschungsergebnisse zur Weiterbildung Älterer zu liefern, sondern schlichtweg einige interessante Artikel mit ganz unterschiedlichen Ansätzen und Schwerpunkten zum Thema zusammenzustellen. Der Beitrag von Coleman und Podolskij (Lebensgeschichten - Entwicklungspsychologische Deutungen von Interviews mit ehemaligen Kriegsteilnehmenden nach Auflösung der UdSSR) berührt dabei die im Zentrum stehende Thematik doch im Vergleich zu den anderen Artikeln nur am Rande. Und ob der Beitrag von Dellmann et al., in dem eine Analyse von aus 1994 stammenden Daten dargestellt wird, in diesem sonst recht aktuellen Band zwingend notwendig wäre, mag durchaus gefragt werden.
Fazit
Diese Neuerscheinung liefert einen interessanten, wissenschaftlich fundierten und zugleich praxisnahen Beitrag zu einem derzeit viel diskutierten und zukunftsträchtigen Thema!
Rezensentin
Dipl.-Psych. Heike Neidhardt
M.A., Selbstständige Fachautorin, Online-Trainerin und Dozenten-Coach
Homepage www.heikeneidhardt.de
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Zitiervorschlag
Heike Neidhardt. Rezension vom 13.01.2008 zu: Andreas Kruse (Hrsg.): Weiterbildung in der zweiten Lebenshälfte. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2007. 220 Seiten. ISBN 978-3-7639-1947-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/5300.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.
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